18.11.2008

Ich hab hier so viele Freunde

Von Musall, Bettina

Zwischen Grundschule und Grundschule liegen in Deutschland oft Welten. Im besten Fall werden die Abc-Schützen fröhlich und innovativ auf die Wissensgesellschaft vorbereitet, andernorts fallen Zehnjährige einem dumpfen Notenterror zum Opfer. Politiker und Bürokraten blockieren häufig den Schwung reformfreudiger Lehrer.

Der freundliche Mann mit schwarzen Locken, Mehrtagebart und nordlichtblauen Augen hält vorne neben der Tafel ein paniertes Etwas hoch und fragt lachend: "Wer möchte nicht so eine Schuhsohle haben?" Philipp Kopf, 37, teilt das Mittagessen an die Kinder der Klasse 2a aus. Dann isst er selbst sein Sojaschnitzel. Während die 27 Schüler noch kauen, liest der Lehrer aus dem "kleinen Nick" vor - ein Augenblick der Ruhe, den der Pädagoge genießt.

Bis vor zehn Minuten hat er die Hälfte seiner Sieben- bis Achtjährigen im Computerraum durch ein Leseprogramm geführt. Hannah liest schon "Harry Potter", Serkan hat von seinem bebilderten Buch nur ein Fünftel kapiert. Der Lehrer notiert, was die Schüler gelesen und wie viel sie davon verstanden haben. Statt Zensuren gibt es Punkte, das reicht als Ansporn, damit alle Schüler mindestens ein Buch pro Woche lesen.

Kopfs Kollegin Sybille Poetzel, mit der sich der Lehrer die Klassenleitung teilt, singt derweil im Klassenzimmer mit den übrigen Kindern "Alle Vögel sind schon da", hilft beim Schreiben, sieht, dass eines der Kinder "mit Familienstress" heute besonders aggressiv reagiert, "da müssen wir mal wieder einen Hausbesuch machen". Frau Poetzel hier, Herr Kopf da, die Kinder überall, alles mit viel Körperkontakt, lebhaft, laut und sehr vertraut, eine Atmosphäre wie in der Großfamilie.

Um 14 Uhr verteilen sich die Schüler auf rund 25 Kurse, die von Handwerkern, Künstlern, Eltern oder Lehrern zweimal wöchentlich angeboten werden. Wasserball, Theater, Indianerleben, Cello, Filzen, Schülerzeitung, Tischlern, Fotografieren, Stadtsafari, Französisch, Trommeln - mindestens für ein halbes Jahr legen sich die Schüler jeweils fest. Um halb vier ist Schluss, wer will, darf bis 16 Uhr bleiben. "Ich hab hier so viele Freunde", sagt Blanca, 8. "Und so tolle Klettersachen", meint José. "Und keine Hausaufgaben", ruft Yannok. "Und einen Teich auf dem Schulhof" lobt Emily. Warum soll man da nach Hause gehen?

Die Grundschule, die mehr nach Bullerbü als nach Lernstress aussieht, liegt an der Ludwigstraße im Hamburger Schanzenviertel. Die Reeperbahn ist nicht weit, die Fußballer vom Zweitligisten FC St. Pauli sind Schulpaten. Viehhandel, Schlachthof, Eisenbahn prägten den Bezirk, in dem rund ein Viertel der Bewohner Ausländer sind.

Die Lehranstalt an der Ludwigstraße ist kein Modellversuch und kein konzeptionelles Experiment, keine Privatinitiative, aber ein Glücksfall. 420 Kinder der Klassen eins bis vier werden in dem wilhelminischen Gebäude unterrichtet. Die Schule, die aussieht, als wäre Erich Kästners "Fliegendes Klassenzimmer" mitten in Hamburg gelandet, ist eine staatliche deutsche Großstadt-Ganztagsgrundschule. Eine Schule, in der sich eine einfallsreiche Rektorin und ein begeisterungsfähiges Kollegium gefunden haben, unterstützt von den Eltern und der Behörde.

Auch in Hamburg ist das nicht die Norm. 800 Kilometer südlich wäre es unmöglich. Hier werden Julian, Sara, Leo, Lisa, Benny und all die anderen, deren Lehrer, Eltern und Erzieher nicht einmal offen sprechen wollen, durch eine ganz normale bayerische Regelgrundschule in München gepaukt.

Stichwort lesen und schreiben lernen. Wer hier Bücher sucht, sucht vergebens. In den Plastikheftern der Klasse zwei stapeln sich kopierte Zettel. Welches Obst sie gern essen, dürfen die Schüler mit einem Wort in ausgesparte Lücken schreiben: "Ich esse gern ..., weil sie ... schmecken." Selbst Wörter schreiben? Lisa: "Das dürfen wir nicht." Schöne Geschichten, die Lust auf's Lesen machen? "Würde ich gern anbieten oder vorlesen", sagt eine schüchterne Pädagogin, "aber dann schaffen wir das Pflichtpensum nicht." Die junge Frau will aber "lieber nichts gesagt haben, damit ich nicht demnächst in der niederbayerischen Versenkung verschwinde".

Nix ist es mit dem Hund Bello, mit dem kleinen Nick oder der unverwüstlichen Pippi Langstrumpf. Stattdessen: Gelbe Zettel voller "Lernwörter" abschreiben, holprig gereimte Kitschgedichte auswendig lernen, eine angeblich vereinfachte, hässliche Schreibschrift nachpinseln - Aufgaben und Lehrmaterial sind ungefähr so abwechslungsreich wie der asphaltierte Schulhof vor dem Fenster. Zu den Jahreszeiten, die draußen sinnlich wahrnehmbare Themen von Deutsch bis Sachkunde hergäben, gibt es vier winzige Piktogramme. Einzige Frage: "Die Jahreszeiten heißen?" Ferdi, 8, hat's gewusst: "Frühin, Somer, Hebst und Wienter." Kommentar mit roter Tinte: "Das kannst du besser." Als Maximilian sagt, dass auch die Zahl drei durch zwei teilbar sei, kassiert der Achtjährige von seiner Klassenlehrerin einen Strafpunkt, "weil du störst und das noch nicht dran war". Sara, 2. Klasse, kommt verweint nach Hause, nachdem zwei Klassenkameraden in der Lernprobe Deutsch eine Sechs kassiert haben: "Mama, die Lilli schafft's jetzt bestimmt nicht mehr auf's Gymnasium."

Zwei Grundschulen in Deutschland. Krasser könnten die Unterschiede nicht sein, als zwischen diesen beiden Lehranstalten im Norden und im Süden der föderalen Schulrepublik. Während die hanseatischen Eleven Lust auf ein ebenso offenes wie intensives Lernen im Lebensraum Schule machen, entspricht das Münchner Beispiel dem Klischee vom fehlgesteuerten Leistungsverständnis, das zu Lasten der Schüler geht. Ein Zufall?

Sicher, schon in Zeiten des legendären Pennefilms "Die Feuerzangenbowle" hing es von der einzelnen Bildungsanstalt, von den Lehrbüchern und vor allem vom Lehrer ab, ob die Kinder gern in die Schule gehen und dort für das Leben lernen. Doch was auf den ersten Blick wie der Vergleich zweier unvergleichlicher Einzelbeispiele aussieht, erweist sich bei näherer Betrachtung als charakteristisches Abbild gegensätzlicher politischer Schulkonzepte.

Bayern sei das "Bildungsland Nummer eins" und baue "seinen Vorsprung weiter aus", rühmt sich das seit einem halben Jahrhundert CSU-besetzte Kultusministerium und setzt voll auf das dreigliedrige Schulsystem mit Hauptschule, Realschule und Gymnasium, um "alle Kinder mit allen Talenten zu fördern". Unbeeindruckt davon, dass angesehene Erziehungswissenschaftler wie Hans Brügelmann von der Universität Siegen warnen, "Tests nicht als Expertenurteile" misszuverstehen, beruft sich die Kultusbürokratie sieben Jahre nach dem ersten Pisa-Schock darauf, dass bayerische Schüler in den Vergleichsarbeiten besser abgeschnitten haben als die anderer Bundesländer.

In den Schulen an der Elbe herrscht dagegen ein Reformeifer, der vielen auch unheimlich ist. Seit die grüne Schulsenatorin Christa Goetsch gemeinsam mit der CDU beschlossen hat, alle Kinder künftig sechs Jahre gemeinsam unterrichten zu lassen, streiten Eltern, Lehrer und eine aufgescheuchte Öffentlichkeit, ob die sogenannte Primarschule nun mehr Bildung für alle - oder weniger für besonders begabte Kinder bringt. Die Senatorin, die als Lehrerin selbst erlebt hat, "wie Kinder viel zu früh falsch sortiert" werden, ist sicher: "Wir verschenken einfach zu viele Begabungen, wenn wir Zehnjährigen jede Chance absprechen, später einen Realschulabschluss oder das Abitur zu schaffen."

Revolution in der Schultüte. Plötzlich gerät eine Schulform ins Gerede, die eben noch als einzige unumstritten dastand. Wenigstens die Welt der ABC-Schützen schien bislang in Ordnung zu sein. "Als Klassenprimus" gelte die Grundschule unter den verschiedenen Schultypen, urteilte überschwenglich die "Zeit". Kinder fühlten sich wohl, unter Eltern sei "die Zufriedenheit groß", nirgendwo herrsche ein vergleichbarer "Reichtum an Unterrichtsformen".

Hehre Ziele verkündet unisono die Politik, wenn es um die Ausbildung der Jüngsten geht. 165 Millionen Euro zusätzlich lässt sich die schwarz-grüne Regierung in Hamburg bis 2010 den Ausbau der Schulen kosten; zwei Jahre lang werden Lehrer intensiv fortgebildet, Lehrpläne, Lernmaterial und Lehrerstudium den neuen Anforderungen angepasst. In Thüringen werden Kinder flexibel eingeschult und können in den ersten beiden Klassenstufen schneller aufsteigen oder länger verweilen. Hessen und NRW erproben, Schulleitern mehr Verantwortung für ihr Budget zu überlassen. Und selbst der 359 Seiten starke "Lehrplan für die bayerische Grundschule" schreibt liebevoll vor, dass die Lernanstalten nicht nur "Wissen und Können vermitteln, sondern auch Herz und Charakter bilden" sollen.

Das klingt toll. Wenn nur die Wirklichkeit nicht wäre. Warum die ganz anders aussieht als das rosarote Grundschulbild, lässt sich in einem Wort zusammenfassen: "Durchschnitt". Was die Bilanz der Grundausbildung beschönigt, sind Durchschnittswerte. Doch was sagen Durchschnittswerte über eine föderale Schulrepublik, in der 16 Kultusministerien 16 verschiedene Lehrpläne pro Fach verfassen, 16-mal Richtlinien für den Unterricht herausgeben, 16 Empfehlungen für Materialien und Methoden verteilen, 16 divergierende Lehrerausbildungen anbieten?

Schon die Rahmenbedingungen sind unvergleichbar. Während Eltern in Nordrhein-Westfalen zwischen 2877 Ganztagsgrundschulen wählen können, sind Väter und Mütter im Voralpen-Freistaat froh, wenn die Kinder nach dem Unterricht in einem der Horte unterkommen, wo sie je nach Personal gefördert oder mit Gameboys abgefertigt werden. Von Lehrer-Teams, wie sie zwischen Flensburg und Freiburg seit 25 Jahren erfolgreich eingesetzt werden um dauerhaft dieselbe Klasse zu begleiten, kann der weiß-blaue Nachwuchs nur träumen: Maximal zwei Jahre begleitet ein bayerischer Pädagoge seine Schüler; die Klasse vier einer Schwabinger Grundschule darf sich gerade auf den vierten Klassenlehrer einstellen - "Flexibilisierungstraining", hofft eine verunsicherte Mutter. "Emotionale Misshandlung der Kinder" nennt das der Schweizer Kinderforscher Remo Largo (siehe Interview Seite 68).

Die durchschnittliche deutsche Grundschulausbildung wird ermittelt aus staatlichen, privaten, konfessionellen und modellhaften Schulen; der Durchschnitt vereint den genervten Frontalpauker mit jungen, begeisterungsfähigen Kräften. Zum Durchschnitt trägt die Schule mit vielen Kindern, die weder Deutsch noch eine andere Sprache beherrschen, ebenso bei, wie die mit Kindern, die perfekt zweisprachig erzogen werden. Der Durchschnitt macht keinen Unterschied zwischen Stadt und Land, zieht soziale Brennpunkte mit 85 Prozent Migranten zusammen mit fast nur von angestammten Deutschen bewohnten Dörfern oder Villenvororten. Im Durchschnitt lernen Arbeitslosenkinder gleichberechtigt neben Akademikersprösslingen.

Über die Zustände an einer einzelnen Schule sagt der Durchschnitt deutscher Grundschulen ungefähr so viel aus wie die Tests von Iglu und Pisa bis Timss über das Leistungsvermögen eines einzelnen Schülers - nichts. Im Windschatten von Vorzeigeinstituten streiten Pädagogen wie Fee Czisch, Lehramtsdozentin an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, seit Jahrzehnten gegen "die Einfalt von Grundschulen, in denen saudumme Texte, vorgefertigte Materialien und gestanztes Schmalspurlernen" die kindlichen Hirne verklebe. Regelmäßig beobachtet die Autorin des hochgelobten Standardwerks "Kinder können mehr", wie aus "phantasiebegabten, tollen Knirpsen enge, kleine Kästchendenker werden".

Dass dies nicht nur, aber besonders verbreitet in Bayern geschieht, sagt Klaus Wenzel, Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes, sei kein Zufall, sondern "politisch so gewollt". Es gebe, erklärt der Chef der eher konservativen Schwesterorganisation neben der traditionell linken Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), "einen gesellschaftlichen Bedarf an Ungleichheit". Die Lehrer seien angehalten, den Nachwuchs sozialpolitisch vorzusortieren in Unter-, Mittel-, Oberschicht. Die Methoden, die dafür angewendet werden, so Wenzel, tragen unschöne Namen: "Auslesediagnostik und massive Selektion". Nur Knirpse, die am Ende von Klasse vier einen Notenschnitt von 2,33 erreichen, dürfen in Bayern aufs Gymnasium. Für die Realschule verlangt der Freistaat von seinen Zehnjährigen einen Schnitt von 2,66. Der Rest ist Hauptschule - ex und hopp ins Abseits.

Die Bilanzen der Bildungsberichte Bayerns und Münchens relativieren die landesübliche Selbstgefälligkeit. Der Freistaat hat die wenigsten Abiturienten, die meisten Hauptschüler und den geringsten Anteil ausländischer Schüler an den Abiturienten; während in Deutschland 12,5 Prozent aller Schüler an Ganztagsschulen unterrichtet werden, sind es in Bayern 2,9 Prozent.

Welche Blüten die Bürokratie treibt, zeigt der Fall der Lehrerin Sabine Czerny. Ein Spießrutenlauf setzte für die 36-Jährige ein, weil sie ihre Schüler an einer Grundschule im Münchner Umland fürs Lernen begeistern konnte. 91 Prozent ihrer vierten Klasse erhielten so gute Noten, dass sie auf eine Realschule oder ein Gymnasium wechseln dürfen - ein Zustand, den Rektorat, Schulamt und Ministerium unannehmbar fanden; Czerny habe sich am Niveau der Parallelklassen zu orientieren.

Zwar bestreiten Bildungspolitiker, dass es Notenschnitte für die Klassen gebe. Doch in Bayern und Baden-Württemberg werden Gesamtnoten in den Übertrittszeugnissen aufs Hundertstel genau ermittelt. Wo Lehrer abgestraft werden, weil ihre Schüler zu gute Noten schreiben, wächst nicht die Leistung, sondern der Frust. "Wir werden genötigt, Versager zu produzieren", sagt Pädagogin Czerny.

Dabei zeigen Beispiele gelungener Grundschulerziehung national und international, wie es sogar an sozialen Brennpunkten gelingen kann, dass Kinder Spaß am Lernen haben, außer Lesen, Schreiben, Rechnen noch manch anderes für später lernen und es auf einem guten Leistungsniveau in weiterführende Schulen schaffen können.

Die Franz-Schubert-Grundschule im Berliner Stadtteil Neukölln in Rufweite der berüchtigten Rütli-Schule war für Schulleiterin Ulrike Banach "eine kreative Herausforderung", als sie hier vor drei Jahren Direktorin wurde. Die ebenso resolute wie warmherzige Frau richtete ein Netzwerk zwischen Kindergärten, Eltern und Schule ein. Tandems aus Lehrern und Erziehern bereiten den Übergang zwischen Kita und Einschulung vor. Schüler der Klassenstufen eins bis drei werden gemeinsam in einer Gruppe unterrichtet.

Gelingen können Reformen wie das jahrgangsübergreifende Lernen nur, wenn sie von genügend dafür ausgebildetem Personal verwirklicht werden. Vier Lehrer, Erzieher und Betreuer begleiten zeitweise die Lerngruppen in der Franz-Schubert-Schule. Zwei teilen sich den Unterricht, eine kümmert sich um Störer und Unkonzentrierte, ein "interkultureller Moderator" ist für geistig oder körperlich behinderte Integrationskinder zuständig.

Gertraud Mülder, die mit über 50 Jahren "aus Leidenschaft Lehrerin geworden" ist, findet es "viel einfacher mit den unterschiedlichen Jahrgängen"; auch in altershomogenen Klassen klafften die Unterschiede zwischen lernstarken und schwachen Schülern auseinander. "Aber hier profitieren alle von allen." Die Schnellen unterstützen die Langsamen, wie Emily, 7, die dem zwei Jahre älteren Jona hilft, sich durch einen Text zu buchstabieren. Qualifikationen wie Teamarbeit, die auf dem Arbeitsmarkt der vernetzten Welt zu den Schlüsselfähigkeiten gerechnet werden, erwerben Kinder, so Pädagogin Mülder, "bei diesem Modell nebenbei" und beruhigt besorgte Eltern begabter Kinder: Kleine Überflieger marschierten "einfach schneller durch den Stoff". Gerade wurde eine Zweitklässlerin in die vierte Klasse versetzt, weil sie den Unterrichtsstoff der dritten Stufe schon bewältigt hat.

Mehr und mehr deutsche Eltern melden ihre lieben Kleinen in der Schule mit 84 Prozent Ausländeranteil an. "Die offene Atmosphäre, die musische Ausrichtung" haben Martin Schröter bewogen, seine Tochter Birke, 9, aus einer Privatschule umzuschulen, obwohl die Familie nicht in Neukölln wohnt. Ein "vertrauensvolles Klima" herrsche zwischen Schule und Eltern. Mit der Botschaft "Ihr seid willkommen, wir brauchen euch" ging Direktorin Banach von Anfang an auf Väter und Mütter zu - was auch deshalb bei den nichtdeutschen Eltern gut ankam, weil die Schulleiterin kein Problem damit hat, wenn türkische Mütter sie auf dem Schulhof mal spontan umarmen. Banach: "Das gehört in diesem Kulturkreis dazu."

Auf so einer Basis tragen Eltern sogar Experimente mit. Seit August bilden die Franz-Schubert-Schüler gemeinsam mit den Rütli-Hauptschülern und einer Realschule einen Campus, um alle Kinder nicht mehr wie bisher sechs, sondern zehn Jahre gemeinsam zu unterrichten.

Jahrgangsübergreifendes Lernen, vorzeitige Einschulung, Fremdsprachen im Primarbereich, Teamunterricht - damit pädagogische Modelle und Konzepte nicht beliebig wie Glaubensfragen werden, braucht es Zeit, Geld und einen möglichst ideologiefreien politischen Willen. Schon vor 40 Jahren hat Finnland damit begonnen, das mehrgliedrige Schulsystem durch neun gemeinsame Schuljahre zu ersetzen. Das Ziel - hochklassige Bildung für alle - war so klar, wie der Weg dorthin zunächst ungewiss. Das Wichtigste, sagt Reijo Laukkanen, Bildungsrat im Nationalen Ausschuss für Erziehung in Helsinki, sei ein gesellschaftlicher Wille gewesen: "Es gab einen nationalen Konsens, dass Bildung wichtig ist."

Sechs Schritte sieht Laukkanen rückblickend, die zu Finnlands Spitzenposition im internationalen Bildungsvergleich geführt haben:

* Die Eckpunkte der Bildungsreform - was Kinder wann und wie lernen sollen - legt die Regierung in Helsinki fest. Welche Bücher und Materialien eingesetzt werden, wie groß die Klassen sein sollen, welche Schule eine Gemeinde und wie viele Lehrer eine Schule braucht, dürfen Kommunen und Lehranstalten heute selbst entscheiden.

* Leistungsklassen oder -kurse sind, außer in der Oberstufe, abgeschafft.

* Wenn die finnische Regierung Geld in die Schulbildung investiert, dann gezielt, um die problematischen Jahrgänge der Klassenstufen fünf bis zehn zu reformieren.

* Die Ausbildung der Grundschullehrer wurde akademisch der für die Sekundarstufe angeglichen.

* Schwache Schüler werden systematisch gefördert.

* Regelmäßig werden alle eingeladen, die mit Schule und Unterricht zu tun haben, um Kritik zu äußern - eine Maßnahme, die nur funktionieren kann, wenn die Teilnehmer das gemeinsame Ziel verfolgen, für die Kinder nur das Beste zu wollen.

In der deutschen Kultusministerkonferenz der 16 Bundesländer konkurrieren die Abgesandten stattdessen rituell um die Länderhoheit. In gegnerischen Berufsverbänden streiten Philologen und Primarpädagogen um die eigene Bedeutung und ringen um einen Beamtenstatus, der nie so anachronistisch schien wie heute, da viele Schulen ihren Betrieb ohne Honorarkräfte einstellen könnten. Und ob die Lehrpläne ausgemistet werden, richtet sich hierzulande nicht danach, was der Mensch im Leben so an Mathe und Physik braucht, sondern danach, wie viele Stunden der Fachlehrer benötigt, um seine Existenzberechtigung nachzuweisen.

Bundesweit krankt die Bildung der Jüngsten daran, dass Kinder aus Migranten- wie aus einheimischen Familien, Sprösslinge aus Elternhäusern mit Scheidung, Arbeitslosigkeit und Bildungsferne wie aus Musterfamilien mit Bilderbuchbedingungen, Spätzünder wie Überflieger allen pädagogischen Erkenntnissen zum Trotz noch immer nicht ihren Voraussetzungen und Begabungen entsprechend gefordert und gefördert werden. In Hoyerswerda wie in Buxtehude, im Sauerland und am Ostseestrand sieht der Bundesbildungsbericht 2008 neben vielen anderen Kritikpunkten "deutlichen Handlungsbedarf" - vor allem "im frühkindlichen und schulischen Bereich".

Handlungsbedarf - da denken Bildungspolitiker bisher allenfalls an das umstrittene G-8-Modell oder an die Begabtenförderung. Aber an den Grundschulen beginnt, was mit den Hiobsbotschaften internationaler Bildungs- und Leistungsvergleiche von Universitäten und Wirtschaftsverbänden endet. Gerade erst attestierte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) der Bundesrepublik, ihre weltweite Wettbewerbsfähigkeit zu gefährden, wenn nicht mehr und bessere Akademiker ausgebildet würden. Handlungsbedarf entsteht aber nicht erst, wenn aus Kindern Gymnasiasten oder Studenten geworden sind. Handlungsbedarf besteht, wenn Einwanderer-Kleinkinder die neue Sprache lernen müssten, wie es in Kanada geschieht, um frühzeitig zu erkennen, welche Talente in welchem Kind schlummern. "Die Bildung von null bis zehn", sagt der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff (CDU), habe die Politik "total vernachlässigt".

15 000 deutsche Schulexperten sind in den drei Jahren zwischen Pisa I und II (2001 und 2004) nach Finnland ausgeschwärmt oder haben Vorträge besucht, um herauszufinden, was die Nordeuropäer besser machen. Dabei wäre vielerorts vor der Haustür zu besichtigen, wie die Bildung der Jüngsten gelingen kann.

Zum Beispiel in Wall, einem Örtchen im oberbayerischen Landkreis Miesbach. An einem langen, abgelaugten Holztisch im Lehrerzimmer sprudelt Schulleiterin Adelheid Hagg über vor Begeisterung über ihren Job und ihre Kinder. "Wir können uns als Lehrer viel mehr zutrauen, als wir denken", sagt sie, "weil die Kinder uns so viel abnehmen." Gerade liest sie mit ihren 24 Schülern in der Kombiklasse drei und vier ein Buch über den Uhu. Die Acht- bis Zehnjährigen dürfen selbst überlegen, welche Aufgaben ihnen dazu einfallen. Tom hat seiner Mutter einen Brief geschrieben, Constantin ein Uhu-Gedicht verfasst. Jette hat ihre eigene Uhu-Story in den Computer eingegeben, ausgedruckt, ausgeschnitten und zu selbstgemalten Zeichnungen geklebt. "Du kannst auch deine Gedanken und Gefühle zum Gelesenen notieren", ermuntert die Lehrerin. Die Kinder arbeiten mit unlinierten Heften, damit sie lernen, frei zu schreiben, "frei im doppelten Sinne", sagt Hagg.

Die Klasse von Kollegin Britta Walter, 28, untersucht derweil die Eigenschaften von Luft. Zehn Versuche absolvieren die Gruppen aus Erst- und Zweitklässlern. Luftballons werden auf Holzschiffchen befestigt, Papierkügelchen in Flaschenhälsen gezähmt, Fragen beantwortet: "Beobachte, was passiert. Schreibe deine Vermutungen auf." Die Erstklässler phantasieren drauflos, die Großen notieren. "In der Uni lernt man so was nicht", sagt Lehrerin Walter.

48 Schüler werden derzeit in der Volksschule Wall fit fürs Bildungsleben gemacht, beneidenswert fit. Gewiss, nicht alle 3 082 499 Grundschüler in Deutschland können in Dorfschulen unterrichtet werden, wo Pausenklingel und Kirchturmgeläut um die Wette bimmeln, wo das Entertainment vom Sonnwendfeuer mit "Blechmusi" angeführt wird, der Schweinsbraten mit Knödl 6,70 Euro kostet und der einzige Briefkasten einmal täglich gelehrt wird.

Doch auf das Idyll kommt es gar nicht so sehr an. "Wir trauen uns hier was", sagt Schulleiterin Hagg, die vorher an einer migrationsgemischten Hauptschule mit 700 Kindern unterrichtet hat, "und wenn die Politik will, geht das auch anderswo".

Wenn die Politik will. Seit fünf Jahren leitet Hagg das gelbe Schulhaus mit den grünen Läden - ein Glück für Kinder und Eltern. Nur darf es nicht dem Zufall einer Personalie überlassen bleiben, ob Kinder einen guten Start ins Bildungsleben haben. Wall macht aus der Not der kleinen Schülerzahl eine traditionsbewährte Tugend. Doch tatsächlich funktioniert das gute alte Dorfschulmodell nach Prinzipien, die anderswo mit Konzepten mühsam neu erfunden werden. Differenzierung und Individualisierung, Stationenlernen, Wochenplan, Förderbedarf, Rhythmisierung - die Schlagworte moderner Didaktik und Pädagogik sind der 57-jährigen Schulleiterin so vertraut wie morgendliches Beten, Meditieren oder Geschichten erzählen vor dem Unterricht.

Lehrer- und Rektorenpersönlichkeiten können so wenig herbeistudiert werden wie Ausnahmebegabungen in allen anderen Berufen. Aber wenn die Politik will, kann sie die Bedingungen dafür schaffen, dass bewährte Methoden allen Kindern zugute kommen können.

Vor kurzem war ein Prüferteam in Wall, im Auftrag der Behörde, die das Schulwesen evaluiert. Bestnoten hat es für die kleine Lehranstalt gegeben. Aber was heißt das schon. 46 Dorfschulen sind in Bayern in den vergangenen zehn Jahren geschlossen worden, allen Erfahrungen zum Trotz, wonach erst die Schule stirbt und dann der Ort.

20 Minuten nach Unterrichtsbeginn geht Schulleiterin Hagg in ihr Klassenzimmer. Drinnen ist es gespenstisch still. Die Kinder arbeiten allein oder in kleinen Gruppen zusammen. Hagg gibt eine Lernprobe in Mathe zurück. Keine Fünfen oder Sechsen. Arbeiten lässt sie erst schreiben, wenn "mein angespanntester Schüler auf jeden Fall eine Vier schafft". Das sei schließlich ihre Aufgabe als Lehrerin.

"Dies hier ist mein zweites Zuhause", sagt die Pädagogin. Für eigene Kinder hat sie keine Zeit gehabt. Aber die Lehrerin hat einen Trost. Manchmal sagen die Schüler "Mama" zu ihr. BETTINA MUSALL


SPIEGEL SPECIAL 7/2008
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