30.09.2008

Vom Halbgott zum Fossil

War Kaiser Wilhelm II. ein Psychopath und Polit-Tölpel, der mit aggressivem Gottesgnadentum das Reich ruinierte? Darauf beharrt der Biograf John C. G. Röhl. Sein Kollege Christopher Clark freilich urteilt weitaus moderater. Von Johannes Saltzwedel
Bei den Zeitgenossen galt sie als ungekrönte Königin Venedigs: Reihenweise empfing Gräfin Annina Morosini, eine grünäugige, von vielen Malern verewigte Schönheit aus altem Patriziergeschlecht, in ihrem Palazzo am Canal Grande Magnaten und Potentaten aus aller Welt. Begreiflich, dass auch der deutsche Kaiser dieser "Dogessa" seine Honneurs machen wollte. Als Wilhelm II. im Mai 1905 mit seiner Yacht "Hohenzollern" in der Lagunenstadt eingetroffen war, galt einer seiner ersten Besuche der legendären Salondame.
John C. G. Röhl allerdings hat sich durch das Zusammentreffen von Macht und Grazie nicht beeindrucken lassen. Kaum eine Zeile mag er im dritten und letzten Band seiner monumentalen Biografie des Kaisers für die betörende Contessa opfern; auch in einer seltsam missgelaunten Übersicht zu Wilhelms Frauenkontakten zitiert er nur ungeprüft, dass es um der Venezianerin willen im kaiserlichen Gefolge "zu dramatischen Eifersuchtsszenen" gekommen sein soll.
Die Abstinenz ist kein Versehen. Wilhelm als Kavalier, als mondäne Figur europäischen Zuschnitts - solch ein Auftritt würde im Bild, das der inzwischen emeritierte Historiker von der University of Sussex in jahrzehntelanger Arbeit gezeichnet hat, nur stören. Denn für Röhl ist der letzte deutsche Kaiser ein Unsympath durch und durch: von Geburt an leicht hirngeschädigt und verkrüppelt, falsch erzogen, dazu frech und tückisch, intellektuell wie emotional maß- und haltlos - das Verhängnis auf zwei Beinen.
Niemand hätte erwartet, dass sich dieses Urteil noch aufhellen würde. Aber für die letzten 41 Lebensjahre seines Antihelden hat sich Röhl, wie es scheint, selbst übertreffen wollen. Peinlich, unglaublich, haarsträubend, aberwitzig, horrend, atemberaubend, wahrhaft schwindelerregend, schauderhaft: Mit solchen Empörungsvokabeln kommentiert der Historiker immer wieder Wilhelms Denken und Handeln. Der Herrscher zeige "autistische Selbstüberschätzung" bis zur Unzurechnungsfähigkeit und "vorsintflutliche" Regierungsbegriffe; in aller Regel benehme er sich schadenfroh, rechthaberisch, unredlich, verantwortungslos, arrogant und besserwisserisch, ja vielfach wahnhaft oder paranoid.
Ungewollt degradieren solch scharfe Wertungen die vielen langen Zitate, mit denen Röhl wie in den früheren Bänden Objektivität beweisen will, zu rhetorischen Versatzstücken. Außenpolitisch von Krise zu Krise stolpernd, erscheint Wilhelm als Charakter oder gar Mensch unentwegt einem Gruselkabinett entsprungen. Schlimmer noch: Geht es endlich einmal nicht um das ewig heikle Zusammenspiel von Herrscher, Kanzler und Auswärtigem Amt, dann lässt Röhl bisweilen reichlich vage und nonchalant den "Zug der Zeit" abfahren; manchmal reichen ihm gar Spekulationen.
Übergroß muss der Druck gewesen sein, das ausufernde Opus zu beenden - denn trotz seiner fast 1700 Seiten wirkt dieser Schlussband wie abgehackt. Analysiert Röhl den Kriegsbeginn 1914 noch im Tages-, ja Stundentakt, so ziehen der Krieg selbst und das lange Exildasein des Ex-Monarchen auf weniger als 200 Seiten im Gewaltritt vorbei. Wilhelms Memoiren von 1922 etwa, die sicher eine Diagnose verdient hätten, werden nur flüchtig erwähnt; auch der spätere "Ersatzkaiser" Hindenburg wird praktisch ausgeblendet.
Christopher Clark hat es beinahe umgekehrt gemacht. Jugend und frühe Herrscherjahre des Kaisers, für die Röhl erschöpfende zwei Bände brauchte, handelt er auf gut hundert Seiten ab. Um- so intensiver kann Clark, der in Cambridge lehrt, seinen Essay den späteren Verwicklungen und jener Kernfrage widmen, die bei Röhl trotz der alles beherrschenden These von Wilhelms "persönlicher Monarchie" seltsam in der Schwebe bleibt: Wie viel Macht hatte der stolze Regent?
Letztlich, resümiert Clark mit Röhls Gegenspieler Hans-Ulrich Wehler, habe sich die Rolle des Kaisers im politischen Gefüge als "systemwidriges Experiment" erwiesen. Die wirklich Regierenden sahen demnach in Wilhelm II., der sich noch in kleinen Dingen für unentbehrlich hielt, vorwiegend ein "lästiges Ärgernis". Vor allem die Kanzler Bernhard von Bülow und dann Theobald von Bethmann Hollweg, der mit seinem Kaiser "vielleicht die stabilste Partnerschaft" erreichte, wussten allerhöchste Einfälle und Alleingänge gut abzufedern.
Röhl kann dieses Bei-Laune-Halten nur als Schadensbegrenzung inmitten des kaiserlichen Chaos sehen. Dabei muss auch er eingestehen, dass Regierung und Militärs zuweilen - etwa in der ersten Marokkokrise 1905 - ihrem leicht beeinflussbaren Staatsoberhaupt regelrecht den Part diktierten. Solange er öffentlich Sympathie verspürte, ließ der medienbewusste "Imperator Rex" manches mit sich machen. Vor einer Kriegserklärung jedoch scheute der sonst so martialische Hohenzoller lange zurück, bis Ende Juli 1914 Kommandierende aller europäischen Großmächte die fatale Kettenreaktion für den Weltbrand auslösten und Wilhelm II. sich in das scheinbar Unvermeidliche fügen musste. Seinen Versuch, in letzter Sekunde zu vermitteln, hatten Kanzler und Auswärtiges Amt, wie Röhl selbst nachweist, kaltblütig ignoriert.
In solchen Augenblicken der Wahrheit ist kaum noch etwas zu merken vom anderen Wilhelm, dem teutonischen Wortpolterer und Weltaufteiler, der Hirngespinste vom Endkampf der weißen und gelben Rasse oder gar von einer jüdischen Weltverschwörung ebenso eilfertig übernahm wie die Begeisterung für Luftschiffe oder für die Enträtselung des Hethitischen. Es war dieser Drauflosredner, der enthusiastisch sein gottgegebenes Amt erfüllen wollte und dabei auf immer größere Skepsis und bald auch Häme traf. Clark kann zeigen, dass "Wilhelm der Plötzliche", wie der Volksmund ihn nannte, seine "Unglücksrhetorik" nicht selten bitter bereut hat. Aber nur noch zu schweigen wäre eben auch falsch gewesen.
Schon Zeitgenossen wie Rudolf Borchardt, der den Regenten 1908 hintersinnig als Verkörperung "der egozentrischen Maßlosigkeit seiner Epoche" in Schutz nahm, oder Walther Rathenau, der 1919 das Problem seiner Schuld oder Unschuld als "falsche Fragestellung" abwies, haben erkannt: Wer in Wilhelm den Repräsentanten übergeht und seine Äußerungen wörtlich nimmt, den musste und muss immer noch das Grauen packen, ein Grauen ohne Erkenntniswert. In dieser Sackgasse steckt Röhl bei allem ungeheuren Faktenwissen fest. Patzer, Fauxpas, Unbesonnenheiten und Rechthabereien - sein Kaiser kann einfach nichts richtig machen.
Clark hingegen bringt einiges Verständnis auf. So spiegelt für ihn die "Krüger-Depesche", mit der sich Wilhelm 1896 an die Seite des Burenführers gegen England stellte, begreifliche deutsche Machtinteressen wider. Und sogar im Fall des berüchtigten, 1908 im "Daily Telegraph" erschienenen Interviews, worin Wilhelm unter anderem die Engländer "verdreht wie Märzhasen" nannte, sieht er den Skandal weniger bei der Majestät selbst. Bülow hätte den vom Kaiser eigens vorgelegten Text ohne weiteres entschärfen können. Da bleibt ein starker Verdacht, dass der Kanzler seinen gern vorpreschenden Monarchen demütigen wollte.
Von solchen Machenschaften ist bei Röhl nur andeutungsweise die Rede. Dennoch erscheint sein Zitatengebirge im Gefolge des Historikers Fritz Fischer, der 1961 Deutschlands schuldhaften "Griff nach der Weltmacht" nachzuweisen versuchte, gerade bei diesem Finale über weite Strecken wie ein grämliches Rückzugsgefecht. Während Clark souverän Wilhelms allergisch-verstörte Reaktionen auf die Republik von Weimar und seine zwischen Jubel und Entrüstung schwankende Haltung zu Hitlers NS-Staat erörtert, lässt Röhl geradezu manisch - und offensichtlich in Erwiderung auf Clarks Buch, das im Jahr 2000 auf Englisch erschien - Egozentrik, Verblendung und Judenhass des Ex-Regenten zu unheilschwangerer Düsternis verschmelzen. Dabei hauste auf Schloss Doorn am Ende nur ein alter, verbitterter Asylant, der die Welt nicht mehr verstand.
Immerhin hat Röhl für die Schlusskapitel eine bislang kaum ausgebeutete Quelle zu bieten: das Tagebuch des Leibarztes Alfred Haehner. In diesen Aufzeichnungen findet sich immer wieder, was Röhls ausladendem Anklage-Dossier schon früher gutgetan hätte: Humanität und das Bemühen um Verständnis.
Aber auch Haehners Notizen verzerren sich in Röhls Deutung alsbald zum Karikaturenstadel. Die Söhne des von seiner Wiedereinsetzung träumenden Dynasten erscheinen als Horde degenerierter Reaktionäre, die von Wilhelms zweiter Frau Hermine von Schönaich-Carolath mit ihrer anfänglichen Hitler-Begeisterung trefflich ergänzt wird. Clark indessen benötigt für seine abgewogenere Darstellung ganze zehn Seiten, auf denen sogar noch das Interesse des Entthronten für Archäologie oder seine Nicht-Lektüre von "Mein Kampf" vermerkt sind. Wie wenig der einstige Herrscher letztlich zum Vorläufer oder Gewährsmann des braunen Regimes getaugt hätte, belegt am Ende Adolf Hitlers Einschätzung, der Verstorbene sei eine großtuerische Puppe ohne Charakter gewesen - als hätte die Geschichte dem Unglücksmonarchen nach so viel bitterer Ironie auch dieses Verdikt nicht ersparen mögen.
Vom Halbgott der Nation in schimmernder Wehr über eine dämonische Figur, deren irdische Erscheinung manche Briten nach dem Ende des Ersten Weltkriegs am liebsten wie Napoleon auf das ferne Eiland St. Helena verbannt hätten, hatte es Wilhelm II. zum belanglosen, bestenfalls trübe belächelten Fossil eines fernen Zeitalters gebracht. War es sein Zeitalter? Ausgerechnet John Röhl, der keine Schlussbilanz liefert, nennt den von ihm so erbarmungslos Demontierten weiterhin mit Nachdruck "die zentrale Gestalt der Wilhelminischen Epoche".
Für diese Einschätzung spricht, dass selbst der glänzend informierte Kaiser-Skeptiker Walther Rathenau 1919 bemerkte: "Niemals zuvor hat so vollkommen ein sinnbildlicher Mensch sich in der Epoche, eine Epoche sich im Menschen gespiegelt." Von dieser verbürgten Aura der Größe will Röhls Entzauberungseifer nichts mehr wissen. Clark kreist in seiner Machtanalyse zumindest einen tief problematischen Charakter ein: Wilhelm sei "ein intelligenter Mensch" gewesen, "ausgestattet allerdings mit einem schlechten Urteilsvermögen, der zu taktlosen Ausbrüchen und kurzlebigen Begeisterungen tendierte, eine ängstliche, zur Panik neigende Gestalt, die häufig impulsiv aus einem Gefühl der Schwäche und Bedrohung heraus handelte".
Übertrieben milde ist das auch nicht formuliert - aber doch so, dass aus Weltgeschichte nicht gleich das Weltgericht wird.
Von Johannes Saltzwedel

SPIEGEL SPECIAL 6/2008
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