25.09.2007

SACHBÜCHERKrieg mit dem Kreml

Alex Goldfarb will in „Tod eines Dissidenten“ die Vergiftung des Ex-Agenten Litwinenko erklären.
Ein Foto des qualvoll sterbenden russischen Ex-Geheimdienstlers Alexander Litwinenko in einem Londoner Krankenhaus ging im November 2006 um die Welt. Nur wenige außerhalb Russlands wussten damals, wer Litwinenko war, mit wem er sich verbündet und wen er sich zum Feind gemacht hatte.
Alex Goldfarb, ein Weggefährte Litwinenkos, schildert dessen Lebensweg vom Mitarbeiter der KGB-Nachfolgebehörde FSB bis zum Mitglied eines Londoner Emigrantenzirkels. Der Autor, der Mitte der siebziger Jahre aus Moskau zunächst nach Israel und dann in die USA auswanderte, steht heute, wie früher auch Litwinenko, in Diensten des in London residierenden und von Russland mit Haftbefehl gesuchten Finanzmoguls Boris Beresowski. Der Verfasser schreibt in der Ich-Perspektive, die Litwinenko-Witwe Marina wird nominell als Mitautorin geführt.
Goldfarb bekennt, er befinde sich in einem "Propagandakrieg mit dem Kreml", seinen toten Freund Litwinenko rühmt er als "Kreuzritter". Den russischen Präsidenten Wladimir Putin beschreibt er als "Personifizierung des KGB-Mannes" und als "die Verkörperung des Bösen".
Wo das Urteil von vornherein derart zementiert ist, sind Beweise nicht mehr nötig. Ohne Belege zu präsentieren, malt Goldfarb ein tiefschwarzes Bild des heutigen Russland, dessen Staatsführung systematisch Kritiker umbringen lasse. Schon der Titel des Buches "Tod eines Dissidenten" legt die Schlussfolgerung nahe, der russische Staat bestrafe oppositionelle Meinungsäußerungen mit dem Tod.
Millionen Russen, die immerhin noch regierungskritische Zeitungen und Web-Seiten lesen und ins Ausland und wieder zurück reisen können, mögen ihr Land zwar als autoritär regiert erleben, aber nicht als totalitäres Gefangenenlager. Sie alle trifft die Verachtung des verbitterten Emigranten Goldfarb. Die "Mehrheit der Russen", fabuliert der Ex-Moskauer, sei "stolz", dass Putin "den Verräter Litwinenko zur Strecke gebracht" habe, nach dem Motto: "Geschieht ihm recht".
Bei seinem früheren Arbeitgeber, dem russischen Inlandsgeheimdienst FSB, galt Litwinenko als Verräter, seit er im November 1998 auf einer Pressekonferenz behauptet hatte, ein Vorgesetzter habe ihm die Ermordung Beresowskis befohlen. Beweisen ließ sich das nicht. Litwinenko kam, des Machtmissbrauchs bezichtigt, in Untersuchungshaft.
Bald nach seiner Entlassung Ende 2000 flüchtete der Ex-Tschekist mit Goldfarbs Hilfe nach London. Dort schrieb er, unterstützt von einem Goldfarb-Vertrauten, das Buch "Eiszeit im Kreml", das die immer noch unbewiesene These verbreitet, Putin und der FSB hätten im September 1999 mehrere Wohnhäuser in Moskau und anderen russischen Städten sprengen lassen. Angebliches Ziel: einen Vorwand zu finden für den erneuten Einmarsch in die abtrünnige Provinz Tschetschenien.
Goldfarb liefert nun zwar Indizien für den immerhin auch von Scotland-Yard-Ermittlern geäußerten Verdacht, der Ex-Geheimdienstler Litwinenko sei vom Moskauer Geschäftsmann Andrej Lugowoi vergiftet worden, der ihn mehrfach getroffen habe. Er verweist auf die Polonium-Spur, die Lugowoi durch London zog, und auf die Tatsache, dass 97 Prozent des weltweit offiziell produzierten Poloniums 210 in Russland hergestellt werden.
Aber wer nach Antworten auf die Frage sucht, wer wann und mit welchem Ziel den Befehl zum Mord an Litwinenko gab, der kann sie in diesem Buch nicht finden.
Breiten Raum nimmt hingegen eine schöngefärbte Darstellung Beresowskis ein. Darin erscheint der Oligarch, der in den neunziger Jahren die Familie des damaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin umgarnte, als "geistreicher Redner", als Mann mit "grandiosen Visionen" und Kämpfer für ein "freies und offenes Russland".
Goldfarbs Versuch, seinen Arbeitgeber Beresowski als uneigennützigen Friedensstifter im Kaukasus zu schildern, gerät zur Geschichtsklitterung. Der 2005 getötete tschetschenische Präsident Aslan Maschadow hatte 1999, vor Beginn des Moskauer Feldzuges, dem SPIEGEL über Beresowski gesagt, der Oligarch sei "für Tschetschenien ein ausgesprochen böser Geist" gewesen. Er habe ein "intrigantes Spiel" getrieben, sein "Ränkespiel" sei "für die ganze Region hochgefährlich".
Fazit: Am Ende sind die Indizien des Autors dünn, die Spekulationen und ideologischen Vorurteile dagegen dick aufgetragen. Wenn der Autor behauptet zu wissen, "warum Alexander Litwinenko sterben musste", so bleibt er die Beweise dafür schuldig. UWE KLUSSMANN
Alex Goldfarb, Marina Litwinenko
Tod eines Dissidenten
Aus dem Englischen von Violeta Topalova. Hoffmann und Campe, Hamburg; 428 Seiten; 19,95 Euro
Von Uwe Klussmann

SPIEGEL SPECIAL 5/2007
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