Von Mulot, Sibylle
Die Engländerin Mary Lamb, die ihre kranken Eltern zeitweilig durch Näharbeiten allein ernährte, brachte 1796 in einem jähen Anfall ihre Mutter mit dem Küchenmesser um. Die unbescholtene 31-Jährige kam sofort in die Psychiatrie. Zufällig erlaubten es die Gesetze in jenem Jahr, Internierte nach Abklingen ihrer Psychose mit einer "lebenslangen persönlichen Bürgschaft" nach Haus zu entlassen. Marys jüngerer Bruder Charles übernahm diese Bürgschaft. 30 Jahre lebten die beiden als geachtete, produktive Literaten in London zusammen: Ihre Nacherzählungen der Shakespeare-Stücke werden noch heute gern gelesen. Immer wenn Mary einen neuen Anfall von Manie nahen spürte - die sehr zurückgenommene Frau wurde dann redselig, witzig, brillant -, ließ sie sich von ihrem Bruder in die Psychiatrie bringen, ebenso zu Beginn einer Depression. Auf Reisen führte sie vorsorglich ihre Zwangsjacke mit sich.
Mary Lambs verbürgte Geschichte kann man mit großem Gewinn im Insel-Band "Schwestern berühmter Männer" nachlesen. In England ist sie so bekannt, dass Peter Ackroyd in seinem kleinen Krimi "The Lambs of London", soeben unter dem Titel "Wie es uns gefällt" auf Deutsch erschienen, damit spielen kann. Als Zeit der Handlung wählt er die Wochen vor Marys Tat, erfindet eine Romanze mit einem Shakespeare-begeisterten Buchhändler hinzu und entführt in ein historisches Guckkasten-London.
In den letzten zwölf Monaten sind mehrere Studien zu manisch-magisch-überspannten Menschen erschienen. Dabei geht es um Kreative wie
* Lucia Joyce, Tochter von James Joyce, begabte Ausdruckstänzerin, wegen wiederkehrender Tobsuchtsanfälle über 40 Jahre in der Anstalt;
* Martin Kippenberger, der hyperaktive, einfallsreiche Maler und Objektkünstler, der sich zu Tode trank, bekannt durch den "Gekreuzigten Frosch" oder die "Betrunkene Laterne";
* Martha (Mete) Fontane, jene lustig-manische "Corinna" in Theodor Fontanes Roman "Frau Jenny Treibel", die sich nach langen Jahren der Depression umbrachte;
* das Schriftsteller-Ehepaar Elias und Veza Canetti, dessen Briefwechsel mit Elias' Bruder Georges zum ersten Mal zeigte, in welchem Stimmungstollhaus die beiden saßen: Veza hielt sich selbst für eine "Melancholikerin, aber mit sehr manischen Zeiten", fürchtete Elias' wiederkehrende manische Anfälle, seine Lügengeschichten und Panikattacken; Elias wiederum war von Vezas Stimmungstiefs und Selbstmorddrohungen stark beunruhigt.
In diesem Herbst kommen neue Biografien hinzu, mehrere über Heinrich von Kleist und eine über den "Moby-Dick"-Autor Herman Melville.
Über Melville schreibt sein Biograf Andrew Delbanco: "Seinen Glücksmomenten folgten jedoch häufig Depressionen ... Das Phänomen der manischen Depression war bei neoklassischen und romantischen Schriftstellern weitverbreitet ... Genies scheinen solchen Stimmungsumschwüngen in besonderem Maß unterworfen zu sein ..."
Dies gilt auch für Kleist.
Was Depressionen sind, glauben wir zu wissen. Was aber ist Manie?
War Lucia Joyce manisch, als sie 24-jährig einen Stuhl nach ihrer Mutter schleuderte? War sie manisch, als sie vor Liebesenttäuschung drei Tage lang reglos im Stupor auf der Couch lag? Als sie ihrem Vater mehrfach das Telefonkabel durchschnitt, weil sie "früher berühmt werden" wollte als er? Als sie mit Schellackplatten, die ihr nicht gehörten, Diskuswerfen am Strand spielte und anschließend auf einem Teppich, der ihr auch nicht gehörte, ein romantisches Torffeuer entzündete?
Oder ist Manie blanker Furor, jene kreative Wut, mit der Herman Melville seinen hasserfüllten Kapitän Ahab entwickelte, totalitär, vernichtungssüchtig - das große Thema des 20. und des 21. Jahrhunderts, wie Biograf Delbanco schreibt? Ein Furor, der dazu führte, dass nicht nur Moby Dick, sondern auch Familie Melville des Lebens nicht mehr froh wurde: Gattin Lizzie wollte ihren jähzornigen Ehemann mehr als einmal verlassen, Sohn Malcolm brachte sich mit 18 Jahren um.
Ist Manie vielleicht - wie bei Elias Canetti - der Drang, einen intensiven Bann über Menschen zu werfen, tyrannisch, dogmatisch, erotisch, selbstbesessen? Oder ist es die Unart, wie bei Martin Kippenberger, einem Gegenüber Beleidigungen an den Kopf zu werfen, um dann in nächtlichen Telefonaten der großen Einsamkeit entfliehen zu wollen? Ist Manie der exorbitante Appetit, der Sylvia Plath und Melville nachgesagt wurde, oder eher der große Durst? Nehmen Maniker nur deshalb Stimulanzien, um ihre körpereigenen Highs zu verlängern, beziehungsweise wieder zu erzeugen, wenn sie fehlen?
Was passiert, wenn zwei Maniker aufeinandertreffen? Finden sie einander interessant? Oder abstoßend? Weinen sie vor Glück, ihresgleichen gefunden zu haben, wie Melville bei Nathaniel Hawthorne, seinem vermeintlich Seelenverwandten? Wie Kleist bei Henriette Vogel, über die er schreibt: "Eine Freundin ... deren Seele wie ein junger Adler fliegt, wie ich noch in meinem Leben nichts Ähnliches gefunden habe; die meine Traurigkeit als eine höhere, festgewurzelte und unheilbare begreift"?
All dies sind Ausdrucksformen einer Erkrankung, die früher den diskriminierenden Namen "manischdepressives Irresein" trug. Heute heißt sie, medizinisch neutral, "Bipolare Störung". Im angelsächsischen Sprachraum ist sie so bekannt wie die Geschichte der Mary Lamb, wie das Leiden des romantischen Dichters Lord Byron, wie die Krankheit, die Ernest Hemingway in den Selbstmord trieb, und Virginia Woolf, und Sylvia Plath. Hellsichtig hatte Plath 1958 über sich notiert, ihr Leben werde "auf magische Weise von zwei elektrischen Strömen geführt, freudig-positiv der eine, verzweifelnd negativ der andere - und derjenige, der gerade die Oberhand hat, dominiert mein Leben völlig".
Es geht um ein Phänomen, das unabhängig von Epoche und Geschlecht Menschen befällt, erbliche Disposition meist vorausgesetzt, ihnen auf der einen Seite begeisternde Manien beschert, auf der anderen tiefe Depressionen. Oder die gefürchteten "mixed states", die Gemischten Zustände, bei denen sich eine "gereizte Manie" oder eine "agitierte Depression" zu Zornausbrüchen und zu Gewalttätigkeit gegen sich selbst und andere auswachsen kann.
Die Störung tritt in verschiedenen Schweregraden auf, als mehr oder weniger erträgliches Temperament bis hin zur wiederkehrenden Psychose mit Sinnestäuschungen aller Art. Sie hat offenbar ein transpersonales Element (Übertreibung, Zorn, Enthemmung), verstärkt aber auch die jeweils vorhandenen individuellen Züge, bringt wie ein riesiger Dimmschalter all das zum Glühen und Explodieren, was jeweils schon ausgeprägt ist, oder reduziert es in der Depression auf Beinahe-Null. An ihr leiden im Durchschnitt irgendwann einmal im Leben schätzungsweise 5 Prozent der Gesamtbevölkerung, aber 30 bis 50 Prozent der prominenten Kreativen - sie ist die Krankheit der Kreativen.
Dies jedenfalls wird in englisch-amerikanischen Studien behauptet und in der angelsächsischen Literaturwissenschaft ohne Berührungsangst umgesetzt. Das Konzept der Bipolaren Störung ist dort wohlbekannt: nicht im Sinn einer "Geisteskrankheit", die im populären Verständnis etwas Absolutes und Dauerhaftes ist, sondern als eine zeitlich begrenzte Störung der Stimmung und des Gemüts.
Bipolare können die meiste Zeit ihres Lebens vollkommen normal sein. Ihre Luzidität bleibt sogar während ihrer Schübe erhalten, was die Diagnose so schwierig macht. Aber auf dem Höhepunkt dieser Schübe, in denen sie wie ferngesteuert handeln, sind sie verwirrt, gemütskrank, verrückt.
Die deutsche Literaturwissenschaft tut sich aus historischen Gründen mit diesem Konzept noch immer schwer. Schuld daran ist die Nazi-Ideologie der "entarteten Kunst". Seither will man keinem Künstler mehr etwas zuschreiben, das über eine leichte Macke hinausginge. Charaktereigenschaft ja, Krankheitsschübe nein. (Was dazu führte, dass man sogar Friedrich Hölderlin nachträglich für gesund erklärt hat: 36 Jahre lang habe der Dichter in seinem Tübinger Turm Schizophrenie nur "simuliert" - die These wurde allen Ernstes jahrelang diskutiert.)
Ob die Bipolare Störung kreativ macht oder ein vorhandenes großes Talent zum Blühen bringt - sie kann jedenfalls erheblich mehr sein als nur eine leichte Macke. Unter diesem Problem leidet die politisch aufschlussreiche und vorzüglich geschriebene Kleist-Biografie von Jens Bisky (Seite 28) ein wenig. Mit großer Genauigkeit zeichnet der Autor Kleists Wunderlichkeiten und Extreme nach. Als "gemischt launigt" hatte Clemens Brentano seinen Freund Kleist charakterisiert, mal überaus rational, dann wieder schwärmerisch, mal heftig aufbrausend, dann wieder sanft und gut. Bisky hebt auch die "Abenteurerseite in Kleists Natur" hervor - all dies geht noch als Charaktereigenschaft durch. Dass Kleist darüber hinaus in Abständen regelrechte Schübe manischer Art erlitt und ein vollkommen erratisches Verhalten an den Tag legte (wie etwa bei seinem versuchten Eintritt ins feindliche napoleonische Heer, um bei einer Invasion Englands den Soldatentod zu finden, oder bei seinen, so Bisky, "bis zur Unverschämtheit ungeschickten" endlosen Briefen an königliche Hoheiten und Vorgesetzte) - all dies findet Bisky zwar merkwürdig, will darin aber partout nichts Gestörtes erkennen. "Seelisch", so Bisky, "war Kleist gesund."
Ein weiterer Kleist-Biograf dieses Herbstes, Gerhard Schulz, nähert sich dem psychischen Problem erkennbar angelsächsischer an (er lehrte jahrzehntelang in Melbourne): Kleist litt also tatsächlich an "Gefühlsschwankungen ... die ihn sein Leben lang begleiteten und ihn ins Euphorische hoben oder in die Abgründe existentieller Verlassenheit stürzten." Deshalb solle man Kleists geheimnisvolle Irrfahrten auch nicht länger mit "konkreten" Hypothesen enträtseln wollen, sondern einfach als euphorische Projektemacherei begreifen. Vorsichtig jede Pathologisierung vermeidend, rechnet Schulz' schöne Biografie am Ende ihren Helden der Gemeinschaft jener "schwierigen Menschen" zu, "die den anderen sehr viel Schönes und Sinnreiches zu bieten haben, aber sich nur schwer in die Gewohnheiten und Gepflogenheiten ihrer Epoche zu fügen vermögen".
Hier möchte man einer entschiedeneren Re-Pathologisierung das Wort reden. Ist eine mentale Störung denn etwas so Furchtbares, dass wir gar nicht darüber sprechen können? Sind wir immer noch so gefährdet, dass wir das Terrain gar nicht betreten dürfen? Pathologisieren wir in Wirklichkeit nicht erst recht, indem wir nicht pathologisieren?
Schließlich verläuft die Diskussion heute ganz anders als vor 80 oder 100 Jahren. Die Entdeckungen der Neurowissenschaften und der Genetik werfen, während sie Antworten zu geben scheinen, sofort immer neue Fragen auf. Der Annäherungsprozess von Psychoanalyse und Psychiatrie, ihr Versuch, ein gemeinsames Modell und eine gemeinsame Therapie dieser Störung zu erstellen, pharmakologisch und psychoanalytisch, sollte deutlicher und allgemeiner wahrgenommen werden. Die Frage nach Existenz und Spielraum eines freien Willens stellt sich gerade hier. Sie impliziert die Frage nach der Verantwortung und nach den Möglichkeiten einer Gegensteuerung. Welches sind denn die Methoden der Selbststabilisierung und welches die Erfahrungen (mit sich und der Welt), die diese "schwierigen Menschen" in ihre Werke einschließen, die von psychischen Strukturen ja nicht unberührt entstehen? Was ist Manie?
Viele wissen es einfach nicht.
Nahe Angehörige kennen es aus Erfahrung: Der jeweils neuerliche Überschwang, Enthusiasmus, Realitäts- und Kontrollverlust, dieses besessene Pläneschmieden, Geldborgen, Überreden, Schönreden - es ist ihnen leidvoll vertraut. Die Betroffenen ihrerseits wollen in ihren Schüben dringlich kreativ werden, sei es durch Kaufrausch, Spielsucht, oder indem sie "einen Durchbruch erzielen". Sie wollen endlich die wahre Bestimmung finden (dafür notfalls betrügen, lügen, stehlen), die Menschheit beglücken, alles neu machen, sich nicht länger beschränken. Sie werden plötzlich distanzlos und begehen Übergriffe. Oder sie entsorgen sich gewissermaßen selbst. So fuhr Joseph Conrad zur See, bevor er Romancier wurde. Auch Melvilles Erzähler Ismael will ja, gleich im ersten Absatz von "Moby-Dick", in einer bestimmten seelischen Verfassung den Leuten immer "den Hut vom Kopf schlagen". Und bevor er das tut, heuert er lieber an.
Die Schübe gehen einher mit permanentem Regelbruch, mit Grenzüberschreitungen. Die können einen manisch Gestörten durchaus selbst zu Tode erschrecken, wenn er nach seinem Schub wieder herunterkommt und nicht mehr ganz so gnadenlos von sich und seinen himmlischen Plänen überzeugt ist. Sein Verlassenheitsgefühl angesichts eines von ihm angerichteten Scherbenhaufens kann furchtbar sein. Der Soziologe Heinrich Popitz hat einmal die Verhaltensweisen aufgelistet, mit denen die Umwelt auf einen Maniker reagiert (sofern der sich nicht in einer Machtposition befindet): mit Distanzierung, Vertrauensentzug, Kontaktabbruch, Isolierung bis zum sozialen Tod. Kleist erlebte solche gesellschaftlichen Sanktionen mehrfach - und verdichtete diese Erfahrung in seinem Prinzen von Homburg, dem Träumer und Draufgänger, der es gut zu meinen glaubte und doch für seinen Regelverstoß von der Welt mit dem Tod bestraft werden sollte. Frappierend ähnlich ist Melvilles Geschichte von "Billy Budd": Dieser Träumer und reine Tor verstößt impulsiv gegen das Gesetz der Royal Navy, wenn auch mit größter Berechtigung, und muss vom väterlichen Vorgesetzten ebenfalls mit dem Tod bestraft werden. Kleist begnadigt seinen Prinzen - und tötete sich selbst. Melville begnadigt Billy nicht - und überlebte.
An der Dichterin Sylvia Plath erkannte ihr Ehemann Ted Hughes eine sonderbare Mischung aus "Verletzlichkeit und Vehemenz". Maniker erleben extremere Gefühle, intensivere Impulse, ungewöhnlichere Verknüpfungen als andere. Sie verschieben ständig Grenzen. Und deshalb sind sie so allzeitmodern, werden posthum und manchmal schon zu Lebzeiten so intensiv geliebt: Ihre übergroße Empfindlichkeit zwingt sie, hier eine Schamgrenze drastisch anzuheben, nicht mehr zu dulden, was allgemein geduldet und hingenommen wurde - aber dort mit Vehemenz eine Schamgrenze kräftig abzusenken, Fesseln abzustreifen, Tabus zu brechen. Manchmal wollen sie sich wohl einfach auch nur ausziehen - ein selbstverliebtes Entblößen.
In Martin Kippenbergers hochoriginellem Elternhaus kursierte übrigens nicht zufällig der Zauberspruch "I.N.P." - "Ist nicht peinlich". Kleist wiederum versuchte, sich mit rhetorischer Autosuggestion zu beruhigen. Das Mantra in seinen Briefen lautete: "Ruhig", "Sei ruhig", "Ich bin ganz ruhig". So werden Turbulenzen weggebetet.
Die amerikanische Psychiaterin Kay Redfield Jamison behauptet 1993 in ihrem aufsehenerregenden Buch "Touched with Fire. Manic-Depressive Illness and the Artistic Temperament" einen starken Zusammenhang von künstlerischem Temperament und Bipolarer Störung. Bei ihrer Suche stieß sie auf Dichter, Komponisten und Maler mit gut dokumentierten Familiengeschichten und Selbstaussagen. Sie untersuchte systematisch ganze Epochen und skizzierte bipolare Lebensbilder: Lord Byron, Virginia Woolf, William und Henry James, Sylvia Plath, Herman Melville, Robert Schumann, Vincent van Gogh, Hector Berlioz, August Strindberg, Ernest Hemingway und andere. Der Zauber, der von ihren Werken auf uns überspringt, zeigt, dass wir die Schwankungen im Ansatz alle in uns haben. Was nicht heißen soll, dass alle Kreativen bipolar gestört sind. Um große Taten zu vollbringen, stellt Jamison klar, muss man nicht manisch-depressiv erkrankt sein. Und: "Die meisten Maniker vollbringen keine großen Taten ..."
Das Buch wurde, obwohl nie übersetzt, im deutschen Sprachraum intensiv rezipiert. Leo Navratil ließ vorübergehend seine Schizophrenieforschung beiseite und steuerte bei, was er zur Bipolarität seit Jahren gesammelt hatte. Zu den Bipolaren zählte er zum Beispiel Mozart, Novalis, Lichtenberg, Goya, Conrad F. Meyer ... und Ernst Jandl.
Dieser österreichische Lyriker hatte Navratils Buch "manisch-depressiv" sogar ausgelöst, als er Freunden je ein Thema vorgab, über das sie an seinem 70. Geburtstag sprechen sollten. Navratil bekam von Jandl das Thema "Ernst Jandl - eine Psychose" verpasst, und einen Mordsschreck: Durfte er öffentlich über den Seelenzustand seines Freundes und Patienten sprechen? Da Jandl es offenbar selbst so wollte, fasste sich Navratil ein Herz und begann seinen Festvortrag mit den Worten: "Meine Damen und Herren, Ernst Jandl ist ein manischdepressiver Mensch, aber Ernst Jandl hat keine Psychose!"
Jamisons Liste von illustren Manisch-Kreativen schlug in der deutschen Fachwelt ein, als hätten die Psychiater darauf gewartet. Seither kommt kaum ein Ratgeber zur Bipolaren Störung ohne Liste aus. Gekoppelt an den Begriff des Kreativen, wurde die Störung erträglicher. Es war tröstlich, seinen Patienten sagen zu können: Seht her, die hatten es auch.
Das Bild des Manikers wandelte sich stürmisch. Seit Emil Kraepelins "Psychiatrie. Ein Lehrbuch" zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es der Zerfahrene gewesen, der haltlose, ideenflüchtige Phantast, dem alles zwischen den Fingern zerrinnt, der bloße Schaumschläger, Betrüger. Jetzt wurde betont, die Störung könne ihm - künstlerische Begabung und Disziplin vorausgesetzt - Flügel und Unsterblichkeit verleihen. Auch wurde nun erst offensichtlich, was "Charisma" anrichten konnte: Kapitän Ahab war offenbar manisch, er behexte seine ganze Mannschaft. Maniker können in einer "Dr. Jekyll/Mr. Hyde"-Form auftreten, wie der seinerzeit gefeierte amerikanische Lyriker Robert Lowell (1917 bis 1977): normalerweise freundlich und sanft, rannte er während seiner manischen Attacken durch die Straßen, grölte rassistische Parolen und wollte Zufallsbekanntschaften heiraten. Weil der Umschwung so häufig vorkam, fragte man sich in seinem Bekanntenkreis, welches nun der "echte" Lowell sei - der finstere, destruktive oder der helle, heile?
Inzwischen stehen auf den Listen der Psychiater zunehmend auch Namen von Politikern. War es ein Zufall, dass Gudrun Ensslin die Tarnnamen für sich und ihre Mitstreiter in Stammheim ausgerechnet aus "Moby-Dick" holte und den unerklärlich charismatischen Andreas Baader, den man auch als "manisch-aggressiv" bezeichnet hat, mit dem Kapitän Ahab identifizierte?
Das Mitgerissenwerden, die Verzauberung und Bannung durch schwarze Manie und destruktiv Besessene hat für die Gesellschaft weitreichende Folgen. Das Mindeste, was man tun kann, ist, die Möglichkeit dieser Störung nüchtern mitzubedenken. Dafür müsste sie allerdings mehr ins Bewusstsein gerückt werden. Damit man sie bearbeiten kann, muss man sie kennen.
Die Bipolare Störung ist ein außerordentlich facettenreiches Phänomen, und sicherlich einer der mächtigsten Motoren von Evolution und Zivilisation überhaupt. Aber sie kann einen Haufen schwachsinnigen Unfugs erzeugen und eine Krankheit zum Tode sein. Gehen wir angemessen damit um? Wird man diskutieren dürfen, wo Grenzlinien verlaufen?
Die Krankheit der Übertreibung gebiert Ungeheuer.
SIBYLLE MULOT,
57, promovierte mit einer literaturwissenschaftlichen Arbeit über Robert Musil und veröffentlichte bei Diogenes mehrere Romane - zuletzt in diesem Jahr einen Titel, der von Manikern erzählt: "Die Unwiderstehlichen".
Peter Ackroyd
Wie es uns gefällt
Aus dem Englischen von Eva Wahser.
Knaus Verlag, München; 224 Seiten; 17,95 Euro
Carol Loeb Shloss
Lucia Joyce. Die Biographie der Tochter.
Aus dem Englischen von Michael Müller.
Knaus Verlag, München; 652 Seiten; 29,95 Euro
Susanne Kippenberger
Kippenberger. Der Künstler und seine Familien.
Berlin Verlag, Berlin;
576 Seiten; 22 Euro
Regina Dieterle
Die Tochter. Das Leben der Martha Fontane
Hanser Verlag, München; 432 Seiten; 24 Euro
Veza & Elias Canetti
Briefe an Georges
Herausgegeben von Karen Lauer und Kristian Wachinger. Hanser Verlag, München; 420 Seiten; 25,90 Euro
Kay Redfield Jamison
Touched with Fire. Manic-Depressive Illness and the Artistic Temperament.
Simon & Schuster, New York; 372 Seiten; 12,50 Euro
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