24.06.2008

Kämpfer gegen die Feigheit

Coop Himmel(b)lau galt lange als Enfant terrible der Architekten-Szene. Und noch immer wollen die Wiener anecken, provozieren, ästhetische Normen verrücken - und bitte, nur eines nicht: leblose Mittelmäßigkeit.
Der Schwung kühn, geradezu schwindelerregend, in einer dynamischen Windung schraubt sich ein riesiger Doppelkegel in die Luft, ganz so, als schaue der Betrachter unmittelbar ins Auge eines wütenden Wirbelsturms. Am höchsten Punkt beginnt eine ausladende Dachschwebe, ein scheinbar schwereloses Tragewerk, mit Hilfe einer transparenten Fassade feiert es triumphierend den Sieg über die Anziehungskraft.
Die neue BMW-Welt in München, im vergangenen Oktober eingeweiht, ist schon jetzt ein architektonisches Wahrzeichen, so wie der in Sichtweite erbaute legendäre "Vierzylinder-Bau" des Wiener Architekten Karl Schwanzer, das Monument der Siebziger.
Und nun die Neuschöpfung: Kritiker feiern das imposante Innere des Gebäudes als Sensation. Selten, so der Tenor, konnte ein Architekt so viel "puren Raum" schaffen. Auch die Macher selbst frohlocken: Das 100 Millionen-Euro-Projekt, in dem die Münchner ihre PS-starken Motorenträume zelebrieren, sei die gelungene Symbiose von privatem und öffentlichem Raum, lobt Wolf D. Prix, Mitbegründer des Wiener Architekturbüros Coop Himmelb(l)au. Es gehe ihm um die Neuformulierung eines alten Themas, dann sagt er, wenig bescheiden: "Da ist uns ein Meilenstein geglückt."
Bescheidenheit ist nicht gerade eine Prixsche Tugend, der Wiener liebt die Allüre, die expressive Geste, den Paukenschlag. Es ist Sonntagmittag, Prix kommt in sein Atelier, langsam, fast schlendernd, das Herzstück der Coop Himmelb(l)auen Kreativmaschine ist ein alter Backsteinbau im 5. Wiener Gemeindebezirk, eine zweite Dependance findet sich in L. A. Der 65-Jährige Architekturprofessor, der an der Wiener Universität für angewandte Kunst lehrt, pendelt zwischen beiden Welten hin und her, zwischen der betulichen Donaustadt und der schillernden amerikanischen Westküstenmetropole.
Ein wenig sieht Prix aus wie ein in die Jahre gekommener Hollywood-Star - eine aparte Mischung aus Clint Eastwood (zu ruppig) und Robert Redford (zu schön). Das Gesicht braungebrannt, dazu eine Ray Ban mit blaugetönten Gläsern, ein schmal geschnittener schwarzer Anzug, alles sehr stylish. Soeben kommt er aus Dubai, das sei die "dümmste und hässlichste Stadt, die ich kenne", legt er ohne Umschweife los, das Emirat "eine leblose Geldstadt, ohne Infrastruktur und ohne Seele", wo mittelmäßige Architekten dabei seien, "Schwarz- und Korruptionsgeld zu einer Attraktion in unermesslich blöder Form" zu verbauen. Er zündet sich eine dicke Zigarre an und schnaubt: "Das Ganze ist eine einzige Katastrophe."
Das Emirat, da ist sich Prix sicher, steuere unaufhörlich auf den Abgrund zu: "Das Problem ist das feudale System. Wenige schwerreiche Menschen verwirklichen auf Kosten von vielen Millionen Arbeitern ihren Traum. Langfristig wird die Blase platzen."
Ein international agierender Architekt, noch dazu mit einer fetten Havanna zwischen den strahlend weißen Zähnen, der vorgibt, ein soziales Gewissen zu pflegen? Kann man sich das angesichts der weltweit lockenden Bauhysterie vor allem in Asien und den arabischen Staaten überhaupt leisten?
Prix kann.
Er hat lange genug gewartet. 20 magere Jahre lang. Er sieht sich nicht als bloßer Erfüllungsgehilfe, als Lakai uninspirierter Geldgeber. Im Gegenteil, er verachtet sie, Architekten aus Deutschland beispielsweise, die den Potsdamer Platz zu dem gemacht haben, was er in den Augen von Prix ist: eine "schreckliche Geldarchitektur" ohne Seele, ohne den öffentlichen Raum als urbanen Treffpunkt. Er sieht sich vielmehr als politischen Querdenker, der sich auch den Luxus herausnimmt, Projekte zurückzuweisen, wenn seine Bedingungen nicht erfüllt sind. In China etwa, habe sein Büro etliche Entwürfe zurückgegeben, weil dort nur privater und "kontrollierbarer" Raum geschaffen werden sollte. "Das machen wir nicht."
Wie aber hält es der Meister nun mit diesem Dubai, dieser aufgeheizten Vulgärausformung von Globalisierung, diesem Eldorado der Superlative? "Ich zocke mit", räumt Prix ein. Und zwar auf seine Weise. Er steht auf und zeigt auf eine Skizze an der Wand, die sein Büro den Scheichs geschickt hat, ein Modellentwurf namens "Horizontal Sky". Ein flüchtig wirkendes Etwas, ein kombinierter Hotel- und Apartmentbau, bei dem Solar- und Windenergie zu einem Energiemix fusionieren. Für radikale Architektur, sagt Prix, reiche es nicht aus, "radikale Zeichnungen" abzugeben, man müsse auch "radikal bauen".
Radikalität, das ist Coop Himmel(b)laus Mantra, seit 40 Jahren. So wie Jimi Hendrix und Bob Dylan die Erneuerer in der Musik waren, sagt der überzeugte 68er, so wollten er und seine damaligen Gründerkollegen Helmut Swiczinsky und Michael Holzer (ausgeschieden 1971) ebenfalls neue Wege beschreiten. Himmelb(l)au sei nun mal keine Farbe, sondern die Idee, Architektur veränderbar zu machen - wie die Wolken.
Es geht ums Prinzip, es geht darum, Grenzen auszuloten. Auch ästhetische.
Was das heißt, ließ sich jüngst anhand einer Jubiläumsschau im Wiener Museum für angewandte Kunst besichtigen, die das Schaffen der Wiener Baumeister seit Gründung der Firma vor 40 Jahren würdigte. Da waren sie vereint, die Prixschen Träume vom Durchbrechen gültiger Grenzen: galaktisch durchsichtig, fast skulpturenhaft geratene Bauten wie das Expo-Gebäude im schweizerischen Biel, der kristallin-transparente UFA-Palast in Dresden oder das gerade entstehende Musée des Confluences in Lyon, eine wolkige Stahlkonstruktion, uneben und kantig wie ein notgelandetes Raumschiff. Himmelb(l)aue Architektur "muss bluten", stechen, fetzen, sie soll brutal und zärtlich sein, eckig und hart, sie soll erschöpfen, sie soll obszön sein und geil, tönt des Meisters Stimme durch die Ausstellungsräume.
Warum gerade geil? Prix nimmt nun doch endlich seine Sonnenbrille ab, als wenn er auf die Frage gewartet hätte, dann lacht er und sagt: "Ganz einfach - ohne Geilheit kommt man im Leben nicht weiter."
Für den Berufsprovokateur ist seine streng durchdachte und hochstilisierte Art des Bauens das Gegenteil zu einer mittelmäßigen, pragmatischen Architektur, die nicht berührt, weil sie leblos ist.
So leblos wie Dubai. So leblos wie der Potsdamer Platz mit seinen wahllos aus dem Boden gestampften Hochhäusern.
Für Prix ist das die Hölle. Er aber will in den Himmel, will anecken, erregen.
Die Himmelb(l)auen, wie sie in ihrer Heimat genannt werden - das war von Anfang an Aufbegehren, das war Provokation. Und auch ein wenig Pop.
Als am 8. Mai 1968 weltweit wütende Studenten auf die Straße gingen, um für mehr Demokratie und gegen das Establishment und den Vietnam-Krieg aufzubegehren, wurde die Kooperative gegründet, ganz bewusst hoben die Gründer, die auch als Partymacher und Womanizer die Szene aufmischten, einen Begriff aus der Arbeitswelt hinein in den abgehobenen Kosmos der Kreativen. Im miefig-verkrusteten Nachkriegs-Österreich machten sich die jungen Wilden daran, Dämme zu durchbrechen. Mal ließen sie Aktionskünstler in transparenten Plastikkugeln nackt durch die Stadt laufen (Fresh Cells), mal nahmen sie in einem heruntergekommenen Viertel Londons ein abbruchreifes Haus ins Visier und versahen es mit einem Dachaufsatz, um gegen die grassierende Abrisspolitik zu protestieren ("The house with the flying roof").
Zu Hause, in Wien, diesem Sisi-hörigen, musealen Gesamtkunstwerk, das, wie Prix sagt, wie geschaffen ist für Pensionisten, bequem und träge, kämpften die Himmelsstürmer immer wieder gegen die "Feigheit" der Bauherren an. Eigentlich ist das bis heute so, bis auf wenige Ausnahmen konnten sie mit ihren architektonischen Phantasien hier nicht landen.
Dabei war es gerade der spektakuläre Dachausbau in der Wiener Falkestraße, ein "Manifest dekonstruktivistischer Architektur", mit dem ihnen in den achtziger Jahren der Durchbruch gelang, auch international: Plötzlich war Österreichs Architektur über die Landesgrenzen hinaus bekannt. "Das ist ihr größtes Verdienst", sagt die Wiener Architekturkritikerin Ute Woltron. "Sie zogen aufs internationale Parkett und knüpften an weltberühmte Wiener Architekten an wie den Jugendstilpapst Otto Wagner und den Wegbereiter der Moderne, Adolf Loos."
Trotz ihrer Bekanntheit lief es für die Wiener Avantgardisten jahrelang eher mäßig, große Aufträge blieben aus, mehrfach schlitterte Himmelb(l)au an der finanziellen Pleite vorbei. Die Entwürfe galten als gewagt, als spektakulär - letztlich aber doch als unbaubar.
Von der Utopie zur Realität hat es 20 Jahre gedauert", räumt Prix ein. Heute sind die Revoluzzer von einst, die wohl Zornigsten und Radikalsten ihrer Branche, angekommen. Auf der ganzen Welt bauen sie ihre Raumexperimente, Shopping-Center, Kinopaläste, Skyscraper, allein in Wien feilen 120 Architekten mit Blick auf zwei grüne Hinterhöfe an den neuesten Entwürfen. Inzwischen gilt ihre Architektur weltweit als en vogue, Unternehmen und Organisationen haben den Werbewert der himmelb(l)auen Bauten erkannt und nutzen ihn für sich und ihre Markenidentität.
Prix jüngster Coup: das künftige Gebäude der Europäischen Zentralbank in Frankfurt, ein modernes Monstrum, das Platz für 2500 Mitarbeiter schaffen soll, Kostenpunkt: 500 Millionen Euro. Geplant ist ein rund 180 Meter hoher Doppelturm, eng umschlungen von einem am Boden liegenden Giganten, einem sogenannten Groundscaper, der denkmalgeschützten Großmarkthalle. Mit diesem Modell setzten sich die Österreicher gegen 350 Konkurrenten durch.
"Bemerkenswert ist ihre uneingeschränkte Kompromisslosigkeit", sagt der Publizist und Architekturexperte Jan Tabor. "Coop Himmelb(l)au haben ihre Ideale nie verraten. Im Gegenteil, sie haben mit ihren Utopien den technischen Fortschritt geradezu herausgefordert. Die Leute setzten sich anschließend hin und machten sich Gedanken darüber, wie man das, was Himmelb(l)au entworfen hat, umsetzen kann."
Dank des digitalen Fortschrittes im Entwurfsdesign und neuer Methoden zur Statikberechnung sind aufwendige Modelle à la Coop Himmelb(l)au heute problemlos realisierbar. Nicht gerade zur Freude aller, die Himmelb(l)auen werden nicht nur geliebt, sie werden auch gehasst. Kritiker monieren immer wieder, das Effektheischende in der Prixschen Architektur, die nach Anerkennung schielende, brutal anmutende Kraftmeierei. Die Wiener Studentenapartments im Gasometer etwa bestechen nur von außen, innen erscheinen sie öde, wenig lebenswert - Showarchitektur, die an den Bedürfnissen der Menschen vorbeigeht? Auch der Bildgalerie des im letzten Jahr fertiggestellten Akron Art Museum in Ohio, zürnt die "New York Times", mangele es an Harmonie, an Licht, an Phantasie - das sei schlimmer als eine "Prise Vulgarität".
Und Prix? Ein kräftiger Zug an der Zigarre, der Qualm umnebelt für einige Sekunden sein Gesicht. "Die Erweiterung des ästhetischen Begriffs ist Politik", sagt er streng. "Leute, die nicht politisch denken, mögen unsere Architektur brutal finden, weil sie blind sind. Ich bleibe dabei: Wir brauchen in der Architektur neue Begriffe - sonst würden wir noch immer gotische Dome und römische Tempel bauen."
Das wäre für Prix ungefähr so, als würde Jimi Hendrix Querflöte spielen. MARION KRASKE
Von Marion Kraske

SPIEGEL SPECIAL 4/2008
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