30.09.2008

„Werde ich noch Beethoven spielen können?“

Warum der türkische Pianist und Komponist Fazil Say die Musikvielfalt seines Landes in Gefahr sieht
Abends im mondänen Cemal Resit Rey Konser Salonu, Istanbuls wichtigstem Konzertsaal für klassische Musik. Rund tausend Leute warten auf den Mann, der es wagte, im Ausland die eigene Regierung zu kritisieren. Fazil Say bleibt ruhig, greift schließlich von oben in die Saiten seines Flügels, lässt die hämmernden Töne verhallen. Es klingt nach Melancholie und verdorrtem Land. Oder einer Liebe, die zerbrochen ist. Es sind Passagen aus Says Hymne an seine Heimat: "Black Earth".
Auch für den 38-Jährigen ist etwas zerbrochen. Seit den Drohbriefen im Dezember gibt es kein Namensschild mehr an seiner Wohnung. Ausgerechnet Say, einer der wenigen Türken, die es im Ausland zum Starmusiker gebracht haben, hatte in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" gesagt, er überlege, sein Heimatland zu verlassen. Zu viele Träume seien unter der aktuellen Regierung gestorben. "Die Frauen aller Minister tragen Kopftücher, die Islamisten haben ohnehin schon gewonnen, wir sind 30 Prozent, die sind 70." Die Worte lösten einen Aufschrei aus. "Ich wurde behandelt wie ein Verräter", erinnert sich Say. "Wenn man die Türkei im Ausland kritisiert, ist das gleich doppelt so schlimm." Dengir Mir Mehmet Firat, stellvertretender Vorsitzender der regierenden AKP, sagte im Fernsehen, er wäre überhaupt nicht traurig, wenn Say das Land verließe. Der Pianist solle ja nicht glauben, er sei so viel wert wie fünf andere Türken.
Doch Say blieb und legte eine Erklärung nach. Er sei dagegen, dass die Türkei in das Dunkel des Mittelalters abgleite. "Es geht nicht darum, zu gehen oder nicht zu gehen", weiß Say heute. "Die Frage ist doch, was passiert mit dem Lebensstandard von 70 Millionen Türken? Wird meine Tochter Kopftuch tragen müssen, und werde ich noch Beethoven spielen können?"
Schon seit fünf Jahren führt Say eine Art Kleinkrieg mit der AKP-Regierung. Im Jahr 2003 zensierte der Kulturminister einen Teil seines Oratoriums "Requiem für Metin Altiok", einen befreundeten alevitischen Dichter. Er starb zusammen mit 36 anderen liberalen Künstlern, als islamistische Fanatiker 1993 in Sivas einen Brandanschlag verübten. Mit Fernsehbildern des Ereignisses zur Musik wollte Say im letzten Satz der Opfer gedenken - vergebens. "Wir wollen nicht daran erinnert werden", habe der Kulturminister damals auf Anweisung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan gesagt. Say führte das Werk auf, doch ohne Bilder und den zensierten Teil. Es ist dieser Moment vor dem schwarzen Bildschirm, den Say nicht vergessen kann. "Mit den AKP-Politikern ist einfach kein Dialog möglich. Wenn diesen Leuten nicht gefällt, was man sagt, gehen sie sofort den aggressiven Weg." Mehrfach drohten ihm Politiker mit Klagen, sobald Say Missstände anprangerte. Zu einem Prozess kam es bisher nicht, vielleicht weil sich das mit der Auszeichnung des Musikers als "EU-Botschafter für den interkulturellen Dialog" beißen würde.
Trotz allem ist Say immer noch stolz, Türke zu sein. "Jeder gehört doch auf seine Weise zu der Kultur seines Landes", sagt der Weltbürger. 2003 kehrte er nach sieben Tourneejahren mit seiner türkischen Frau und Tochter aus New York zurück, zu antimuslimisch war ihm die Stimmung nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 geworden. Say, im Konzertsaal gefeiert, war auf der Straße nur noch Muslim. Den Wunsch nach einem besseren Verständnis zwischen den Kulturen nahm Say in sein Heimatland mit. Drei Jahre lang tourte er als Klassik-Prophet durch Anatolien, immer im Dialog mit dem Publikum. "In manchen Städten gab es zum ersten Mal ein Konzert mit klassischer Musik, also habe ich vorher und hinterher Fragen beantwortet. Die Leute waren sehr enthusiastisch."
Nur die Sponsoren machten irgendwann nicht mehr mit. "Ein Sponsor glaubt heutzutage nicht mehr an eine Sache, weil sie gut ist, sondern weil sie zu der Regierungslinie passt", meint Say. Seit einiger Zeit höre er immer dieselbe Leier: "Ja wissen Sie, Klavier ist eine westliche Sache. Warum machen Sie nicht eine Tournee mit einem türkischen Derwisch-Ensemble?"
"Kultur ist das Fundament der Türkischen Republik", zitiert das Kultur- und Tourismusministerium auf seiner Internet-Seite Atatürk, den Republikgründer. Doch Kultur scheint nur dann gut zu sein, wenn sie "die Entstehung der nationalen Einheit" fördert - Beethoven und Ravel gehören ganz offenbar nicht dazu. Bisher noch galt die Türkei, mit vier Festspielen in der Europäischen Festival-Vereinigung EFA vertreten, als letzte Station im Osten Europas, in der man auf klassische europäische Musik traf. Doch die musikalische Brücke zu Europa bröckelt längst. Umso mehr ist Say, der mit 15 Jahren von der Pianistenlegende David Levine entdeckt wurde und in Deutschland europäische Klassik studierte, in seinem Land ein musikalischer Exot.
Nicht nur um die Musikvielfalt in seinem Heimatland sorgt sich Say, auch um die Zukunft der Musik an sich. "Die Regierung hat den Musikunterricht an den Schulen fast abgeschafft." Ab Klasse 9 können die meisten Schüler das Fach nicht mehr wählen, es gibt nicht genug Musiklehrer. "Die Regierung stellt rund 500 neue Musiklehrer pro Jahr ein. Aber es fehlen über 40 000", sagt Say. Zustände, die auch Refik Saydam, Präsident des Musikerzieher-Vereins Müzed, beklagt: "Auf jeden Musiklehrer im Dienst kommen etwa 2300 Schüler. Die Mehrheit von ihnen hat nie die Gelegenheit bekommen, Musikunterricht kennenzulernen."
Nicht jeder wagt, in diese Kerbe zu schlagen. Das Bildungsministerium und die Deutsche Schule in Istanbul geben lieber keine Auskunft; das Istanbul-Gymnasium antwortet, es stünden ja noch genügend andere Fächer auf dem Stundenplan.
Immerhin die Regisseurin und ehemalige Intendantin der Istanbuler Oper, Yekta Kara, traut sich, vage Kritik zu äußern: Ende Mai musste das Ensemble die größte Opernbühne der Türkei räumen. Das Haus soll renoviert werden, um gut auszusehen, wenn Istanbul 2010 Kulturhauptstadt ist. Doch ob die Oper wieder einziehen darf, sei noch völlig ungewiss. "Wir wissen nicht mal, wo wir in der nächsten Spielzeit spielen sollen", erzählt Kara. An große Produktionen wie "Aida" und "Nabucco" denkt sie schon gar nicht mehr. Die Sponsoren machen auch nicht mehr mit.
"In diesem Land gibt es unheimlich wenig Unterstützung für Oper, Orchester und Konservatorium", sagt Say. Nach sechs Jahren AKP-Regierung tue sich nichts mehr. "Die Orchester haben ein Konzertbudget von 15 000 Euro für die ganze Saison, samt Dirigent und Solisten. Damit kann man vielleicht eine Woche einen bedeutenden Dirigenten engagieren. Aber was ist mit dem Rest des Jahres?" Gerade mal 240 Euro bekomme ein Solist für zwei Konzerttage mit dem gleichen Programm. In Deutschland gibt es mindestens das Zehnfache. Das Konservatorium in Ankara warte vergebens auf drei Millionen Euro; neue Orchester oder Festivals würden nicht gegründet. "Die Regierung hat die Stellen für Orchestermitglieder drastisch gekürzt", erzählt auch Naci Özgüç, Musikdirektor der Oper Ankara. Sein Kollege Ibrahim Yazici, Musikdirektor des Staatlichen Symphonieorchesters Izmir, weiß, warum: "Klassische Musik wird in den letzten Jahren immer mehr als westliche Kunst angesehen. Uns fehlen einfach die Mittel."
Schon warnen manche Musiker und Künstler vor iranischen Verhältnissen: Als Ajatollah Chomeini das Land 1979 in einen Gottesstaat verwandelte, wurden alle Kunstorganisationen aufgelöst, Orchester und Musikschulen geschlossen, viele Musiker wanderten aus. Immer noch gibt es viele Muslime, die der Überzeugung sind, der Islam verbiete Musik und Gesang. In Afghanistan war Musik unter den Taliban 1996 bis 2001 ganz verboten. Sie verlocke zu Unmoral und halte von religiösen Pflichten ab, proklamierte das "Ministerium zur Förderung der Tugend und Verhinderung des Lasters". Hymnen auf tapfere Taliban-Krieger natürlich ausgenommen.
So übertrieben ein Vergleich mit der Kulturpolitik dieser Staaten erscheinen mag - die Angst vor Unterdrückung sitzt tief. Doch während andere Intellektuelle den nationalistischen Pöbel fürchten, misstraut Say der Regierung: "Die AKP versucht, unter dem Deckmantel der Demokratie einen Gottesstaat zu schaffen", sagt er. An die Militärputsch-Zeiten der achtziger Jahre etwa erinnern ihn die Festnahmen von Mitgliedern der nationalistischen Untergrundorganisation Ergenekon im Frühjahr in Nachtund-Nebel-Aktionen. "Dabei wurden auch Intellektuelle festgenommen, die völlig unschuldig sind." Er denkt an seinen Vater, einen linken Intellektuellen und Musikprofessor in Ankara, der während des Putschs 1980 verhaftet wurde. "Geh nicht fort, kämpfe stattdessen", hatte ihn der Vater nach den islamistischen Drohbriefen im vergangenen Jahr ermutigt. Doch wie? Say denkt an seine Tochter, die jetzt sieben ist und Ballett tanzt: "Manche Mitglieder der AKP haben schon vor sechs Jahren gesagt, Ballett sei eine unmoralische Kunstart. Weil die Frauen kurze Röcke tragen! Ich denke mal ein paar Jahre voraus: Wenn meine Tochter als Einzige in der Schule kein Kopftuch trägt, werden sie 20 andere Mädchen unter Druck setzen. Das sind gefährliche Stufen, und das müssen europäische Politiker besser verstehen."
Viel zu schnell hätten die Europäer den Ende Juli entschiedenen Prozess um das AKP-Verbot als radikale Aktion machtgieriger Staatsbeamter und Militärs abgestempelt. Dabei brauchte die Türkei die Hilfe der Europäer: "Selbst die Intellektuellen sind gegeneinander. Wir haben Chaos: Die Kurden wollen Kurdistan, die Islamisten wollen eine islamische Republik, die Nationalisten wollen noch etwas anderes, die Laizisten wollen ein modernes Leben. Das muss erst mal besser organisiert sein, bevor der EU-Beitritt kommt."
Auch Says Istanbuler Publikum ist an diesem Abend geteilt. Eigenkompositionen und zeitgenössische europäische Klassik waren nicht jedermanns Sache. Die eine Hälfte steht auf und ruft Bravo, die andere bleibt einfach sitzen. Say spielt eine höfliche Zugabe und verlässt den Saal, um Fragen zu beantworten. Aufgegeben hat er den Dialog noch nicht. ANTJE HARDERS
Von Antje Harders

SPIEGEL SPECIAL 6/2008
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