18.11.2008

Eine kleine Revolution

In Baden-Württemberg werden in einem Modellversuch Kindergärten und Grundschulen zu „Bildungshäusern“ verzahnt. Bei der Kooperation sollen Drei- bis Zehnjährige miteinander lernen, spielen, forschen und voneinander profitieren.
Philipp und Fabio sind erst neun Jahre alt, aber sie haben schon eine klare Idee davon, was eine Win-win-Situation ist: "Den Kleinen macht's Spaß", sagt Philipp. "Und für uns", ergänzt Fabio grinsend, "ist es auch schöner als Unterricht in der Schule."
Es ist Montagvormittag, doch die beiden Drittklässler von der Lindenschule in Waiblingen-Hohenacker bei Stuttgart hocken nicht in ihrem Klassenraum, sondern auf Holzstühlchen im katholischen Kindergarten des Ortes. Vor ihnen liegen zwei buntbebilderte Vorlesebücher aus der Schulbibliothek, eines über Ponys, eines über U-Bahnen. Und um sie herum drängt sich ein interessiertes junges Publikum: Die vier- bis sechsjährigen Kindergartenkinder Tanja, Alessa, Francesco und Laura hören aufmerksam zu, wie die zwei "Großen" aus der Grundschule abwechselnd kurze Texte aus den Büchern vorlesen und dann noch Fragen zu den Bildern stellen.
Solche Lesestunden im Kindergarten sind Teil eines Experiments, mit dem das Land Baden-Württemberg eine kleine Revolution im deutschen Bildungssystem anzetteln will. Die starren Grenzen zwischen den von Kommunen, Kirchen oder freien Trägern betriebenen Kindergärten und den staatlichen Grundschulen sollen fallen, jedenfalls an ausgesuchten Orten. In einem Modellversuch werden die bisher oft völlig getrennt voneinander arbeitenden Institutionen zu "Bildungshäusern" verschmolzen: Drei- bis Zehnjährige sollen in altersgemischten Gruppen miteinander lernen, spielen, forschen - und voneinander profitieren.
"Am Anfang war ich ein bisschen skeptisch", sagt Andrea Lorang. Die Leiterin des katholischen Bildäcker-Kindergartens in Waiblingen-Hohenacker fragte sich etwa, ob die Schulkinder die Kleinen vom Kindergarten überhaupt ernst nehmen würden. Doch als die Drittklässler dann mit ihren Büchern unterm Arm vor den Kindergartenkindern standen und ankündigten, was sie gern vorlesen würden, wurde Lorang schnell klar: "Die sind hoch motiviert, die haben sich richtig gut vorbereitet und sind stolz, dass sie anderen etwas beibringen und sich mit ihren Kenntnissen präsentieren können."
Die gleiche Erfahrung machte ihr Projektpartner Herbert Brändle, Rektor der Lindenschule. Seine Grund- und Hauptschule kooperiert mit gleich drei Kindergärten im Ort: dem katholischen, einem evangelischen und einem städtischen. In Arbeitsgruppen aus Lehrern und Erzieherinnen werden mit jedem Kindergarten und jeder Gruppe maßgeschneiderte Projekte abgesprochen. Die einen haben beispielsweise einmal wöchentlich einen altersübergreifenden Rhythmik-Unterricht, den eine von der Stadt bezahlte Musiklehrerin anbietet. Die anderen lassen Kindergarten- und Schulkinder in einem über Wochen angelegten Projekt Wissenswertes zum Thema "Bauernhof" zusammentragen und sich gegenseitig erklären.
Häufig übernehmen die älteren Schulkinder eine Art Mentorenrolle für die Kindergartenschützlinge, erklärt Brändle. Dafür treffen sie, etwa beim Vorlesen, auf Zuhörer, die nicht gleich die Stirn runzeln, wenn mal ein Satz verstolpert wird, sondern toll finden, was die Älteren schon alles in der Schule gelernt haben. "Für unsere Schüler gibt das einen Schub an Selbstvertrauen", sagt Brändle. Und die Erzieherinnen bemerken, dass die ihnen anvertrauten Kinder nicht nur Vorfreude auf die Schule bekommen, sondern nebenbei auch ganz zwanglos mit Themen konfrontiert werden, die sonst wohl erst nach der Einschulung angestanden hätten.
Fast 230 Schulen und Kindertagesstätten aus 93 Orten hatten sich für das Modellprojekt beworben, das die Stuttgarter Landesregierung im Frühjahr 2007 ausgeschrieben hatte. Aufgrund der großen Nachfrage wurden zehn Bildungshäuser mehr genehmigt als ursprünglich geplant. Insgesamt gibt es nun 33 solcher Einrichtungen in Baden-Württemberg.
Konkrete Vorgaben, wie sie die Zusammenarbeit zwischen Kindergärten und Schulen ausgestalten sollen, bekommen die Bildungshäuser nicht. Das Land spendiert den Schulen zusätzliches Personal im Wert von drei Unterrichtsstunden pro teilnehmende Klasse, die Kindergartenträger haben eine gleichwertige Zusatzausstattung für das Erziehungspersonal zugesichert. Alles weitere müssen Erzieherinnen und Lehrer selbst klären.
"Die Ausgangsbedingungen sind sehr unterschiedlich", begründet Julia Höke vom Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL) in Ulm diese Offenheit des Konzepts. Manche Kinderärten liegen direkt neben der Partner-Grundschule, woanders müssen die Kinder bis zu 20 Minuten lange Wege in Kauf nehmen, um sich zu treffen. In einem Fall sind also häufige kurze Begegnungsphasen möglich, in anderen Fällen bieten sich seltenere, aber längere Blöcke in gemischten Gruppen an.
Das ZNL soll Lehrer und Erzieher im Umgang mit jahrgangsübergreifenden Gruppen fortbilden und in einem vom Bundesforschungsministerium finanzierten wissenschaftlichen Begleitprogramm sieben Jahre lang untersuchen, ob und in welcher Form die Kinder vom Bildungshauskonzept profitieren - oder ob die Befürchtung mancher Eltern eintritt, dass der Kindergarten dadurch zu sehr verschult werde und umgekehrt die Schule das ernsthafte Lernen zu stark eher spielerischen oder projektbezogenen Elementen opfere.
ZNL-Mitarbeiterin Höke versucht zu beruhigen: "Dass etwas Spaß macht, heißt ja nicht automatisch, dass es auf Kosten des Niveaus geht." Nach den ersten Rückmeldungen aus Schulen und Kindergärten gebe es jedenfalls für beide Befürchtungen bisher keinen Grund.
Zumindest beim Lehr- und Erziehungspersonal seien dagegen sogar schon erste Erfolge durch die Zusammenarbeit festzustellen, sagt Höke: Die Erzieher profitierten beispielsweise bei der Vermittlung von Methoden zum Schreibenlernen vom Fachwissen der Lehrer. Und die Erfahrungen der Erzieher mit altersgemischten Gruppen, Projektarbeit und individueller Förderung stießen auch an den Schulen auf "großes Interesse". MATTHIAS BARTSCH
Von Matthias Bartsch

SPIEGEL SPECIAL 7/2008
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