25.03.2008

IDENTITÄT & INTEGRATION

Feuer und Wasser

Von Bednarz, Dieter und Steinvorth, Daniel

Mit dem "Euro-Islam" predigen muslimische Vordenker eine moderne Variante ihres Glaubens. Sollte die Reform des Islam ausgerechnet vom Abendland ausgehen?

Die Luft im Saal ist schlecht und die Stimmung unter den Anwesenden nicht viel besser. Es riecht nach Schweiß, Zigarettenrauch und kaltem Kaffee - sowie nach jeder Menge Probleme. Das bleibt nicht aus, wenn rund hundert Sozialarbeiter aus Londoner Problemvierteln wie Hounslow, Eastleigh oder Ealing zusammenkommen.

In ihren Bezirken schlagen sie sich oft mit zornigen Jugendgangs, mit Arbeitslosigkeit und gescheiterter Integrationspolitik herum. Heute nun, an diesem Donnerstag, sollen sie hier, im großen Saal des Veranstaltungszentrums Holborn Bars, lernen, dass Multikulti auch sein Gutes hat, dass sich vor allem aber niemand vor den Muslimen fürchten muss.

Und so stellt die Leiterin des Seminars "Kulturelle Vielfalt und sozialer Zusammenhalt", Lucy de Groot, "mit besonderer Freude" einen Redner vor, der dem dumpfen Konferenzraum allein schon durch sein Auftreten Glanz verleiht. Hier ein Lächeln, dort ein Nicken, schreitet der "geschätzte Gast" mit der Souveränität des erfolgsgewohnten Entertainers zum Podium: Tariq Ramadan weiß, wie man Herzen gewinnt.

Geradezu verzückt blickt manche leidgeprüfte Sozialarbeiterin zu dem hochgewachsenen Mann auf: das Gesicht markant, der dunkle Bart getrimmt, der sandfarbene Anzug von eleganter Lässigkeit, den Kragen des sonnengelben Hemds aufgeknöpft, dazu der leicht dunkle Teint - Ramadan kommt daher wie ein Latino-Sänger. "Es ist schön, in London zu sein", sagt er mit warmer Stimme ins Mikrofon, "vielen Dank, dass Sie mich eingeladen haben." Ramadan legt die Fingerspitzen seiner gepflegten Hände aufeinander, schaut zuversichtlich ins Publikum: Heute Nachmittag wird seine Fan-Gemeinde wieder wachsen.

Offiziell ist Ramadan, 45, Professor für Islamwissenschaften in Genf. Gerade allerdings kommt er aus Oxford, wo er am St. Antony's College als Gastdozent lehrt. Eigentlich aber ist Ramadan mehr ein moderner Wanderprediger. Seine Mission: Europas Muslimen Selbstbewusstsein einzuimpfen und Europas christlichen Eliten seinen "europäischen Islam" zu erklären. Die Glaubensvariante, die sich nach Ramadans Erkenntnissen "unter europäischen Muslimen mit islamisch-europäischer Kultur gegenwärtig neu herausbildet", versucht westliche Werte und die Vorschriften des Islam zu vereinen. Für diesen "Euro-Islam" lieben die Migrantenkinder und die Dialogbeauftragten ihren Tariq Ramadan, rechte Nationalisten und beinharte Islamisten hassen ihn dafür.

Tausende Vorträge hat Ramadan in den letzten Jahren gehalten, vor Muslimen und Christen, Atheisten und Juden, vor Studenten, Kirchenvertretern und Politikern, vor Industriellen und Globalisierungskritikern. Übers Wochenende erst hat er in Frankreich bei vier Auftritten vor mehr als zweieinhalbtausend Menschen gesprochen, vorwiegend jungen Muslimen. Heute Abend redet er noch in Birmingham auf einer Polizeiversammlung, morgen früh muss er in Blackpool sein; vor wem er da auftritt, weiß er im Moment nicht so genau.

Mehr als eine gute halbe Stunde hat der Vielgefragte denn auch kaum Zeit für Lucy de Groots Seminar. Dem Vortragskünstler Ramadan aber reicht das, um über seine Religion, muslimische Minderheiten, Integration und Ausgrenzung zu sprechen - und seinen Zuhörern die Angst vor dem "Zusammenprall der Kulturen" zu nehmen, den sein Harvard-Kollege Samuel Huntington prophezeite.

"Die Probleme beginnen dort, wo wir neue Trennlinien konstruieren, wo wir die Gesellschaft nicht mehr als Ganzes sehen", sagt Ramadan zu den abgekämpft wirkenden Männern und Frauen an den großen, runden Tischen. "Nehmen Sie die Muslime nicht als ,die Anderen', als Fremde wahr, versuchen Sie, in ihnen Engländer zu sehen."

Da bleibt den Zuhörern nur beifälliges Nicken. Der Mann ist schließlich einer der prominentesten Muslime Europas, aber auch einer der umstrittensten.

Gelehrter und Schwadroneur, Reformer und Islamist, Aufklärer und Demagoge - wohl keinem Muslim hängen so höchst unterschiedliche Etiketten an wie Ramadan.

Den einen, wie der britischen Regierung, gilt er als muslimischer Vordenker, der den Koran modern auslegt und verkrustete Traditionen aufbricht. "Wir brauchen Vertrauen und Dialog und einen flexibleren Glauben", fordert Ramadan. Auch deshalb hatte ihn seinerzeit Premier Tony Blair in eine Art muslimische Task Force zur Bekämpfung des Extremismus berufen. Das US-Magazin "Time" wählte ihn unter die hundert wichtigsten Persönlichkeiten des neuen Jahrhunderts.

Für die anderen ist er ein subtiler Islamist, ein "Wolf im Schafspelz", ein Meister der Verstellung. Und tatsächlich gibt es Äußerungen von Ramadan, die gar nicht liberal und tolerant klingen.

So rechtfertigte der Professor in einer französischen Talkshow die islamische Gesellschafts- und Gesetzesordnung, die Scharia, deren drakonische Strafen bei strenger Auslegung gegen die Menschenrechte verstoßen; und die besonders grausame Steinigung wollte er zumindest nicht grundsätzlich verurteilen, sein Vorschlag: ein Moratorium für diese Todesstrafe. Bei seinen Auftritten vor jungen Muslimen, wenn keine Kameras auf ihn gerichtet seien, schlage er womöglich noch ganz andere Töne an, warnen seine Gegner.

Für die amerikanischen Behörden ist Ramadan sogar ganz offiziell ein Terror-Sympathisant. Da er Geld an zwielichtige Palästinenser-Gruppen gespendet hat, verweigerten sie ihm die Einreise in die USA.

Ohnehin haftet Ramadans Sippe der Ruch des Radikalen an. Sein ägyptischer Großvater war Hassan al-Banna, Mitbegründer der heute im ganzen Nahen Osten und sogar in Europa einflussreichen Muslimbruderschaft; sein Vater Said, gleichfalls ein Eiferer, rettete sich vor den Häschern des Regimes in Kairo nach Europa; in Genf kam Sohn Tariq zur Welt.

Aus radikalen Abspaltungen der Muslimbruderschaft stammen die Mörder des ägyptischen Staatspräsidenten Anwar al-Sadat oder des Reformdenkers Farag Foda: "Uns Muslimen fehlt ein Martin Luther", behauptete der Publizist - und wurde 1992 in Kairo auf offener Straße erschossen.

So dubios Ramadan vielen auch erscheinen mag - eine gewisse Parallele zu dem deutschen Reformator besteht durchaus: Wie Luther, der den katholischen Klerus herausforderte, zieht auch Ramadan gegen die "Traditionalisten, die Herolde einer wörtlichen Exegese des Korans", zu Felde. Wie der Mönch aus Wittenberg will auch der Professor aus der Schweiz den Religionsgelehrten ihr Deutungsmonopol über das heilige Buch der Muslime nehmen.

Statt sklavisch alte Offenbarungen zu befolgen, müsse der "historische Kontext" gesehen werden, in dem die Offenbarungen Gottes an den Propheten Mohammed erfolgt seien. "Der Islam", so Ramadan, "könne sich nicht außerhalb der Geschichte stellen."

Was er damit meint, zeigt der Streit zwischen Radikalen und Reformern um die Apostasie, den Abfall vom Glauben. Dazu heißt es in Vers 106 der 16. Koran-Sure: "Diejenigen, die frei und ohne Zwang dem Unglauben in sich Raum geben, über die kommt Gottes Zorn, und sie haben dereinst eine gewaltige Strafe zu erwarten." Daraus leiten Konservative seit jeher die Todesstrafe für Häretiker ab. Für Ramadan ist der Abfall vom Glauben kein Verbrechen. Er verweist darauf, dass sich die Verhältnisse "völlig gewandelt" haben. Zur Zeit des Propheten befanden sich die Muslime im Krieg mit ihren Nachbarstämmen. Der Glaubenswechsel kam Hochverrat oder Desertion gleich - und darauf stand der Tod. Damals. Heute, so Ramadan, sei der Glaube "die persönliche Sache jedes Einzelnen".

"Erneuert euer Verständnis des Textes, auch wenn der Text selbst sich nicht ändert. Lest ihn auf neue Weise", ruft Ramadan seine muslimischen Brüder zur Neudeutung der Offenbarung auf.

Damit hebt er sich nicht von anderen Koran-Kennern ab wie dem Ägypter Nasr Hamid Abu Seid oder dem Iraner Abdolkarim Sorusch, die darüber viele Bücher geschrieben haben und in Gelehrtenkreisen hohes Ansehen genießen. Auch sie fordern, den Koran mit den Mitteln der Hermeneutik, der wissenschaftlichen Textauslegung, zu deuten.

Doch es ist Ramadans Volksnähe, die ihn für ein breites Publikum öffnet.

"Gestern haben wir den Antworten aus unseren Herkunftsländern gelauscht, denn wir kannten nur eine Art, Muslim zu bleiben: die Muslime zu bleiben, die wir waren", predigt er. "Aber dann wurden Kinder geboren, neue Generationen, und die sind deutsch oder britisch oder französisch. Dies ist jetzt unsere Umwelt; der können wir nicht mit den Antworten von dort kommen. Wir brauchen hiesige Antworten."

Seine Antwort ist eine Glaubensvariante, in der sich abendländische Normen und Islam nicht ausschließen. Demokratie und Meinungsfreiheit, Menschenrechte und Glaubensfreiheit - alles kann der Gläubige mittragen, solange er den "unantastbaren Kern" des Islam respektiert: Glaubensbekenntnis, Gebet, Almosen, Fasten. "Praktisch alles andere", behauptet Ramadan, "ist interpretations- und anpassungsfähig in Raum und Zeit."

Allerdings ist der Euro-Islam à la Ramadan kein laizistischer Islam, wie ihn viele Abendländer gern herbeibeten würden. Ramadans Glauben kennt keinen Unterschied zwischen Politik und Privatem, Göttlichem und Weltlichem, die Ganzheitlichkeit des Islam stellt er nicht in Frage. Daher ist der so gefeierte Erneuerer, der stets einen kleinen Koran bei sich trägt, keinen Alkohol trinkt und Geschlechtertrennung im Schwimmbad befürwortet, für seine Kritiker auch kein wirklicher Reformator.

Aber mit seiner Islam-Auslegung baut Ramadan Brücken, über die verunsicherte Muslime auf ihre neue Heimat zugehen können. Er verschreckt sie nicht mit ketzerischen Parolen, doch er will sie rausholen aus dem Ghetto-Islam der Fundamentalisten. Ein Strategiepapier der Londoner Regierung sieht ihn daher durchaus als Speerspitze einer "islamischen Reformation" auf dem alten Kontinent.

Gerade unter Muslimen der zweiten und dritten Einwanderergeneration genießt Ramadan inzwischen die "Aura eines islamischen Superstars", wie das "New York Times Magazin" feststellt. Für junge Gläubige ist er der Über-Muslim schlechthin: Professor in Oxford und Spross einer für ihre Glaubensfestigkeit berühmten Familie, streng religiös und trotzdem salonfähig. Gläubigkeit und Weltgewandtheit, Islam und Moderne, das lebt Ramadan seinen Orientierung suchenden Anhängern vor, müssen einander nicht ausschließen.

Ramadan gibt den jungen Muslimen, wonach sie sich sehnen: Stolz und Würde - und das beruhigende Gefühl, dass sie auch als Disco-Besucher gute Gottes-Diener sein können. Ein so verstandener Euro-Islam, sagt der Freiburger Islamwissenschaftler Ludwig Ammann, "holt die Mehrheit der Muslime da ab, wo sie steht" - im konservativen, autoritätsgläubigen Lager.

Der Göttinger Reformvordenker Bassam Tibi sieht im Ramadan-Islam hingegen nur den "Versuch, dem orthodoxen Islam ein europäisches Gesicht zu geben, statt den Glauben mit der zivilisatorischen Identität Europas zu harmonisieren".

Doch ist diese Europäisierung überhaupt möglich? Schließen sich eine pluralistische Demokratie mit weltlicher Verfassung und die Ganzheitlichkeit des Islam, für den göttlich und weltlich eins sind, nicht aus? Sind Islam und Europa, Scharia und Menschenrechte, nicht wie Feuer und Wasser?

Nein, meint der in Syrien geborene Tibi, der den Begriff "Euro-Islam" Anfang der neunziger Jahre prägte - als Gegensatz zum "Ghetto-Islam" vieler Einwanderer, die sich in der Fremde abschotten und im Glaubenseifer ihr Heil suchen. Gerade weil der Koran verschieden interpretiert werden könne, habe er den "Vorzug der Anpassungsfähigkeit". Zum Beleg verweist Tibi auf den "Islam in Westafrika oder auch Indonesien, der ganz anders ist als der arabische oder persische, obwohl alle Muslime an den einen Gott und seinen Propheten Mohammed glauben".

Wie weit Islam und Laizismus miteinander vereinbar sind, zeigt das Beispiel Türkei, dem bislang größten und wohl auch wegweisendsten Feldversuch zur Flexibilität des Glaubens direkt vor den Toren Europas. In kaum einem Land treffen Orient und Okzident, der Glaube des Propheten und die Werte des Westens, so scharf aufeinander wie bei dem EU-Anwärter und Nato-Partner. In keinem anderen islamischen Land wurde dem Islam so viel Weltlichkeit abverlangt wie in der 1923 von Mustafa Kemal, genannt Atatürk ("Vater der Türken"), begründeten Republik.

Auf den Trümmern des Osmanischen Reiches setzte der überzeugte Europäer eine Revolution von oben durch, die das zurückgebliebene Anatolien wirtschaftlich und gesellschaftlich in die Moderne führen sollte, Zwangssäkularisierung zur Befreiung von den Fesseln der Religion eingeschlossen. Atatürk schaffte das Kalifat ab, in dem der Sultan der Gebieter über Reich und Religion war; als Zeichen der Wende zum Westen verbot er den Männern den Fes, den rotwollenen Hut mit Quastenbehang, und den Frauen das Kopftuch; er verfügte die Abschaffung der Scharia-Gerichte und verbannte die Religion ins Private.

Um die Moscheen von rückwärtsgewandtem Gedankengut frei zu halten, richtete Atatürk eigens das Präsidium für religiöse Angelegenheiten ein, das Diyanet Isleri Baskanligi (DIB).

Die Behörde mit inzwischen mehr als 100 000 Mitarbeitern beaufsichtigt die Ausbildung der Imame, der Vorbeter, und der Muezzins, der Ausrufer von den Minaretten, und sie bestimmt auch, was gepredigt wird; ihr Vorsitzender ist der höchste Vertreter des Islam in der Türkei - und mit Ali Bardakoglu heute ein erklärter Reformtheologe. "Die islamische Welt muss in sich das objektive Denken, die Vernunft, fortentwickeln", fordert der DIB-Chef.

Ins Amt berufen hatte Bardakoglu vor fünf Jahren Regierungschef Tayyip Erdogan, einst als Islamist der Schrecken des kemalistischen Establishments. Inzwischen wird der tiefreligiöse Premier als Modernisierer des Landes gefeiert, der die Türkei auf EU-Reife trimmt und dessen "Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei" (AKP) sich als islamisches Pendant zur CDU darstellt. Alle Ängste, der Bündnispartner Türkei werde zum Kalifat und zur Scharia zurückkehren, scheinen verflogen, auch dank Bardakoglu.

Im Gegensatz zu seinen Vorgängern, die ihr Amt mehr als kemalistisches Bollwerk verstanden, will der DIB-Chef den religiösen Diskurs beleben, Reformen anstoßen und dem Islam ein neues Gewand geben, durchaus im Wortsinne. Demonstrativ legte er die Cüppe ab, den schweren schwarzen Talar, den seine Vorgänger trugen. Sie wirkte Bardakoglu zu autoritär. Jetzt trägt der Ober-Muslim spirituelles Weiß, wie der Papst.

Mit dem katholischen Oberhirten steht der Mann aus Ankara im Dialog, trotz heftiger Auseinandersetzungen über dessen Regensburger Rede. In der hatte Benedikt XVI. im vorvergangenen September den weithin unbekannten byzantinischen Kaiser Manuel II. Palaeologos zitiert: "Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten."

Das sei "Kreuzfahrermentalität", zürnte Bardakoglu dem Papst und zeigte sich erst nach einer persönlichen Begegnung mit Benedikt XVI. bei dessen Türkei-Besuch wieder versöhnlich. Nun sollen Historiker und Religionsgelehrte in einem Gutachten für die DIB den Kaiser widerlegen.

Bei seinen Reformvorstößen drängt Bardakoglu vor allem auf eine Neuinterpretation der Offenbarung. "Jede Zeit", predigt er seinen Imamen, "muss den Koran mit ihrem eigenen Geist, ihrer Kraft, ihrer intellektuellen Erfahrung verstehen." Das Rüstzeug für die Debatte mit den Fundamentalisten kommt aus nächster Nachbarschaft: von der Universität Ankara.

Deren 1948 gegründete Theologische Fakultät gilt als Keimzelle aller religiösen Reformanstöße in der Türkei. Inzwischen gibt es im ganzen Land 23 weitere theologische Fachbereiche, und deren Dekane sind nahezu ausnahmslos Absolventen der Mutterfakultät in der Hauptstadt.

Der bekannteste und wohl auch einflussreichste Vertreter der türkischen Reformtheologie heißt Yasar Nuri Öztürk und lebt in Istanbul. Ob am Bosporus oder im Basar, den kleinen, eher unscheinbaren Mann mit dem fast kahlen Schädel kennen viele Türken aus unzähligen TV-Auftritten, aus seinen Kolumnen im Massenblatt "Hürriyet", aus seinen über 30 Büchern, deren türkische Gesamtauflage die Million längst überschritten hat. Etliche sind übersetzt worden, ins Arabische, Persische, Englische, sein wohl bekanntestes Werk "400 Fragen zum Islam - 400 Antworten" auch ins Deutsche. Dass er, wie nebenbei, auch der Dekan der Theologischen Fakultät der Universität Istanbul ist, geht fast unter.

Öztürks Thesen richten sich vor allem gegen die fundamentalistischen Eliten in den Regimen der islamischen Welt, die im Namen Gottes ihre Völker unterdrücken. Dieses Schicksal aber haben sich die Muslime selbst zuzuschreiben, weil sie über den "wahren Islam", so wie er im Koran stehe, "fast nichts" wissen. Hat nicht Gott selbst das System der monarchistischen Herrschaft für unzulänglich erklärt? So jedenfalls versteht Öztürk Vers 34 der 27. Sure: "Wahrlich, wenn Könige in eine Stadt, ein Land eindringen, verwüsten sie es und machen die höchsten seiner Bewohner zu seinen niedrigsten. So verfahren sie."

Auch den bigotten Mullahs und allen Eiferern, die immer noch von der Wiedererrichtung des Kalifats träumen, erteilt Öztürk unter Verweis auf die Offenbarung eine klare Absage. "Der Koran verkündet, dass das Prophetentum abgeschlossen sei", erklärt Öztürk. "Und eine der grundlegenden Forderungen daraus lautet: Das Zeitalter ist beendet, in dem die Völker von Personen geführt werden, die sich auf Gott berufen."

Während sowohl die Bibel als auch die Tora Christen und Juden die Herrschaft Gottes auf Erden verheißen, sieht Öztürk im Koran "das einzige Buch, das verkündet, dass die Theokratie aus dem Leben der Menschen weichen soll". Diese "wichtigste Wahrheit" des Koran aber wird "in den islamischen Gesellschaften verschwiegen und versteckt".

In der ihm eigenen Mischung aus theologischer Autorität und Populismus predigt Öztürk so einen laizistischen Islam. Dabei versteht er unter Laizismus nicht die klassische Trennung von Religion und weltlichen Angelegenheiten. Öztürks Laizismus ist eher ein mit dem Koran begründetes Demokratie-Gebot, das die Herrschenden zwingen soll, ihre Legitimation "nicht auf Gott oder göttliches Recht zu gründen, sondern auf den Willen des Volkes".

Sogar in Deutschland ist die "Ankaraner Schule" neuerdings mit einem Lehrstuhl vertreten. Ömer Özsoy, 44, einer ihrer renommiertesten Vertreter, hielt im November an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main seine Antrittsvorlesung über die "moderne Interpretation des Korans".

Was der zierliche Mann mit dem schmalen Gesicht und der hohen Stirn sagt, ist für viele Muslime, die im Koran das ewig gültige Wort Gottes sehen, geradezu unglaublich. Denn für Özsoy ist das heilige Buch der Muslime keine zeitlose Botschaft.

Der Religionsprofessor versteht den Koran als "Ansprache Gottes" an eine bestimmte Gruppe von Menschen zu einer bestimmten Zeit unter bestimmten Umständen. Das, so Özsoy, zeige sich schon daran, dass die Offenbarungen an den Propheten über einen Zeitraum von rund 23 Jahren erfolgt seien, zuerst in Mekka, dann in Medina: Jede Äußerung Gottes hebt auf eine besondere Situation ab, der sich Mohammed und seine Gefolgschaft ausgesetzt sahen, als Kämpfer und als Gläubige, als Vertriebene und Eroberer. Nur wer die Umstände kennt, unter denen der Prophet Gottes Wort empfing, kann auch die Botschaft dahinter erkennen.

Für Özsoy steht denn auch nur ein Bruchteil dessen, was die Offenbarung den Menschen vermitteln will, wörtlich im Koran; der Großteil der wahren Aussagen erschließt sich erst durch das Studium der historischen Umstände vor rund 1400 Jahren und deren Interpretation für die Gegenwart. Weil dieser "Transfer", diese Anpassung des Korans an die Aktualität, so lange schon verpönt sei, fehlten "den Muslimen die Antworten auf die Frage der Moderne". Die fatale Konsequenz: "Wir Muslime sind zurückgeblieben."

Um den Anschluss an die Gegenwart zu finden, zumindest theoretisch, finanziert die türkische Religionsbehörde den Frankfurter Lehrstuhl, der eingegliedert ist in den Fachbereich Evangelische Theologie. Özsoys Studenten spiegeln neben deutschen Zuhörern das ganz Multikulti-Spektrum der Main-Metropole, vom muslimischen Mazedonier über den christlichen Ägypter bis zur deutsch-türkischen Kopftuchträgerin.

Doch bislang öffnet sich in Deutschland nur eine Minderheit unter den Muslimen solchen Reformgedanken. Zwar schätzt der Islamforscher Tibi, dass sich von den mehr als drei Millionen Muslimen vielleicht zwei Drittel zum Euro-Islam bekennen würden. Doch "aufrichtig gelebt" werde dieser liberale Glaube höchstens von zehn Prozent der Muslime. Tibi: "An einem Glas Wein zu nippen ist noch kein Beispiel für die Akzeptanz europäischer Werte."

Den Vorstößen aus Ankara misst Tibi in der Praxis wenig Bedeutung bei, vorerst jedenfalls. Das kritische Denken von Özsoy und Kollegen sei zwar löblich, aber der Großteil der türkischen Muslime nicht offen für diese Gedanken. Tibi: "Der organisierte Glaube ist islamistisch oder orthodox."

Obwohl Tibi in Vorträgen und Gelehrtenzirkeln für den Euro-Islam wirbt, hat selbst er seine Zweifel, ob im Euro-Islam die Zukunft für über eine Milliarde Muslime in aller Welt liegt oder ob die Traditionalisten die Oberhand behalten werden.

Sicher ist sich Tibi jedoch, dass es zu einem Islam, der die "zivilisatorische Realität" der Moderne anerkennt, keine Alternative gibt. Deshalb will der Professor aus Göttingen weiter streiten für die Vision eines Islam ohne Scharia - nicht nur in Europa.

DIETER BEDNARZ, DANIEL STEINVORTH

Weg des Dschihad

Die im Jahr 1928 in Ägypten ins Leben gerufene Muslimbruderschaft setzt sich vehement für die Rückkehr zum ursprünglichen Islam ein: "Allah ist unser Ziel. Der Prophet ist unser Führer. Der Koran ist unser Gesetz. Dschihad ist unser Weg. Sterben auf dem Wege Allahs ist unsere größte Hoffnung" lautet das Motto der Vereinigung.



SPIEGEL SPECIAL 2/2008
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