Von Thomas Böhme
Zum Brecht-Jahr 1998 fehlt es nicht an Huldigungen und Jubiläumsveranstaltungen. Einhellig, ja fast andächtig wurde der 100. Geburtstag eines Dichters gefeiert, der sein Publikum einst nachdrücklich zum Gebrauch des Verstandes aufforderte ("Glotzt nicht so romantisch!").
Ein anderer Merksatz, den Bertolt Brecht hinterlassen hat, lautet: "Die Widersprüche sind die Hoffnungen." Getreu dieser Maxime schuf der Leipziger Schriftsteller Thomas Böhme ("Alle Spur wird Fell") eine Brecht-Würdigung eigener Art.
Als posthume Gabe zum 100. Geburtstag trug Böhme bei einer Leipziger Brecht-Lesung ein Gedicht vor, dessen Verse er dem großen Brecht-Antipoden und lüsternen Nihilisten Gottfried Benn in den Mund gelegt hatte. Böhme, 42, bediente sich vor allem beim "späten" Benn, indem er die Diktion von Benn-Gedichten wie "Melancholie" aufnahm. Der Titel "An den Kollegen im russischen Sektor" erklärt sich damit, daß Benn in den Nachkriegsjahren im Berlin der Westalliierten lebte, Brecht aber jenseits der Sektorengrenze.
Über die "Ausgangsidee" des Gedichtes, das SPIEGEL special erstmals einem größeren Publikum zugänglich macht, sagt Böhme, er habe überlegt, was die beiden Großen des 20. Jahrhunderts miteinander hätte verbinden können: "Nach dem Expressionismus gab es zwar nicht sehr viel, aber immerhin die ,Spelunke' und den Sex als unerschöpfliche Inspirationsquelle."
Man geht sich aus dem Weg, man würde sich nicht grüßen.
Zum Glück, Berlin ist groß und neuerdings geteilt.
Gewiß, es ehrt Sie, daß Sie manchmal für die süßen
wohlfeilen Schnuten schwärmen, und was soll man dafür büßen,
daß der Verstand oft aussetzt, ewig eingekeilt
von Ritualen und der Lust auf einen Ritt.
Der Rest ist Affenzirkus, Suppenkasperei, Verschnitt.
Wenn man beim Biere sitzt, vom Fusel leicht benommen,
dann fragt man sich, was dieses Pack erregt.
Was man auch hören mag, es bleibt verschwommen.
Selbst wenn Sie meinen, bessre Zeiten kommen,
falls man die roten Gäule sattelt. Es ist nicht belegt,
daß was von unten kommt, an seinesgleichen denkt.
Ein Prost auf die Spelunke, und der Rest: geschenkt.
Der Schleim, der in uns kocht, und nicht die Illusionen
bewegt die Welt, Sie müßten das doch wissen.
Bestand allein hat das Erinnern an die Konvulsionen
in diesem oder jenem Schoß, und dann verschlissen
die schönen Leiber, krätzig ausgeschissen.
Und denken Sie, man schert sich um Besatzungszonen,
wenn man es warm hat, seinen Koks und Sprit?
Der Rest ist Affenzirkus, Suppenkasperei, Verschnitt.
Und hören Sie, Sie sollten auch im Sommer sterben.
Man hat gesudelt und gebarmt, und das, was bleibt,
verscherbeln eh die Herrn und Damen Erben.
Und was den Preis dafür noch in die Höhe treibt,
ist Schweinekram, den man auf die Serviette schreibt,
um da dies Kind aus Milch und Honig zu verderben.
Drum trink ich Ihnen zu, egal ob es Sie kränkt.
Ein Prost auf die Spelunke, und der Rest: geschenkt!
SPIEGEL SPECIAL 10/1998
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