18.11.2008

Könige der Fragen

Deutschlands Kindergärten sind im Umbruch: Nicht Aufbewahrungshorte, sondern Bildungsstätten sollen Kitas heute sein. Erzieher wollen den natürlichen Forschergeist der Kinder anregen und ihre Lust am Lernen wecken. Aber je nach Bundesland und Einrichtung sind die Ergebnisse höchst unterschiedlich.
"Wo sind beim Schmetterling die Beine?", fragt Johanna. Es ist Kinderkonferenz in der Villa Zuckerberg. 18 Kinder zwischen drei und sechs Jahren sitzen auf dem Boden und suchen nach einer Antwort. Maiks Hand schnellt in die Höhe: "Unten am Schmetterling ist so eine Fläche, da sind die Füße dran, und zwar oben und unten." Und Dennis sagt: "Man sieht die Beine nicht, weil sie so klein sind."
Dann wendet sich Erzieherin Csilla Juhasz an Liz. "Welche Frage hast du dir heute überlegt?" "Ich möchte wissen, was Räuber alles klauen!" Dazu kann fast jeder etwas sagen. Valeria: "Viel Geld!" Johanna: "Einen goldenen Schlüssel!" Dennis: "Vielleicht einen Pokal."
In der Villa Zuckerberg, einer städtischen Kindertagesstätte in Stuttgart, sind die Kinder die Könige der Fragen. Häufig entsteht aus ihrer nie versiegenden Neugier ein Projekt. Dann machen sich die wissbegierigen Steppkes beispielsweise daran, das Geheimnis von Steinen zu lüften. Woraus bestehen die? Und was kann man alles damit machen?
Fertige Antworten hat das achtköpfige Erzieherteam für die Kinder nicht parat. Stattdessen suchen die Jungen und Mädchen selbst nach Lösungen - die Pädagogen helfen ihnen dabei, manchmal kommen auch Spezialisten hinzu. So haben die 55 Kindergarten- und Hortkinder zusammen mit einem Bildhauer aus einem Steinblock mit Hammer und Meißel ein Sofa geformt. Das lädt jetzt im Garten zum Sitzen ein.
Die Villa Zuckerberg ist anders als herkömmliche Kindergärten. Schmetterlingsschablonen an den Fenstern, Förmchen in der Buddelkiste? Fehlanzeige. Auf den Treppenstufen sind Zahlen aufgeklebt, zum Zählen beim Treppensteigen. Statt der üblichen Gruppenzimmer mit Kuschel- und Puppenecke gibt es thematisch gestaltete Räume. Dazu gehört ein Forscherlabor, in dem Mikroskope, Pipetten und Trichter bereitliegen, oder ein Bauzimmer mit Flaschenzug und echten Planzeichnungen an den Wänden. In der Stuttgarter Kita gibt es keine verordneten Bastelarbeiten für alle. Stattdessen kann jedes Kind entscheiden, womit es sich beschäftigt - die Interessen der Kinder sind Dreh- und Angelpunkt des pädagogischen Konzepts.
Schleppt ein Vierjähriger den ganzen Tag Holzbretter durch die Gegend, oder fordert er seine Kumpels zu Wettrennen auf, dann will er herausfinden, was sein kleiner Körper leisten kann. Eine Dreijährige, die stundenlang Sandeimer ausschüttet, lernt dabei, dass das Ergebnis immer gleich bleibt und "erweitert so ihre Sicherheit", wie Leiterin Sabine Pfeffer sagt. "Wir beobachten jedes Kind beim Spielen. Dann machen wir ihm speziell auf seine Interessen abgestimmte Angebote und erstellen einen individuellen Bildungsplan."
Dahinter steckt eine gewichtige Einsicht der Elementarpädagogen: Alles, was Kinder tun, hat einen Sinn. Dazu passt eine Erkenntnis der Hirnforschung: Kinder lernen nur, was sie gerade lernen wollen. Weil es Entwicklungsphasen gibt, in denen sie sich bestimmte Fertigkeiten am leichtesten aneignen.
Die Villa Zuckerberg ist Teil des Projekts "Einstein in der Kita", an dem derzeit 80 städtische Kindergärten in Stuttgart beteiligt sind. Das Konzept stammt vom Berliner Institut für angewandte Sozialisationsforschung (Infans) und wird in 600 weiteren baden-württembergischen sowie in 100 Einrichtungen in Brandenburg umgesetzt.
Die Stuttgarter Villa Zuckerberg gehört einer neuen Generation von Kindergärten an, die sich nicht mehr nur als Betreuungseinrichtung verstehen. Freilich: Tränen abwischen, Windeln wechseln und bei Streitigkeiten schlichten, das gehört weiterhin zu den Aufgaben des Erzieherteams. Doch mit dem üblichen Unterhaltungspotpourri aus Memory-Spielen und Toben ist es in solchen Häusern nicht mehr getan. Die Kitas wollen den natürlichen Forschergeist der Kinder anregen, sie zu Selbständigkeit, Mitgefühl und Teamgeist erziehen und den Alltag so gestalten, dass die Knirpse ihre Lust am Lernen ausleben können - und sie bestenfalls nie mehr verlieren.
Noch ragen Kitas wie die Villa Zuckerberg wie Leuchttürme aus der deutschen Kindergarten-Landschaft auf. Insgesamt stellen Experten der vorschulischen Betreuung der Republik ein schlechtes Zeugnis aus. Die Qualität der deutschen Kitas bewegt sich nach dem Urteil von Wolfgang Tietze, Professor für Kleinkindpädagogik an der Freien Universität Berlin, auf dem Niveau der "gehobenen Mittelmäßigkeit": "Nur ein Drittel der Einrichtungen ist sehr gut bis gut, zwei Drittel sind mittelmäßig, und drei bis fünf Prozent gehören sofort geschlossen." Andere urteilen noch härter. "Das deutsche Kindergartensystem ist nicht tauglich für das 21. Jahrhundert", sagt Ilse Wehrmann, ehemalige Vorsitzende der Bundesvereinigung Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder.
Und das ausgerechnet in dem Land, in dem die Kita einst erfunden wurde. Friedrich Wilhelm August Fröbel gründete 1840 in Bad Blankenburg (Thüringen) den ersten Kindergarten, setzte dabei auf den Dreiklang von Erziehung, Betreuung und Bildung und prägte damit eine Institution, die in vielen Ländern der Erde kopiert wurde. Fast 170 Jahre später fällt in der Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts in vielen der rund 45 000 Kindergärten in Deutschland allerdings gerade die Bildung vielfach aus.
Dazu kommt: Die schöne neue Welt des Lernens eröffnet sich dem deutschen Nachwuchs unter sechs Jahren, wenn überhaupt, vorwiegend vormittags. Ganztagsplätze sind, zumindest im Westen der Republik, Mangelware. In manchen Bundesländern werden weniger als zehn Prozent der Drei- bis Sechsjährigen mehr als sieben Stunden betreut, so etwa in Baden-Württemberg. Und es ist in Westdeutschland weit verbreitet, das Angebot auch noch zu splitten: Vier Stunden vormittags, zwei bis drei Stunden nachmittags, und dazwischen schickt man die Kinder zum Mittagessen nach Hause. Das sei ein "echter Hemmschuh" für "berufstätige Mütter - auch wenn sie teilzeitbeschäftigt sind", wie die Konrad-Adenauer-Stiftung in einer Studie beklagt.
Im Osten ist es hingegen normal, dass Kinder den ganzen Tag im Kindergarten sind - in Thüringen etwa gilt das für 88 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen. Das gute Kita-Netz ist ein Erbe der DDR-Zeit; die OECD lobte es vor vier Jahren als eines der besten der Welt.
Dabei müssen sich Eltern jedoch fragen, ob ihr Nachwuchs in den vielen Stunden außer Haus wirklich gut aufgehoben ist. Denn beim Personalschlüssel schneiden Ost-Länder wie Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg im Ländervergleich am schlechtesten ab. Ein Drittel mehr Erzieher wär nach Ansicht von Experten in Deutschland nötig, um die Kita-Qualität entscheidend verbessern zu können.
Derzeit investiert Deutschland nur 0,5 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts in vorschulische Bildung, in Nachbarländern wie Frankreich oder Dänemark ist es deutlich mehr. Die Europäische Kommission empfiehlt, den Anteil auf ein Prozent zu steigern. Doch Experten befürchten, dass durch den geplanten Ausbau der Krippenplätze für Kinder unter drei für die dringend nötige Qualitätsoffensive in den Kindergärten kein Geld mehr übrig bleibt.
Trübe steht es auch um die Qualifikation des Personals: Die Kitas zwischen Kiel und Konstanz sind eine akademikerfreie Zone. Die Erzieher werden vor allem an Fachschulen ausgebildet, in vielen Ländern genügt der Hauptschulabschluss. Häufig verfügen nicht einmal die Kita-Leiterinnen oder -Leiter über eine Hochschulausbildung. Die Schmalspurausbildung steht in krassem Gegensatz zu dem, was die neuen Bildungskonzepte den Erziehern abverlangen. An den Fachschulen herrsche immer noch das gängige Erzieherbild "vom netten Mädchen, das mit den Kindern spielt", aber keine Bildung vermittle, kritisiert Norbert Hocke, Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.
In Deutschland galten Kindergärten lange Zeit als reine Aufbewahrungsstätten. Es herrschte die Auffassung vor, dass kleine Kinder am besten bei ihren Müttern aufgehoben sind. Erst der Pisa-Schock 2001 lenkte die Aufmerksamkeit auf das, was in den Kindergärten zwischen Morgenkreis und Mittagsschlaf passiert. Und die jüngere Hirn- und Lernforschung weist dem Kindergarten die Rolle des Fundaments in der Bildungsbiografie zu: Nie mehr lernt ein Mensch so viel, so leicht und so spielerisch wie in den ersten Jahren seines Lebens.
In der Folge wurden ehrgeizige Bildungspläne für die Kitas erstellt. Doch die Qualität, so sagen Experten, sei höchst unterschiedlich. Vor allem aber: Papier ist geduldig. Denn ob die Bildungspläne umgesetzt werden oder in der Schublade vergammeln, wird meist nicht überprüft, wie ein Kita-Report der Bertelsmann-Stiftung kürzlich herausfand. "De facto ist es jeder Erzieherin überlassen, wie sie arbeitet", kritisiert Expertin Ilse Wehrmann.
Auch Angela Merkels Bildungsgipfel im Oktober brachte bekanntlich nicht die erhoffte Reform. Das Familienministerium kündigte lediglich an, ein "Forum frühkindliche Bildung" einzurichten und die "Bemühungen der Länder, Kommunen und Träger" um mehr Qualität zu unterstützen.
Die einzelnen Länder machen sich mit unterschiedlichem Ehrgeiz an die Zukunftsaufgabe. So ist beispielsweise Nordrhein-Westfalen derzeit dabei, ein Drittel der Kindertageseinrichtungen zu Familienzentren auszubauen. Sie sollen, nach dem Vorbild der Early Excellence Centres in Großbritannien, soziale Dienstleistungen für die ganze Familie bereithalten und die Eltern mit Rat und Tat bei der Erziehung unterstützen.
Baden-Württemberg wiederum will Kindergärten und Grundschulen zu einem neuartigen Modell verschmelzen. In sogenannten Bildungshäusern sollen Drei- bis Zehnjährige gemeinsam spielen und lernen (siehe Seite 50).
"Es ist Bewegung in die Kindergärten gekommen", berichtet die Berliner Wissenschaftlerin Christa Preissing, die Erzieher seien hochmotiviert, den neuen Bildungsgedanken umzusetzen. Und auf die kommt es an. Denn wie gut ein Kindergarten ist, hängt entscheidend davon ab, ob Pädagogen Kinder als eigenständige Wesen sehen, die mit vielerlei Fähigkeiten und einer grenzenlosen Wissbegier ausgestattet sind.
Die Interessen der Kinder wahrnehmen, das nehmen sich die Erzieherinnen der Evangelischen Kindertagesstätte Lutherhaus in Saarbrücken jeden Tag aufs Neue vor. Kein einfacher Job: Zwei Frühpädagogen sind für jeweils 25 Kinder zuständig, die zum größten Teil aus schwierigen Verhältnissen stammen. Saarbrücken-Burbach ist ein Stadtteil, der von Arbeitslosigkeit und Armut geprägt ist. "Manchmal weinen die Kinder, wenn sie montagmorgens zu uns kommen, vor Hunger, weil sie am Wochenende nicht genug zu essen bekommen haben", sagt Kita-Leiterin Sigrid Klinges.
Im Lutherhaus bekommen die Kids nicht nur etwas zu essen, sondern auch die Zuwendung, die ihnen zu Hause häufig fehlt. Tristan beispielsweise hämmerte, feilte und schmirgelte von Anfang an in der Werkecke mit großem Geschick und noch mehr Leidenschaft und machte schon bald sein "Werkstatt-Diplom". Mit nach Hause nehmen durfte er seine Werkstücke allerdings nicht. "Die schmeißt meine Mutter eh in den Müll", hatte Tristan erzählt.
Im Lutherhaus stehen die kleinen Kunstwerke ordentlich in einem Regal. Tristans Werkstatt-Diplom ist in einer dicken Mappe abgeheftet, zusammen mit vielen anderen Blättern: Abdrücke von seiner Hand und seinen Füßen sind darauf zu sehen, kurze Interviews mit Fragen zu seiner Familie, seinen Vorlieben und Wünschen. Auch Bilder, die er gemalt hat, sind darin versammelt, viele Fotos und kleine, von den Erziehern notierte Geschichten über Tristans Kindergartenerlebnisse, bei der Waldwoche etwa oder dem Besuch auf der Polizeiwache.
In der Kita Lutherhaus haben alle Kinder eine solche Mappe - ein sogenanntes Bildungstagebuch oder Portfolio. Die Kindheitsforscherin Donata Elschenbroich nennt die Ordner "Dokumente eines reflektierten Lernwegs". Sie hat für das Saarland, unter anderem zusammen mit der Autorin des saarländischen Bildungsprogramms Christa Preissing, das Portfolio-Konzept entwickelt, das derzeit flächendeckend in allen Kindergärten des Landes erprobt wird (siehe Gespräch Seite 16).
Ihre pädagogische Arbeit habe sich durch die Bildungstagebücher grundlegend verändert, sagt die 58-Jährige Kita-Leiterin Klinges. Früher habe man den Kindern meistens vorbereitete Angebote gemacht. Nun üben sich die Betreuer mit Hilfe der Portfolios in der Kunst, genau hinzusehen - und helfen so jedem Kind, möglichst nach seinen Fähigkeiten heranwachsen zu können. Die Mappen machen viel Arbeit, doch gehört das Saarland zu den Ländern mit der besten Personalausstattung.
Im Evangelischen Kindertagesheim Bremen-Gröpelingen betreute bis vor kurzem eine Erzieherin 20 Kinder in einer Gruppe; weil darunter bis zu vier behinderte Jungen und Mädchen sind, wurde sie von einer Fachkraft für Integrationskinder unterstützt. Seit diesem Kindergartenjahr steht den Bremer Kitas mehr Personal zur Verfügung.
Auch Bremen-Gröpelingen ist ein sozialer Brennpunkt. Bei 20 Kindern pro Erzieher indes gehe "es nur noch darum, dafür zu sorgen, dass sie sich nicht verletzen und wir ihnen ein Spielangebot machen", so Leiterin Katharina Kamphoff. Für ihre Schützlinge entwirft sie ein düsteres Zukunftsszenario: "Das sind die Verlierer von morgen."
Die Qualität der Kitas hängt von den Kommunen ab - sie tragen den größten Teil der Kosten. Doch die Kassen der Städte und Gemeinden sind bekanntlich leer. An manchen Orten springt die Wirtschaft in die Lücke, die sich zwischen dem Anspruch und der kargen Realität auftut. Rita Brendle, Leiterin der Kita Sterntaler in Stuttgart-Möhringen, legt großen Wert darauf, dass ihr Personal pädagogisch auf der Höhe der Zeit ist. Viele Träger kürzten regelmäßig ihr Fortbildungsbudget, "wir nehmen Geld dafür in die Hand", so die 47-Jährige. Um das Personal regelmäßig fortzubilden, leistet sich die Tagesstätte, die ansonsten ganzjährig geöffnet hat, im Sommer eine Woche Schließzeit. Dann gehen die Elementarpädagogen in Klausur.
Die Kita Sterntaler ist ein Betriebskindergarten - die Eltern der 140 Kinder, die dort zwischen 7.30 und 18 Uhr von 32 Erziehern betreut werden, sind Mitarbeiter der Daimler AG. Der Bildungsgedanke stehe klar im Vordergrund des Konzepts, so Rita Brendle. Eine Erzieherin hat vier bis sechs Bezugskinder, um die sie sich vorzugsweise kümmert; drei sind für die 18 Kinder pro Gruppe da, eine Erzieherin spricht nur Englisch mit den Kids.
Viele Gegenstände in den hellen, großzügigen Räumen sind zweisprachig beschriftet; "Schrank - closet" oder "Spiele - games" steht auf den Schildern. Auch beim Mittagessen spricht Erzieherin Tanja Cieslik die Kinder an ihrem Tisch ausschließlich auf Englisch an. "Can you fetch a spoon for Noah, please!", bittet die Erzieherin den fünfjährigen Julian. "Finished", sagt der zweijährige Noah, bevor er seinen Teller von sich schiebt.
Der Autokonzern lässt sich die frühkindliche Bildung der Mitarbeitersprösslinge einiges kosten - die Betriebs-Kita ist in einem modernen Neubau auf einer Obstwiese neben der Konzernzentrale untergebracht. Das Unternehmen trägt die Hälfte der Betriebskosten; die Erzieher werden nach Metalltarif bezahlt und bekommen so etwa 20 Prozent mehr Gehalt als ihre Kollegen.
Auch andere Wirtschaftsunternehmen und -verbände haben die frühkindliche Bildung zur Chefsache erklärt. So schrieb die Unternehmensberatung McKinsey einen bundesweiten Wettbewerb aus, um Kitas mit wegweisenden Bildungskonzepten ausfindig zu machen; in Halle brachten die Business-Berater im Projekt "Kita-Frühling" den Erziehern von 45 städtischen Kindergärten bei, wie sie mit Hilfe eines professionellen Qualitätsmanagement-Systems die Kinder besser fördern können.
Die Deutsche Telekom Stiftung wiederum hat zusammen mit Wissenschaftlern der Universität Bremen im Projekt "Natur-Wissen schaffen" Arbeitsmaterialien konzipiert, die den Erziehern aufzeigen, wie sie spielerisch Mathematik, Technik, Medienkompetenz und Naturwissenschaften in den Kita-Alltag integrieren können - in ihrer Ausbildung haben das die meisten nicht gelernt.
Doch der neue Bildungsehrgeiz in den Kindergärten gibt auch Anlass zu Frust. Die Kitas würden mit Erwartungen "überhäuft", warnte jüngst das Bundesjugendkuratorium. Viele Eltern sorgen sich, ihre Kleinen könnten schon im Buggy-Alter etwas versäumen, andere beklagen eine Verschulung und fürchten um die unbeschwerte Kindheit.
Ein traditionelles schulisches Verständnis frühkindlicher Bildung hält Gerd Schäfer, Professor für Frühpädagogik an der Universität Köln, für "schädlich". In der frühen Kindheit komme es weniger auf Wissensvermittlung als auf konkrete Erfahrungen an. Um etwa das naturwissenschaftliche Denken der Kleinen zu fördern, so Schäfer, brauchten sie vor allem eines: so oft wie möglich Zugang zur Natur, auch in Begleitung interessierter Erwachsener.
Für die 36 Kinder des Waldkindergartens Düsseldorf hält jeder Weg durch den Wald eine Entdeckung bereit. Mal ist der Boden matschig, mal gefroren, mal zwitschern die Vögel wie wild, dann hört man sie kaum. Warum ist das so?, fragen sich die "Baumtänzer" und "Waldwichte" - so die Namen der beiden Gruppen. Und schon fängt das "elementare Lernen an der Wirklichkeit" an, wie Leiterin Karin Sinn formuliert.
Drei Erzieher begleiten die 18 Kinder einer Gruppe bei ihren Waldtouren, die sie zwischen 8 und 13 Uhr unternehmen, bei jeder Witterung, sommers wie winters. Herkömmliches Spielzeug haben die Kinder nicht, also muss die Phantasie nachhelfen: Für Luis und Samuel verwandelt sich ein Bollerwagen schnell in eine Dampflokomotive, ein quer über dem Pfad liegender Ast wird flugs zu einer Schranke.
Den nordrhein-westfälischen Bildungsplan könnten sie problemlos erfüllen, sagt Sinn. Die Kinder ritzen mit Stöcken geometrische Formen in den Waldboden oder suchen nach Ästen, die wie Buchstaben aussehen; wenn ein Käfer in der Becherlupe zappelt, lassen sich dessen Beinchen zählen.
Kinder aus guten Kindergärten sind anderen Kindern bis um ein Jahr voraus, hat Pädagoge Tietze herausgefunden. "Sie haben bessere Noten in der Schule, sind weiter in ihrer Sprachentwicklung und legen ein positiveres Sozialverhalten an den Tag."
So fielen die Kinder aus dem Waldkindergarten den Grundschullehrern durch ihren Teamgeist auf. Den legen sie an diesem Vormittag auch beim Ästesägen an den Tag: Es gibt nur zwei Sägen, aber sechs Kinder, die sägen wollen. "Dann bohre ich so lange ein Wurmloch in meinen Ast, bis ich an der Reihe bin", sagt Amata - und setzt kurzerhand den Handbohrer ans Holz. ULLA HANSELMANN
Von Ulla Hanselmann

SPIEGEL SPECIAL 7/2008
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