18.11.2008

Bildungsziele in der Lehmhütte

Von Tag, Miriam

Das Weltkinderhilfswerk Unicef treibt von Afghanistan bis Brasilien, von China bis Südafrika ein ehrgeiziges Projekt voran: Jedes Land schreibt fest, was seine Kinder wann und wie lernen sollen. Von Miriam Tag

Die Hitze ist um die Mittagszeit im Süden Nepals kaum zu ertragen. Seit Stunden ist ein Team von Bildungsexperten aus aller Welt mit Jeep und Motorrad unterwegs, um ein abgelegenes Dorf zu erreichen. Ein Kindergarten soll besichtigt werden.

Endlich sind Lehmhütten zu erkennen. Als die fremden Besucher eintreten, verstummt das Gemurmel, das draußen zu hören war. Gespannte Stille. Geblendet vom Licht der Sonne, gewöhnen sich die Augen nur schwer an das Halbdunkel. Kinder kauern auf dem Boden, zeichnen Kreidebuchstaben auf Schiefertafeln. An den Wänden hängen Poster mit Unicef-Logo und Buntstiftbilder von Tieren und Früchten. Auf dem Boden ein paar einfache Matten. Kaum Spielsachen, keine Möbel.

Ein schmächtiges Mädchen, acht oder neun Jahre alt, schiebt sich zögerlich nach vorn: Die Kindergärtnerin sei heute nicht gekommen, nun trage sie die Verantwortung. Verantwortung für rund 30 Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren. Wie zum Beweis, dass sie diese Aufgabe ernst nimmt, fordert sie einen Jungen mit großen, tiefliegenden Augen auf, ein Lied vorzusingen. Die anderen Kinder fallen mit ein: ABC-Gesang, Englisch und Nepalesisch im Wechsel.

"Aus unserem Verhalten gegenüber Kindern spricht, welchen Wert wir ihnen beimessen", sagt Susan Durston. Die Leiterin der Unicef-Bildungsabteilung in Südasien arbeitet mit einem Team der US-Universitäten Yale und Columbia zusammen. Vertreter von Regierungen, Wissenschaft und Zivilgesellschaft aus Afghanistan, Bangladesch, Bhutan, Indien, Nepal, Pakistan und Sri Lanka sollen mit dem Konzept von Bildungsstandards vertraut gemacht werden.

Im Jahr 2003 startete das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen mit sechs Pilotländern eine Initiative, die bereits in ihrem Titel einen weitreichenden Anspruch formuliert: "Going Global with Early Learning and Development Standards". Nicht gemeint ist mit "Going Global", das betont Unicef, einen Katalog weltweit gültiger Standards für frühes Lernen und kindliche Entwicklung zu verbreiten. Der Eindruck, es sollten die Werte westlicher und wirtschaftlich starker Nationen dem Rest der Welt übergestülpt werden, soll gar nicht erst aufkommen.

"Going Global" - damit ist gemeint, dass erst einmal in jedem Land über Werte und Kindheitsvorstellungen diskutiert wird, um daraus abzuleiten, was die Kinder in einem bestimmten Alter wissen und können sollten: Was wünschen wir uns für unsere Kinder? Welche Fähigkeiten sollen sie erwerben? Wie können wir Kinder auf die Zukunft vorbereiten und zugleich unser kulturelles Erbe bewahren? Was ist unser Verständnis von Kindheit - eine Phase des Spielens, der Freiheit? Eine Phase, in der Kinder bereits wie Erwachsene lernen, sich verhalten sollten? Und: Welchen Bildungsbereichen lassen sich diese Werte und Erwartungen zuordnen? Die kulturspezifischen Standards werden dann auf ihren Inhalt und ihre Altersangemessenheit hin überprüft. So sieht es das Konzept vor, das die US-Wissenschaftlerinnen Sharon Lynn Kagan und Pia Rebello Britto für Unicef entworfen haben.

Während Deutschland noch in föderalen Streitereien steckt, haben 53 Länder bisher frühkindliche Bildungsstandards formuliert, von Brasilien, Südafrika und Jordanien über Thailand, Vietnam und der Mongolei bis hin zu Ghana, Paraguay, Rumänien und China. Die Ergebnisse weisen teils erwartbare, teils überraschende Ähnlichkeiten auf.

Unabhängig von Kultur, Religion, Wohlstand oder Armut eines Landes sollen Kinder weltweit an Lesen, Schreiben und Rechnen herangeführt werden. Sie sollen ihre Grob- und Feinmotorik, aber auch soziale und emotionale Fähigkeiten entwickeln, Beziehungen mit anderen Kindern und Erwachsenen aufbauen und ihre Gefühle ausdrücken können. Auffällig ist, dass den kognitiven Fähigkeiten in keinem der Länder mehr Bedeutung beigemessen wird als den sogenannten weichen Qualifikationen. Eine Sprache gut zu sprechen gilt als genauso wichtig, wie Lust am Lernen zu haben oder experimentierfreudig und kreativ zu sein.

China beispielsweise legt Wert darauf, dass Kinder früh die Umwelt erforschen und lernen, logische Schlüsse zu ziehen. Sie sollen das Gelernte anwenden und anderen davon berichten können. Rumänien prägt den Begriff vom "Erfahrungswissen": Durch Versuch und Irrtum, allein oder mit Hilfe von Erwachsenen und älteren Kindern, wird nach Lösungen für Probleme gesucht.

Kinder sollen erfahren, welche humanen Werte gelten.

Zusätzlich zu den eher klassischen Lerninhalten formulieren mehr und mehr Länder Standards zur ästhetisch-kulturellen, zur spirituellen und moralischen Bildung. In Kambodscha etwa sollen Kinder erfahren, welche humanen Werte in ihrer Heimat und welche anderswo gelten. Dazu gehört, eine gute von einer schlechten Handlung zu unterscheiden, die Fähigkeiten und Besonderheiten anderer Menschen wahrzunehmen und zu schätzen und die traditionelle Khmer-Kultur, ihre Rituale, Zeremonien, Kleider und Lieder zu pflegen. Älteren Menschen muss besonderer Respekt entgegengebracht werden - eine Tugend, die bekanntlich nicht in allen Ländern so hoch bewertet wird wie in Kambodscha.

Der Versuch, aus den Standards ein weltweites Konzentrat zu ziehen, hat seine Grenzen. Zudem befürchtet Unicef, dass ein solches Konzentrat einen zu starken Homogenisierungsdruck auf neuhinzukommende Länder ausüben könnte. Bildungsexpertin Durston hat sich einen kritischen Blick auf die Probleme bewahrt, die damit verbunden sind, dass eine internationale Organisation weltweit die Entwicklung der Bildungsstandards vorantreibt.

Das kognitive Wissen wird nicht von allen Ländern gleich stark gewichtet. Bhutan etwa vertritt die Meinung, dass Kinder zwar von klein auf lernen sollten - dass die Sprösslinge zugleich aber große Freiheiten brauchen, die Möglichkeit zu spielen und die Welt zu erkunden. Neben das Bruttoinlandsprodukt stellt das kleine Land im Himalaja das "Bruttonationalglück" des Landes. Alle Kinder dieses Landes sollen zu verantwortungsbewussten und mitfühlenden, unabhängigen und kreativen, vor allem aber zu glücklichen Menschen werden. Nachbar Indien wünscht sich für seine Jüngsten die Fähigkeit, in Harmonie mit sich, mit anderen, mit der Natur zu leben; aber auch die Fähigkeit zum kritischen Denken und die Bereitschaft, ein Leben lang zu lernen.

Was wird aus all diesen Ansprüchen und Wünschen, wenn es darum geht, einen Kindergarten einzurichten? Welche Werte sollen zugrunde gelegt werden? Die der Eltern? Die der Frühpädagogen, Unicef-Mitarbeiter, Regierungsvertreter?

Relativ neu ist die Einsicht, dass eine breite Debatte nötig ist, um alle Beteiligten in ein System frühkindlicher Bildungsangebote zu integrieren. In den USA etwa gibt es bereits eine Vielzahl an Standards: für die Aus- und Weiterbildung von Fachkräften, für die Zusammenarbeit mit Eltern, die Ausstattung von Kindergärten. Allerdings stehen die Richtlinien oft unverbunden nebeneinander; Reformen in einem Bereich ziehen keine Veränderungen in anderen nach sich. Die beiden Wissenschaftlerinnen Kagan und Britto sehen deshalb eine Chance darin, besonders in Ländern, die über keine lange Tradition der institutionellen Bildung von Kindern verfügen, für eine sinnvolle Vernetzung zu sorgen.

Vielleicht werden sogar die Kinder im nepalesischen Bezirk Parsa, die in einer Lehmhütte auf dem Boden sitzend Buchstaben üben, von der Einsicht profitieren, dass Bildung, Ausbildung und Beruf im Kindergarten beginnen. Immerhin: Die Regierung in Kathmandu hat ihre bisherigen Maßnahmen zur frühkindlichen Förderung zusammengefasst und will sich nun tatsächlich an die Ausarbeitung von Standards machen.


SPIEGEL SPECIAL 7/2008
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