DER SPIEGEL



IDENTITÄT & INTEGRATION

Der Mensch als heiliges Buch

Von Kiyak, Mely

Die Aleviten, beheimatet vor allem in Zentralanatolien, bilden in Deutschland eine starke, eigenwillige Minderheit unter den Muslimen.

Eine schöne Parabel illustriert, wie schwer es fällt, sich ein klares Bild von der Glaubensgemeinschaft der Aleviten zu machen: Vier blinde Männer sind zum ersten Mal in ihrem Leben mit einem Elefanten konfrontiert. Jeder von ihnen berührt einen anderen Teil und versucht seinen Eindruck zu beschreiben. Der erste Blinde betastet den Rüssel und sagt: "Es handelt sich um ein bewegliches Rohr!" Der Zweite berührt die Elefantenohren und behauptet: "Es fühlt sich eher an wie eine weiche, dicke Decke!" Der Dritte hat seine Arme um ein Bein geschlungen und ruft: "Irrtum! Dieses Ding ist ein großer, stattlicher Baum." Der vierte Mann, der seine Hand über den Körper des Elefanten gleiten lässt, meint energisch: "Sie wissen nicht, worüber Sie sprechen! Was ich hier taste, ist so groß und breit, dass es mehr einem Haus gleicht als allem anderen, das Sie beschrieben haben!"

Die alevitische Glaubensgemeinschaft ist gewissermaßen der Elefant unter den Religionen. Eine kurze, knappe Definition ist unmöglich, weil sich die geistigen Grundlagen aus polytheistischen, schamanistischen, philosophischen, islamischen und mystischen Elementen zusammensetzen.

Wer die Geschichte des Islam betrachtet, weiß, dass die frühe Spaltung der Religion in die beiden Hauptlager der Schiiten und Sunniten aus dem Fehlen einer allgemein anerkannten geistlichen Autorität nach dem Tod des Propheten resultierte - ein Defizit, das bis in die Gegenwart fortwirkt. Auch aus diesem Grund gibt es die verschiedenen islamischen Vereine in Deutschland, die auf unterschiedliche Weise den Islam leben und interpretieren. Da hier überwiegend sunnitische Muslime zu Hause sind, wird mit dem Islam meist eine Art von Minimalkonsens der sunnitischen Richtung identifiziert.

Doch von überlieferten dogmatischen Ansprüchen des Islam haben sich die Aleviten früh emanzipiert mit der Aussage "Der Verstand sitzt im Kopf und nicht in der Krone." Sie machen nämlich einen Unterschied zwischen der "äußeren" Bedeutung des Korans, der rein wörtlichen Ebene mit ihren Gesetzen und Verboten, und der "inneren", eigentlichen Bedeutung der Religion; dieser müsse jeder Einzelne ein Leben lang selbstverantwortlich nachspüren. "Das größte heilige Buch, das es durchzustudieren gilt, ist der Mensch", lautet ein Merksatz. Im Gegensatz zu Schiiten und Sunniten lehnen die Aleviten die islamische Rechtsordnung ab, die aus den Geboten des Korans und den Überlieferungen des Propheten Mohammed, den Hadithen, erwachsen ist.

Es ist deshalb kaum möglich, das Alevitentum in einen Bezug zum islamischen Mainstream zu stellen. Andererseits ergibt es aber auch wenig Sinn, Aleviten so zu behandeln, als hätten sie keinerlei Bezug zum Islam. Denn alle Verfolgungen, denen sie in ihrer Geschichte ausgesetzt waren, wurden mit ihrer Abweichung von zentralen Geboten des Islam begründet.

Der alevitische Ursprung reicht bis in das 7. Jahrhundert zurück, in die Zeit von Mohammed und seinem Schwiegersohn Ali. Bis zu seiner Ermordung war Ali kurzzeitig der vierte islamische Kalif. Er genießt bei den Aleviten (die Übersetzung des Begriffs lautet "Ali-Anhänger") besondere Wertschätzung. Doch dient ihnen Ali vor allem als Symbol für den Kampf um irdische Gerechtigkeit. Daneben findet eine Verehrung von Heiligen und Geistlichen statt, während im orthodoxen Islam die Anbetung und Verehrung ausschließlich Gott vorbehalten ist.

Das heutige Alevitentum entstand zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert. Verschiedene alevitische Gruppierungen, die Vertreibung als gemeinsames, identitätsstiftendes Schicksal erfahren hatten, fanden in jener Ära zusammen. Ihr Glaube war wesentlich von den Lehren des Wanderpredigers Haci Bektas Veli (13. Jahrhundert) geprägt. Sie alle hatten sich vom orthodoxen Islam entfernt und wurden verfolgt. Der kleinste gemeinsame Nenner dieser Gruppen ergibt das anatolische Alevitentum, das sich in den verschiedenen Ethnien wiederfindet - es gibt kurdische, türkische, turkmenische und arabische Aleviten. Auch wenn seit einigen Jahrzehnten Aleviten in der gesamten Türkei zu finden sind, konzentrierten sich die bis zu 20 Millionen Aleviten ursprünglich in Zentralanatolien. Da türkische Gastarbeiter besonders aus diesem Gebiet stammen, ist auch die Anzahl der in Deutschland lebenden Aleviten groß - Schätzungen reichen von 400 000 bis 700 000.

Das alevitische Bekenntnis lautet: "Es gibt keinen Gott außer Allah, Mohammed ist sein Prophet und Ali sein Gefährte." Der Wanderprediger Haci Bektas Veli wollte das göttliche Geheimnis, auch Wahrheit genannt, im Empfinden der Menschen widergespiegelt wissen und nicht in starren Ritualen. "Betet nicht mit den Knien, sondern mit dem Herzen", forderte er und lehrte: "Das Universum ist die sichtbare Gestalt Gottes."

Die Aleviten sind stets nur auf der Suche nach dem Göttlichen, um als Menschen Vollkommenheit zu erlangen. Sie suchen die Spuren Gottes im Handeln der Menschen, vor allem im Diesseits. Die Vorstellung eines - paradiesischen oder höllischen - Jenseits ist ihnen fremd.

Darin lag eine ungeheure Provokation für das sunnitisch-orthodoxe Kalifat der osmanischen Herrscher - und darin liegt noch in der gegenwärtigen Türkei eine religiöse Herausforderung. Die Tatsache, dass Männer und Frauen im alevitischen Gottesdienst gemeinsam beten, nährte im sunnitischen Islam die groteske Saga, bei dieser Gelegenheit würden sexuelle Orgien gefeiert. Und der Umstand, dass Aleviten die Polygamie ablehnen, liefert orthodoxen Muslimen bis heute Anlass für Gerüchte über den rituellen Inzest der Aleviten. Als eine im Dezember letzten Jahres ausgestrahlte "Tatort"-Folge ausgerechnet um Inzest in einer in Deutschland lebenden Aleviten-Familie kreiste, war die Aufregung in der Gemeinde darum entsprechend groß.

Der Glaubensgrundsatz der Aleviten lautet nach Bektas Veli: "Was immer du suchst, du musst es bei dir selbst suchen! Nicht in Jerusalem, nicht in Mekka." Demnach spiegelt sich das Göttliche in jedem Lebewesen, in jeder Beziehung und im eigenen, vernunftgeleiteten Handeln wieder. Das Paradies ist hier auf Erden. Was zählt, ist der Mensch. Dieser Humanismus findet sich in allen Liedern, Gedichten und Aussprüchen wieder, die im Laufe der Jahrhunderte von alevitischen Gelehrten, Sängern, Künstlern weitergetragen wurden. Dabei spielt die Langhalslaute, die Saz, eine wesentliche Rolle bei den religiösen Zeremonien. Im 19. Jahrhundert wurde der Bektasi-Orden vom damaligen Sultan Mahmud II. verboten. Klöster wurden geschlossen, Tausende Geistliche umgebracht und viele Bücher verbrannt. Damals ist ein Großteil der alevitischen Überlieferung verlorengegangen. Von den verbliebenen Schriften kann jedoch keine einzige gegen andere Ethnien, Religionen oder das andere Geschlecht verwendet werden.

Es könnte scheinen, als sei das Alevitentum eine Religion, die größtmögliche Freiheit ohne rituelle Verpflichtungen bietet. Doch dieser Schein trügt. Die heiligen Bücher der Aleviten, Buyruk genannt, enthalten ethische Regeln und Anleitungen zur Durchführung religiöser Zeremonien ("Cem"). In ihnen werden Glaubensauffassungen, Traditionen und Sitten gepflegt. Die wichtigste Handlungsmaxime lautet: "Beherrsche Deine Hände, Deine Zunge, Deine Lende." Gemeint ist das Verbot von Diebstahl, Gewalt, Tötung, außerehelichem Geschlechtsverkehr und übler Nachrede, und das Verbot, alevitisches Wissen zu verraten. Das Alevitentum steht in seiner Komplexität, mit seiner Historie, seinen Geboten, Feiertagen, Handlungsmaximen, Einflüssen von Geistlichen und Heiligen, anderen Religionen in nichts nach. Doch erst in jüngerer Zeit erlebt es eine Renaissance, die maßgeblich von der jüngeren alevitischen Generation mitgetragen wird.

Dazu kommt die Erinnerung an pogromartige Ausschreitungen in der Türkei gegen Angehörige des alevitischen Glaubens, die auch in Deutschland die Gemeinden verbindet. Vor allem bei älteren Aleviten sitzt der Schock tief, den der Anschlag vom Juli 1993 in der zentralanatolischen Stadt Sivas ausgelöst hat. Damals trafen sich dort Künstler zu einem Kongress, um des im 16. Jahrhundert lebenden alevitischen Dichters Pir Sultan Abdal zu gedenken. Das Hotel Madimak, in dem die Teilnehmer logierten, wurde von radikal islamischen Fundamentalisten angezündet. 37 Menschen kamen ums Leben, während Sicherheitskräfte es duldeten, dass Tausende Menschen vor dem Hotel zuschauten und jubelten. Die alevitische Gemeinde kämpft seitdem dafür, das Hotel in eine Gedenkstätte umzuwandeln. Derzeit beherbergt das Gebäude im Erdgeschoss ausgerechnet ein Kebabrestaurant, das für frisch gegrilltes Fleisch bekannt ist. Die Empörung der Aleviten, dass ihre Forderung nach einer Gedenkstätte bis heute abgelehnt wird, ist angesichts dessen erst recht nachvollziehbar. Und der Anschlag von Sivas ist nur einer von vielen, die allein im 20. Jahrhundert passierten.

Die Diskussion jedoch, ob es sich bei dem Alevitentum um eine Form des Islam handelt oder nicht, wirkt auf Angehörige der jüngeren Aleviten in Deutschland befremdlich. Teile der alevitischen Gemeinde sehen bei einer Selbstverortung außerhalb des Islam die Gefahr, sich zur Sekte zu degradieren. Intern kommt es darüber häufig zu Auseinandersetzungen. Für den Großteil der alevitischen Jugend spielt diese Frage keine Rolle. Repressalien gegen ihre Religion deuten sie als politische Konflikte. Auch sind sie bei ihrer Arbeit, etwa in den Jugendorganisationen, nicht auf die Türkei fixiert, wie viele der älteren Mitglieder.

Man kann das politische und religiöse Interesse kaum voneinander trennen. Die alevitische Jugendorganisation erklärt sich das leidenschaftliche Engagement der Elterngeneration in der türkischen Politik verständnisvoll damit, dass unmittelbar erfahrene Unterdrückung ein gutes Gedächtnis und langes Erinnerungsvermögen fördert. Die Integrationsanstrengung der nachfolgenden Generation gilt aber primär der Partizipation in der deutschen Gesellschaft.

Erstmalig in der Geschichte der Aleviten ist inzwischen in fünf deutschen Bundesländern alevitischer Religionsunterricht offiziell zugelassen. Mehr und mehr werden die Aleviten in Deutschland von dieser Möglichkeit Gebrauch machen können. Dagegen ist für die Aleviten in der Türkei Schulunterricht in ihrer Religion noch weit entfernt. Dort gibt es einzig den sunnitischen Pflichtunterricht, der allen Schülern den angeblich einzig wahren Islam in der sunnitischen Auslegung verkündet.

Noch existieren kaum Sozialforschungen über Aleviten und kein Lehrstuhl für alevitische Theologie. Doch die Arbeit der Alevitischen Gemeinde in Deutschland, die derzeit immerhin 20 000 eingetragene Familien umfasst und stetig wächst, ermöglicht das Aufleben von althergebrachter Kultur und von Traditionen, die in der Türkei weitgehend verlorengegangen waren. Ob die Aleviten angesichts der neuen Entfaltungsmöglichkeiten in Deutschland die Verbindungen zum Islam ganz aufgeben oder sich als Teil der islamischen Religionsgemeinschaft definieren werden, bleibt vorerst offen.

Bis dahin wird sich wohl auch die alevitische Gemeinschaft über das Wesen des eigenen Glaubens so uneins sein wie die Blinden über den Elefanten.

Mely Kiyak

Die in Berlin lebende freie Journalistin, 31, entstammt einer alevitischen Familie und hat das Buch "10 für Deutschland. Gespräche mit türkeistämmigen Abgeordneten" veröffentlicht (Edition Körber-Stiftung).


Protest gegen "Tatort"

Die "Tatort"-Folge "Wem Ehre gebührt" drehte sich um Inzest in einer Aleviten-Familie - besonders unsensibel angesichts verbreiteter Verdächtigungen. Daraufhin versammeln sich am 30. Dezember 2007 Tausende Aleviten zu einer Protest-Demonstration in Köln. Die Teilnehmer fühlen sich an religiöse Verleumdungen über angeblichen rituellen Inzest in ihrer Glaubensgemeinschaft erinnert. In der Türkei nähren solche wilden Gerüchte einen Hass auf die Aleviten, der sich schon in mörderischen Pogromen gegen die religiöse Minderheit entladen hat.



SPIEGEL SPECIAL 2/2008
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