Von Becker, Tobias
Japaner haben einen Sprung in der Schüssel - und freuen sich drüber. Das jedenfalls erzählt Byron Amanatidis, Kundenbetreuer beim exklusiven Möbelhersteller e15 vor den Toren Frankfurts. In Fernost, sagt er, würden die Risse gesprungener Vasen nicht kaschiert, sondern betont. Mit goldener Farbe.
Das klingt ebenso kurios wie kulturell wertvoll, ist also eine gute Geschichte für einen Kundenbetreuer. Die traditionelle Methode soll die Designer von e15 inspiriert haben: Holz mit Rissen oder Astlöchern werfen sie nicht weg, sondern verwenden es gezielt. Dunkler Holzkitt betont die wilde Natürlichkeit sogar, die das Möbel zum Einzelstück macht. "Wir nutzen den Baum so, wie er gewachsen ist", sagt Amanatidis.
Modern ist, was jahrelang als muffig galt: massives Holz, das wie Holz aussieht.
In den Achtzigern und Neunzigern war Massivholz der Inbegriff verspießten Wohnens: Es gab die Großeltern mit der deutschen Schrankwand aus der noch deutscheren Eiche. Rustikal natürlich, denn wer im Laden Eiche sagte, musste auch rustikal sagen.
Und es gab die Ökos, die belächelten Baumknutscher. Sie liebten Holz, weil es nachwächst, den Klimakiller CO2 bindet und keine Wohngifte ausdünstet. Das Problem: Design war ihnen egal - und das sah man auch.
Heute hat sich die Stimmung geändert: Umweltprodukte gelten in immer mehr Branchen als schick. Ökologische Klamotten und ökologische Kosmetik boomen, ökologische Lebensmittel sowieso. Aus der Nische sind sie in den Mainstream vorgestoßen. Sogar Billigheimer wie Aldi und Lidl führen Biokost.
Zielgruppe sind die "Neo Greens" oder "Lohas". Die Abkürzung steht für Lifestyle of Health and Sustainability (gesunder, nachhaltiger Lebensstil). Im Unterschied zu den Ökos von früher wollen sie nicht verzichten, sondern konsumieren. Sie wollen Spaß und Moral, gutes Design und gutes Gewissen. Kurzum: mit Shoppen die Welt verbessern.
In der Tendenz aber, so schreibt das Hamburger Trendbüro in seiner für den Otto-Konzern durchgeführten Studie "Konsum-Ethik 2007", geht es den Lohas eher um Selbstverbesserung als um Weltverbesserung: um Genuss, Gesundheit, und Image.
"Alles, was nur Öko ist, wird nicht gekauft. Es muss auch gut aussehen - und man muss damit angeben können", sagt Dannie Quilitzsch, Sprecherin von utopia.de. Das Internet-Portal für nachhaltigen Lebensstil ist erst im November 2007 an den Start gegangen und hat schon 12 500 Mitglieder. Beim Lead Award, dem Oscar der Medienbranche, wurde es als beste Web Community ausgezeichnet.
Unter den Produkten, die auf utopia.de vorgestellt werden, gibt es bislang jedoch nur selten Möbel. Das werde sich bald ändern, sagt Quilitzsch: "Die Möbelbranche ist eine der Branchen, die als nächste hochploppen werden."
Ähnlich sieht das Trendforscher Harry Gatterer von der Lifestyle Foundation: Im Trendbericht "Wohnen 2008" schreibt er, die Menschen entdeckten die Liebe zur Natur wieder. Er prägt daher den Begriff des "naturophilen Wohnens", das künftig den Takt in der Branche angebe.
Nach Milch und Müsli, Deo und Duschgel, Jeans und Shirts erreicht der Öko-Trend auch Tische, Stühle und Betten.
Die lassen sich ohnehin nicht jedes Jahr neu erfinden. Und so wirken einige Designer dankbar, dass sie plötzlich mehr über Materialien diskutieren dürfen als über Formen und Funktionen.
Auf der jüngsten imm cologne, der internationalen Möbelmesse, waren naturnahe Produkte bereits der Renner: Die Hersteller von Massivholzmöbeln bildeten erstmals einen eigenen Schwerpunkt mit eigener Etage, die unter dem neuen Label imm solid vermarktet wurde. Besonders beliebt: deutsche Eiche und europäischer Nussbaum, aber auch heimische Obsthölzer wie Apfel, Birne, Pflaume und Kirsche.
Laut Johannes Genske von Ökocontrol, einem Verband ökologischer Einrichtungshäuser, wächst der Umsatz bei vielen der rund 50 Mitglieder deutlich, teilweise im zweistelligen Bereich.
Ein Beispiel ist die kleine Firma "Kohler - natürlich einrichten". Das Geschäft entwickelt sich so erfolgreich, dass Inhaber Peter Kohler neu baut und seine Verkaufsfläche fast verdoppelt: von 500 auf 900 Quadratmeter. In Erolzheim bei Ulm entsteht nach seiner Aussage Deutschlands erstes Möbelhaus im Passivhaus-Energiestandard. Eröffnung ist im Juni.
Einer von Kohlers Hauptlieferanten ist Team7 aus Österreich. Das Unternehmen gilt als einer der Vorreiter des Öko-Schicks. Seine Philosophie: "Design trifft Natur". Es ist die Lohas-Philosophie, die Philosophie mit den drei G: Genuss plus Gesundheit plus Gewissen, in ebendieser Reihenfolge.
Dafür spricht auch, dass sich kaum jemand komplett ökologisch einrichtet, indem er zum Beispiel ausschließlich Möbel aus Massivholz kauft: Es gebe eher einen Trend zum Blickfang, zum edlen Einzelmöbel, sagt Margarete Kolb, Vizepräsidentin des Bundes Deutscher Innenarchitekten.
Dieses Einzelmöbel soll möglichst auch ein Einzelstück sein: wie etwa ein Entwurf von e15, der Risse und Astlöcher betont.
"Früher hat man die Natur immer begradigt, nun darf sie wild sein", sagt Kolb. "Früher galten Astlöcher und asymmetrische Maserungen als Fehler, nun sind sie erlaubt", sagt Christoph Windscheif, Sprecher des Verbandes der Deutschen Möbelindustrie. Früher hat Ikea das Design und den Designbegriff demokratisiert, indem es Möbel grenzenlos reproduziert hat. Nun erhalten sie ihre Aura zurück.
Es ist die Aura des Materials mit Macke. Sie ist nicht reproduzierbar.
Redwitz zum Beispiel, ein Aachener Familienunternehmen, baut Stühle, Tische und Betten aus uralten eichenen Dachbalken. Sie entstammen Abrisshäusern des 17. oder 18. Jahrhunderts und sind übersät mit Rissen, Furchen und Löchern. Dunkle Flecken rühren daher, dass Ammoniak-Dämpfe aus dem Mist an den Balken vorbeigezogen sind und mit der Gerbsäure der Eiche reagiert haben.
Die Geschichte ist sicht- und tastbar. Nach ihr fragen die Kunden. Nach der Nachhaltigkeit hingegen, sagt Inhaber Lukas Redwitz, frage fast keiner.
"Ich hatte noch keinen Öko hier", sagt auch Franziska Wodicka. Die studierte Landschaftsarchitektin hat im Dezember den SchubLaden im Berliner Bezirk Kreuzberg eröffnet. Der Untertitel: Möbelunikate.
Wodicka entwirft neue Gehäuse für alte Schubladen, die sie auf dem Trödel oder im Internet gekauft hat. Etiketten bleiben dran, etwa solche eines Samenhändlers oder eines Eisenwarengeschäftes. "Das ist, als würden die Schubladen zu mir sprechen", sagt die 33-Jährige. "Ich liebe alte Dinge. Neue Möbel erzählen einem doch nichts."
Ebenfalls in der Hauptstadt arbeiten Jörn Neubauer und Christian Friedrich. Unter dem Namen SawadeeDesign fertigen sie Möbel aus Berliner Stadtbäumen, die ohnehin gefällt werden mussten: weil sie uralt waren zum Beispiel, krank oder von einem Sturm geschädigt. Nicht immer sind sie astrein, nicht immer sind sie frei von Fäulnis. Gänge von Insektenfraß werden lackiert oder mit Kunstharz ausgegossen. Sind Granatsplitter oder Stacheldraht im Holz, noch besser.
"Das ist ein Stück Heimat", sagt Neubauer. Nachhaltigkeit sei nur das i-Tüpfelchen.
Bei ZweitSinn, einer Möbelmarke mit Kleinserien aus gebrauchten Materialien, wirkt das zunächst anders: Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt fördert das Projekt. Auf der Homepage erfährt man, dass in Deutschland jährlich sieben Millionen Tonnen Möbel aussortiert - und nur zu einem Bruchteil weiterverwertet werden.
Da gibt es bei ZweitSinn dann zum Beispiel das Sideboard "Tausendfuß" mit alten Standbeinen, von denen keines dem anderen gleicht. Ein Unikat, ähnlich den Schubladen-Entwürfen.
Die Initiatoren haben der Marke denn auch ein Motto gegeben, und das heißt: "Every piece tells a story" - "Jedes Stück erzählt eine Geschichte". Das w im Markennamen ZweitSinn ist farblich abgesetzt: Wahlweise lässt sich so auch Zeitsinn lesen. Die Zeit stiftet Sinn.
Das benennt den Trend, der hinter all diesen Beispielen steht, einen Trend, der keiner sein will: die Abkehr vom Design als Mode, die kurzlebig ist und atemlos und vergänglich. Es geht darum, Erbstücke zu entwerfen, Erbstücke für hier und jetzt, Klassiker für den Katalog. Die Entwürfe wollen Ewigkeit - und die suchen sie im Material.
Eine halbe Ewigkeit währt zum Beispiel das samtige, kräftig gemaserte Kaori-Holz, aus dem Tische und Stühle, Hocker und Sessel für den italienischen Hersteller Riva entstanden sind: Es ist bis zu 50 000 Jahre alt, geborgen aus einem neuseeländischen Moor.
Wer die Möbel mag, ist vielleicht naturophil, im Sinne des Trendforschers Harry Gatterer. Er liebt die Natur. Der größere Trend aber, das scheint sicher, ist die Sehnsucht nach Geschichte und Geschichten.
Das zeigen aktuelle Entwürfe aus Materialien, die zwar die Natur schonen, aber nicht naturnah sind. Im Gegenteil: Martin Kerber etwa möbelt Autos auf. Aus einem Mini wird ein Sessel, aus einem Trabbi eine Bar, aus einem Käfer ein Bett. Letzte Ausfahrt Schlafzimmer.
Das Material ist Symbol der Umweltsünde. Genau wie das Material von Bordbar: ehemalige Flugzeugtrolleys, die mit bunten Folien aufgepeppt werden. Beulen und Kratzer zeugen davon, dass das Möbel weit gereist ist. Sie erzählen Geschichten von Hektik und Stress - und befriedigen zeitgleich die Sehnsucht, langsamer zu leben mit Möbeln, die bleiben. TOBIAS BECKER
SPIEGEL SPECIAL 4/2008
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