06.11.2007

II. UNTERBEWUSSTSEINJenseits des Verstandes

Hypnose galt lange als Metier von Scharlatanen und Schaustellern, jetzt begeistert sie auch Ärzte und Therapeuten. Sie nutzen die Technik, um Bewusstsein und Verhalten ihrer Patienten zu verändern. Allmählich erkennen Wissenschaftler, wie das Gehirn in Trance arbeitet.
Von Pendeln hält der Skeptiker nichts; nichts von Wahrsagerinnen und zuckenden Schamanen irgendwo in Afrika. Er hält es mit Thomas Mann, dessen Erzählung "Mario und der Zauberer" mit Mord endet. Erschossen wird der Bühnenhypnotiseur - eine Warnung vor Einflüsterern aller Art. Doch alles andere: Firlefanz.
Nun steckt er selbst mittendrin in der somnambulen Geistesverfassung. Stimmen, Gerüche, Töne, selbst die Temperatur im Raum dringen weniger und weniger in sein Bewusstsein.
Um in Trance zu gehen, müssen Sie verstehen, dass Sie verstehen müssen, was Sie unbewusst richtig machen ...,
hatte der Hypnotiseur gesagt,
... denn Sie wissen nicht, ob Sie bewusst mehr von dem lernen, was Ihr Unbewusstes immer richtig gemacht hat ...
Und während er noch aufbegehrte, geschah es. Sein Geist, seit Kindesjahren auf Vernunft getrimmt, mühte sich vergebens: Ich muss verstehen, dass ich verstehen muss, was ich unbewusst richtig mache?
Nicht zu fassen diese Sätze, zu konfus für die automatisierte Sinnerkennung im Gehirn. Und schon fliegen die Gedanken.
Jeder kennt solche Momente. Alle 90 Minuten, sagen Verhaltensforscher, ermüde das Bewusstsein und schalte für Sekunden in Trance. Kinder versenken sich in Spiele. Autofahrer verlieren sich vor grünen Ampeln. Niemand kann einen Triathlon bewältigen, niemand im Kopfstand verweilen, ohne in Trance zu gehen - einen "transitus", den Übergang in einen anderen Bewusstseinszustand.
Doch anders als bei Yoga, Meditation oder autogenem Training kann in Hypnose ein Fremder Gedanken und Gefühle lenken. 5,9 Milliarden Menschen sind hypnotisierbar, eine Hochrechnung; es sind eher die Kreativen, Einfühlsamen, solche, die in Bildern denken. 650 Millionen Menschen gelten als resistent, ebenso viele als hochgradig anfällig; sie scheinen wie auf Knopfdruck in Trance versetzbar zu sein. Mitunter reicht es, einen Post-it-Zettel anzustarren oder den eigenen Daumennagel.
Am Anfang stehe Konzentration, beschrieb der amerikanische Psychotherapeut Milton Erickson den Weg in das hypnotische Erleben. Dann verlagere sich die Aufmerksamkeit nach innen; das Zeitempfinden ändere sich, das Herz schlage langsamer, der Blutdruck sinke, die Muskeln entspannten, die Lippen fühlten sich womöglich größer an, die Arme länger. Der Mensch sei wach, selbst wenn er wirke, als ob er in "hypnos", im Schlaf, sei.
In tiefer Trance tritt an Verstandes Stelle eine andere Logik - und in diesem merkwürdigen System des Unbewussten ist vieles denkbar, das sonst Träumen vorbehalten ist: Amputierte Hände marschieren auf ihren Fingern zum Blumenpflücken. Ein Stein reist ans Meer und verwandelt es in kochendes Spaghettiwasser.
Eigenartig zögerlich nähern sich Forscher dem Phänomen; vielleicht, weil es an grundlegende Ängste des aufgeklärten Menschen rührt: Ist das eigene Bewusstsein so machtlos, dass es sich beliebig ausknipsen lässt? Ist die Vernunft doch erschütterbar? Die Maxime vom selbstbestimmten Willen nur Papperlapapp? Es sei schon ein seltsames Geschehen, meint Wolf Singer, Leiter des Frankfurter Max-Planck-Instituts für Hirnforschung. "Ich habe als Student einen Kollegen hypnotisiert und ihm den Auftrag erteilt, nach der Hypnose beim Stichwort 'Banane' das Fenster zu öffnen. Das hat er getan."
In vielen Ländern nutzen Mediziner und Psychologen das veränderte Erleben für Therapien; die British Medical Association empfiehlt eine Zusatzausbildung als Hypnotiseur. In Deutschland überwiegen noch Vorbehalte. Nach wie vor gilt Hypnose vielen als Chiffre für Manipulation: Hitlers quasi hypnotische Propaganda; die Gehirnwäsche der Scientologen; Bühnenshows, in denen Männer um Babymilch flehen und Rasierschaum naschen.
So zaudern auch Universitätsdozenten, sich als hypnoseerfahren auszugeben. Ernil Hansen, Anästhesist an der Regensburger Uniklinik, nennt ein Seminar zum Thema vorsichtig "Kommunikation mit Patienten". Die Freiburger Professorin für Neuropsychologie Ulrike Halsband verschwieg Kollegen anfangs, dass sie sich für die Gehirne Hypnotisierter interessiert: "Es war einfach zu spooky."
In Hypnose können Warzen verschwinden und Gurkenscheiben wie fette Chips schmecken. Nasen lassen sich ohne Vollnarkose korrigieren, Weisheitszähne ohne Betäubung ziehen. Die Gier auf Zigaretten schwindet, die Furcht vorm Fliegen vergeht, Leistungen steigern sich zum Rekord. Bertrand Piccard, im Hauptberuf Psychotherapeut, schaffte die erste Weltumrundung in einem Flugballon, nachdem ihn ein Freund per Funk auf 10 000 Meter Höhe in Trance versetzt hatte.
Beim Hypnose-Zahnarzt Schmierer in Stuttgart steht Herrn Graber Leidiges bevor: Zähne abschleifen, Vorbereitung zur Krone. Dreimal war der 26-Jährige schon da, immer hatte er einen schönen Ort dabei. "Irgendwo am Meer", nuschelt er noch, dann sinkt er in den Behandlungsstuhl.
Albrecht Schmierer, Gemütsmensch mit Bart und Tropfenbrille, schließt Fenster und Türen. Seine Frau legt die Hände auf Schulter und Bauch des Patienten: "Ist es in Ordnung, dass wir Ihren Körper zwischendurch berühren?"
"Winkeln Sie den linken Arm an", sagt der Zahnarzt, "schauen Sie auf das Licht", er hält eine Stablampe über die Stirn des Patienten. "Und bei drei schließen Sie die Augen; ... eins ... zwei ... drei ..., und Herr Graber schließt die Augen.
Sie ... machen das ... sehr gut ..., tönt der Singsang des Zahnarzts, ... und wann immer ... Sie ein Licht spüren ..., er zieht die große Behandlungsleuchte heran, ... nehmen Sie es mit ... an Ihren schönen Ort ... wo die Sonne ... Sie wärmt und Sie sich wohl fühlen ... und sicher ...
Herr Graber seufzt. Als er das erste Mal kam, klebten die Klamotten am Körper; acht Jahre hatte er niemanden an sein Gebiss gelassen. "Unser Ziel ist es, Menschen mit großer Angst behandelbar zu machen", sagt der Zahnarzt. "Außerdem bluten nach einer Hypnose die Wunden weniger und heilen schneller."
Schmierer steht der Gesellschaft für Zahnärztliche Hypnose vor. Kollegen anderer Fachrichtungen haben sich mit Psychologen und Psychotherapeuten in der Deutschen Gesellschaft für Hypnose und Hypnotherapie sowie der Milton Erickson Gesellschaft zusammengeschlossen. Alle miteinander zählen 4700 Mitglieder. Die Auswahl ist streng, die Fortbildung mit über 200 Stunden langwierig.
"Ruhe, Trance, Entspannung" steht an der Holztür der Praxis; im Warteraum hängt ein schaukelnder Stoffsessel. Musik, ruhige 60 Schläge pro Minute, der gleiche Rhythmus, mit dem Delta-Wellen im Gehirn schwingen, wenn ein Mensch schläft. Und Sie gehen in einen an ... genehmen Schlaf ..., Gudrun Schmierer stimmt ein, Phase zwei, "die Vertiefung", abwechselnd tönt nun der Sprechgesang, ... die Lippen wie ein lock ... ckeres Gummiband ..., der Zahnarzt fährt den Stuhl herunter, ... tie ... fer und tie ... fer ...
Herr Graber wirft die Lippen auf. Gudrun Schmierer berührt den angewinkelten Arm, der blutleer, taub geworden ist, ... und der linke Arm ist ein Blitzableiter ... alles Unangenehme prallt ab ...
... und Sie gehen an Ihren Ort ...
... an dem Sie angenehmes Wasser erwartet ..., aus dem Schlauch spritzt es in den Rachen, ... sehr gut ... sehr gut.
Drei Minuten nachdem Herr Graber die Augen geschlossen hat, fällt sein linker Fuß zur Seite und die Jesuslatsche zu Boden. Er liegt in Trance. Ein Gerät misst seinen Puls und den Sauerstoff im Blut; über ihm hängt eine Videokamera. Niemand soll den Schmierers vorwerfen können, ihm sei Gesetzwidriges widerfahren.
Und Sie geben den Mund zur Reparatur ab ... sehr gut ...
"Dissoziieren" heißt diese Technik, die den Geist des Patienten in eine Traumwelt katapultieren soll, in der kein Platz ist für Gedanken an Schmerz, weit weg von Bohrern und Tinkturen. Sie gilt als Kernstück jeder therapeutischen Hypnose. Dutzende haben bei Ehepaar Schmierer schon phantastische Filme gesehen, auch Kinder. "Also, Skifahren ist dein Hobby?", fragt der Arzt, "na schau, auf deinem Daumen läuft Slalom." Und während sie dem imaginären Geschehen über dem Nagelbett folgen, lullt der Singsang der Schmierers sie ein.
Kaum eine Sekunde bleibt Herr Graber ohne Ansprache. Ein Nicken, ein Griff, Sonden und Spiegel wechseln die Hände;
... und alle Blutung rausnehmen ...
... und die Kälte auf dem Zahn liegen lassen ..., der Sauger surrt, der Bohrer schleift. Herr Graber stöhnt leise.
"Wir passen uns dem Patienten an, dem Atem, seinen Bewegungen", sagt der Arzt. "Man darf den Kontakt nie verlieren: Vielleicht muss er mal oder hat Schmerzen!"
"Oder, schlimmster Fall", fällt seine Frau ein, "in Trance dringt ein verdrängter Schock herauf." Eine Patientin erlebte die Zahnbehandlung wie die Wiederholung eines Missbrauchs: Ihr Vater hatte sie zu Fellatio gezwungen. Eine andere reagierte verstört auf die Suggestion, ihr Rachen sei ein Eisberg und betäube jeden Schmerz. Sie war als Mädchen beinahe erfroren. "Wir sprechen vorher lange mit den Patienten", sagt Albrecht Schmierer. "Natürlich wollen wir einen Tsunami-Überlebenden nicht an einen Strand in Thailand führen."
Gehen Sie noch einmal tiefer ..., der Zahnarzt führt schmierige Masse in den Mund, bitte zubeißen. Herr Graber beißt zu, ... und wieder abtauchen, ... stellen Sie sich vor, was sie gerne essen ..., noch ein Abdruck; schließlich setzt Gudrun Schmierer dem Patienten Kopfhörer auf. Schöne Orte, Musik, 60 Schläge pro Minute. Er soll pausieren, bevor der Arzt die Provisorien einsetzt. Sie zieht den Hörer vom Ohr, eine Frage noch: "Geht es Ihnen gut?" Der Angstpatient schnarcht.
Auf internationalen Kongressen ist Schmierer einer der wenigen vortragenden deutschen Mediziner. Er zeigt Videos, berichtet von Patienten wie Gabriel Graber und Bernd Eidenmüller, der an diesem Tag zur Kontrolle kommt und Rückschau hält. "Geben Sie Ihr Gebiss ab - ein Quatsch!", sagt er. "Aber ich war ja mit bunten Elefanten baden. In dem Zustand denkt man: Prima. Geb ich's ab, bin ich's los."
David Spiegel, Psychiatrieprofessor und Verhaltensforscher an der kalifornischen Stanford-Universität, hypnotisiert Kinder, denen ein Blasenkatheter gelegt wird; sie müssen ansprechbar und daher ohne Vollnarkose bleiben. Suggeriert er ihnen, sie tobten durch Disneyland, weinen sie weniger und bringen die Prozedur etwa 20 Minuten schneller hinter sich. Marie-Elisabeth Faymonville, Anästhesistin an der Universität Lüttich, hypnotisiert Patienten vor einer Operation statt sie, etwa mit Valium, zu sedieren. Dann erhalten sie die üblichen Beruhigungsmittel und eine örtliche Betäubung. In einer Klinik der University of Washington versetzen Chirurgen Verbrennungsopfer in Trance, wenn die verkohlte Haut desinfiziert wird. Und beinahe immer verspüren die Hypnotisierten geringeren Schmerz als solche, denen Ärzte nur Betäubungsmittel geben.
"So verwunderlich ist das nicht", meint Zahnarzt Schmierer. "Bevor es Narkotika gab, haben sich viele Mediziner mit Hypnose beholfen." 1845 operierte James Esdaile, Doktor bei der Britischen Ostindien-Kompanie in Kalkutta, das erste Mal einen hypnotisierten Mann. Es folgten Hunderte Patienten; oft amputierte der Arzt.
Als die Ärzte 1850 mit Äther, Chloroform und Lachgas umzugehen lernten, verlor sich das Wissen. Milton Erickson entdeckte die Hypnose Mitte des 20. Jahrhunderts neu. Mit 17 erkrankte er an Kinderlähmung. Stundenlang blickte er auf den rechten unbeweglichen Arm und stellte sich vor, wie es sich anfühle, eine Heugabel zu halten. Bald konnte er greifen, dann an Krücken, schließlich ohne Stützen gehen. Er behandelte Hunderte, doch immer blieb der Arzt und Psychologe auch sein eigener Patient: Im Alter auf den Rollstuhl zurückgeworfen, half ihm Hypnose, die Schmerzen zu ertragen. An der Universität Göttingen haben 28 Patienten Ähnliches vollbracht. In einem Modellversuch kontrollierten sie ihre Schmerzen durch Selbsthypnose so weit, dass sie noch nach Monaten auf 60 bis 75 Prozent ihrer Tabletten verzichten konnten.
"Einige Patienten wollen auch bei uns kein Betäubungsmittel", sagt Zahnarzt Schmierer, der Praxisrekord liege bei drei Weisheitszähnen. Doch er warnt. "Was ist mit denjenigen, die nicht hypnotisierbar sind?" Winfried Häuser, Oberarzt am Klinikum Saarbrücken, stimmt ihm nachdrücklich zu. "Die Illusion, Narkose abzuschaffen, ist unseriös und gefährlich", urteilt er, obwohl er selbst zahlreichen Patienten in Hypnose schmerzfrei den Magen gespiegelt hat. "Nur bei kleineren Eingriffen kann sie örtliche Betäubungsmittel und Beruhigungsmittel ersetzen."
Zu ihm ins städtische Krankenhaus kommen Menschen, die noch nie etwas von medizinischer Hypnose gehört haben. "Viele fürchten zunächst einen Spuk. Sie sind überrascht, wie unspektakulär, aber wirkungsvoll Hypnose sein kann."
Oft behandelt der Internist Krebskranke und als Leiter der Psychosomatischen Abteilung auch Schmerzpatienten. "Bei Tumorschmerzen kann Hypnose helfen, die Nebenwirkungen einer Chemo- oder Strahlentherapie zu lindern", sagt er. Beim Reizdarmsyndrom habe sich gezeigt, dass sie oft besser wirke als Tabletten. Aufmerksam verfolgt auch er Studien und Fachkongresse: "Wenn Patienten vor, während und nach einer Operation eine mit Suggestionen besprochene CD hören, geht es ihnen oft besser. Sie können früher entlassen werden, sie benötigen weniger Medikamente." Sinnvoll eingesetzt, meint er, lasse sich mit Hypnose Geld sparen.
Bislang allerdings kostet Patienten eine Behandlung mit Hypnose häufig mehr als eine ohne. Gesetzliche Kassen gewähren weniger Punkte als für ein Belastungs-EKG; die privaten erstatten, 2,3facher Satz, 20,10 Euro. "Dafür arbeiten Liebhaber", kommentiert Schmierer. Viele seiner Kollegen berechnen 150 Euro für 60 Minuten. Andere verzichten bei langen Behandlungen auf den Zusatzlohn: Am entspannten Patienten lasse sich viel schneller und besser arbeiten.
In einem behäbigen Haus am Neckar breitet Dirk Revenstorf Bücher und Papiere aus. Lange dachte er, dem Geheimnis des Menschen durch die Mathematisierung der Welt auf die Spur zu kommen. Er war einmal Statistiker. Heute kann er über Schmerzunempfindlichkeit und Trancen auf dem Zahnarztstuhl referieren, über Hypnose im OP, in der Psychotherapie, im Experiment. Noch immer bemüht er Zahlen, Kurven, Mittelwerte. "Zuweilen ist es vertrackt", sagt er. "Die Kraft innerer Bilder lässt sich schwer beziffern."
Der Tübinger Professor für klinische Psychologie ist Verfasser eines Antrags, der Hypnose in den Rang einer psychotherapeutischen Methode heben soll. Er hat fast alle Studien gesichtet und persönlich Raucher beim Aufhören untersucht: 48 Prozent seiner Hypno-Therapierten hielten nach einem Jahr immer noch durch - mehr als doppelt so viele wie in der Nikotinpflastergruppe.
Im März 2006 errang er einen Teilerfolg: Die Mitglieder des "Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie" bewerteten Hypnose als mögliche Therapie bei somatischen Krankheiten und bei der Abhängigkeit von Rauschmitteln. Außerdem könne sie Kindern und Jugendlichen kurzfristig helfen, Chemotherapien zu bewältigen.
Wie lässt sich belegen, dass die Nervenzellen im Gehirn auf die Hypnose reagieren? Wie lässt sich ausschließen, dass im Kopf eines buddhistisch Erleuchteten dasselbe geschieht? Die Forscherin Ulrike Halsband hat mit vergleichenden Versuchen begonnen: Sie misst Hirnfunktionen meditierender und hypnotisierter Menschen. "Noch stützen wir uns auf Plausibilität", sagt sie. "Doch wenn verschiedene Leute ähnliche Ergebnisse erzielen, ist es unwahrscheinlich, dass es sich bei Hypnose um hysterische Spinnerei handelt."
Erste Bausteine einer Theorie kommen überwiegend aus den USA und Großbritannien. Mit einem Test, den Psychologen der Stanford-Universität entwickelten, ermitteln Forscher, wie stark ihre Probanden auf Suggestionen reagieren. Dann lösen diejenigen, die leicht hypnotisierbar sind, Aufgaben. Dabei werden ihre Gehirne fotografiert - dort, wo die Zellen gefordert sind, verbrauchen sie mehr Energie, sind deshalb gut durchblutet und auf den Bildern der Positronen-Emissionstomografie (PET) leicht zu erkennen. In einem zweiten Durchgang legen die Forscher ihren Probanden dieselben Aufgaben im Wachzustand vor. Vom Vergleich der Aufnahmen erhoffen sie sich Erkenntnis.
Bislang deuten viele Ergebnisse darauf hin, dass sich in Hypnose die gängige Arbeitsweise des Gehirns schwächen oder verändern lässt. An den Universitäten Harvard und Stanford sahen sich Hypnotisierte ein farbig changierendes Muster an. Stellten sie sich vor, das Ornament sei bunt, obwohl es gerade schwarzweiß war, regten sich Nervenzellen im "Gyrus fusiformis", der auch für farbiges Sehen zuständig ist. Erblickten sie das Muster aber wirklich in Farbe und halluzinierten, es sei schwarzweiß, ließ die Erregung nach. "Sie sahen, was sie zu sehen glaubten", kommentiert David Spiegel, Mitautor der Studie. Er wertet das Experiment als Beweis für einen veränderten Bewusstseinszustand in Hypnose. Schließlich könne kein Hypnose-Darsteller seinem Gehirn eine derart präzise Aktivität befehlen.
Zahlreiche Schmerzexperimente belegen ebenfalls, dass Hypnose die übliche Wahrnehmung außer Kraft setzen kann. Für eine in der Fachzeitschrift "Science" veröffentlichte Studie tauchten Männer und Frauen ihre Hände mehrmals in heißes Wasser. Die Versuchsleiter redeten ihnen ein, es sei angenehm warm, dann suggerierten sie ihnen die wirkliche, unangenehm hohe Temperatur. In diesem Moment reagierten die Nervenzellen im "Anterioren Cingulum", die an der Schmerzerkennung beteiligt sind, heftiger. Die Wassertemperatur aber war unverändert. Offenbar registriert das Gehirn in Hypnose zwar Schmerz, aber es fühlt ihn nicht. Einige Forscher mutmaßen, die Signale drängen nicht in tiefere Schichten des limbischen Systems vor, wo Empfindungen bewertet werden.
Auch im Wachzustand verarbeitet das Gehirn Informationen gemäß den Erwartungen, die es hat oder eingeredet bekommt. Es muss sich so verhalten - manipulierbar und voreingenommen. Andernfalls könnte der Mensch im Wust von Eindrücken, die ihn in jeder Millisekunde erreichen, keinerlei Sinn erkennen. Nur der kritische Verstand sorgt dafür, dass Erwartung und Wahrnehmung ständig miteinander abgeglichen werden.
In der Hypnose, vermuten die Hirnforscher, sei diese Kontrollinstanz wie betäubt. So blieben dem Menschen unlösbare Logik-Konflikte erspart. John Gruzelier, Neurowissenschaftler am Londoner Goldsmiths College, erklärt damit das hemmungslose Verhalten von Teilnehmern in Show-Hypnosen: Sie könnten die Folgen ihres Tuns nicht mehr abschätzen.
"Diese Ergebnisse sind ungemein interessant", sagt Ulrike Halsband. "Doch ob wir auf unseren schematischen Bildern je entdecken, was den Geist ausmacht? Vielleicht verraten sie uns nie, was ein Mensch in Hypnose fühlt und erlebt."
Als junge Wissenschaftlerin arbeitete die heute 52-Jährige im selben Haus am Neckar wie Dirk Revenstorf - "andere Abteilung, ich hatte nichts mit Hypnose zu schaffen". Eines Tages suchte sie ihn dennoch auf: "Neugierde". Sie lernte Selbsthypnose; die Technik half ihr bei Prüfungen, Vorträgen und Auswahlgesprächen. Sie solle sich Erfolg vorstellen, hatte der Kollege geraten, und die kritischen Zuhörer als Elefantenherde. "Je surrealer, desto besser". Da meckere der Verstand nicht so schnell.
"Damals habe ich geübt, dieses Gefühl immer wieder nachzuerleben, und mich dabei auf den Ring hier konzentriert", sie tippt auf den Schmuck am Finger, den sie vom Vater geerbt hat. "Es funktioniert. Muss man sich dann tatsächlich vor einer kritischen Runde behaupten, spielt das Gehirn einem die in Trance erlebte Situation gleichsam wieder vor. Es ist wie ein Aha-Effekt: Den Film kenne ich bereits."
Von jeher treibt es Menschen, die unwirtliche Welt mit Hilfe magischer Formeln zu beeinflussen. Selbst Atheisten beten am Bett eines Kranken: Überlebt er, zünde ich jeden Tag eine Kerze an. "Natürlich klingt so etwas antiaufklärerisch", sagt die Wissenschaftlerin. Es schert sie nicht. "Das Gefühl ist mächtig. Es wirkt. Also befassen wir uns damit. Wir erforschen ja auch den Effekt von Placebo-Medikamenten."
Zu ihren Experimenten melden sich viele Studenten an. "Ihr Kopf", sagt sie, "wird dann im PET fixiert. Damit die Aufnahmen nicht verwackeln." Aufs Klo dürfe niemand. "Sonst sind 1500 Euro perdu" - der Preis für eine Sitzung in der Röhre.
Ulrike Halsband steht daneben, bittet die jungen Akademiker über Lautsprecher in Trance, Stufe um Stufe auf einer imaginären Treppe. Schließlich erscheinen projizierte Wortpaare: Affe - Kerze, Sonne - Vogel, Moral - Buße. Erblicken die Probanden bildhafte Wortpaare wie 'Affe - Kerze', reagieren ihre Hirnzellen, die vor allem für das Sehen zuständig sind, heftiger als bei abstrakten Wortpaaren wie ,Moral - Buße'. Auch im Frontallappen regen sich die Neuronen dann stärker; er ist immer beteiligt, wenn der Mensch lernt.
Bei Gedächtnistests nach den Versuchen erkannte die Forscherin: Ihre Probanden erinnern sich an bildhafte Wortpaare, die sie in Hypnose lernen, besser als an solche, die sie sich im Wachzustand einprägen. Abstrakte Paare aber vergessen sie. "Das könnte bedeuten, dass vieles, was Bilder braucht, in Trance leichter herzustellen ist", interpretiert Ulrike Halsband das Ergebnis. "Einrichtungspläne, Schwimmbaddesign und eben auch innere Bilder gegen Schmerzen oder Angst."
Sie sind gekommen, um zu lernen. Ingrid, blonde Tirolerin; Alexander, ihr graubärtiger Begleiter. Thomas, ein Fitness-Coach in Flipflops; Oliver, Anästhesist aus der Schweiz. Der Magier Moritz, der Informatiker Uwe, der Sozialpädagoge Alfred. Matthias, Heilpraktiker, Denise, Heilpraktikerin; Jürgen, einst Schulleiter. Sylvia veranstaltet Reisen für Dicke, die Lebensberaterin Marika sucht ein zweites Standbein, Robert war Konditor in Bremen.
Vom Giebel gegenüber blickt eine Heilige Jungfrau auf die "Hypnoseakademie" am Arnstorfer Marktflecken in Niederbayern. "Herzlich willkommen", sagt ein untersetzter Mann mit Goldschmuck an Armen und Hals. "Hier im Seminar bin ich der Wolfgang. Oder der Alexander. Auf Deutsch: Wir duzen uns."
Wolfgang Künzel, der früher als "Master of Dreams Alexander Cain" sein Leben auf Kleinbühnen verdiente, in Discotheken und bei Betriebsfeiern, hat umgesattelt. Er gibt nun Seminare. "Keine Vorkenntnisse erforderlich. Lernen Sie gefahrlos hypnotisieren. In zwei Tagen, garantiert!" Er wischt sich den Schweiß von der Stirn. "Ich werde vieles erzählen, was konträr zur Fachliteratur ist", kündigt er an. "Weil ich aus Erfahrung lehre. Ich zeige Beispiele aus meinen Bühnenhypnosen. Da kapiert ihr am besten, wie alles geht." Ach so, schiebt er nach, die Leute mit Wirbelsäulenproblem oder massiv niedrigem Blutdruck müssten Bescheid sagen. "Die sollten nicht alle Übungen mitmachen."
So tritt er auf, der Mitgründer der "ersten Hypnosegesellschaft für jedermann", besorgt, doch immer lockend: "Wir können Körperfunktionen ändern. Wir können Leute gesund oder krank machen. Wir greifen direkt auf das Unbewusste zu." Er grinst. "Das so als kleine Einführung. Ich hoffe, ich kann euer Weltbild verändern."
Seine Kunden sind, für 498 Euro plus Übernachtung, auf dem Weg zum "Lebensberater". "Hypnotherapeut" dürfen sich die bei Künzel Geschulten nach den Leitsätzen der Fachverbände nicht nennen. Der Begriff ist psychotherapeutisch ausgebildeten Ärzten und Psychologen vorbehalten, die bei den Fachgesellschaften Hypnose erlernt haben; ebenso approbierten Sozialpädagogen, die hypnotherapeutisch mit Kindern arbeiten. Doch anders als in Schweden, Dänemark oder Israel darf sich in Deutschland jeder als "Hypnotiseur" betätigen.
"Solche Lebensberater wirken in einer Grauzone", sagt der Psychologieprofessor Walter Bongartz, er forscht seit vielen Jahren an der Universität Konstanz über Hypnose und Suggestion. "Sie machen sich zwar strafbar, wenn sie psychisch Kranke behandeln. Aber wenn jemand mit Stresssymptomen kommt, mit Angst vor Prüfungen oder dem Fliegen, dürfen sie ran." Im schlimmsten Fall drehen die Ratsuchenden bei den Lebensberatern durch. "Psychose, akute Persönlichkeitsstörung, Zusammenbruch, Retraumatisierung längst vergessen geglaubter oder verdrängter Katastrophen", zählt der Rottweiler Psychotherapeut Bernhard Trenkle auf, der für die Milton Erickson Gesellschaft Ärzte und Therapeuten ausbildet.
Künzel alias Cain schaltet das Powerpoint-Programm ein. "Erst mal Theorie", sagt er. "Punkt eins: Hypnose bedeutet eingeschränktes Bewusstsein. Punkt zwei: In leichter Trance sagt das Bewusstsein ,Stopp', wenn ihm was nicht passt. Punkt drei: Leichte Trance ist für uns uninteressant. Wir kümmern uns um Stufe drei, da, wo es heftig wird, wo Menschen wie Hunde bellen." Niemand könne sich davor hüten, in Hypnose seinen Willen zu verlieren. Er selbst habe einer Dame mal die Illusion gegeben: "Vor dir ein hungriger Löwe. Deine einzige Chance: abdrücken." Natürlich habe sie abgedrückt. "Plastikpistole, ha, ha." Das solle keine Anleitung sein. "Ich sage nur, was möglich ist."
Doch was ist möglich? Begehen Menschen während oder nach einer Hypnose wirklich Verbrechen?
Wissenschaftler unternahmen mehrfach Experimente: Es gelang ihnen, hypnotisierte Personen anzustiften, eine vermeintliche Giftschlange mit den Händen zu greifen oder dem Versuchsleiter, er stand hinter einer unsichtbaren Scheibe, ätzende Säure ins Gesicht zu schütten. In anderen Fällen schossen Probanden auf Anwesende; eine hochsuggestible Frau wollte Leute mit einem Gummidolch töten, den sie für echt hielt; eine andere verteilte Puderzucker - sie nahm an, es handele sich um Gift. Der britische "Channel 4" strahlte vor zwei Jahren eine Sendung aus, in der ein Illusionist Menschen dazu brachte, einen Geldtransporter zu überfallen. "Wir wissen, dass in Hypnose, so wie in einer intensiven Psychotherapie, das selbstzerstörerische und unsoziale Verhalten hervorbrechen kann, das wir sonst unterdrücken", sagt Hans-Christian Kossack, langjähriger Leiter der Bochumer Familienberatungsstelle und Autor des Buches "Hypnose"*.
Wolfgang Künzel drückt auf Start, ein Video: Der Master of Dreams mit Glitzerweste und Saalmikrofon, umgeben von Discobesuchern, vor ihm ein paar Freiwillige. "Tiefer und tiefer sinkst du in Entspannung." Seine Stimme rasselt durch die Lautsprecher der Discothek. Er stoppt den Film, blickt in die Runde. "Verwendet nie das Wort ,Hypnose'", mahnt er. "Entspannung, das kennen die Leute, da haben sie keine Angst."
Film ab, "acht ... sieben ... sechs ... tiefer und tiefer sinkst du in diesen aaahngenehmen Zustand", sagt Alexander Caine zu einer Discobesucherin, "jetzt öffnet sich dein Unterbewusstsein. Alles, was ich sage, ist die Wahrheit. Alles darf so eintreten, wie ich es sage." Einen Besucher nach dem anderen legt
* Hans-Christian Kossak: "Hypnose". Lehrbuch für Psychotherapeuten und Ärzte. Beltz Verlag, Weinheim; 756 Seiten; 59,90 Euro.
er rücklings auf den Boden; und wen er nicht in Trance wähnt, den schickt er von der Bühne. Zwei Kerle schmiegen sich aneinander und glauben, sie hielten die Liebste im Arm. Jungen und Mädchen saugen Zitronen aus und beteuern, nie süßere Pfirsiche gegessen zu haben. Eine Frau zählt "eins, zwei, drei, muh, mäh, Sex" und prügelt sich beinahe mit einer anderen, die darauf besteht, es heiße eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs. Hinterher erinnert sie sich an nichts.
Selbst erfahrene Ärzte und Psychotherapeuten können nicht ausschließen, dass ihre Patienten nach Hypnose unter Erinnerungsschwund, Schwindel, Ängsten oder Benommenheit leiden - häufig nach einer Altersregression, bei der sich die Patienten gedanklich ins Kindesalter versetzen. Die Erinnerung an vergessen geglaubte Schrecken kann sie retraumatisieren.
Oder sie fallen zurück in Abgründe ihrer Vergangenheit, die sie für wirklich halten, obwohl sie erfunden sind.
Die Geschichte des "false memory", der Erinnerungsverfälschung in Hypnose, begann, als amerikanische Therapeuten in den siebziger Jahren die "multiple Persönlichkeit" als Diagnose verbreiteten. Mancher menschliche Körper, so die damals fortschrittliche Lehre, beherberge bis zu 300 Personen. Ein Prozent der Amerikaner seien betroffen - rund zwei Millionen. Die Therapeuten hypnotisierten ihre Patienten, oft verabreichten sie zusätzlich das Narkosemittel "Natrium Amytal". Dann begann das angeblich therapeutische Gespräch.
Tatsächlich pflanzten sie ihnen im Lauf der Sitzungen falsche Erinnerungen ein. Vor allem Frauen, die wegen Depressionen, Ängsten oder Essstörungen zu ihnen kamen, glaubten schließlich, sie seien Hohepriester des Dämons, Tänzerinnen des Teufels oder Menschenesser - und zudem sexuell missbraucht von Satan oder ihren Vätern. Hunderte hielten die abstrusen Geschichten für einen Teil ihrer Vita.
Wie unzuverlässig die menschliche Erinnerung selbst im Wachzustand ist, haben zahlreiche Gedächtnisexperimente belegt. "Doch nach einem intensiven Tranceerlebnis wirken selbst erfundene Details real und vertraut", sagt der Psychotherapeut Trenkle. "Deshalb sind auch Zeugenaussagen, die unter Hypnose gemacht werden, zweifelhaft."
Da Menschen von einem Therapeuten Hilfe in ihrem Unglück und Schmerz erwarten, akzeptieren viele bereitwillig seine Erklärungen - ein Gefälle, das es Therapeuten ermöglicht, sich als Herrscher der Geschicke zu gebärden. Auch auf der Bühne herrsche ein starkes Machtgefälle, warnt der Psychologe Kossak. "Als Showmaster bestimmt der Bühnenhypnotiseur das Geschehen. Und obwohl er weder die seelische noch die körperliche Verfasstheit der Mitspieler kennt, nutzt er ein Verfahren, das psychische Prozesse in hohem Maß beeinflussen kann."
Im englischen Preston endete ein Spektakel 1993 mit dem Tod einer 24-Jährigen. Der Hypnotiseur hatte sie nach vierstündiger Trance mit einem suggerierten Stromschlag von 10000 Volt geweckt. Sie erstickte nachts an Erbrochenem, offenbar durchlebte sie ein Trauma erneut: Sie hatte als Mädchen einen Schlag erlitten und seither panische Angst vor Elektrizität.
"Bühnenhypnose ist Machtmissbrauch", urteilt auch Ute Stein. Zehn Jahre nachdem sie den Zusammenbruch einer Kollegin miterlebt hat, klingt die Berliner Zahnärztin noch immer bestürzt. "Es war ein Selbstversuch während einer Fortbildung. 130 Ärzte und Therapeuten und der geladene ShowHypnotiseur. Und irgendwann sollten wir auf der Bühne mit einem Stuhl tanzen."
Am Abend ergriff die Kollegin Panik. Ihr Atem ging schneller, ihr Puls wurde flacher. "Irgendwie haben die Bühnenscheinwerfer die Erinnerung an einen Unfall ausgelöst, bei dem auch Angehörige ums Leben gekommen waren." Die Zahnärztin stockt. "Was mich am meisten schockiert hat", sagt sie dann, "war, dass wir alle vom Fach waren. Wir meinten, alles zu durchschauen. Und dann das."
"Wie war das Spanferkel?" Wolfgang Künzel alias Alexander Caine beendet die Mittagspause. "Jetzt", der Lehrgangsleiter hebt die Stimme, "zei-ge ich euch, wie ihr hyp-no-ti-siert!" Er legt eine blaue Matte aus und bittet Robert, mit geschlossenen Augen darauf zu stehen. Dann wedelt er vor dessen Bauch und hinter dessen Rücken mit den Händen. Musik ertönt, laut, 60 Schläge pro Minute, "da ist eine Kraft, die dich nach hinten zieht", sagt der Master of Dreams und wedelt. Robert gleitet auf die Matte. Marika sinkt danieder und Jürgen und Uwe, und Wolfgang Künzel alias Alexander Caine greift nach der Kaffeetasse.
Dann übt Ingrid mit Robert, Oliver mit Moritz, Sylvia mit Marika, jeder mit jedem, und Robert kippt schließlich auch, als keiner wedelt, so hoch ist seine Erwartung.
Der Master of Dreams schreitet die Gruppen ab, klopft Schultern, verteilt Lob: "Richtig, immer selbstbewusst!" Und falls draußen im wirklichen Leben mal ein Patient in Panik gerate, könnten die Teilnehmer immer anrufen und nachfragen. "Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen."
Zum Abschluss gibt es eine Hypnose-CD mit "eingebauten suggestiven Sicherungen" - als Kopierschutz. Urkunden für alle. Den Tipp, Visitenkarten im Fitnesscenter auszulegen, um an erste Klienten zu kommen. Dann streut der Master of Dreams ein letztes Mal Verlockungen: ",Analyse und Rückführung', ,Ängste und Phobien', demnächst auch ,Kinderhypnose'. Mit diesen Kursen könnte es bei uns weitergehen für euch Lebensberater."
Hypnose, sagt Wolfgang Blohm, und es klingt, als stelle er eine Diagnose, sei eben vielschichtig. "So vielschichtig wie menschliche Phänomene nun mal sind."
Seit acht Jahren leitet der Allgemeinmediziner eine Privatklinik im schleswig-holsteinischen Riddorf. Es ist ein Haus für Menschen, deren Körper streikt, weil die Seele durcheinandergeraten ist. Französische Fenster reihen sich aneinander; Hagebutten im Innenhof. Die Nordsee ist nur wenige Kilometer weit. Drei Therapeuten, Zimmertüren ohne Nummern.
Hier leben, im Schnitt vier Wochen lang, Neurodermitiker, Asthmatiker, Essgestörte, Ausgebrannte, Phobiker und Depressive. Einige nehmen Psychopharmaka. "Hypnose allein bringt nicht zwangsläufig Besserung", sagt der Arzt.
Psychotische Patienten weist er ab, weil sie in akuten Phasen Vorstellung nicht von Wirklichkeit unterscheiden. Menschen, die verlangen, eben ihr Problem wegzuhypnotisieren, schickt er nach Hause. "Wir sind kein Zauberladen. Kaum etwas ist anstrengender, als die eigene Psyche so zu beeinflussen, dass man sein Verhalten ändert." Oft wirke alle Mühe langfristig ohnehin nur, wenn die Patienten zu Hause mit Selbsthypnose weiterarbeiteten.
Rund 10000 Psychotherapeuten in Deutschland ergänzen ihre Spezialgebiete wie Psychoanalyse, Verhaltens- oder Familientherapie mit Hypnose. Etwa 3000 unter ihnen sind "zertifiziert"; nach Studium und Therapieausbildung haben sie etwa zwei Jahre lang Hypnotherapie erlernt. "Hypnotherapeuten nutzen immer auch Elemente aus anderen Verfahren wie der Verhaltenstherapie", sagt Wolfgang Blohm. Das hat zwei Gründe: Die Kombination gilt als therapeutisch wirkungsvoller, und die etablierten Verfahren lassen sich bei den Krankenkassen besser abrechnen als Hypnose.
Für den Aufenthalt in Blohms Klinik übernehmen private Kassen die Kosten; ein Drittel der Patienten zahlt selbst, 1300 Euro pro Woche für Zimmer, Verpflegung, Therapie, Yoga und Waldlauf.
Claudia Meissner kam nach Monaten voller Erschöpfung, Heulattacken und Versagensangst; ihr Hausarzt wusste nicht weiter. Blohm bat sie in einen Ledersessel, so weich und tief, dass es unmöglich ist, darin verspannt zu sitzen. Er schickte sie in Trance auf eine Reise durch ihren Leib. "Arme, Beine, Herz, Leber, bei jeder Station fragte er mein Gefühl ab", erzählt sie.
Blohm beginnt jede Diagnose mit einer Tour durch den Körper. Die meisten Menschen empfinden ihr Sprungbein oder ihre Schreibhand als dynamisch und den weniger muskulösen Arm oder das andere Bein als schlapp. In Trance lasse sich dieses Gefühl in innere Bilder umdeuten, erklärt er. "Bei Frau Meissner verkörperte ihr scheinbar klotziges Bein die Seelenpein." Die 49-jährige Lehrerin fühlte sich den ständig wechselnden Reformen der Schulbürokratie nicht gewachsen.
Der Arzt schickte sie in ein Tribunal. "In Gedanken berieten über meinen Fall: ich, als Anklägerin meiner selbst; ein Verteidiger und ein Richter", erzählt sie. Immer wieder musste sie vor Gericht ziehen. "Ich habe meine Widersprüche dadurch besser erkannt. Ich stand im getäfelten Saal und lauschte den Argumenten." Schließlich verkündete der Richter Freispruch.
"Hypnotische Psychotherapie ist ein Umerziehungsverfahren", schrieb Milton Erickson in seinen für Kollegen bis heute wegweisenden Falldokumentationen. Der Begründer der modernen Hypnose begriff als Chance, was Marktschreier und Kurpfuscher missbrauchen: den Zugang zu Bewusstseinsebenen, die im Wachzustand unter einer wehrhaften Schutzschicht liegen.
Unerreichbar für den kritischen Verstand, ließen sich erlernte Beschränkungen, Überzeugungen, Denkmuster und negative Erfahrungen außer Kraft setzen. Der Mensch sei empfänglich "für andere psychische Prozesse und Assoziationsmuster", die ihn der Lösung des Problems näherbrächten. "Schlichter formuliert", übersetzt Mediziner Blohm: "In Trance lassen sich Tabus und Grenzen überschreiten, die einem das Leben schwermachen."
Wie alle Erben Ericksons geht der Klinikleiter davon aus, dass Menschen in Hypnose Gefühle und Gedanken umbauen können. Im besten Fall gelinge es einem Patienten, danach sein Leben zu renovieren. "Hypnose hat den Vorteil, dass man Gefühle und Situationen, die man sich bloß vorstellt, als wirklich erlebt." Und eigenes Erleben treibe Menschen eben eher an als Ratschläge oder Einsicht.
Ammár Hachicho schlägt Konzertnoten auf. Er legt die Finger auf die Tasten; ein Augenblick der Ruhe, dann spielen sie gewaltige Musik. Bis vor wenigen Wochen rangen im Kopf des 37-jährigen Pianisten ein Hedonist, ein Depressiver und ein Tatkräftiger miteinander. Der Musiker litt an fokaler Dystonie: Die Kontrolle über den vierten und fünften Finger der rechten Hand war ihm abhanden- gekommen. Als Jugendlicher hatte er Preise gewonnen, geplant war nun der große Erfolg - das zumindest wollte der Tatkräftige. Der Hedonist stritt für das faule Leben des verhinderten Künstlers, der Depressive schob alle Schuld den ehrgeizigen Eltern zu.
Der Tag kam, da konnte er die Diskussionen im Kopf nicht länger ertragen. Der Patient entschied, die Lust am Spielen müsse wichtiger sein als der Erfolg. In langen Hypnose-Sitzungen erfand er Bilder: einen hellroten biegsamen Kreis für das Gefühl einer gesunden Hand, eine azurblaue Pyramide für das Gefühl unwilliger Finger. Immer wieder fragten die Therapeuten, wie sich das anfühle: trillern? Eine Taste herunterdrücken, einen Akkord greifen? Muskeln, erklärten sie ihm, reagierten bereits auf Gedanken mit winzigen Impulsen. Bei Skiläufern bauen sie sich nach einem Beinbruch schneller wieder auf, wenn die Sportler in Hypnose vorgestellte Pisten hinunterfahren.
Einleuchtend, fand der Musiker. Es ziehe ihm ja auch den Mund zusammen, wenn er an eine Zitrone denke. "Innere Bilder wirken nur, wenn sie dem Weltbild und den Erfahrungen des Patienten entsprechen", kommentiert der Arzt. "Sie hinterlassen Gedächtnisspuren im Gehirn, an die wir mit unseren Suggestionen anzuknüpfen versuchen."
Als der Pyramide die Ecken abfielen und sie zum Turm wuchs, überlagert von der Kraft des Kreises, setzte sich Ammár Hachicho wieder an den Flügel. Nun übt er Rachmaninow, Klavierkonzert Nr. 2.
Der russische Komponist hatte sich in einer Schaffenskrise einem Psychiater anvertraut. "Ich hörte die gleichen hypnotischen Formeln Tag für Tag", schrieb er später über die Behandlung , "... Du wirst dein Konzert schreiben ... das Konzert wird von exzellenter Qualität sein ..."
Kaum ein Jahr darauf spielte Sergej Wassiljewitsch Rachmaninow für ein Premierenpublikum. Klavierkonzert Nr. 2, opus 18, c-Moll. Er widmete es seinem Arzt. KATJA THIMM

Mesmerismus
Der österreichische Arzt Anton Mesmer gilt als Vordenker der Hypnotherapie. Ende des 18. Jahrhunderts behandelte er in seiner Wiener Praxis Hunderte, vor allem hysterische Patientinnen, indem er sie in einen Bottich voller Metallspäne bat und ihnen die heilende Kraft von Magnetfeldern suggerierte. Derart mesmerisiert sanken sie in Trance. Eine kaiserliche Kommission von Wissenschaftlern, beeinflusst vom noch jungen Gedankengut der Aufklärung, verbot Mesmer das Praktizieren. Er eröffnete dann eine Praxis an der Pariser Place Vendôme. In der englischen (to mesmerise) und der französischen Sprache (mesmêriser) steht sein Name als Synonym für "hypnotisieren".

Vorstellungskraft
Zahlreiche Beispiele belegen den Einfluss von Vorstellungen auf menschliches Verhalten: Kommt der Filmheld tragisch ums Leben, finden Romeo und Julia nicht zueinander, trifft Michael Ballack nicht den Ball, schlagen Herz und Puls der Zuschauer nachweislich schneller. Hirnforscher vermuten, dass sogenannte Spiegel-Neuronen solche Reaktionen mitverantworten - Verbände von Nervenzellen im Gehirn, die beim Menschen das gleiche Verhalten und die gleichen Gefühle hervorrufen, die er gerade bei einem anderen beobachtet. Dieser Mechanismus gilt als eine Grundlage für die Empathiefähigkeit des Menschen. Hypnoseforscher gehen davon aus, dass die durch Suggestionen hervorgerufenen inneren Bilder eine ähnliche Kraft entfalten.
Von Katja Thimm

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