26.02.2008

NAHAUFNAHMEFreiheit ohne Bart

Die iranische Menschenrechtlerin und Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi muss im Staat der Mullahs um ihr Leben bangen. Aber manchmal irritiert sie auch Islam-Kritiker und Feministinnen.
Endlich Büromöbel kaufen für unser kleines Kinderhilfswerk! Das war Schirin Ebadis erster Gedanke, als sie erfuhr, dass sie den mit 1,1 Millionen Euro dotierten Friedensnobelpreis bekommen würde. Ihr zweiter Gedanke: "Was wird die iranische Regierung dazu sagen?"
Schirin Ebadi ist seit der Verleihung des Friedensnobelpreises im Jahr 2003 zur berühmtesten weiblichen Stimme Irans geworden. Die Gesetzeshüter und Mullahs ihrer Heimat beäugen misstrauisch, was die 60-jährige Menschenrechtsaktivistin, Anwältin und Universitätsdozentin tut.
Und Ebadi tut viel. Sie schreibt Aufsätze, reist weltweit zu Konferenzen und Diskussionsrunden und wird nicht müde, ihre Überzeugungen vorzutragen: Menschenrechte, Demokratie und Islam seien keine Gegensätze, sondern durchaus kompatibel. Nur wenn man sie auf sinnvolle Weise zusammen- führe, finde sich ein Weg zum Frieden.
Fast zu groß erscheint ihr Sessel, dessen Lehnen sie mit schmalen Händen umklammert. Doch die kleine Frau im schwarzen Hosenanzug, die im Herbst 2006 im Hamburger KörberForum auftrat, ist eine wortstarke Kämpferin. Diszipliniert, sachlich und präzise antwortet sie auf Fragen. Als der Moderator wissen will, ob der Islam nicht leicht zu missbrauchen sei, wenn es um Menschenrechte und Frauenfragen geht, kontert sie: "Auch in der westlichen Welt gibt es unterschiedliche Positionen zu den Rechten der Frauen. Die Situation der Iranerinnen ist vor allem durch das patriarchalische Gewohnheitsrecht und nicht durch den Islam bestimmt."
Sätze wie diese sind ihr Markenzeichen. Sätze, mit denen die streitbare Frau aneckt, sich zwischen alle Stühle setzt und es irgendwie niemandem recht macht. Mit dem Vorwurf "Man kann Demokratie nicht herbeibomben" attackiert sie die Kriegspolitik des amerikanischen Präsidenten George W. Bush im Irak. Den herbeigeredeten Kampf der Kulturen hält sie für eine Rechtfertigungstheorie des Krieges. Mit dem Hinweis, dass der Westen vor Menschenrechtsverletzungen gern die Augen verschließt, sobald es um Wirtschaftsverträge geht, kritisiert sie die Europäer.
"In Iran müssen Frauen ein Kopftuch tragen - im Ausland nicht", erklärt sie, als sie bei der Verleihung in Oslo als erste Muslimin den Friedensnobelpreis entgegennimmt, ohne Kopftuch. "In Iran will man die Frauen unter den Schleier zwingen, in Europa will man ihnen den Schleier mit Zwang wegnehmen, beides lehne ich ab", sagt sie und irritiert damit Islam-Kritiker und Feministinnen. Ihr Credo: "Ich richte mich zunächst immer nach dem geltenden Recht, habe aber die universellen Menschenrechte im Hinterkopf."
Auf vielen Ebenen kämpft die von Human Rights Watch ausgezeichnete Aktivistin in Iran um Verbesserungen für die Menschen: als Anwältin für politische Gefangene, mit ihrem Hilfswerk für Kinder, mit Gesetzesnovellen für die Rechte der Frauen. Tausende von Iranerinnen bejubelten sie nach der Bekanntgabe des Friedensnobelpreises auf dem Teheraner Flughafen und riefen in Anspielung auf die Tracht der Mullahs: "Freiheit gibt es nur ohne Bart und Wolle!"
Inzwischen ist die unerschrockene Ebadi in ihrer Heimat die Ikone des gewaltlosen weiblichen Widerstands und gleichzeitig der Alptraum der Turbanträger und Hardliner. Unterstützt von immer mehr aufmüpfigen Frauen, nutzt Ebadi ihre Waffen: messerscharfen Verstand, Eigensinn und Hartnäckigkeit.
Dazu kommt: Die Aktivistin ist keine hassenswerte Ungläubige, sondern praktizierende Muslimin und zählt es zu ihren islamischen Pflichten, für Gerechtigkeit und Freiheit zu kämpfen. Sie nimmt es mit einem System auf, in dem Frauen zwar 65 Prozent der Hochschulabsolventen stellen, die Frauenarbeitslosigkeit jedoch dreimal so hoch ist wie die der Männer. Einem System, in dem die Selbstmordrate der Frauen ansteigt und in dem Frauen die Zustimmung des Mannes für eine Scheidung benötigen, während Männer nur dreimal "Ich lasse mich scheiden" rufen müssen, wenn sie die Trennung wollen.
Weil die gewiefte Juristin sich mit der Scheidungsauslegung der Mullahs nicht zufriedengeben wollte, stöberte sie so lange in schiitischen Rechtstexten, bis sie herausfand, dass die Zustimmung des Mannes zum Scheidungsantrag ursprünglich gar nicht vorgesehen war, sondern erst später hinzuinterpretiert wurde. Sie legte ihren überarbeiteten Gesetzentwurf einem Parlamentsausschuss aus 20 Abgeordneten vor, zog das alte islamische Rechtswerk aus der Tasche und sagte: "Dieses Buch studiert man, wenn man ein Mullah werden will. An keiner Stelle fordert es die Zustimmung des Mannes zur Scheidung. Warum bestehen Sie darauf?"
Die Männer schwiegen betreten, das Gesetz wurde zwar nicht geändert, doch Ebadi hatte die Machthaber entlarvt - und gefährlich gereizt. "Warum hassen sie mich so sehr?", fragt sie in ihrer 2006 erschienenen Autobiografie, nachdem sie ihren Namen auf einer Liste mit Dissidenten fand, die ermordet werden sollen. Ebadi hat mehrere Wochen Gefängnis ertragen. Zwei Anschläge auf ihr Leben schlugen fehl. Todesdrohungen und Schikane gehören mittlerweile zu ihrem Alltag, genauso wie die Angst um ihr Leben, das ihres Mannes und der beiden Töchter.
"Klar habe ich oft Angst", sagt sie. "Doch wenn man vom richtigen Weg überzeugt ist, wird man nie müde, ihn weiter zu gehen."
Überzeugt von ihrem Weg war sie eigentlich schon immer. Sie wuchs zu Zeiten der Schah-Regierung in einer liberalen Familie auf und glaubte, alle ihre Ziele erreichen zu können. Klar, dass sie studierte, klar, dass sie einen Beruf ergriff. Die ehrgeizige Jura-Absolventin wurde mit 23 Jahren die erste Richterin ihres Landes. Sie schaffte es außerdem, einen Mann zu finden, Dschawad, von Beruf Elektroingenieur. Das war nicht einfach, denn nur wenige Iraner waren scharf darauf, eine kluge Frau in hoher Position zur heiraten.
Der Sturz des Schah-Regimes 1979 beendete Ebadis Erfolgsgeschichte. Sie hatte sich, wie viele iranische Intellektuelle, von der Revolution Ajatollah Ruhollah Chomeinis soziale Gerechtigkeit und Meinungsfreiheit erhofft. Doch sie irrte sich gewaltig. Die neuen Machthaber nahmen ihr den Job als Vorsitzende des Teheraner Stadtgerichts und degradierten sie zur Sekretärin.
Das von den Mullahs eingeführte frauenfeindliche Scheidungsrecht unterlief die an Selbstbestimmung gewöhnte Frau allerdings. Ebadi setzte einen nachträglichen Ehevertrag durch, in dem Dschawad ihr das Recht auf Scheidung und das Sorgerecht für die Kinder überließ.
Doch dazu kam es bisher nicht. Noch immer lebt Ebadi mit ihrem Mann zusammen. Wenn die Nobelpreisträgerin von einer Vortragsreise nach Hause kommt, nimmt sie eine Tasche und geht einkaufen. "Dschawad muss immer alles allein machen, wenn ich unterwegs bin. Klar, dass ich dann nach meiner Rückkehr die Hausarbeit übernehme", beantwortet sie im Hamburger KörberForum die Frage einer neugierigen Zuhörerin. Wieder so ein Satz, der manche irritiert. ANGELA KANDT
Von Angela Kandt

SPIEGEL SPECIAL 1/2008
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