18.11.2008

„Jedes Kind ist begabt“

Die Frankfurter Forscherin Donata Elschenbroich über die Neugier und das Weltwissen von Kindern, die Bedeutung emotionaler Bindung und die Notwendigkeit, sich trotz Lerndrucks und Alltagshektik Zeit und Muße zu nehmen
SPIEGEL: Frau Elschenbroich, vor einigen Jahren haben Sie mit einem umfangreichen Kanon, was Siebenjährige gelernt und erfahren haben sollten, lebhafte Zustimmung, aber auch Proteste ausgelöst. Fühlen Sie sich nach drei Pisa-Debatten bestärkt, oder ist Ihre Aufstellung heute überholt?
Elschenbroich: Es ist ein offener Kanon, der ständig erweitert werden sollte. Dazu gehören Dinge wie: mal in einen Bach gefallen sein, etwas reparieren, Sinfonien mitdirigieren, Sahne schlagen, eine Batterie auswechseln, bei einer fremden Familie übernachten, über einen Friedhof spazieren, Kochrezepte umsetzen, Lieder in fremder Sprache singen können, Sternbilder erkennen. Ich habe den Kanon als Selbstverpflichtung verstanden. Eltern sollten wissen: Es gibt einen Grundbestand an Erfahrungen, der Kindern zusteht. Nicht alle Kinder müssen alle Erfahrungen gemacht haben, aber keine sollte von vornherein ausgeschlossen sein. Ein Streichholz anzünden sollte jedes sechsjährige Kind können.
SPIEGEL: Viele dieser Lernziele betreffen die soziale Kompetenz: Baby wickeln, Betten beziehen, eine Wunde versorgen. Derzeit debattieren Lehrer, Politiker und Eltern aber noch mehr darüber, dass Kinder möglichst früh möglichst viel kognitives Wissen erwerben sollen.
Elschenbroich: Ich weiß nicht, ob man das so trennen kann. Gerade in der Kindergartenzeit ist Lernen stark sozial vermittelt. In altersgemischten Gruppen, die ja in Deutschland inzwischen zum Glück die Regel sind, lernen Kinder voneinander und erwerben nebenbei Fähigkeiten wie, hier als Beispiel, mit Stäbchen zu essen.
SPIEGEL: Damals spielten Naturwissenschaften im Kanon noch nicht die Rolle, die sie in der heutigen Diskussion haben.
Elschenbroich: Bei der Erforschung der Natur, die uns damals schon wichtig war, ergibt sich ein idealer Lernzusammenhang, weil gleich die Erwachsenen mitlernen können. Bei Fragen wie: "Woher kommt der Donner?" stößt man selbst an seine Grenzen. Das lieben Kinder. Gesprächspausen und Wissenslücken sind ja nur uns Großen peinlich. Sie finden es toll, wenn sie die Erwachsenen an der Angel haben. Kinder lieben die Bewegung des Suchens und Fragens, so baut sich Tag für Tag ihr Wissen auf, viel mehr als durch Instruktion oder das Nachschlagen von Fakten.
SPIEGEL: Wie ernst muss man den Terminus Kanon nehmen, der ja auch etwas Totalitäres hat, vor allem, wenn Eltern glauben, ihn zwanghaft mit ihren Kindern abarbeiten zu müssen?
Elschenbroich: Die Anregungen im Kanon sind eigentlich zu vielfältig, als dass man sie als Zwangscurriculum missverstehen könnte. Viele Sachen kann man den Kindern ja nur wünschen, nicht verordnen. Dass ein Kind mal einen ganzen Tag mit dem Vater verbringt oder der Vater es pflegt, wenn es krank ist, wünschen wir allen Kindern, aber ob es je dazu kommt, ist eine andere Frage.
SPIEGEL: Denken Sie, Ihre heute erwachsenen Kinder hätten einen anderen Weg genommen, wenn Sie als Mutter in den siebziger Jahren schon gewusst hätten, was wir heute wissen?
Elschenbroich: Wir wären als Eltern froh gewesen, es hätte diese Diskussion schon gegeben. Wir hatten damals eine starke Abneigung gegen alles, was in Richtung akademisches Lernen ging. Wir hätten durch die Weltwissen-Anregungen besser erkannt, wie viele Bildungsgelegenheiten im Alltag stecken. Wenn man darauf gestoßen wird, wird das Zusammenleben mit Kindern interessanter.
SPIEGEL: Die 68er wollten ihre Kinder möglichst frei aufwachsen lassen. Nach dem Pisa-Schock fragen Eltern heute ängstlich, ob ihre Kinder leistungsbereit und globalisierungstauglich sind.
Elschenbroich: Ich weiß nicht, ob die Pisa-Ergebnisse so eindeutig zu werten sind. Die Studien zeigen doch, dass die Pisa-Gewinner nicht nur auf Schulleistung gedrillt sind, sondern in Alternativen denken und Probleme kreativ lösen können. Gerade die Japaner, die ja immer gut abschneiden, legen im Mathematikunterricht großen Wert auf alternative Lösungswege. Wir haben unseren Kanon übrigens weiterentwickelt. In einigen der 33 baden-württembergischen Bildungshäuser gibt es seit kurzem Weltwissen-Vitrinen.
SPIEGEL: Was kann man sich darunter vorstellen?
Elschenbroich: Wir möchten den Kanon in Alltagsgegenstände übersetzen. "Ich werde nie vergessen, was mir die Dinge beigebracht haben", sagte Pier Paolo Pasolini. In diesen neuen Wunderkammern des Lernens gibt es Werkzeuge und Instrumente, mit denen jedes Kind irgendwann einmal umgegangen sein sollte. Möglichst auch daheim, ein gutes Zuhause ist eine Art Weltwissen-Vitrine. Ob Dübel, Nudelhobel oder Wasserwaage - Eltern wissen oft gar nicht, wieviel Bildungsanregung in solchen Gegenständen steckt.
SPIEGEL: Alles ganz alltagsnah, nichts Elaboriertes?
Elschenbroich: Sowohl als auch. Nicht jede Familie muss ein Stethoskop besitzen. Aber es ist für jedes Kind total spannend, dieses Ding eine Woche nach Hause mitzunehmen. Zu hören, wie das Herz beim Hund klopft, bei der Oma und bei sich selbst. Und das aufzuzeichnen.
SPIEGEL: Haben Sie den Eindruck, Ihr Appell für ein reichhaltiges Wissen und mehr Phantasie im Umgang mit Kindern ist bei Eltern und Erziehern angekommen?
Elschenbroich: Die meisten deutschen Kindergärten sind für die Kinder heute anregender als früher. Derzeit erarbeiten wir beispielsweise in vielen Kindergärten gemeinsam mit Erziehern sogenannte Portfolios. Das sind individuelle Bildungstagebücher, in denen gesammelt und dokumentiert wird, was jedes einzelne Kind während seiner Kindergartenzeit gelernt und erfahren hat. Die Erzieher schauen das Kind genauer an, um seinem Temperament gerecht zu werden. Welche Möglichkeiten bringt dieses Kind mit, welche Angebote machen wir ihm? Ich finde es wichtig, dass das erste Buch, das man hat, eines über einen selbst ist. Und da wir ja alle ziemlich eitel sind, kommt dieses Projekt gut an. Die Kinder mögen ihre Portfolios.
SPIEGEL: Woran liegt es, dass es neben vielen guten Kitas so viele schlechte gibt? Haben die guten einfach mehr Personal?
Elschenbroich: Das fragen wir uns immer wieder beim Filmen, Otto Schweitzer und ich: Wieso ist es in diesem Kindergarten so lebendig, und woher haben die Kinder und Erwachsenen diese ansteckende Bildungslust? Und im Nachbarkindergarten bleibt die Zeit stehen, obwohl es dort nicht weniger Personal gibt! Manche Erzieher möchte man so richtig schütteln. Und andere beeindrucken immer wieder durch ihre Selbstlosigkeit. Die Fortbildungsbereitschaft in dieser Berufsgruppe ist einfach unglaublich. Obwohl Fortbildung keine Karriere- oder Aufstiegsvorteile bringt, strömen viele Erzieher am Wochenende in solche Veranstaltungen.
SPIEGEL: Wie müsste die Ausbildung reformiert werden?
Elschenbroich: Sie muss auf demselben Niveau angesiedelt sein wie die Lehrerausbildung und denselben professionellen Status verleihen. In den Ländern, in denen auf Hochschulstudium umgestellt wurde, bewerben sich übrigens prompt mehr Männer für den Beruf. In Japan werden Krippen- und Kindergartenerzieher seit 20 Jahren an Colleges oder Universitäten ausgebildet. Die Pädagogen im Kindergarten haben dasselbe Anfangsgehalt und den gleichen ehrenvollen Titel wie ein Universitätsprofessor.
SPIEGEL: Davon sind wir in Deutschland meilenweit entfernt.
Elschenbroich: Ja, und trotz einiger neuer Bachelor-Studiengänge wird auch in 20 Jahren die Mehrheit der Erzieher aufgrund ihrer Fachschulausbildung noch professionell unterbewertet sein. Und ihre Tätigkeit ist katastrophal schlecht bezahlt. Nur Verkäuferinnen verdienen noch weniger. Gleichzeitig zeigt eine Studie der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, dass die Berufszufriedenheit unter Erziehern erstaunlich hoch ist. Sie identifizieren sich mit ihrer Arbeit, das Klima in den Kitas ist gut. Die Erzieher merken, dass ihre Aufgabe seit der Bildungsdiskussion öffentlich anerkannter ist. Das hat ihnen Aufwind gegeben. Die einzelnen Kitas haben oft mehr pädagogischen Gestaltungsspielraum als Schulen. Und wenn sie wenigstens Honorarmittel bekommen, können sie sich mit den Kindern interessante Themen vornehmen.
SPIEGEL: Sie bieten selbst Fortbildungen für Erzieherinnen an. Was ist denen am wichtigsten?
Elschenbroich: Wenn man von Kindern erwartet, dass sie Akteure ihrer Bildung sein sollen, gilt das für Erwachsene auch. Und wenn man Kinder auf dem Weg in die Wissensgesellschaft begleiten will, muss man sich selbst darauf begeben. Das heißt in Fortbildungen etwas lernen, was man nachholen möchte, wie Naturforschen oder Singen. Und zugleich darüber reflektieren, wie man das lernt.
SPIEGEL: Was können wir von anderen Ländern lernen?
Elschenbroich: Bis vor kurzem sind wir im Ausland gewissermaßen auf Zehenspitzen umhergegangen und haben voller Bewunderung angeschaut, was die da in der Kinderbildung oder mit den Eltern machen. Inzwischen gibt es auch in Deutschland wirklich gute Arbeit, mit der man sich sehen lassen kann.
SPIEGEL: Wie kann ein Kind, das Stunden vor dem Fernseher verbringt, sich einen Kanon des Weltwissens erobern?
Elschenbroich: Es gibt ja derzeit die Diskussion um die Kindergartenpflicht. Ich finde die Haltung der Kirche vernünftig, die zunächst die Kitas beitragsfrei machen will, um danach die Diskussion über eine Kita-Pflicht neu zu führen. Was die bildungsfernen Schichten betrifft, tut sich wirklich eine Kluft auf. Am einen Ende des Spektrums gibt es die Kinderkulturwochen auf Schloss Elmau bei Mittenwald. Dort können Sie vierjährigen Kindern begegnen, die hochartikuliert sind und fast schon etwas haben wie einen Bildungsanspruch an sich selbst. Da wünscht man sich manchmal fast die Zeiten der selig verspielten Kindheit zurück.
SPIEGEL: Und auf der anderen Seite des Spektrums?
Elschenbroich: Man kann die sogenannten bildungsfernen Familien nicht alle über einen Kamm scheren, etwa weil sie beispielsweise einen Migrationshintergrund haben. Die meisten dieser Familien haben hohe Bildungserwartungen für ihre Kinder. Aber sie erwarten alles von den öffentlichen Institutionen, von Kindergärten und Schulen. Sie haben keine Vorstellung davon, wie man zu Hause Bildungserlebnisse anstoßen kann. Diese Eltern müssen erst erfahren, was informelles Lernen ist, müssen verstehen, dass sie auch Bildungsbegleiter ihrer Kinder sind, ob sie nun Fernsehen gucken oder Wäsche legen. Niemand hat ihnen gesagt, dass das Sortieren von Socken am Wäscheständer etwas mit Mathematik zu tun hat. Oder dass man die Kinder beim Kochen am Pfefferminzbüschel riechen lassen kann und darüber ins Gespräch kommt. Mit unseren Weltwissen-Vitrinen wollen wir solche kleinen Elternhausaufgaben verbinden. Und in unseren Filmen zeigen wir den anderen Eltern, wie zu Hause dadurch neue Kommunikationsformen entstehen.
SPIEGEL: Was sagen Sie berufstätigen Eltern, die sich bei allem guten Willen schlicht überfordert fühlen von den vielen Aufgaben, die der Kanon beinhaltet?
Elschenbroich: Erstens finde ich, sie sollten froh sein, dass sie berufstätig sein können. Das zeigt den Kindern, dass ihre Eltern etwas können und dass sie Glück gehabt haben. Und außerdem sind für die vielfältigen Anregungen im Kanon auch Großeltern, Freunde, Nachbarn da. Und vor allem haben die Kindergärten ihre Aufgaben. Vieles wird besser werden, wenn Kindergärten und Schulen näher zusammenarbeiten. Dann können sich Fünfjährige bei Achtjährigen Anregungen holen.
SPIEGEL: Ist das Elterndasein heute anstrengender als vor 20 oder 30 Jahren?
Elschenbroich: Eltern-Sein ist heute anstrengend. Von manchen Eltern geht eine starke Bildungskonkurrenz aus. Ich sehe Mütter im Café, ihr Kind ist dreisprachig. Da kann einen das Gefühl beschleichen, man fällt zurück, wenn das eigene Kind nur zweisprachig aufwächst.
SPIEGEL: Wird Erziehung heute vielleicht auch hysterisiert als Tanz ums goldene Kind?
Elschenbroich: Für Kinder ist es bestimmt auch anstrengend, diese ständigen Blicke auf sich zu spüren, diese gutgemeinten, aber auch sehr erwartungsvollen Blicke. Wir wissen noch nicht, was da für eine Generation herauskommt. Eine andere als die Generation Golf, die sich später darüber beklagte, dass ihnen nur die Pyjamas angewärmt wurden.
SPIEGEL: Die Ansprüche an die Kinder sind größer geworden, doch der Kreis derer, der sich um sie kümmert, hat sich radikal verkleinert.
Elschenbroich: Die Erfahrung mit Geschwistern wäre sicher entlastend. Zu sehen, wie aus zwei Kindern mit denselben Angeboten sehr unterschiedliche Wesen werden, relativiert den eigenen Einfluss und entlastet. Eltern begreifen: Sie sind nicht für alles verantwortlich.
SPIEGEL: Doch wir haben immer mehr Ein-Kind-Familien. Wenn in diesem Gefüge Erschütterungen wie Krankheit, Trennung, heftige Streitereien auftreten, wie wirkt sich das auf das Kind aus?
Elschenbroich: Die Familien brauchen Netzwerke. Wir wissen inzwischen, dass Kummer und Angst gedächtnisschädigend sind. Schon acht Monate alte Kinder reagieren mit einer höheren Kortisol-Ausschüttung, sagt die neue Säuglingsforschung, wenn die Bezugsperson halb abgewandt sitzt, wenn sie auf dem Sprung ist. Das Gedächtnis wird durch hohe Kortisol-Ausschüttungen geschädigt.
SPIEGEL: Erziehungswissenschaftler sagen: Bindung kommt vor Bildung, auch die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler ist eine wesentliche Voraussetzung für die Lernbereitschaft der Kinder.
Elschenbroich: Stimmt. Ich würde sogar noch die Bindung an Gegenstände miteinbeziehen. Man sollte ernst nehmen, dass Kinder die Welt auch über die Dinge erfahren, und darauf achten, dass sie eine Bindung, eine Wertschätzung zu ihnen aufbauen. In Japan etwa werden alte Gegenstände nicht einfach weggeschmissen, die Brille, der Pinsel, der Hobel werden mit Ritualen verabschiedet und beerdigt.
SPIEGEL: Was halten Sie von der zunehmenden Virtualisierung im Kinderzimmer?
Elschenbroich: Es gibt Zweijährige, die ihre Eltern damit überraschen, dass sie am Computer ihren Namen schreiben können, ehe sie richtig sprechen. Beeindruckend! Doch virtuelles Lernen löst nie die Hirnaktivität aus, die entsteht, wenn man etwas handgreiflich tut. Über die Lebenskraft einer Margerite zwischen zwei Pflastersteinen kann man nur live staunen. Per Mausklick ist das nicht zu haben.
SPIEGEL: Wie erkennen Eltern, ob ihr Kind eine besondere Begabung hat?
Elschenbroich: Einer unserer Filme heißt: "Das Kind ist begabt". Damit sagen wir, dass jeder begabt ist. Je vielfältiger die Themen und Gangarten in Familie und Kindergarten sind, umso genauer wird man erkennen, auf welche Weise ein Kind begabt ist. Wasserwerkstatt, Theaterspielen, Schreibecke im Kindergarten und Großbaustelle im Garten, da können die Kinder selbst entdecken, was ihnen besonders liegt. Der Mythos, dass die Begabung einfach von selbst aufblüht, so wie in dem Roman "Schlafes Bruder", das ist ärgerlicher Kitsch. Die Vorstellung, man könnte einen Menschen die ganze Kindheit hindurch prügeln, und plötzlich leuchtet trotz allem Elend geniale Begabung auf, ist Unfug.
SPIEGEL: Also müssen Familienmilieu und Kindergarten anregend sein, damit aus den Kindern was wird?
Elschenbroich: Natürlich spielt die Umgebung eine große Rolle. Mein Vater war Pianist, ich spiele Klavier, Musik gehört in unserer Familie zum Leben dazu. Bei meinen beiden älteren Kindern lief Musik so mit. Erst bei unserem jüngsten Sohn fiel uns irgendwann auf, dass er bei einer bestimmten Tonfolge immer weinen musste.
SPIEGEL: Er hatte also eine besondere musikalische Begabung?
Elschenbroich: Ja, aber als ich ihm gesagt habe, wenn er Cello lernen wolle, müsse er schon mal ein bisschen mehr als zehn Minuten üben, hat er mir erst einmal einen Vogel gezeigt. Da war er sieben Jahre. Mit zehn hat er einen Bericht über die Menuhin-Schule in England gesehen und wollte unbedingt dorthin. Er begriff, in Deutschland gab es zu viel Ablenkung, auch in der Familie. Auf dieser Schule würde er richtig arbeiten können. Das erste halbe Jahr war hart für uns alle, er hatte schreckliches Heimweh, aber er wollte nicht wieder nach Hause.
SPIEGEL: Gibt es heute nicht auch übereifrige Eltern, die unentwegt wunderbare Begabungen bei ihren Kindern sehen?
Elschenbroich: Man sollte sich nicht davor scheuen, als überehrgeizig zu gelten, wenn man eine Begabung entdeckt beim Kind. Das ist in Deutschland nicht so leicht, weil man sofort diskriminiert wird als jemand, der nur den eigenen Ehrgeiz bedienen und das Kind instrumentalisieren will. Früher haben sich die Eltern begabter Kinder in Initiativgruppen gern als Opfer zusammengeschlossen, nach dem Motto: "Ich bin auch betroffen, mein Kind ist leider hochbegabt." Das ist mittlerweile nicht mehr so. Eltern sollten davon ausgehen, ihr Kind ist a priori begabt, in einem Bereich vielleicht besonders. Das kann ein überdurchschnittlich hoher IQ sein, aber auch die Fähigkeit, Rollen zu spielen oder besonders gut planen und organisieren zu können. Es gibt neue Formen von Begabungen, die nicht in die alten Muster vom Geigen- oder Mathematik-Genie passen. Gerade solche Talente brauchen wir ja in der Zukunft. Vor allem auch kommunikative Begabungen.
SPIEGEL: Brauchen wir die Vorschule für alle?
Elschenbroich: Den Begriff Vorschule sollten wir abschaffen. Wir sind ja auch mit 50 Jahren nicht Vorrentner. Die Kindheit ist eine hochwertige Bildungszeit und nicht nur die Zeit vor der Schule. Die Pädagogen sind sich heute einig, dass die Übergänge zwischen den Bildungsorten fließender werden müssen. Mit acht muss einer nachholen können, was er mit vier schon hätte machen können. Andere dürfen schon mal als ganz Kleine über sich hinauswachsen. Kindheit bewirkt doch wohl mehr als nur Schulreife! In der Wissensgesellschaft ist es überlebenswichtig, mit Freude forschen zu können, sich neuen Herausforderungen zu stellen, lebenslang, weit über die Schule hinaus.
SPIEGEL: Welche Bildungsanreize funktionieren bei Kindern?
Elschenbroich: Kinder wollen die Welt nicht nur verstehen, sie wollen sie auch verändern. Sie wollen eingreifen, die Dinge verbessern oder spannender machen. In einem unserer Filme gibt es einen sechsjährigen Jungen, er spricht auf bescheidenem Niveau, undeutlich, stammelnd. Aber er konnte erstaunlich präzise zeichnen, wie Leonardo da Vinci, der ja auch nicht aus den Büchern, sondern durchs Zeichnen gelernt hat.
SPIEGEL: Sie sagen, weniger ist manchmal mehr. Entschleunigung und Muße - wie lässt sich diese Forderung mit unserer schnelllebigen Berufswelt verbinden?
Elschenbroich: "Science is patience", sagen die Naturwissenschaftler. Naturforscher brauchen Zeit wie Heu. Zeit für Kinder wäre oft das beste Elterngeschenk. Zeit muss ja nicht heißen, dass alles stehen bleiben muss. Auch im Auto kann man gemeinsam über eine Frage nachdenken. Sie muss ja nicht abschließend beantwortet werden.
SPIEGEL: Viele Eltern meinen heute: "Ich frühstü- cke mit meinem Kind, das ist gemeinsame Quality time."
Elschenbroich: Kann schon sein. Aber der Tag hat für Kinder 12 bis 14 Stunden. Es gibt zum Beispiel diese Zeit zwischen Mutter und Kleinkind, nachdem das Baby gefüttert und gewickelt ist und die beiden sind einfach nur entspannt zusammen. Das Kind wird nicht bespielt, nicht stimuliert, und dennoch speichern Säuglinge, mit der ruhigen Anwesenheit der Mutter im Rücken, gerade in diesen Phasen viele Erkenntnisse ab. "Quiet alert" nennt man diese Stimmung in der Säuglingsforschung. Auch ältere Kinder können noch nicht alle Fragen aufschieben bis zur Stunde der "Quality time" mit den Eltern.
SPIEGEL: Was würden Sie Eltern als Wichtigstes auf den Weg geben, damit aus ihren Kindern bildungsfreudige, vielleicht auch leistungsbereite Menschen werden?
Elschenbroich: Eltern sollten überraschungsbereit bleiben, sich beeindrucken lassen von den Fähigkeiten und Begabungen ihres Kindes. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte für die Bildung und Erziehung: Einige Redewendungen sollen verschwinden. Zum Beispiel die Aussage von Lehrern, "die oder den muss ich bremsen" - das soll man nicht mehr hören müssen. Ebenso wie die Formulierung, egal, ob in der Schule oder im Parlament: "Wir sind hier nicht im Kindergarten." Und hoffentlich muss man irgendwann nicht mehr den erleichterten Stoßseufzer von Eltern dreijähriger Kinder hören: "Jetzt sind wir aus dem Gröbsten raus." Was soll das heißen? Diese ersten drei Lebensjahre - das sind nicht die gröbsten, sondern vielleicht die feinsten Jahre im menschlichen Leben. Nie wieder wird man so viel lernen und erkennen.
SPIEGEL: Frau Elschenbroich, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Angela Gatterburg, Bettina Musall und Dietmar Pieper in Frankfurt am Main.

DONATA ELSCHENBROICH,
Jahrgang 1944, ist eine der bekanntesten deutschen Expertinnen für Bildung im Vorschulalter. Ihr Buch "Weltwissen der Siebenjährigen" (2001) wurde ein internationaler Bestseller. Darin entwickelte Elschenbroich einen ungewöhnlichen Erfahrungs- und Bildungskanon als Orientierung für Eltern und Erzieher. Mit dem Dokumentarfilmer Otto Schweitzer produziert sie die Filmreihe "Wissen und Bindung". Elschenbroich hat drei erwachsene Kinder und lebt in Frankfurt am Main.

SPIEGEL SPECIAL 7/2008
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