Von Matussek, Matthias
"Heidi Klum gibt es gar nicht", sagt Heidi Klum, die in Leopardenjäckchen und Jeans in diesen kleinen Konferenzraum hineinschneit, der nur zufällig nicht in Beverly Hills oder in Barcelona liegt, sondern im Hamburger Hotel Atlantic.
Sie ist blond und hübsch und kurvenreich, und weil sie Riesenhunger hat, bestellt sie als erstes Hamburger und Cola light, und auch die gibt es genauso überall in der Welt.
"Das Make-up, die Augen, das ist alles noch vom Shooting", sagt sie, "normal seh ich anders aus."
Ihr Vater sitzt dabei. Er ist ihr Manager, und der, mit Jeansjacke und Fußballerfrisur, ist vom Scheitel bis zur Sohle ganz eindeutig ein Mann aus Bergisch Gladbach. Er sagt, er versteht diese Aufregung um Heidi Klum nicht, er persönlich findet sie gar nicht so schön, wozu Heidi dann lacht. Hört sie dauernd von ihm.
Das ist so eine Art Entspannungsbecken für den Star und den Journalisten und den Manager. Die globale Heidi-Nummer wird runtergefahren auf Menschenmaß, um so was wie Identität sichtbar zu machen in dieser transnationalen Wahnsinnswelt des schönen Scheins.
Es ist ein angenehm ironisches Spiel aus Global Player und Provinz-Girl, aus Erwartung und Entwarnung, das dann diese schwerelose Zwischenzone entstehen lässt, in der sich reden lässt: über weltweite Images und die Geschäfte damit, über Hollywood und Bergisch Gladbach, über Deutschland und Nigeria und die englische Küche.
Ein Gespräch, wie es so nur unter den Bedingungen totaler Globalisierung denkbar ist: ein bisschen Flughafen-Plauderei, ein bisschen Provinzgeblödel, doch keiner vergisst auch nur eine Sekunde lang, wozu er hier ist und dass der globale Markt alle zusammengeführt hat.
Heidi Klum zeichnet an diesem Tage eine Staffel ihrer Model-Show auf, die auf ein in den USA entwickeltes Konzept zurückgeht. Bei ihr heißt die Show "Germany's Next Topmodel", doch mit Germany hat das nur zufällig zu tun. Es ist ein Entertainment-Hybrid, so, wie Heidi Klum eines der Globalisierung ist. Vor allem aber ist es ein Geschäft: Der Sender ProSieben darf seine Rechte an den Topmodel-Siegerinnen ungefragt an die Klum-Firma weiterreichen - sie kassiert, sie macht die Mädchen, und sie verdient mit ihnen.
Die geschäftstüchtigen Klums aus Bergisch Gladbach haben aber vor allem "Heidi Klum" kreiert. Sie ist der deutsche Exportartikel, der den amerikanischen Markt erobert hat, mit all den Katalogen, den Filmrollen, den David-Letterman- und Jay-Leno-Shows, in denen dann die nächste Stufe gezündet wurde, um nun erneut und erst richtig als Superstar Deutschland aufzumischen und aufzutanken, für wieder eine nächste, noch imposantere Runde des Produktes Heidi.
Und jedes Mal wird es massenkompatibler und universeller. Zurzeit ist Heidi Klum auf der "Forbes"-Liste der bestverdienenden Supermodels nach Gisele Bündchen das erfolgreichste Topmodel der Welt, mit einem Jahresumsatz von geschätzt 14 Millionen Dollar. Sie hat den Umsatz von Katjes Fruchtgummibonbons in Europa verdoppelt und das Image von Birkenstock-Schuhen aufgepeppt, heimische Produkte. Ihr ebenmäßiges Gesicht ist Werbefläche für Douglas und McDonald's, sie ist das "neue Gesicht" für VW.
Dieses Gesicht kaut im Moment und zieht die Brauen hoch, legt sich in komische Falten, lacht zwischendurch, gurgelt Cola, als müsse es den Verdacht durchkreuzen, dass es nur eine Computersimulation sei.
"Heidi Klum", die Marke, gäbe es ohne den globalen Markt ganz sicher nicht, Heidi Klum dagegen schon, und die ist ohne alle Komplexe stolz auf ihre Wurzeln. Sie wurde vor 35 Jahren in Bergisch Gladbach geboren. Ihr Vater war Produktionsleiter bei 4711, die Mutter Hausfrau. Heidi tanzte auf dem Kölner Karneval, schneiderte ihre Kostüme dafür selbst und war passabel in der Schule. "Voll normal eben", deutsche Provinz.
Nur aus einer Laune heraus bewarb sie sich in einer Thomas-Gottschalk-Casting-Show, und sie war selbst am meisten darüber erstaunt, dass sie unter 25 000 Bewerberinnen als "Schönste der Schönen" gewann. "Soooo schön" fand sie sich selbst nämlich auch nicht, sagt sie, lacht ein perlweißes makelloses Lachen und beißt hinein in den Hamburger. Die Finger zuppeln an einem Salatblatt, wandern hinüber zu den Pommes, wählen eine dunkle, die wird weggeknabbert und mit Cola weggespült.
Und dann erzählt sie weiter, aus diesem Leben, das ein hart erkämpfter Siegeszug ist. Sie baggert sich durch im Business der zarten Leichtigkeiten mit den sogenannten deutschen Tugenden, lächelnd. Sie nimmt die Provinz mit hinaus ins globale Dorf. Sie ist die Deutsche, die in Mailand und Paris ihre Mode-Shootings absolviert, in Beverly Hills residiert, doch sie lässt keinen Kölner Karneval aus, und Mama schickt ihr die Sauerkrautsuppe überall hinterher.
So was kann man nicht spielen. Diese Robustheit sitzt unter der Haut, und nur damit lässt sich ihre Karriere so relativ erschütterungsfrei durchlaufen. Sie ist international, aber nicht entwurzelt, und das ist die Dialektik der Globalisierung: Wo alles auf der Welt gleich wird, werden regionale und kulturelle Distinktionen wichtiger denn je. Heidi Klum hat nicht trotz der Provinzialität gewonnen, sondern wegen ihr.
Sie erzählt über sich wie schon tausendmal zuvor, und es klingt munter und gleichzeitig nach deutschen Sinnsprüchen auf Holztellern: wie sie auf dem Model-Trail durch Europa und die USA zog, die harten Lehrjahre mit all den Prüfungen, früh aufstehen, immer lächeln, Frustrationen einstecken, Freunde und Heimat nie vergessen.
Und das ist es, was sie durchaus glaubwürdig den Kandidatinnen ihrer Shows weitergibt, streng, bemutternd, erdnah. Sie funktioniert in diesem Business wie ein deutsches Auto, funktioniert für Kosmetik, Telefone, Brautkleider, zielstrebig und ertragreich genug, um bereits 1996, vier Jahre nach ihrem Start, mit ihrem Vater die Heidi Klum GmbH zu gründen.
Nur ein Jahr später spazierte sie als vollbusiger Laufsteg-Engel für den Unterwäschekatalog "Victoria's Secret" in die Phantasien der weltweiten Kundschaft und damit in die Auftragsbücher der großen Agenturen.
Frühere Fräuleinwunder, von Elke Sommer bis Claudia Schiffer, versuchen, die Herkunft abzustreifen und auf Augenhöhe mit Hollywood und Paris zu kommen. Bei Heidi Klum ist es umgekehrt - da muss sich Hollywood gewaltig anstrengen, um mit Bergisch Gladbach mithalten zu können.
Als deutsches Fräulein ziert sie 1998 das Swimsuit-Cover der "Sports Illustrated", und damit ist "Heidi Klum", die Marke, endgültig durchgesetzt.
Was für sie typisch deutsch ist?
"Na, dass Dinge hier eben besser funktionieren als drüben." Dass der Kühlschrank schließt, dass es Tempotaschentücher gibt. Und Heinrich Heines Liebeslieder. Stur ist sie auch, doch dass Deutsche humorlos seien, dieses Märchen hat sie ein für alle Mal erledigt - sie ist der muntere Darling der US-Talkshows, wo sie lacht und giggelt und jodelt, dass alle hin und weg sind.
Es sind diese selbstbewussten Verankerungen, mit denen sie zum knackig-gesunden Gegenentwurf der damals gängigen bleichsüchtigen "Heroin Chic"-Mode werden konnte. Heidi Klum: Das ist der Triumph der Mitte über den Rand, des Mainstream über die Extravaganz. Heidi Klum, die Klischee-Deutsche, hat aus diesem Klischee Kapital geschlagen. Sie wurde das akzeptierte Wohlfühlgesicht, jenes Ebenmaß, dem jeder zustimmen konnte, ohne dass man sich groß daran erinnern könnte, eben der evolutionsbiologisch als "schön" empfundene Durchschnitt, das globalisierte Gesicht.
Auf dieses Gesicht hatte sie hingelebt, es war so deutsch, wie es amerikanisch war, denn Heidi Klum, das Mädchen aus "Schäbbish Jläbbish", hat die Welt der Catwalks und der Promi-Partys so unbekümmert ausgemessen wie Bergisch Gladbach, eine lustige und tatsächlich überschaubare Welt der immer gleichen reichen Sponsoren und schönen Gesichter, ein Beverly Hills mit deutschem Lattenzaun.
Heidi Klum, das deutsche Fräuleinwunder, lebte Affären, Partnerschaften und Ehen mit einem Prominentenfriseur und Rockstars, doch sie zwang selbst den notorischen Formel-1-Lebemann Flavio Briatore hinein in die gute Stube in Bergisch Gladbach, und als der Playboy in der Klatschpresse mit einer anderen abgelichtet wurde, gab sie ihm den Laufpass, bereits hochschwanger, Ordnung muss sein.
Und dann fand sie Seal, den schwarzen Soul-Riesen nigerianisch-brasilianischer Abstammung. Die Identität des Vaters ihres ersten Kindes enthüllte sie nie, doch Seal nahm es als seines, ganz selbstverständlich, und ließ zwei weitere, mit ihr gemeinsame, folgen. Und so bekam sie drei Kinder in drei Jahren und pries das Mutterglück.
Und heute gehören beide - er der schwarze Krieger mit den markanten Narben, sie die blonde deutsche Venus - zum festen Zeichenvorrat der bunten Blätter, die sich keine eindeutigeren und prickelnderen sexuellen Suggestionen wünschen können.
Und Heidi Klum tut alles, um deren Wahrheit zu bestätigen. Tatsächlich, erklärt sie, sei ihr Seal in einer Hotel-Lobby begegnet, dampfend, da er aus dem Sportstudio kam, mit enger Radler-Hose. "Ich konnte das ganze Paket sehen", sagte sie schon bei Oprah Winfrey, die nickte ein verstehendes "Okaaay", die ganze Welt nickte mit, und Heidi lachte, und sie lacht auch jetzt.
Seal umgekehrt, auch das ist bis zur Legendenform erzählt und abgeschliffen und wieder erzählt, trällerte ihr am Hochzeitstag einen extra für sie komponierten Song, den sie bald gemeinsam aufnahmen. Und so befördern die beiden, aus einem tatsächlich gelebten familiären Glück heraus, auch die beiderseitigen Karrieren. Seals Plattenverkäufe werden zusätzlich angeheizt, seit Heidi Klum seinen Song "Amazing" in ihren Shows einsetzt, und ihr eigener Sex-Appeal und Marktwert hat durchaus gewonnen durch diese Verbindung, die aller Welt klarmacht: Sie ist eben nicht nur Mutter, sondern weiterhin Trophäenfrau.
Heidi Klums Weg ist der der rheinischen Provinzschönheit in die große weite Welt. Und Seals Weg der einer entwurzelten Migrationsbiografie, geboren in London als Kind einer nigerianischen Mutter und eines brasilianischen Vaters, aufgewachsen in einer britischen Pflegefamilie. Zwei Globalisierungsschicksale mit Happy End: Da Heidi ihre Wurzeln kennt, sollte auch Seal die seinen kennen. So beauftragte sie einen Detektiv, um nach Seals Pflegefamilie, in der er seine ersten fünf Lebensjahre verbrachte, zu suchen. Doch da sie auch ein globales Publikum zu bedienen hat, enthüllte sie das Geheimnis in der Oprah Winfrey Show.
So ist Heidi Klum beides: Global Player und Provinz. Und damit sie Letzteres nicht vergisst, sitzt ihr Vater ständig neben ihr, ungerührt von allem Chichi, geschäftstüchtig, manchmal rheinisch laut, immer stur. An diesem Abend trägt er kleine Plastiktüten über den Schuhen - er hatte einfach vergessen, sie abzunehmen, als er aus dem Fotostudio ins Taxi stieg.
Nun ist es Zeit für die Firma "Heidi Klum", das Büro dichtzumachen für den Abend. Der Hamburger ist weg, die Pommes sind stark dezimiert. Und Heidi Klum, die pünktliche, deutsche Mutter, steht auf und muss los, die Kinder ins Bett bringen.
Es ist eben, trotz aller Globalisierung, vieles wie früher, und das, sagt sie, ist auch gut so.
SPIEGEL SPECIAL 5/2008
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