25.03.2008

IDENTITÄT & INTEGRATION„Kümmeltürke oder Terrorist?“

Sie sind muslimisch erzogen, die Religion gehört zu ihrem Alltag. Und sie leben gern und erfolgreich in Deutschland. Prominente Muslime erzählen, wie sie Glauben und Leben verbinden.
NADJA BENAISSA, 25, ist die jüngste Sängerin der deutschen Popgruppe No Angels und tritt auch als Solokünstlerin auf. Sie lebt mit ihrer kleinen Tochter in der Nähe von Frankfurt am Main.
Ich bin in einer hessischen Kleinstadt inmitten einer gläubigen muslimischen Familie aufgewachsen, mein Vater ist Marokkaner, und natürlich wurden in meiner Familie die typischen islamischen Feste gefeiert. Andererseits: So richtig streng religiös war mein Vater auch nicht, er hat vor allem immer sehr viel gearbeitet. Meine Mutter ist halb serbisch, halb deutsch, und ihre Familie ist auch sehr traditionsbewusst, die Frauen trugen beispielsweise Häubchen und sind sehr gläubig.
Meine Familie ist wie ein großer Clan, in dem sich viele Kulturen mischen. Das finde ich sehr spannend, und ich glaube, ich bin auf diese Weise zu großer Toleranz erzogen worden. Und für mich meint der Glaube an einen Gott nicht so sehr eine bestimmte Religion, sondern ein bestimmtes Menschenbild, eine bestimmte Haltung dem Leben und den Menschen gegenüber.
Dazu gehören Ehrlichkeit, Toleranz, Offenheit, Intelligenz. Das versuche ich zu leben, und diese Eigenschaften sind mir auch bei anderen wichtig. Sind sie vorhanden, respektiere ich den Menschen, egal, was er glaubt, egal, welche Sprache er spricht.
Bei uns zu Hause wurde deutsch gesprochen, ich fühlte mich im Kindergarten und in der Schule auch nie ausgegrenzt, na ja, mit meinem Aussehen konnte ich nie den blondgelockten Engel spielen im Weihnachtsstück, und einmal hat jemand zu mir gesagt: "Geh dahin zurück, wo du herkommst." Das war nicht gerade freundlich, aber da ich nun mal in Deutschland geboren bin, habe ich diese Bemerkung gar nicht richtig verstanden. Natürlich sehe ich heute, dass die Beherrschung der deutschen Sprache mit das Wichtigste ist, um sich integriert zu fühlen und um akzeptiert zu sein. Ich finde, wer multilingual aufwächst, spricht häufig gar keine Sprache richtig.
Ich bin irgendwie verwurzelt im Islam, vom Kopf und vom Herzen her, aber nicht so sehr durch regelmäßige Gebete, Fasten oder so. Und meine Tochter hat jetzt in der Grundschule evangelischen Religionsunterricht, und das finde ich gut so.
Ich glaube, ich bin eine Mischung aus allen möglichen Eigenschaften, wie die meisten Menschen. Etwas Deutsches habe ich auch. Ich bin ja in der ganzen Welt herumgereist, und wo immer ich war, nach einiger Zeit fehlte mir dieses Strukturierte, Verlässliche, diese deutsche Tugend, dass man sich an Absprachen hält. Was das angeht, bin ich wohl sehr deutsch. Eigentlich möchte ich nirgendwo sonst leben, Deutschland ist meine Heimat.
MOHAMED ZIDAN, 26, spielt seit seinem 18. Lebensjahr als Fußballprofi in Dänemark und in der deutschen Bundesliga. Von Werder Bremen über Mainz 05 wechselte der ägyptische Nationalspieler 2007 zum Hamburger Sportverein.
Mit der Religion fängt man bei uns in Ägypten nicht irgendwann an. Man wird so geboren. Der Glaube hat eine große Bedeutung für das ganze Leben und begleitet einen bis zum Tod. Das ist ganz selbstverständlich. Ich habe auf einer islamischen Schule Abitur gemacht. Wir haben den Koran gelernt, aber natürlich auch vieles andere. In der Schule wurde nicht gebetet, das tun wir zu Hause. Aber wir haben in der Schule gelernt, wie man betet.
Den Fastenmonat einzuhalten, das ist schon schwer hier in Deutschland. Vor allem in meinem Beruf. Ich versuche es in meiner Freizeit, manchmal auch während des Trainings. Aber in der Spielzeit ist es unmöglich. Auch das regelmäßige Beten schaffe ich nicht immer. Zum Glück sagt der Koran, dass wir das Beten auch nachholen können, wenn wir es mal nicht schaffen.
Richtig leicht fällt es mir, auf Alkohol und Schweinefleisch zu verzichten. Meine Freundin ist Dänin, auch sie isst kein Schweinefleisch. Und warum sollte ich Alkohol trinken? Ich bin Sportler.
Meine Familie hat mich immer sehr unterstützt. Ich bin der Älteste von acht Geschwistern. Meine Mutter ist strenggläubig, aber sie hat mir immer vertraut. Wir haben alle lange in Europa gelebt, da gibt es viel Verständnis für meine Situation. Meine kleine Schwester zum Beispiel will kein Kopftuch tragen. Ich habe meiner Mutter gesagt, lass sie, sie muss es selbst wollen.
Ich finde es überhaupt nicht schwer, als Muslim in dieser Gesellschaft zu leben. Wer das will, kann es auch. Zur Politik äußere ich mich nicht. Ich bin hier, um Fußball zu spielen. Aber so viel will ich doch sagen: Die Religion ist Privatsache. Egal, was einer glaubt: Wenn jeder jeden respektiert, kann man auch gut zusammenleben. Meine Freundin ist Christin, ich respektiere ihre und sie respektiert meine Religion. Wie wir das machen, wenn wir Kinder haben wollen, haben wir noch nicht diskutiert. Auch wenn es für mich als Muslim eigentlich selbstverständlich ist, dass meine Kinder islamisch erzogen werden, werden wir darüber sprechen, wenn es so weit ist.
FATIH ÇEVIKKOLLU, 35, wurde als Schauspieler und Kabarettist mehrfach ausgezeichnet. Er lebt mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter in Köln und tourt derzeit mit seinem Soloprogramm "Fatihland" durch Deutschland.
Ich wurde als Kind türkischer Eltern in Köln geboren, meine Eltern sind Muslime, und bei uns war es so wie bei vielen Christen: Die Feste wurden gefeiert, das Zuckerfest und das Opferfest beispielsweise. Meine Mutter hat mir und meinen beiden Brüdern immer gesagt: Wir bekennen uns zu Gott, zu seinen Geboten, zur Fastenzeit. Aber viel mehr Religion war eigentlich nicht. Damals, vor 25 Jahren, waren viele Hinterhofmoscheen bereits sehr umtriebig. Meine Mutter sagte: Kinder, ihr geht mir da nicht hin. Sie fürchtete, wir würden dort zu sehr indoktriniert. Ich denke, meine Eltern sind gesund und wach im Kopf, sie haben eine ausgeprägte Menschlichkeit, die haben sie uns vermittelt. Der islamische Glaube meiner Familie war für mich nie dominant.
Wir sprachen türkisch untereinander, doch im Haus lebte eine 80-jährige Frau, man könnte sagen, sie war meine erste Freundin. Wir sprachen sehr viel miteinander, wir waren das perfekte Paar. Sie war 1900 geboren und somit ein wandelndes Geschichtsbuch, das war sehr interessant für mich. So habe ich nicht nur Deutsch, sondern auch Kölsch gelernt.
Als ich älter wurde, überraschte mich, wie lustfeindlich, streng und freudlos viele Muslime wirkten, meine Eltern betonten immer Brüderlichkeit und Toleranz. Heute gibt es dauernd diese Vergleiche: Sprichst du lieber türkisch oder deutsch? Ist der Islam besser als das Christentum? Auf diese Fragen darf man sich nicht einlassen, das ist der Beginn von Rassismus.
Nach meinem Abitur bin ich eher zufällig zur Schauspielerei gekommen und habe eine Zeitlang fest am Theater gearbeitet, geackert wie ein Pferd, bezahlt wie ein Pony. Ich habe mich schließlich selbständig gemacht, künstlerisch ist das freier und kreativer, ich will meine eigenen Geschichten erzählen. Die politisch-satirischen Texte, die ich mache, sind meistens sehr persönlich, sie sollen aufklären, dabei unterhaltsam und charmant sein - sie sollen den Zuschauern Freude im Herzen bereiten. Religion spielt immer wieder eine Rolle, ich habe zum Beispiel einen "Moslem-TÜV" im Programm, dabei geht es um den Test zur Integration in Baden-Württemberg. Ich schreibe auch gerade ein Buch mit dem Titel "Moslem-TÜV", da geht es um gesellschaftliche Veränderungen, um Religion, um Fragen wie: Gestern noch Kümmeltürke, heute schon Topterrorist, was ist da passiert?
Ich stelle in meinen Programmen die Dinge dar, wie sie sind, das bewegt schon etwas bei den Leuten. Gehässige Töne liegen mir nicht, ich möchte, dass sich die Leute emotional miteinander und mit mir verbinden, das ist mein Ziel. Deutschland ist meine Heimat, ich habe ein tolles Leben hier. Es ist schön, in der Türkei zu sein, aber ich freue mich sehr, wenn ich dann über den Rhein fahre und den Dom wiedersehe.
EBRU SHIKH AHMAD, 32, war mehrfache Deutsche Meisterin und Europameisterin im Karate. Sie leitet mit ihrem Mann im fränkischen Hemhofen eine Karateschule und ist Integrationsbotschafterin des Deutschen Olympischen Sportbundes. Sie ist Mutter eines Sohnes.
Ich bin in Reutlingen auf die Welt gekommen. Meine Eltern sind Türken, und als ich sieben Jahre alt war, schickte mich mein Vater in die Koranschule, immer sonntags für drei Stunden, zusammen mit meiner Schwester. So lernte ich, wie man betet, alle Koranverse, wir hatten einen gebildeten Lehrer, der auch sehr für die Bildung von Frauen eintrat. Religion spielte eine große Rolle bei uns, mein Vater betete fünfmal am Tag, und ich begann mit 13 Jahren auch zu beten.
Was bist du eigentlich?, fragten mich die anderen Schüler. Muslimin, habe ich gesagt. Gehst du in den evangelischen oder katholischen Religionsunterricht? Wie du willst, hat meine Mutter gesagt. Sie fand gut, dass ich auch das Christentum kennenlerne, ein Gegeneinander der Religionen gibt es für sie nicht.
Ich ging damals regelmäßig zum Schwimmen, aber als ich in die Pubertät kam, wollte mein Vater das nicht mehr. So kam ich zum Karatetraining, da waren Arme und Beine bedeckt. Mein Vater hatte nichts dagegen, war aber ansonsten sehr streng: keine Disco, kein Kino, kein Treffen mit Freundinnen, schon gar kein Treffen mit Jungs. Diese dauernden Verbote fand ich schwierig, ich fühlte mich total eingeengt, ich wollte nicht nur zu Hause sitzen. So wurde der Sport für mich wesentlich. Mein Trainer war Italiener, der verstand die Probleme der türkischen Mädchen: wenn wir beispielsweise zu Meisterschaften fuhren und dort übernachteten. Unser Trainer hat mit meinen Eltern gesprochen, und so durfte ich mitfahren. Dann, ich war 21, habe ich bei einer Meisterschaft in Mailand meinen Mann kennengelernt, er ist israelischstämmiger Palästinenser. Nach zehn Minuten sagte er: Ich heirate dich. Nach einem Jahr haben wir tatsächlich geheiratet. Seit elf Jahren betreiben wir unsere Karateschule, und das gefällt mir sehr gut. Inzwischen haben wir einen Sohn, zweieinhalb Jahre alt, und erziehen ihn im islamischen Glauben.
Ich finde, Türken integrieren sich sehr schnell, aber es braucht Ausdauer, Kraft und Selbstbewusstsein. Meine Arbeit als Integrationsbotschafterin ist wichtig. Die Trainer müssen lernen, die Familien zu verstehen, müssen Kontakte und Vertrauen zu ihnen aufbauen. Das machen mein Mann und ich auch bei den ausländischen Familien. Die wollen sicher sein, dass wir uns um die Kinder kümmern, sportlich und pädagogisch, und das tun wir auch. Vor drei Jahren hatten wir ein Angebot, nach Australien zu gehen, um in einem riesigen Fitnessstudio Karate zu unterrichten. Aber ich wollte nicht weg. Ich bin in Deutschland geboren und fühle mich hier sehr, sehr wohl.
ESMA ABDELHAMID, 47, hat mit der Journalistin Marianne Moesle den Bestseller "Löwenmutter" geschrieben. Das Buch schildert Esma Abdelhamids Ausbruch aus zwölf Jahren Zwangsehe und den Kampf um ihre Kinder.
Ich bin in Tunesien aufgewachsen, meine Eltern waren Muslime. Ich habe meinen Vater oft beten gesehen, während des Ramadan haben wir gefastet. Wir waren neun Kinder. Wir Mädchen hatten nichts zu sagen, an erster Stelle standen Gebote, Verbote und Familienehre. Unser Vater hat nie mit uns über Religion gesprochen. Unsere Erziehung war sehr streng, ich würde nicht sagen, dass sie islamisch ausgerichtet war, denn der Islam verbietet es, Frauen und Kinder zu schlagen. Ich erhielt keine gute Schulbildung, leider. Ein Mädchen heiratet ja doch, hieß es. Diesen Mangel an Bildung bedauere ich bis heute.
Gehorsamkeit war wichtig, sonst bekam ich Prügel. Für meinen Vater war es normal, einen Mann für mich auszusuchen, er betrachtete es als seine Pflicht. Ich war 19 Jahre alt, der Mann war Tunesier, ich wollte ihn nicht, doch ich wurde zwangsverheiratet. Mein Mann behandelte mich nicht gut, er hat kaum mit mir gesprochen und mich auch geschlagen. Anfang der achtziger Jahre kam ich nach Hamburg. Ich sprach kein Deutsch und war sehr unglücklich in meiner Ehe, ich fühlte mich isoliert und in der Wohnung wie gefangen.
Ich bekam zwei Söhne und eine Tochter. Als die Situation mit meinem Mann unerträglich wurde, bin ich in ein Frauenhaus geflüchtet. Mein Mann hat daraufhin die Kinder nach Tunesien entführt. Ich habe mir das Sorgerecht erkämpft und meine Kinder zurückgeholt. Inzwischen bin ich von meinem Mann geschieden, habe einen Job hier in Hamburg und habe meine Geschichte zusammen mit einer Journalistin aufgeschrieben.
Mein Buch soll anderen Frauen, die in einer ähnlichen Situation sind, Mut machen.
Ich habe meine Kinder im Geiste des Islam erzogen, vor allem aber mit viel Liebe und Geborgenheit, denn für sie war es auch eine schwere Zeit. Inzwischen sind sie erwachsen, sie sind sehr gläubig und gehen regelmäßig in die Moschee. Bis heute hatte ich keine Zeit für Koranstunden, aber ich weiß: Der Glaube an Gott ist tief in mir drin, die Beziehung zwischen Mensch und Gott ist für jeden Menschen eine sehr intime, private Angelegenheit.
NESRIN YILMAZ, 42, gelernte Schlosserin, sitzt für die CSU im Stadtrat von Ingolstadt und betreibt eine Gastwirtschaft. Die in der Türkei geborene Deutsche ist ledig und hat einen Sohn.
Mit neun Geschwistern bin ich auf dem Lande bei Ingolstadt aufgewachsen. Mein Großvater war Anhänger von Atatürk, dem Gründer der modernen Türkei. Meine Erziehung in der Familie war demnach nicht fundamentalistisch-religiös. Wenn mein Vater zum Opferfest dem Brauch gemäß ein paar Lämmer schlachtete, fand ich das schrecklich. Wenn wir Kinder zur Fastenzeit ein paar Tage mitgefastet haben, wozu wir zum Glück nicht gezwungen wurden, waren unsere Eltern stolz auf uns.
Zu Hause haben wir nur türkisch gesprochen. In der kleinen Dorfschule wurde ich oft gehänselt, bis ich einen Jungen verprügelte und mir damit Respekt verschaffte. Danach fing ich an, Deutsch zu lernen.
Wir gingen in die deutsche Schule und hatten deutsche Freunde. Mein Vater sah es nicht gern, wenn wir sie nach Hause mitbrachten. Er fürchtete, wir könnten anfangen, Alkohol zu trinken und zu rauchen. Als ich 18 war, hat mir meine Mutter heimlich manchmal geholfen, dass ich abends allein ausgehen konnte. Ich musste kein Kopftuch tragen. Minirock war natürlich tabu.
Als ich nach dem Hauptschulabschluss eine Schlosserlehre machen wollte, war mein Vater zunächst dagegen, wegen der vielen Jungs. Er war um den Ruf seiner Tochter und damit seiner Familie besorgt. Als Schlosserin in einem Industriebetrieb bin ich in die Gewerkschaft eingetreten, weil die Firma einen Kollegen mit verbotenen Klebstoffen arbeiten ließ. Außerdem habe ich angeprangert, dass Deutsche für Arbeiten einen Facharbeiterlohn bekamen, für den wir Türken als Hilfsarbeiter oder im Akkord eingesetzt wurden. Kampf ist wohl ein Wort, das zu meinem Leben passt.
Nachdem ich als Parteilose auf der Liste der Grünen in den Ingolstädter Stadtrat eingezogen war, trat ich nach einigen Jahren zur CSU über. Zum einen wollte ich etwas bewegen, was als Mitglied der Mehrheitsfraktion natürlich leichter möglich ist. Zum andern wollte ich gerade in den Köpfen der CSU in Sachen Integration etwas verändern. Mir war von Anfang an klar, dass der Schlüssel zur Integration das Erlernen der deutschen Sprache ist.
Gastwirtin war nicht gerade mein Traumberuf. Aber ich kenne die Regeln des Zusammenlebens in Deutschland und fühle mich mit Familie und Freunden sicher und wohl in diesem Land. Die Türkei ist für mich das Schwarzmeer, das ich sehr liebe.
SAID, 60, ist in Iran geboren und lebt seit 1965 in München. Der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller veröffentlichte 2007 eine Sammlung von "Psalmen", deren Spiritualität unabhängig ist von Konfession und Konventionen.
Im Herbst 1965 kam ich als 18-Jähriger aus Iran nach Deutschland, weil mein Vater wollte, dass ich Bauingenieur werde. Ich erinnere mich an die Kälte, die klimatische, und an das Tempo der Menschen. Bei uns zu Hause redet man viel miteinander, hier war dafür keine Zeit. Dadurch empfand ich mentale Kälte. Und natürlich, weil ich die Sprache nicht konnte.
Dann kam die Studentenrevolte. Der Schah in Deutschland, und wir demonstrierten. Zu Hause war die Literatur, jede politische Äußerung, alles zensiert zum Lob seiner Majestät. Und dann diese Offenbarung, diese Freiheit. Ich wohnte bei deutschen Studenten, sie nahmen Anteil an meinem Leben. Plötzlich war dieses Land für mich voller Wärme.
Die Religion war bei uns zu Hause nicht wirklich präsent. Meine Großmutter betete regelmäßig, meine Eltern nicht. Ich gehe bis heute in keine Moscheen, Kirchen oder Synagogen. Aber es gibt eine Ergriffenheit, dass da etwas jenseits des konkreten Lebens ist. Daran glaube ich.
Auch wenn man nicht gläubig ist, ist es gut, sich an Regeln zu halten. Wenn ich meinen streng muslimischen Freund besuche, bietet er mir Wein an, auf den ich in seinem Haus verzichte, weil ich ihn nicht verletzen will. Damit drücken wir gegenseitig unseren Respekt vor den Werten des anderen aus. Das vermisse ich hier. Denn das ist mehr als die Toleranz, von der hier so oft geredet wird. Man toleriert etwas, das einen nicht wirklich interessiert. Etwas, womit man sich nicht auseinandersetzen will. Aber ich will mich auseinandersetzen.
In meinen Psalmen rufe ich einen Gott an, welchen, das kann ich nicht sagen. Wenn ich wüsste, wo er wohnt, würde ich zu ihm gehen, anstatt zu schreiben. Man könnte sagen, ich bin ein Agnostiker mit viel Kummer.
AUFGEZEICHNET VON ANGELA GATTERBURG UND BETTINA MUSALL
Von Musall, Aufgezeichnet von Angela Gatterburg und Bettina

SPIEGEL SPECIAL 2/2008
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