30.09.2008

Witz als Fliehkraft

Sibylle Mulot über fünf neue Romane und die Tragikomik, die sie verbindet
"Das Uhrenstellinstitut" von Ahmet Hamdi Tanpinar sei "mit Sicherheit der komischste" türkische Roman des 20. Jahrhunderts, verspricht der Verlagsprospekt. Aber welcher Art? Burlesk? Heiter? Verzweifelt? Tröstlich?
Auf dem Pressefoto lächelt Tanpinar mit schwarzer Katze in die Kamera. Er lebte von 1901 bis 1962 in Istanbul, ein Literaturprofessor. "Wer mich kennt", sagt sein Held Hayri im ersten Satz, "weiß, dass ich fürs Lesen und Schreiben nicht besonders viel übrig habe."
Hayri ist zurückhaltend, schlicht, aufrichtig, faul und nicht dumm. Da sitzt er, fast 60-jährig (wie sein Autor) und bemüht sich, die Ereignisse seines Lebens aufzuschreiben. Gelesen habe er nur Jules Verne, Detektivstorys, ein paar Geschichtsbücher, Tausendundeinenacht und das Papageienbuch. (Darin erzählt ein Papagei unaufhörlich Märchen, um eine Frau vom Ehebruch abzuhalten.)
Derart aufgerüstet, legt Hayri los wie ein Held der Weltliteratur. Seine Vorfahren? Aus ihren hochfliegenden Plänen, eine Moschee zu stiften, ist nie etwas geworden. Übrig blieb eine voreilig gekaufte Standuhr mit eigenwilligem Zeitbegriff. Hayri, dessen Schulnoten sich verbessern, als er der Schule gänzlich fernbleibt, ist nicht ehrgeizig. Ihn interessieren nur die Familie, ein paar wunderliche Freunde, sein Uhrmachermeister, alles liebenswert-altmodische Originale.
Aber die Zeit steht nicht still. Eines Tages begegnet er einem außerordentlich energischen modernen Menschen, der ihn rettet (und manipuliert). Sie gründen das "Uhrenstellinstitut". Es wird nach altem Brauch sofort zur Hälfte mit Verwandten, zur Hälfte mit von oben empfohlenen Personen besetzt. Es wuchert, wächst, sorgt mit viel Personal und neuen Werbemethoden für moderne Einheitszeit. Hayri sträubt sich innerlich gegen diese Entwicklung, profitiert aber davon. Bis eines Tages eine noch modernere Ära anbricht, ein Protagonist unter die Räder kommt ...
Mit Hayri reist eine ganze Gesellschaft von der alten Zeit in die neue - vom Osmanischen Reich in die Türkische Republik und weiter ins "Hello!"- und Jazz-Zeitalter. Tanpinars Stil ist schillernd: Fein und üppig, raffiniert und ausufernd zeigt er die komischen Verrenkungen eines Zauberlehrlings im Sog der hektisch entfliehenden Zeit.
Hinter den Bergen, bei den sieben Serben, da schreibt ein anderer Autor auch sehr komisch über Zeit und Reise. Svetislav Basara, geboren 1953 im serbischen Teil Jugoslawiens, preisgekrönter Autor vieler kurzer Romane, zeitweise Botschafter Serbien-Montenegros in Zypern, schrieb 1991 seinen "Mongolski bedeker".
Der Ich-Erzähler, ein leicht paranoider Schriftsteller namens Svetislav Basara (wie der Autor), hat Angst, sein neues Buch könne wieder nur "das Verzeichnis der Einsamkeit, Langeweile und Nichtigkeit meines Lebens" abgeben. Ein toter Freund vermacht ihm einen Job: Basara soll einen Baedeker der Mongolei schreiben.
Prompt entsteigt seiner Phantasie ein grausam rückständiges "Am-Arsch-der-Welt-Land" (lange vor Sacha Baron Cohens Kasachstan), in dem zum Beispiel Journalisten eine gelbe Armbinde mit Davidstern tragen müssen. Ähnlichkeit mit Nazi-Erlässen seien rein zufällig, sagen die Mongolen. Gelb sei nun mal "die Farbe der mongolischen Rasse, und die sechs Enden des Sterns symbolisieren den Himmelslotus beziehungsweise die sechs Tugenden, die die Vertreter der Schreibzunft schmücken müssen, falls sie in ihrem nächsten Leben nicht als Nashörner wiedergeboren werden wollen". Meteorologen dagegen werden sofort hingerichtet, wenn sie sich geirrt haben - dafür zügig rehabilitiert, wenn man die Hexe findet, die an ihrem Irrtum schuld war.
Vorsichtshalber hält sich der Held in Ulan Bator meist im Hotel Dschingis Khan an der Bar auf und philosophiert mit anderen Gestrandeten über das Wesen der Zeit. Oder man sucht das in sozialistischen Ländern nichtexistierende Bordell: Nichts leichter als das. "Man geht zu einem der ohnehin zahlreichen Fischhändler, schlendert scheinbar gelangweilt ins Geschäft hinein und hüpft dann auf einem Bein bis zum Bediensteteneingang. Der Rest ist einfach."
Basara entfesselt in seinem "Führer in die Innere Mongolei" eine umwerfende Komik der Übertreibung und des vielfachen Seitenhiebs, erweckt den Eindruck immerwährender Subversivität. Virtuose Spiegeleffekte lassen überdies die Möglichkeit offen, mit der Kritik sei auch das eigene Land gemeint. Aber nichts steht fest in diesem kabbalistischen Tanz: nicht einmal, ob der Held wirklich nach Ulan Bator reiste oder doch nur im Traum eines vom Glauben abfallenden holländischen Bischofs stecken blieb.
Gesetzt den Fall, man würde wirklich aus dem eignen Land geworfen und müsste sein Leben im Exil fristen - kann man da noch komisch sein?
Sergej Dowlatow, geboren 1941 in der UdSSR, gestorben 1990 in New York, war Studienabbrecher, Soldat, Journalist, Fremdenführer und Spaßvogel. Als seine in der UdSSR verbotenen Texte 1978 im Westen zu erscheinen begannen, legte man ihm die Ausreise dringend nahe. Drei Koffer waren ihm erlaubt, einen einzigen nahm er mit. Vollgepackt mit Kleidungsstücken. Sein Roman "Der Koffer" (1986) funktioniert wie eine Anziehpuppe: Von den Schuhen an aufwärts - er hatte sie dem Leningrader Bürgermeister bei einem Festbankett unter dem Tisch geklaut - über die erbsgrünen finnischen Acrylsocken (sein erstes Spekulationsobjekt) bis hin zu Offiziersgürtel und Wintermütze entsteht die Sowjetunion zur Abwechselung als komische Figur.
Dowlatow betrachtete sich nicht als politisches Opfer. In seinen zwölf Exiljahren verfasste er mehrere Bücher über seine menschliche Komödie, Vorbild für manchen Schriftsteller der nächsten Generation. Neben dem "Koffer" erscheint auch ein zweiter Roman auf Deutsch: "Der Kompromiss". Er handelt von Dowlatows Zeit als Journalist bei einer russischen kommunistischen Zeitung im estnischen Tallinn. Sein lakonisch-witziger Stil entspringt einer nachsichtigen Liebe zu allen, die sich mit einem im Kern absurden Konflikt herumschlagen müssen - besonders zu den Listig-Unangepassten unter ihnen.
Was ist, wenn man bereits im eigenen Land ins Gefängnis geworfen wird - kann dies immer noch komisch sein?
Der deutsch schreibende Abbas Khider (geboren 1973 in Bagdad, seit einigen Jahren in München lebend) lässt seinen Erzähler in "Der falsche Inder" ein arabisches Manuskript finden. Wundersam erzählt es ihm die eigene Geschichte, wenn auch mit veränderten Namen. Der Held Rasul Hamid, ein junger Mann im Bagdad des Diktators, wird von seinen Landsleuten ständig gefragt, ob er Ausländer sei - Inder vielleicht? Auch den Behörden muss er immer wieder irakische Kinderliedchen hersagen, um zu beweisen, dass er kein Spion ist. Er selbst verdächtigt seine Großmutter indischer Umtriebe: Als die Engländer damals den Süd-Irak besetzten, brachten sie indische Soldaten mit. Ist er "das Produkt der Vereinigung zweier englischer Kolonien"?
Nach einer Haft beschließt er zu fliehen. Von Bagdad nach Jordanien, Ägypten, Libyen, Tunesien, in die Türkei, nach Griechenland, Italien, Deutschland ... Erzählerisch gekonnt wird die Odyssee zerlegt: Jedes Kapitel beginnt wieder in Bagdad, die Fluchtbewegung wird unter verschiedenen Gesichtspunkten immer neu vollzogen und leicht, fast übermütig erzählt. Frauen. Schreiben. Papierklauen. Sogar im Kapitel "Sprechende Wände" (über seine Gefängnisse) macht er noch Scherze. Erst im Kapitel "Die Wunder" erfahren wir, dass er seiner angesetzten Hinrichtung nur durch einen unglaublichen Zufall entging. Nun verändert sich der Ton, die dunkle Unterströmung tritt stärker hervor. "Gesichter" suchen ihn heim: Mitgefangene, Fluchtkameraden, Familienmitglieder, die nicht schafften, was ihm gelang: Überleben. Asyl finden. Lachen.
H
Komik ist Tragik plus Zeit, soll Mark Twain gesagt haben. Und James Thurber: Komik ist die Kehrseite der Tragik. Der deutsche Rapper Max Herre machte daraus: Komik ist Tragik in Spiegelschrift. Schöner kann man es nicht ausdrücken.

SPIEGEL SPECIAL 6/2008
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