30.09.2008

Der glühende Deutsche

Von Voigt, Claudia

Täglich fühlt er sich durch die deutsche Sprache beschenkt, und er gibt reichlich zurück: Feridun Zaimoglu ist der Rolle des Vorzeige-Türken längst entwachsen. Von Claudia Voigt

In einem dottergelben Pullover steht der Schriftsteller Feridun Zaimoglu an einer Ecke der Kastanienallee in Berlin und winkt freundlich. In der Hand hält er eine Schachtel Mentholzigaretten und ein Feuerzeug. Die gleichen Zigaretten hatte er auch schon vor zweieinhalb Jahren dabei, kurz nach Erscheinen seines Romans "Leyla", auf der Leipziger Buchmesse. Im Laufe eines langen Abends rauchte er damals zwei Schachteln davon.

Seitdem hat sich einiges verändert: Zaimoglu, 43, trägt die Haare kurz, von seinen schweren Schmuckstücken, den Ketten, Ringen und Armbändern, hat er die meisten abgelegt. Die schwarze Lederjacke hat er gegen einen leuchtenden Wollpullover getauscht.

Zaimoglu ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Schriftsteller Deutschlands, er verkörpert eine besonders gelungene Integrationsbiografie. Man könnte auch sagen, Zaimoglu ist ein Vorzeige-Türke, obwohl er längst einen deutschen Pass hat. Sein neuester Roman "Liebesbrand" war auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Auch sein Roman "Leyla" stand 2006 in der engeren Auswahl für diesen wichtigen Preis. "Leyla" markiert einen Wendepunkt in Zaimoglus Karriere. Das Buch war nicht nur ein großer Erfolg bei Kritik und Publikum, es bedeutete zugleich Zaimoglus Ankunft im gehobenen bürgerlichen Kulturbetrieb. Einladungen des Goethe-Instituts oder in Ulrich Wickerts Büchersendung waren nur die sichtbaren Zeichen.

Mit der literarischen Kraft Grimmscher Märchen hatte er in "Leyla" von der Kindheit und Jugend eines türkischen Mädchens erzählt, das Mitte der sechziger Jahre als Frau eines Gastarbeiters in Deutschland ankommt. Der Autor des wütenden Pamphlets "Kanak Sprak" (1995) erschien mit "Leyla" plötzlich als Schriftsteller eines großen, verführerischen, facettenreichen Romans.

Nur wenige Monate währte das reine Glück des Erfolgs: Bestsellerliste, ausverkaufte Lesungen und Leserinnen, die Schlange standen für eine Signatur von Zaimoglu.

Völlig überraschend wurde dann aus dem Erfolgsbuch "Leyla" der "Fall Leyla". Es hieß, Zaimoglu habe möglicherweise Motive und Bilder aus dem Roman "Das Leben ist eine Karawanserei hat zwei Türen aus einer kam ich rein aus der anderen ging ich raus" von Emine Sevgi Özdamar übernommen. Tatsächlich gibt es einige erstaunliche Ähnlichkeiten. Allerdings handelte es sich nur um wenige Motive in einem über 500 Seiten dicken Roman, in dem der Autor seine bildstarke, lebendige Sprache über die ganze Strecke durchhält. Zaimoglu versicherte damals, er habe seine Mutter Kassette um Kassette ihre Lebensgeschichte erzählen lassen, es sei ihre Geschichte, vielleicht gleiche sie an einigen Stellen einfach der von Emine Sevgi Özdamar. Irgendwann wurde er auch zornig, der Skandal kam nicht wirklich zur Ruhe, er schickte eine SMS, in der er schwor, dass nichts dran sei an den Vorwürfen. Heute sagt er, er sei ganz schön zerrupft aus dieser "Plagiatslüge" hervorgegangen.

Im August 2006 fuhr er mit seiner Mutter auf einer Erholungsreise in einem Bus von Ankara nach Ayvalik. Der Bus verunglückte, zwölf Menschen kamen ums Leben. Zaimoglu und seine Mutter hatten kurz vor der Fahrt noch andere Plätze eingenommen, sie kamen mit Verletzungen davon. Weiter hinten im Bus, wo sie eigentlich hätten sitzen sollen, wären sie vermutlich tödlich verunglückt. In Interviews sagte Zaimoglu, dieser Unfall habe ihm zusätzliche Lebenskraft geschenkt. Und den Anfang für einen neuen Roman.

Für "Liebesbrand", jenen Roman, der in diesem Frühjahr erschien. Ein romantisches, schwelgerisches Buch. Wieder ein Erfolg. Und wenn es noch einer Antwort bedurfte auf die Plagiatsvorwürfe, dann hat er sie mit diesem Text geliefert. Mit jedem Buch scheint Zaimoglu einen neuen Raum zu betreten, seinem Talent eine unerwartete Seite abzugewinnen.

Und da steht er nun also in seinem dottergelben Pullover, und auf den ersten Blick wird sichtbar, dass die Ereignisse der vergangenen Jahre ihn verändert haben.

Bei einem kleinen Spaziergang die Kastanienallee hinunter warnt er plötzlich: "Achtung, eine Pfütze", später im Café kümmert er sich um die Getränke, und als es zu regnen beginnt, rückt er Stühle unter eine Markise. Es ist ein Vergnügen, sich als Frau in Zaimoglus Gegenwart zu befinden, ganz die alte Schule. Und er kann erzählen. Nur weil es ein Interview werden soll, muss ab und zu mal eine Frage fallen, noch vergnüglicher wäre es, Zaimoglu einfach erzählen zu lassen. Davon, zum Beispiel, wie sein neuester Roman entsteht, an dem er in diesen Wochen in Berlin schreibt:

"Ich habe jetzt gerade, vor drei Sekunden, eine Frau gesehen in einem Trenchcoat, und der oberste Knopf hing an zwei Fäden. Jetzt stellt sich natürlich für mich die Frage: Wird sie es merken, wenn der Knopf abfällt? Stellen wir uns vor, dass der Knopf abfällt. Wo wird der Knopf hinfallen? Ich bin immer ein visueller Mensch gewesen. Der Knopf fällt auf den Boden. Was ist auf dem Boden? Da sind wir schon bei ihren Schuhen. Hat sie sich, weil sie denkt, das gehört sich so, ihre Füße mit Talkumpuder bestäubt, bevor sie in die Schuhe, in die hochhackigen, geschlüpft ist? Sie trägt Ringe, aha, und sie hat einen Glanzlack auf den Fingernägeln. Und schon bin ich so weit, dass ich morgen in einen Laden gehen werde und mich vor das Regal stelle mit den Nagellackgläschen. So geht es bei diesem Buch: Mir fällt etwas auf. Welche Plakate sind abgerissen, welches Licht brennt, oder oder oder. Es ist ja ein Wahnsinn. Wichtig ist, dass ich mich nicht verzettle, deshalb schreibe ich wie ein Wahnsinniger auf. Ich falte mir einen DIN-A4-Zettel in vier Teile. Aber bloß nicht auf die Rückseite schreiben, dann komme ich durcheinander."

Er lacht. Er zündet sich eine Zigarette an. "Ich komme um vor Einfällen", sagt er.

In dem neuen Buch wird er eine verästelte Geschichte über Menschen und Städte erzählen. "Ich habe den Streifblick schätzen gelernt", sagt Zaimoglu, "nicht mehr so viel Behauptung, nicht mehr Stärke wie blödsinnig. Ich sehe nicht mehr viel Sinn darin, in grellen Farben zu klecksen. Viel besser finde ich Bleistiftzeichnungen."

Nach einem abgebrochenen Medizinstudium hat Zaimoglu freie Malerei studiert und riesige Acrylgemälde geschaffen. Es war die Zeit der schreienden Farben, der großen Ungewissheit in seinem Leben. Jahrelang hat er sich damals auf der Straße rumgetrieben, geguckt und gefressen, wie er sagt. In dieser Zeit, um 1990, war er viel mit jungen türkischstämmigen Rappern zusammen, und eines Nachts hat einer von denen plötzlich zu einer riesigen Wutpredigt angesetzt, grenzenlose Wut darüber, nirgendwo richtig dazuzugehören. Das ist es, hat sich Zaimoglu gedacht. Er hat sich eine Schreibmaschine geliehen und "Kanak Sprak" zu Papier gebracht.

In seinem neuen Roman wird das Türkischsein keine Rolle mehr spielen. Schon in "Liebesbrand", dem Roman vom Frühjahr dieses Jahres, hat er das Thema nur noch gestreift, auf den ersten Seiten, als der Protagonist David nach dem Busunfall in ein türkisches Krankenhaus eingeliefert wird und die anderen Patienten dort beobachtet.

Von Buch zu Buch geht Zaimoglu reflektierender mit dem Thema um oder nähert sich wie bei "Leyla" dessen Kern. "Irgendwann war es eine Masche", sagt er, "ich kam mir vor wie ein Idiot an der Peripherie des Lebens der meisten Menschen." Vermutlich hat er mit manchen seiner Bücher tatsächlich eine Art soziozoologisches Interesse der deutschen Bildungsbürger befriedigt: Aha, so leben die also, diese Türken in Deutschland.

Zaimoglu liebt Deutschland. Nach zwei Wochen im Ausland bekomme er Heimweh, sagt er. Als er einmal für ein Jahr Stipendiat der Villa Massimo in Rom war, haben ihn zwei deutsche Tannen im prächtigen Garten der Villa sehnsüchtig gestimmt. Beim Halbfinale der Fußball-Europameisterschaft war er "selbstverständlich" für Deutschland.

Er kann auf eine Art von Deutschland schwärmen, wie es sich die allermeisten Deutschen nie trauen würden: von der Schönheit des Landes "sowieso"; vom guten Geschmack vieler Deutscher und von ihrer Lebensfreude, "man verbindet Lebensfreude ja immer mit Entfesselungskunst, aber ich habe in meinem Leben schon so viele enthemmte Idioten gesehen, ich mag gerade das Gebremste"; und von den Selbstzweifeln der Deutschen, "ich finde, das ist eine sehr zärtliche Eigenschaft".

Er war noch ein Baby, als seine Mutter mit ihm in München ankam, sie reisten dem Vater nach, der hier seit Anfang der sechziger Jahre als Gastarbeiter lebte. Im Laufe seiner Kindheit und Jugend zog Zaimoglu 26-mal um. Als Kind fielen ihm die vielen Wechsel schwer, heute, als Schriftsteller, profitiere er von den häufigen Veränderungen, sagt er. Immer wieder ging es auch zwischen Deutschland und der Türkei hin und her, das sei der herben Melancholie und der Neugier seiner Eltern geschuldet gewesen. Erst mit fast neun Jahren, als Zaimoglu in eine deutsche Grundschule kam, begann er Deutsch zu lernen.

Sein erstes Wort lernte er aber nicht von seiner Grundschullehrerin Frau Hübl, sondern von seinem Vater: Adamsapfel. Zaimoglu schaute dem Vater gern beim Rasieren zu, der schnippte dabei Schaumflocken in die Richtung des Sohns, und als Zaimoglu ihn fragte, was das eigentlich für ein auf und ab hüpfender Ball in seinem Hals sei, sagte der Vater: "Adamsapfel." Zaimoglu hat das Wort in der Mitte entzweigebrochen: ein Apfel?, der Apfel von Adam? Er begann zu phantasieren. So hat er es mit vielen deutschen Wörtern gemacht, die er damals zu lernen begann.

Wenn man Zaimoglu von dieser Zeit erzählen hört, glaubt man, jedes neue deutsche Wort sei wie ein kleines Geschenk gewesen. Glühen zum Beispiel. "Anfangs habe ich es noch türkisch ausgesprochen: glühen, mit der Betonung auf dem 'h', mir fehlte noch die Weichheit, mit der das Wort in der deutschen Aussprache hinten wegrollt. Aber ich liebte das Wort. Wenn mich jemand fragte: 'Wie geht es dir?', habe ich am liebsten geantwortet: 'Ich glühe.'"

Seine Klassenlehrerin Frau Hübl hielt ihn dann zu etwas weniger Schwärmerei und zu mehr Fleiß an. "Entweder du lernst Deutsch, oder ich schmeiß dich aus dem Klassenzimmer."

"Frau Hübl war mein großes Glück", sagt Zaimoglu.

Ein kurze Zeit lang auch Petra mit den blonden Zöpfen, die er gern beeindrucken wollte. Also hat er gelesen, gelesen, gelesen, alles, was Schrift war. Bücher, Comics, Reklameprospekte.

Damals begann er, die Menschen zu beobachten, ihnen einfach nur zuzuhören. "Ich war ein Junge, der oft verschwand. Aber meine Mutter wusste, dass ich nicht wild durch die Gegend renne, sondern irgendwo Wurzeln schlage und gucke. So hat sie mich oft gefunden."

Der Wunsch, einfach nur irgendwo zu sein und zu schauen, ist Zaimoglu bis heute geblieben. Im neuen Roman wird er sich ihm vollends hingeben, denn mit jedem Buch ist bei Zaimoglu das Gefühl gewachsen, mit mehr Ausdruck, mit mehr Selbstverständlichkeit schreiben zu können.

An diesem Nachmittag auf der Kastanienallee benutzt er Wörter wie "nachsinnen" und "Lausbubengrinsen" und "lichterloh". "Ich bin mit der deutschen Sprache so reich beschenkt worden, dass ich manchmal fast wahnsinnig werde, was es an Ausdrucksmöglichkeiten, Metaphern und Sinnbildern gibt."

Lange hat der junge Zaimoglu gekämpft mit dem Wunsch, sagen zu können, warum ihn etwas fesselt. Die "Märchensprache Deutsch" gab ihm die Möglichkeit, den Abstand zwischen sich und der Welt zu verringern. Mit jedem Roman versucht er das auf immer kunstvollere Weise aufs Neue.

Im Juni war Zaimoglu nach Swansea in Wales eingeladen, das germanistische Seminar dort zählt zu den angesehensten in Großbritannien. Er hat natürlich nicht den unkomplizierten Weg genommen, Flugzeug nach London, Bahn nach Swansea, stattdessen ist er mit einem Freund durch Belgien und Frankreich gefahren, dann auf die Fähre von Calais nach Dover und aus dem Süden Englands rüber nach Wales. Auf der langen Strecke gibt es einfach mehr zu beobachten.

In Swansea erwarteten ihn gut 50 Studenten, Dozenten und Professoren, die nicht nur sehr gut Deutsch sprachen, sondern auch "erstaunlich viel" über die zeitgenössische deutschsprachige Literatur wussten. Eine der Studentinnen hat bereits damit begonnen, "Liebesbrand" ins Englische zu übersetzen.

Im Ausland ist Zaimoglu ein deutscher Schriftsteller ohne Wenn und Aber. "Denen geht die Nonchalance der britischen Schriftsteller auf die Nerven. Sie interessieren sich für deutsche Literatur, weil darin die Themen bis zum Äußersten verhandelt werden", erzählt er. Da liegen sie mit ihm natürlich richtig.

Drei Tage hat er gelesen, haben sie gemeinsam seine Bücher diskutiert. Keiner hat nach seinen türkischen Wurzeln gefragt. "In Großbritannien bin ich einfach ein braunäugiger Deutscher", sagt er. Auch wenn er vom Goethe-Institut nach Izmir oder Amsterdam eingeladen wird, stellt man ihn dort umstandslos als deutschen Schriftsteller vor. "Die verstehen oft nicht, dass ich das als Kompliment auffasse", sagt Zaimoglu, "und von einem Ohr zum anderen wie ein Räuber grinse."

Auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Schwerpunkt "Türkei" kommt er dieses Jahr ein bisschen ins Schleudern. Das nationale Organisationskomitee der Türkei hat ihn als deutschen Schriftsteller zu einer Veranstaltung mit der türkischen Autorin Elif Shafak gebeten, zu anderen Anlässen tritt er als türkischstämmiger Schriftsteller auf. "Ich ersehne mir das Jahr, in dem auf der Buchmesse endlich einmal Deutschland Gastland ist", sagt Zaimoglu. Da wäre er dann ganz und gar richtig.


SPIEGEL SPECIAL 6/2008
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