01.10.1998

Asche einer Kindheit

Ein weißer Südafrikaner erinnert sich an sein frühes Leben unter Schwarzen.

Von Christel Dormagen

Auch ein großer Schriftsteller wie der 1940 in Kapstadt geborene John Marie Coetzee hat einmal klein angefangen. "Der Junge", Titelheld seiner Kindheitserinnerungen, hatte einen furchtbaren Friseur und einen ungerechten Englischlehrer. Sein erstes Fahrrad war ein ebenso unvergeßliches Erlebnis wie der Cousin, der wußte, daß die Babys aus dem Hintern kommen.

Weil der Autobiograph vom Land kommt, ist darüber hinaus zu erfahren, mit welchem Messer die Lämmer kastriert wurden und wie es passieren konnte, daß er den halben Mittelfinger des Bruders im Mahlwerk der Maismühle amputierte. Und dann ist da natürlich noch das heikle Verhältnis zu Vater und Mutter.

Die Lektüre dieser Memoiren vermittelt, wie bei so manchen Kindheitserinnerungen, ein tröstliches Grundgefühl: Eigentlich war es bei dem berühmten Autor auch nicht so viel anders als bei einem selbst.

Vor allem der Umstand aber, daß der "Junge" ein weißer Südafrikaner ist, gibt den Aufzeichnungen eine ganz besondere Farbe. Wirklich elegant ist da hingetuscht, wie sich einer in die ersehnte Normalität zu kämpfen sucht und doch stets die eigene Besonderheit reklamiert.

Und so schlingert der Junge zwischen Engländern, Afrikaanern, Farbigen und Schwarzen, zwischen einer allzu geliebten Mutter und einem abgelehnten Vater, zwischen protestantischem und katholischem Glauben, zwischen der tristen Vorstadtsiedlung und der herrlichen Farm der Verwandten, zwischen dem Wunsch, als Cricketspieler gesellschaftliche Anerkennung zu finden, und seiner selbst erfundenen Ballwurfmaschine, die ihm ein autistisches Heimspiel erlaubt.

Das liest sich schön und melancholisch-spröde, auch wenn Coetzee mitunter etwas zu viel erwachsene Halbphilosophie auf dem schmalen Rücken seines Jungen ablädt: "Wer er auch wirklich ist, das wahre ,Ich', das sich aus der Asche seiner Kindheit erheben sollte, kann nicht geboren werden, wird unterdrückt und gehemmt."

Gäbe es so etwas wie ein wahres Ich, dann gäbe es den Schriftsteller Coetzee vermutlich nicht.

Ch. D.

J. M. Coetzee: "Der Junge. Eine afrikanische Kindheit". Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 200 Seiten; 34 Mark.


SPIEGEL SPECIAL 10/1998
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