06.11.2007

I. HEILUNG

Sie müssen Geduld haben

Henryk M. Broder über seine erfolglosen Versuche, eine lebensgefährliche Krankheit mit Akupunktur, Homöopathie und Geistheilung zu kurieren. Sein Befund: Wer daran glaubt, muss am Ende dran glauben. Es sei denn, er landet doch bei der Schulmedizin.

Colitis ulcerosa. Dass es eine Krankheit gibt, die so heißt, hörte ich zum ersten Mal, als mir Dr. P. das Ergebnis meiner Darmspiegelung mitteilte. Der Name klang wie eine Orchideensorte. Oder wie eine südamerikanische Fledermausart. "Hat es jemand in Ihrer Familie gehabt?" Ich hatte keine Ahnung. Meine Mutter und mein Vater liebten es, Ärzte zu konsultieren, aber sie machten es eher aus Zeitvertreib. Irgendwas hatten sie immer. Kein Mensch kommt gesund aus einem KZ. Ich hatte nur Probleme mit den Mandeln. Jeden Winter schwollen sie auf Knödelgröße an, ich schluckte eine Handvoll Antibiotika, und sie beruhigten sich wieder.

Und nun das: Colitis ulcerosa, chronische Darmentzündung, eine Autoimmunerkrankung, bei der sich der Darm langsam auflöst. Die Krankheit ist weit verbreitet, aber wenig bekannt. Was vor allem damit zu tun hat, dass sie sich so hässlich artikuliert. Das Klo wird zum Mittelpunkt des Lebens. Deswegen hat es noch nie eine Gala zugunsten Colitis-ulcerosa-Kranker gegeben. Dafür gibt es zahllose CU-Selbsthilfegruppen, die sich untereinander im Internet austauschen.

So genau wollte ich es nicht wissen. Alles, was mich interessierte, war: Konnte ich, wie geplant, in drei Wochen in die USA fliegen?

Ich nahm einen Vorrat an Medikamenten mit, und als ich von der Reise zurückkam, waren nicht nur die Medikamente alle, ich war es auch. Zu Hause angekommen, kollabierte ich, noch ehe ich den Koffer ausgepackt hatte. Dr. P. verwies mich an Prof. L., der ordnete eine weitere Darmspiegelung und eine Ultraschalluntersuchung an, und als er alle Befunde hatte, sagte er: "Sie haben die Wahl. Sie lassen sich gleich operieren, oder Sie leiden, bis Sie es nicht mehr aushalten. Vorausgesetzt, Ihr Darm hält so lange durch und es entwickeln sich keine Karzinome. Überlegen Sie es sich gut. Wir haben immer ein Bett für Sie frei."

Mir war klar: Wer so redet, hat schon im Sandkasten Regenwürmer operiert, ein echter "Schulmediziner", dem es vor allem darauf ankommt, Privatpatienten auf seine Station zu locken.

Nicht mit mir. Eine Operation kam nicht in Frage. Allein die Vorstellung, bewusstlos auf einem Tisch zu liegen und der "Schulmedizin" als Versuchsobjekt zu dienen, war schon grausam genug. Außerdem war ich davon überzeugt, dass meine CU psychosomatisch bedingt war. Zu viel Arbeit, zu viel Stress. Der Körper rebellierte. Ich müsste nur mein Leben ändern, um die Krankheit loszuwerden.

"Du musst Dr. K. besuchen", sagte eine Bekannte, die sich in der alternativen Medizin auskannte. "Der hat schon Tote kuriert."

Dr. K. hatte in China studiert. Er machte Akupunktur und verschrieb Kräuter, die man zu Tee verkochen musste. Er war auf Monate hinaus ausgebucht, machte aber einen Termin für mich frei. "Das kriegen wir hin", sagte Dr. K., ohne sich meine schulmedizinischen Befunde anzusehen, "Sie müssen nur Geduld haben."

Ich lag auf seiner Couch, fühlte mich wie ein Nadelkissen und dachte: Geduld, Geduld, Geduld. In einer auf Naturmedizin spezialisierten Apotheke bekam ich Kräuterpakete, die im Preis etwa einem Pfund Trüffel entsprachen. Die Kräuter mussten nicht nur sehr sorgfältig gemischt sein, man musste auch beim Aufkochen genau auf die Zeitvorgaben achten. Nicht zu kurz und nicht zu lang, sonst war die Wirkung dahin. Der Sud schmeckte widerlich. Die ganze Wohnung roch nach verfaultem Laub.

"Du musst Dr. M. besuchen", sagte ein Bekannter, der an Migräne litt. "Er ist Homöopath und Psychotherapeut." Ich war zu schlapp, um Dr. M. zu besuchen. Er kam zu mir, hörte sich meine Anamnese seit den frühesten Kindertagen an und wollte alles über mein Verhältnis zu meinen Eltern wissen. Dann ließ er mir ein paar weiße stecknadelkopfgroße Kügelchen da, die ich in bestimmten Abständen schlucken sollte. "Das kriegen wir hin", sagte Dr. M., "Sie müssen nur Geduld haben." Es sei richtig gewesen, dass ich mich nicht operieren lassen wollte, die Schulmedizin bekämpfe nur die Symptome, man müsse aber an die Ursachen der Krankheit ran, und die lägen tief im Unterbewusstsein.

Ich musste nicht mein Unterbewusstsein erkunden, um zu merken, dass es mir von Tag zu Tag schlechter ging. "Das ist ganz normal", sagte der Homöopath, nachdem ich die Kügelchen eingenommen hatte, "das ist die Erstverschlimmerung, Sie müssen nur Geduld haben." Dann schickte er mir neue Kügelchen, in einer anderen Konzentration.

Von Zeit zu Zeit raffte ich mich auf und fuhr ins Krankenhaus, zu einem Vertreter der Schulmedizin. Noch eine Darmspiegelung, noch ein Ultraschall. Die Krankheit machte Fortschritte. Ich verlor rapide an Gewicht und sah inzwischen wie ein Gulag-Häftling kurz nach seiner Entlassung aus. Dennoch: Eine OP kam nicht in Frage. "Sie müssen Geduld haben", sagte Dr. K., während er mich akupunktierte. "Sie müssen Geduld haben", sagte Dr. M., wenn er mit mir telefonierte.

Das einzige Mittel, das mir zeitweilig half, war "Tinctura opii", früher ein altes Hausmittel, heute eine Medizin, die man nur gegen ein Spezialrezept bekommt, das nicht jeder Arzt ausstellen darf. Mein Apotheker machte große Augen, verkniff sich aber jede Frage. Ihm war klar, es musste etwas im finalen Stadium sein.

Tinctura opii ist eine verdünnte Opiumlösung, die das vegetative System beruhigt. Wenn ich unter Menschen wollte, was immer seltener vorkam, nahm ich 20 Tropfen Tinctura opii ein und war ein paar Stunden relativ beschwerdefrei. Um einer OP zu entgehen, wäre ich sogar bereit gewesen, den Rest meines Lebens in einer Opium-Höhle in Shanghai zu verbringen.

Deswegen nahm ich auch den Rat des Homöopathen an, eine tibetische Geistheilerin zu besuchen. Sie wohnte und praktizierte bei mir um die Ecke, in einem hübschen, mit Efeu bewachsenen Reihenhaus.

"Das kriegen wir hin", sagte die Geistheilerin, "Sie müssen nur Geduld haben." Als Erstes musste ich mich auf einen Holzstuhl mitten im Zimmer setzen, die Arme auf die Oberschenkel legen und die Augen schließen. Dann begann die Geistheilerin mit der Behandlung. Nach ein paar Minuten konnte ich der Versuchung nicht widerstehen. Ich machte das linke Auge halb auf. Das Fenster zum Hof war weit geöffnet, die Geistheilerin umkreiste mich und schaufelte dabei mit weit ausgebreiteten Armen die kontaminierte Luft aus dem Zimmer. "Wo bin ich hingeraten?", fragte ich mich. Die Situation war so komisch, dass ich für ein paar Augenblicke die Schmerzen vergaß. So betrachtet war die Behandlung ein voller Erfolg, wenn auch nur von kurzer Dauer.

Irgendwann hatte ich alle und alles durch: den Spezialisten für alternative chinesische Medizin, die Akupunktur, den Homöopathen, die Geistheilerin, den Fachmann für psychosomatische Anwendungen, der in einem auf Jahre angelegten Versuch seinen Patienten Placebo-Präparate verabreichte. Ich lernte das ganze Spektrum der Antischulmedizin kennen.

Ich war kurz davor, einen Schamanen um Hilfe zu bitten, als die Schmerzen einfach unerträglich wurden und auch Tinctura opii nicht mehr half. "Jetzt ist Schluss", sagte meine Frau und brachte mich ins Krankenhaus. Ich hatte 25 Kilogramm abgenommen und war nicht mehr in der Lage, für mich zu sorgen. Nach fast zwei Jahren Flucht vor der Schulmedizin war eine OP meine letzte Hoffnung.

"Sie sind zu schwach, um operiert zu werden", sagte Prof. L., nachdem er alle Befunde geprüft hatte, "aber wir stehen mit dem Rücken zur Wand, wir können keine Zeit verlieren." Auch der Anästhesist hatte Bedenken. Ich wurde intravenös gepäppelt, bis sich mein Zustand einigermaßen stabilisiert hatte. Die OP dauerte fünf Stunden, als ich auf der Intensivstation auftauchte, wusste ich nicht, wo ich war, ich wusste nur: Es ist vorbei.

Sechs Wochen später musste ich noch zu einer kurzen Nachoperation, danach dauerte es ein halbes Jahr, bis ich mich wieder normal bewegen konnte. Keine Schmerzen zu haben war ein ungewohnter Zustand.

Ich hatte Glück im Unglück. Ein paar Wochen länger in den Fängen der Alternativmediziner, und ich wäre reif für einen Nachruf gewesen.

Schon möglich, dass Akupunktur, kleine weiße Kügelchen, Handauflegen, tibetischer Hokuspokus und die Kraft der Autosuggestion bei eingebildeten Krankheiten helfen; gegen einen Darm, der sich selbst auflöst, sind sie so machtlos wie Weihwasser gegen den Teufel. Wer daran glaubt, muss am Ende dran glauben.

Dass ich noch lebe, habe ich der Schulmedizin zu verdanken. Ich hätte mir eine zweijährige Quälerei erspart, wenn ich gleich auf meine Frau und den Arzt gehört hätte, der mich schließlich operiert hat. Männer sind eben feige, und ich bin keine Ausnahme.

Inzwischen habe ich mein altes Kampfgewicht fast wieder erreicht. Man kann auch mit einem halb so langen Darm normal leben. Jetzt melden sich auch die Mandeln zum Dienst. Kurzum: Ich bin wieder gesund.


SPIEGEL SPECIAL 6/2007
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