30.09.2008

Triebhaft, verschlagen, lieb

Unter dem schrägen Titel „Schweinegezadder“ zeigt Manfred Krug in einer Kurzgeschichtensammlung, dass er auch als Erzähler einen genauen Sinn für seine Figuren hat.
Ein Wunderwerk der Gegensätze ist dieser Manfred Krug. Unbeherrscht und laut kann der gelernte Stahlkocher sein, aber auch von schmerzhafter Wahrhaftigkeit. Und das nicht nur in eigener Sache, wenn er zum Beispiel zugibt, als Schauspieler nur sich selbst gespielt zu haben, ob als "Liebling Kreuzberg" in der gleichnamigen ARD-Serie oder als Hamburger "Tatort"-Kommissar Stoever. Zärtlich und wund vor Empfindsamkeit schaut das grobknochige Mannsbild andererseits auf Welt und Menschen, was den Texten seiner Jazz-Lieder und seiner Erzählprosa jenen wehmütig ironischen Ton gibt, der nun auch die Kurzgeschichtensammlung "Schweinegezadder" auszeichnet.
Das Gemeine und das Erhabene im menschlichen Wesen schildert Krug mit der gleichen unbestechlichen Präzision. Er ist stets bereit, das Lächerliche an beidem aufzuspießen. Oder das Rührende. Oder das Böse. Dabei bringt er es fertig, sich nie über seine Figuren zu erheben oder sie zu verraten. Gemein, wie zwei Möchtegernkünstler in der untergegangenen DDR einem Landwirt die Reste eines Barocksessels abgaunern wollen. Erhaben, wie der Bauer Michalke die beiden abfahren lässt - und sich den Sessel für teuer Geld lieber selbst herrichtet. Lächerlich, wie der Nachbar von Frau Löhlein sich in deren Katze verliebt und das Frauchen ehelicht, um der Mieze nahe zu sein. Doch was wie eine Posse beginnt, nimmt eine abgründige Wendung.
Triebhaft ist der Mensch, verschlagen und lieb. Ob Stasi-Spitzel, Pädophiler oder der unauffällige Herr Oswald, in dessen "sonst prunklosen Zügen" der Erzähler plötzlich "ein Lächeln" entdeckt, das den Dämon im Diener entlarvt. Oder Marga, die Spitzelfrau, die auf die Frage, warum sie mit einem miesen kleinen Spion zusammenlebe, die unwiderstehlich offenherzige Antwort gibt: "Wegen der Mächtigkeit seines Geschlechtsorgans."
Wie viel Einsamkeit zeigt sich in der Schilderung eines Mannes, der stundenlang versucht, mit der Zunge einen Essensrest - "Schweinegezadder", was für ein Wort - aus seinen Zähnen zu befördern, zu lethargisch, sich einen Zahnstocher zu besorgen. Könnte jemand eine Haarspange vergessen haben? Aber wer sollte in der Nähe seines Bettes, "dass ich nicht lache", eine Haarspange verloren haben, nachdem der Bewohner "jegliche sexuelle Neugier vor Jahren restlos eingebüßt hatte". Man sieht den Mann vor sich - wer könnte ihn besser verkörpern als der Schauspieler Krug? Dabei will Autor Krug diesmal gar nicht aus dem eigenen Leben berichten. Und verrät dabei doch ziemlich viel über sich selbst.
Das Allerschönste wäre, wenn ein ganzer gefühlter Roman in einer Kurzgeschichte mitschwänge, findet Krug und offenbart in einem Brief an die Buchhändler: "Und gerade das habe ich nicht geschafft." Nur nicht so bescheiden. Ganz und gar gefühlte Menschen und ihre Geschichten sind allemal präsent, wenn Manfred Krug seinesgleichen beim Menschsein zusieht. BETTINA MUSALL
Von Bettina Musall

SPIEGEL SPECIAL 6/2008
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