25.03.2008

TOLERANZ & TERROR„Die Juden auslöschen“

Hasspropaganda im Namen des Islam: Schon Kleinkinder werden indoktriniert.
Sanabel", fragt Farfur im Kinderprogramm der Hamas-eigenen Fernsehstation al-Aqsa, "was wollt ihr zum Wohl der al-Aqsa-Moschee tun?" - "Wir wollen kämpfen." - "Und was noch?" - "Die Juden auslöschen." Jetzt ist Farfur, die Comicfigur im Fernsehprogramm der Hamas, zufrieden. Sie ist Walt Disneys Mickymaus wie aus dem Gesicht geschnitten; eine Mickymaus, die lustig und unterhaltsam den Mord an Juden propagiert.
Internationale Proteste zwangen die Hamas, den Disney-Klon aus dem Verkehr zu ziehen. Der Sender al-Aqsa tat dies auf eigene Art: Farfur wurde im Kinderprogramm von einem israelischen Beamten verprügelt. Anschließend wandte sich das durch die Sendung führende Mädchen an sein Publikum: "Ihr habt gesehen, dass die Juden Farfur als Märtyrer töteten. Was wollt ihr den Juden sagen?" Eine dreijährige Schaima meldete sich am Telefon: "Wir mögen keine Juden, weil sie Hunde sind! Wir werden sie bekämpfen!" - "Oh Schaima, du hast recht", erwiderte das Mädchen im Studio, "die Juden sind Verbrecher und Feinde."
Farfurs Auftritt ist typisch für die antisemitische Propaganda der Hamas. Über Satelliten wird sie auch nach Deutschland exportiert, um neue Generationen fanatischer Antisemiten und Selbstmordattentäter aufzuziehen.
Vorbild des im Jahr 2006 gegründeten Hamas-Senders ist die TV-Station der Hisbollah, al-Manar. Das Kinderprogramm von al-Manar zeigt Kinder mit Sprengstoffgürteln und dazu die Bilder von sterbenden israelischen Soldaten, die mit triumphierenden Gesängen unterlegt werden. Ein Trickfilm demonstriert, wie sich ein Kind in der Nähe israelischer Soldaten in die Luft sprengt, während der TV-Cartoon einen Jungen präsentiert, der lächelnd auf einer Rakete Richtung Israel fliegt. Die Älteren dürfen sich an Videoclips erfreuen, die mit inspirierender Grafik und mitreißender Musik für Selbstmordattentate werben, während das Abendprogramm die ganze Familie mit einer Spielfilmserie unterhält, die sich an den antisemitischen Klassiker "Die Protokolle der Weisen von Zion" anlehnt.
Ende 2004 verbot Frankreich die Ausstrahlung von al-Manar über den europäischen Eutelsat wegen antisemitischer Anstachelung. Gleichwohl werden Hassbotschaften weiterhin über die von Saudi-Arabien und Ägypten kontrollierten Satelliten ArabSat und NileSat in die Wohnzimmer von Muslimen in Deutschland gelenkt - eine Berieselung, die wohl nicht ohne Folgen bleibt.
Zalman Gurevitch heißt der schwarzberockte Rabbiner, der am Schabbat des 7. September 2007 seine Synagoge im Frankfurter Westend verließ und kurz darauf "spontan und zufällig", wie die Polizei erklärte, auf einen 22-jährigen Deutsch-Afghanen stieß. "Scheiß-Jude, ich bring dich um", rief dieser und rammte ihm am frühen Abend ein Messer in den Bauch. Gurevitch war als Jude zu erkennen. Ein bisschen Glück und eine Notoperation retteten sein Leben. Dieser Anschlag war zwar ein Einzelfall. Aber es ist nicht zu übersehen, wie sich der aus Beirut und Gaza importierte Hass als spontaner Alltags-Antisemitismus in Schulen und Sportvereinen, auf Straßen und in U-Bahnen niederschlägt. Antisemitisch erzogene Knirpse wenden das neue Schimpfwort "Du Jude!" schon in Kindergärten und auf Spielplätzen an, Schüler beschimpfen ihre Lehrer als Judenhunde, weil sie keinen Scharia-kompatiblen Unterricht anbieten, jüdische Schüler werden überfallen und sehen sich gezwungen, auf die Berliner Jüdische Oberschule zu wechseln und die Insignien ihres Judentums - Kippa und Davidstern - in der Öffentlichkeit zu verhüllen. Zwar führten im Jahr 2006 neonazistisch motivierte Übergriffe die Statistik an. Doch stieg zugleich die Zahl der antisemitischen Straftaten mit islamischem Hintergrund von 33 auf 88 an.
Die bislang umfangreichste Studie zur Weltanschauung der "Muslime in Deutschland", die das Bundesinnenministerium 2007 veröffentlichte, bestätigt diesen Trend. "Bei den jungen Muslimen", heißt es hier, "waren erheblich häufiger antisemitische Haltungen festzustellen als unter nichtmuslimischen Migranten oder einheimischen Nichtmuslimen." Dass dieser Antisemitismus nicht als Underdog-Attitüde einer sozial deklassierten Szene abgetan werden kann, sondern eine ideologische Denkform repräsentiert, hat die Studie am Beispiel muslimischer Studenten gezeigt: "Auffallend", heißt es hier, "war die Verbreitung pauschaler antisemitischer Vorurteile auch unter den muslimischen Studierenden. Solche Vorurteile, die von knapp einem Drittel in der Tendenz und von etwa zehn Prozent in extremer Form geäußert werden, finden sich deutlich häufiger als antichristliche Vorurteile."
Woher kommt der abgrundtiefe Hass, den Sender wie al-Aqsa und al-Manar verbreiten und den sich jeder zehnte der befragten muslimischen Studenten zu eigen macht? Als Ursache wird häufig der Nahostkonflikt genannt. Dies greift jedoch zu kurz: Feindschaft gegenüber Juden gibt es seit der Entstehungszeit des Islam. So zitiert die Hamas in ihrer Charta den Propheten Mohammed mit folgendem Ausspruch: "Der jüngste Tag wird nicht kommen, bis die Muslime gegen die Juden kämpfen und sie töten, so dass sich die Juden hinter Bäumen und Steinen verstecken. Und jeder Baum und Stein wird sagen: ,Oh Muslim, oh Diener Gottes, da ist ein Jude hinter mir. Komm und töte ihn.'" Damit wird der Judenhass religiös begründet.
Im 20. Jahrhundert kam dann Nazi-Deutschland mit ins Spiel. Es wollte die frühislamische Judenfeindschaft für eigene Interessen nutzen. Also wurden die antijüdischen Kampagnen der Muslimbruderschaft in Ägypten mit erheblichen Geldzuwendungen unterstützt. Mehr noch: Ebenso wie die Nazis den in Europa verbreiteten christlichen Antijudaismus radikalisiert hatten, taten sie alles, um auch den latenten altislamischen Antijudaismus zu radikalisieren.
Während im Frühislam alles Jüdische als böse galt, wurde nunmehr alles Böse als jüdisch abgestempelt - die Kriege und die Revolutionen, der Rauschgifthandel und der Sittenverfall. Zwischen 1938 und 1945 schickte der Rundfunksender der Nazis die Lüge von der jüdischen Weltverschwörung allabendlich in die islamische Welt. Die professionell gestalteten Sendungen wurden auf Arabisch, Persisch und Türkisch ausgestrahlt und waren sehr beliebt. Kein Wunder also, dass die Charta der Hamas sich auch dieses Erbes angenommen hat. Die Juden, lesen wir in Artikel 22, "standen hinter der Französischen Revolution und der kommunistischen Revolution ... sie standen hinter dem Ersten Weltkrieg ... und sie standen hinter dem Zweiten Weltkrieg ... Es gibt keinen Krieg in der Welt, bei dem sie nicht ihre Finger mit im Spiel haben".
Ob im Falle Mohammeds oder hier: In beiden Fällen hat die Hamas ihre Judenfeindschaft mit Quellen begründet, die älter sind als Israel. Wer aber erst mal der dämonisierenden Wahnvorstellung anheimgefallen ist, wird sein antijüdisches Feindbild in allem, was eine israelische Regierung tut oder lässt, bestätigt finden. Mehr noch: Wer Juden für alles Übel dieser Erde verantwortlich macht, wird den jüdischen Staat als vermeintliche Keimzelle alles Bösen ausmachen. Er wird den Holocaust, wie die Hamas es tut, leugnen oder feiern - auch in Berlin.
Hier sind die Lehrkräfte zuweilen mit muslimischen Schülern konfrontiert, die ihre Sympathie für die Nazis ausdrücklich mit der Shoah begründen ("Hitler gefällt mir, der hat's damals richtig gemacht mit den Juden") und die sich weigern, an Fahrten zu KZ-Gedenkstätten teilzunehmen. Im Deutschen Historischen Museum versammelten sich muslimische Jugendliche während einer Exkursion vor der Nachbildung einer Gaskammer von Auschwitz und applaudierten. Können wir die Bewusstseinszustände, die solche Aktivitäten hervorbringen, Israel anlasten? Eher ließe sich sagen, dass die Wellen des Hasses, die der Nazi-Kurzwellensender einst in die arabische Welt trug, heute wie ein spätes Echo zurückschlagen.
Die Mehrheit der Muslime lehnt den Islamismus und dessen Propaganda ab. Laut Verfassungsschutz hat sich hierzulande nur etwa ein Prozent von ihnen den islamistischen Organisationen angeschlossen, zu deren Programmatik der Antisemitismus zählt. Erheblich größer ist das unorganisierte Radikalisierungspotential. So ergab die Studie "Muslime in Deutschland", dass acht bis zwölf Prozent der Muslime antiwestlich und antidemokratisch eingestellt sind. Bei jüngeren Muslimen seien "stark fundamentale bis islamismusaffine Haltungen" zu finden. Einer der Befragten artikulierte, so die Autoren der Studie, den "Wunsch nach einer jungen politischen Avantgarde", die nun "das Heft in die Hand nehmen" müsse.
Ein derart rebellischer Impuls macht die islamistische Bewegung nach dem Wegfall des realsozialistischen Blocks und der Dezimierung der säkular ausgerichteten Protestbewegungen in der Tat zu einer Art antiwestlicher Avantgarde: Sie verfügt derzeit als der einzige Widersacher der globalen Weltordnung über eine Ideologie, über sehr viel Geld und über Anhänger in der ganzen Welt. So bedenkenlos aber, wie die Hamas auf eine Hollywood-Figur zurückgreift, um Kinder zu ködern, so freizügig bedient sich die Islamismus-Werbung inzwischen der Pop-Kultur: Trendbewusste Kleidung, Musik und Lifestyle verbinden "street credibility" mit der islamistischen Mission. Online-Läden wie das Hamas-nahe Portal Islamicstatewear.com verkaufen T-Shirts mit ausdrücklich religiösen Botschaften wie "Islam? Submit!", "I love my Prophet" oder "State University of Mecca", während Musiker wie der Rapper "Ammar114" (nach den 114 Suren des Koran) mit Sprechgesängen für ihre Art von Islam werben.
Andere muslimische Rapper inszenieren sich als Repräsentanten der "Generation Dschihad" und würzen ihren "Intifada-Rap" mit Judenhass der schlimmsten Sorte. So veröffentlichte das Berliner Rap-Ensemble "Zyklon Beatz" 2006 eine CD, in deren Texten Juden als Tiere dargestellt und als Teufel in Menschengestalt dämonisiert werden. Rapper Bushido, der im Februar 2008 offiziell und von RTL live übertragen den "Echo"-Preis als bester deutscher HipHopper erhielt, stilisiert sich als muslimischer Attentäter: "Ich bin ein Taliban ... Ich bin dieser Terrorist, an den die Jugend glaubt ... Ich bin King Bushido, zweiter Name Mohammed. Ich hab einen Flächenbrand über deine Stadt gelegt." Und in dem Rap-Video, das ein Berliner Libanese ins Netz stellte, heißt es: "Tötet jedes Judenschwein, die Jahudis sind gemein, es lohnt sich nicht, um sie zu weinen, alle sollen sie krepieren, Araber wie wir regieren." Binnen weniger Wochen erhielt sein Video, das das Hass-Universum von Hisbollah und Hamas milieugerecht übersetzt, einige hundert zumeist begeisterte Kommentare.
Was aber für die deutschsprachige HipHop-Szene zu beklagen ist - dass derartige Aussagen keinen Skandal mehr provozieren -, gilt für die Öffentlichkeit in Deutschland allgemein: Während der Antisemitismus der Rechten aus guten Gründen Aufsehen erregt, wird der Antisemitismus, sofern ihn Muslime artikulieren, zu wenig beachtet. Für die einen scheint der Judenhass zur orientalischen Welt zu gehören wie die Wasserpfeife und die Moschee. Die anderen schweigen, weil sie in Muslimen hauptsächlich Opfer sehen. Die dritten beschönigen den islamischen Antisemitismus als nachvollziehbaren Reflex auf den Nahostkonflikt, während Organisationen wie die Partei Die Linke die islamistische Bewegung als potentiellen Gesprächspartner betrachten.
Zwar hat das Bundesinnenministerium 2003 die arabische antisemitische Organistion Hizb ut-Tahrir verbieten und 2005 das türkische antisemitische Verlagshaus Yeni Akit schließen lassen; zwar hat es seit 2007 Projekte gegen den Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen unterstützt. Aber all diese Bemühungen werden durch das Außenministerium konterkariert, das den Import der antisemitischen Propaganda durch saudi-arabische und ägyptische Satelliten akzeptiert.
Währenddessen hat im Kinderprogramm der Hamas ein Kaninchen namens "Assud" Mickymaus ersetzt. "Warum heißt du ,Assud' (Löwe), wo du doch ein Kaninchen bist?", fragte ein Mädchen in der Sendung vom 8. Februar 2008. "Weil ich, Assud, mit den Juden aufräumen und sie vertilgen werde." Das Mädchen nickte zustimmend: "Möge Allahs Wille geschehen." MATTHIAS KÜNTZEL

Matthias Küntzel
Der Hamburger Politologe, 53, ist Vorstandsmitglied der internationalen Wissenschaftlervereinigung Scholars for Peace in the Middle East. Zuletzt erschien von ihm "Islamischer Antisemitismus und deutsche Politik" (LIT-Verlag).
Von Matthias Küntzel

SPIEGEL SPECIAL 2/2008
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