01.01.1998

Islam A-Z

"Islam von A bis Z" wurde zusammengestellt von Rainer Finne.
Weitere Autoren:
Rainer Brunner, Islamwissenschaftler an der Universität Freiburg/Breisgau;
Heinz Halm, Professor für Islamische Geschichte in Tübingen;
Petra Kappert, Professorin für Turkologie an der Universität Hamburg;
Albrecht Noth, Professor für Arabistik und Islamgeschichte in Hamburg;
Gernot Rotter, Professor für Gegenwartsbezogene Orientwissenschaften in Hamburg.
AJATOLLAH
"Wunderbares Zeichen Gottes" dürfen sich bei den Schiiten nur solche Theologen nennen, die sich auch als Rechtsgelehrte einen Namen gemacht haben. Ferner benötigen Titel-Aspiranten die Empfehlung eines bereits amtierenden Ajatollahs. Das soll sicherstellen, daß sie sich als würdige Mitglieder der höchsten Geistlichkeit erweisen, denn sie werden zugleich Stellvertreter des letzten, des zwölften Imam, der im 9. Jahrhundert unter ungeklärten Umständen verschwand.
Seit dem letzten Jahrhundert war unter den Ajatollahs meist einer als der "fähigste Theologe" primus inter pares - ab 1965 in Iran unter anderem auch Chomeini, der bis zur Vertreibung des Schah 1979 im irakischen und später auch französischen Exil lebte. In der neuen Islamischen Republik Iran wurde ihm zudem das neue Amt des "Revolutionsführers" (rahbar) übertragen.
Nach Chomeinis Tod 1989 wurde deutlich, daß die Ajatollahs nur ungern einen Primus duldeten: Der gegenwärtige rahbar Chamenei verzichtete ausdrücklich auf die höchste geistliche Autorität, weil er sie gegen seine machtbewußten Ajatollah-Kollegen ohnehin nicht hätte durchsetzen können.
AL-AZHAR
Kairos Universität (der Name bedeutet "Die Strahlende", nach der Prophetentochter Fatima el-Sahra) wurde im 10. Jahrhundert ursprünglich als Moschee erbaut. Sie entwickelte sich zur bedeutendsten Hochschule der sunnitisch-islamischen Welt - das geistliche Oberhaupt der Universität gilt vielen Muslimen als höchste Instanz in Glaubensfragen.
Seit Beginn dieses Jahrhunderts werden neben Islamischer Theologie und Islamischem Recht, Arabistik und Rhetorik auch "westliche" Fächer wie Geschichte, Gesellschaftswissenschaften, Mathematik, Medizin und Naturwissenschaften gelehrt. Zum Studium sind seitdem auch Frauen zugelassen.
Anfang der sechziger Jahre stellte die ägyptische Regierung die Azhar-Universität den weltlichen Hochschulen gleich, um islamistische Strömungen in Lehrkörper und Studentenschaft besser kontrollieren zu können. Dennoch gewinnen an der eher liberal-fortschrittlichen Azhar die fundamentalistischen Kräfte an Boden.
ALEVITEN
Die Aleviten sind nach den Sunniten zweitstärkste Glaubensgemeinschaft in der Türkei (etwa 20 Prozent der Bevölkerung). Auch Kurden und Arabisch sprechende Bevölkerungsgruppen bekennen sich zur alevitischen Lehre.
In deren Mittelpunkt steht die schwärmerische Verehrung Alis, des Vetters und Schwiegersohns des Propheten sowie seiner Nachfahren, der zwölf Imame. Die Aleviten interpretieren den Koran und die islamischen Gesetze spirituell und lehnen die Fünf Säulen des sunnitischen Islam ab. Dies macht sie der sunnitischen Mehrheit als Libertins und Ketzer verdächtig.
Aleviten haben keine Moscheen, ihre religiösen Versammlungen finden in Privathäusern statt; Frauen nehmen gleichberechtigt teil. Religiöses Wissen wird von Generation zu Generation innerhalb "heiliger" Familien mündlich überliefert, denen die geistige und soziale Leitung der Gemeinschaft obliegt. Alevit ist man durch Abstammung, Mitglied der Kultgemeinde durch eine Art Initiation sowie das Eingehen einer religiös bestimmten "Wahlbruderschaft", die von größerer Bedeutung als die Blutsverwandtschaft ist und ein Leben lang gilt.
Die ursprünglich esoterische Glaubensgemeinschaft siedelte zunächst in Anatolien. Im frühen 16. Jahrhundert zählte sie zu den Anhängern des schiitischen Schahs Ismail in Persien. Von den sunnitischen Osmanenherrschern wurde sie jahrhundertelang blutig verfolgt.
Die Gründung der säkularen Republik Türkei 1923 durch Kemal Atatürk ermöglichte den Aleviten erstmals gesellschaftliche und politische Partizipation. Fortan votierten sie stets für die weltlich ausgerichteten und reformorientierten linken Parteien, die Garanten des kemalistischen Staates. Seit den sechziger Jahren waren sie auch Parteigänger der Sozialisten. Die Anpassung an den Säkularisierungsprozeß führte aber auch zum Zusammenbruch vieler traditioneller Strukturen; religiöses Gedankengut geriet in den Hintergrund.
Die politischen und sozialen Veränderungen nach dem Militärputsch von 1980 revitalisierten jedoch Glauben und Gemeinschaft der Aleviten. Das war nicht zuletzt eine Reaktion auf den wachsenden Einfluß des sunnitisch-konservativen und militanten Islam. Erstmals in der Geschichte der modernen Türkei bekannten sich die Aleviten offen zu ihrer Identität.
Diese Renaissance führte in den achtziger und neunziger Jahren, als sich die Türkei ethnisch und religiös polarisierte, zu Spannungen. 1993 kam es in der Provinzstadt Sivas zu Übergriffen gegen alevitische Intellektuelle (37 Todesopfer), 1995 in der Millionenmetropole Istanbul zu Pogromen, an denen auch staatliche Sicherheitsorgane beteiligt waren.
Nicht zu verwechseln mit den türkischen Aleviten sind die in Syrien und dem nördlichen Libanon siedelnden Alawiten und deren versprengte, Arabisch sprechende Gemeinden in der Südosttürkei.
Petra Kappert
ALKOHOL
Der Genuß von Alkohol, insbesondere von Wein, ist dem Koran zufolge nicht verboten, sondern lediglich abzulehnen (makruh). Ein Verbot hätte sich auch kaum durchsetzen lassen, denn die Araber wußten ihren heimischen Tropfen wohl zu schätzen. Allerdings trieben ihnen amtlich bestellte Sittenwächter den Weindurst mit der Zeit erfolgreich aus. Heute ist Alkoholkonsum in islamischen Ländern im allgemeinen verboten, in Saudi-Arabien stehen darauf Prügelstrafe und Gefängnis. Strenggläubige Rechtsgelehrte möchten am liebsten auch Kaffee und Tabak auf den Index setzen.
AUFKLÄRUNG
Napoleons militärische Expedition nach Ägypten 1798 brachte für die islamische Welt eine entscheidende Zäsur: die schockartige Konfrontation mit der europäischen Moderne als Resultat westlicher Aggression und eigener militärischer Niederlage. Die beiden folgenden Jahrhunderte markierten die "Krise der islamischen Welt", ausgelöst durch die unvermeidliche Auseinandersetzung mit dem imperialistischen Europa sowie der eigenen politischen und kulturellen Stagnation.
Ein deutliches, gleichwohl nur vage formuliertes Bewußtsein von der "Überrundung" der muslimischen Zivilisation durch den technischen Fortschritt Europas ließ verstärkt islamische Reformbewegungen aufkommen, deren geistige Wurzeln schon in die Zeit vor dem 19. Jahrhundert zurückreichen. Dabei ist islamisches Reformbestreben gewiß nicht gleichzusetzen mit Aufklärung im Sinne der Kantschen Definition als "Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit".
Die Einschätzung der europäischen Zivilisation und des sie bestimmenden Fortschrittsgedankens durch die Muslime des ausgehenden 18. Jahrhunderts blieb eingebettet in traditionelle islamische Vorstellungen: Der "Fortschritt" der Menschheit und damit des Islam stelle einen Prozeß der Annäherung dar an die Offenbarung in ihrer ursprünglichen, von allem historischen Ballast zu befreienden göttlichen Botschaft (durch den Gesandten Mohammed). Die Prophetenüberlieferung - als "übergeschichtliche" Offenbarung - enthalte bereits die Quintessenz jeglichen Wissens.
Nicht der Islam selber, vielmehr die im historischen Entwicklungsprozeß vernachlässigte Beachtung seiner Vorschriften habe den technologischen und zivilisatorischen Rückstand der Muslime bewirkt, lautete die Interpretation islamischer Modernisten des 19. Jahrhunderts, welche die Vereinbarkeit von Islam und Moderne ausdrücklich betonen wollten. Die Übernahme westlicher Gedanken und Techniken wurde als Akt des "Bewahrens und Wiederherstellens" gerechtfertigt.
In Europa herrschte lange der Eindruck vor, von der arabisch-islamischen Welt sei ein Rationalismus ohnehin nicht mehr zu erwarten. Man datierte das Ende aufklärerischer Ambitionen häufig auf 1198, das Todesjahr des spanisch-islamischen Philosophen Ibn Ruschd (Averroes).
Während Averroes, als Vermittler der Aristotelischen Philosophie, für das europäische Denken zur Basis von Rationalismus und Aufklärung wurde, gab es in der islamischen Welt keine vergleichbare Rezeption. Averroes' Schriften wurden verbrannt, seine Lehre verketzert und unterdrückt. Dies habe das Entstehen einer Renaissance und einer eigenständigen Aufklärung in der islamischen Welt verhindert, lautete lange Zeit die Einschätzung europäischer Betrachter.
Neuere westliche Interpretationen konstatieren, wenn auch vorsichtig, eigenständige Elemente der Aufklärung im Islam. Sie erklären den angenommenen Gegensatz von Rationalismus, Mystik, Pietismus und subjektivem Anthropozentrismus für künstlich und sehen statt dessen eine "Bündelung von Traditionen der Welterfahrung" in Europa wie im islamischen Orient des 18. Jahrhunderts zusammenwirken - in einer Art "Universalität" historischer Prozesse. Doch läßt erst die gründlichere Erforschung des islamischen 18. Jahrhunderts und seiner Textzeugnisse nähere Aufschlüsse erwarten.
Petra Kappert
BESCHNEIDUNG
Die Beschneidung von Knaben war unter den semitischen Nomadenvölkern des Nahen Ostens bereits lange vor der Zeit des Propheten Mohammed üblich - als Initiationsritus: Der Proband wird durch den schmerzvollen Eingriff in seine körperliche Unversehrtheit in die Gesellschaft der Männer aufgenommen. Bei muslimischen Jungen wird die Vorhaut zwischen dem siebten Tag nach der Geburt und dem 15. Lebensjahr entfernt (die jüdischen Brüder im Schmerz kommen stets bereits im Babyalter unters Messer).
Nach der Islamisierung Arabiens blieb es bei der Beschneidung; bald galt der "osmanische Faconschnitt", wie das Ergebnis unter westlichen Medizinern heißt, sogar als Nachweis der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Gläubigen (umma): Die Zirkumzision wurde - obwohl vom Koran nicht gefordert - zusammen mit dem Islam als kulturelle Praxis exportiert.
Die Beschneidung der Frau stammt ebenfalls aus vorislamischer Zeit, war allerdings im Nahen Osten unbekannt und ist es dort auch heute noch. Praktiziert wurde die Mädchen-Beschneidung (tahara) vor allem auf dem afrikanischen Kontinent; für Ägypten ist sie seit der Pharaonenzeit verbürgt. Gegenwärtig sind nach offiziellen Schätzungen 110 Millionen afrikanische Frauen, Musliminnen wie Christinnen, "sexuell geblendet", wie es der Schriftsteller Jussif el-Masri nennt - angeblich weil die Mütter glauben, daß unbeschnittene Töchter ihre sexuellen Gefühle nicht beherrschen können und daher die Heiratschancen sinken.
BESTATTUNG
Wenn Muslime den Tod nahen fühlen, vollziehen sie noch einmal die vor dem Gebet erforderliche rituelle Waschung. Nach dem Dahinscheiden wird der Körper von Familienangehörigen gereinigt, in Tücher gehüllt und auf eine Bahre gelegt. Die Anwesenden rezitieren dabei laut aus dem Koran. Damit der Verstorbene schnell bestattet werden kann, bringt man ihn möglichst noch am Tag seines Ablebens in die Moschee, wo für ihn die Gebete gesprochen werden.
Am Grabe erinnert der Imam den Toten noch einmal daran, welche Antworten er den Grabesengeln Munkar und Nakir zu geben hat. Dann wird der Verstorbene auf der Seite liegend in die Grube gesenkt, die Augen gen Mekka.
CORDOBA
Die Stadt am Guadalquivir wurde 711 von muslimischen Heeren erobert und zunächst Gouverneurssitz von Al-Andalus, wie der arabische Name für Spanien lautete. Qurtuba, so nannten die Araber ihren Herrschersitz, machte sich bald als geistiges Zentrum einen Namen, an dem so illustre Geister wie die beiden Philosophen (und Ärzte) Averroes (Aufklärung) und Maimonides tätig waren. Die Bauarbeiten an der Großen Moschee begannen 785, knapp ein halbes Jahrtausend später, 1236, eroberte Ferdinand III. von Kastilien Cordoba.
BILDERVERBOT
Allah bleibt unsichtbar: Er offenbarte sich lediglich durch einen Text, den Koran, in dem von einem Bilderverbot jedoch nicht ausdrücklich die Rede ist. Dieses wurde vielmehr aus den Aufzeichnungen über das Leben und Wirken des Propheten (Hadith) hergeleitet. Engel, so habe er gesagt, beträten kein Haus, in dem sich eine bildliche Darstellung von Mensch oder Tier befinde. Ferner habe Mohammed Berichten zufolge bebilderte Vorhangstoffe zerschneiden und zu Kissenbezügen umarbeiten lassen.
Um 1400 kamen dennoch erste Bilder mit Darstellungen aus dem Prophetenleben auf, im schiitischen Persien (seit dem 16. Jahrhundert) wurde das Martyrium der Imame ein beliebtes Motiv. Verbreitet sind auch Darstellungen, auf denen der Prophet in Mekka eigenhändig die Götzenbilder aus der ursprünglich heidnischen Kaaba entfernt. In der Ära von Film und Fernsehen argumentieren moderne muslimische Gelehrte, das Bilderverbot sei zur Zeit des Propheten eine Waffe gegen die Vielgötterei gewesen, heute hingegen seien Abbildungen von Menschen und Tieren außerhalb der Moscheen durchaus zulässig.
DSCHIHAD
Das individuelle "Sichanstrengen oder Sichbemühen" für die Sache Gottes, unter Einsatz von Besitz und Leben, wird im Koran mehrfach erwähnt. Gemeint war mit dem Dschihad der kämpferische Einsatz eines jeden Muslims bei den Aktivitäten des Propheten gegen arabische Stämme und städtische Fraktionen, die sich dem monotheistischen Islam und der Anerkennung der Prophetenrolle Mohammeds widersetzten.
Dschihad ist niemals Krieg im üblichen Sinne, dafür hat das Arabische andere Bezeichnungen - für Dschihad gibt es beispielsweise auch keinen Plural. Es geht vielmehr um einen aufopferungsvollen und risikoreichen "Gottesdienst unter Waffen". Dazu aufrufen können Vertreter der politischen Gewalt, aber auch "Privatleute", die über die nötige Autorität verfügen - der "Staat" ist für die Durchführung des Dschihad nicht erforderlich. Dem Appell dürfen nur volljährige Muslime folgen. Sie müssen die Kosten für ihren "Gottesdienst" weitgehend selbst tragen; das schließt Söldner oder eine Berufsarmee von vornherein aus.
Der Dschihad ist nur dann religiös verdienstvoll, wenn die Gegner Nicht-Muslime sind oder nicht mehr zur umma zählen wie Häretiker oder vom Glauben Abgefallene (Apostaten). Der Kampf, auch mittels Selbstmordattentat, dient der Unterstützung und Stärkung sowie der Erweiterung der muslimischen Gemeinschaft. Zur Pflicht wird er für alle betroffenen Muslime bei Angriffen von außen.
Die muslimische Gemeinschaft (umma) kann erweitert werden, indem Nicht-Muslime zum Islam konvertieren (ein solches Angebot sollte erfolgen, bevor sie bekämpft werden) oder indem sie sich - dies ist ein weiteres Angebot - der Herrschaft der Muslime unterwerfen. Dabei können sie ihre Religion behalten, solange sie eine vertraglich vereinbarte Abgabe (Kopfsteuer) bezahlen. Diese Option wurde in der muslimischen Geschichte am weitaus häufigsten wahrgenommen. Die Religionsvielfalt in islamischen Ländern hat hier ihren Ursprung.
Vertreter der politischen Gewalt sollen zum Dschihad nur dann aufrufen, wenn die Aussichten auf Erfolg gut sind. Keinesfalls sollten sie ihn um jeden Preis und mit zu hohem Risiko führen. Wenn es sich für die muslimische Gemeinschaft als dienlicher erweist, mit auswärtigen Nicht-Muslimen Frieden zu schließen, ist gegen die Aussetzung des Dschihad (auch über längere Zeit) nichts einzuwenden.
Von den Asketen, später auch von den Sufis (Sufismus) wurde der Dschihad schon früh im übertragenen Sinne als "innerer Kampf" des Frommen gegen die bösen Kräfte der eigenen Psyche (nafs) verstanden. Falsch wäre es jedoch, in diesem "geistigen" Dschihad das eigentliche Ziel von Koran und Prophet zu sehen: Vorrangig, wenn nicht ausschließlich, ging es um den individuellen Einsatz im Kampf für den Glauben.
Albrecht Noth
DSCHINN
Die Geister sind Mittelwesen zwischen Mensch und Engel, feurigen Ursprungs, gewitzt und können verschiedenste Gestalt annehmen. Manche passen sogar in Flaschen. Die im Westen bekanntesten Dschinn sind, neben dem Geist aus Aladins Wunderlampe, Meister Proper und die "Bezaubernde Jeannie".
FAMILIE
Muslimische Männer und Frauen sollen heiraten und sich mehren, denn am Jüngsten Tag möchte der Prophet mit einer gewaltigen Zahl von Muslimen vor allen anderen Völkern glänzen. Daher macht sich um den Islam verdient, wer durch Eheschließung und Zeugung von Nachkommen die Gemeinschaft der Gläubigen (umma) stärkt. Gezwungen wird niemand, doch Heirat empfiehlt sich - der Eheunwillige hat keusch zu leben. Dem Koran zufolge sind Mann und Frau vor Gott gleichwertig, doch fallen ihnen wegen ihrer "natürlichen" Unterschiede auf Erden verschiedene, nach islamischem Verständnis durchaus gleichrangige, gesellschaftliche Rollen zu. Der Mann hat als Familienoberhaupt gegenüber Frau und Kindern umfangreiche Pflichten zu erfüllen, daher darf er von der Frau Gehorsam verlangen und Zuwiderhandlungen sogar durch körperliche Züchtigung ahnden.
Historisch gesehen wertete der Koran die gesellschaftliche Stellung der Frau erheblich auf. In vorislamischer Zeit war an die Eltern der Braut ein Kaufpreis zu entrichten; nun hatte der Bräutigam die mahr direkt an die Frau zu zahlen, die Hälfte bei der Hochzeit, der Rest wurde bei Scheidung oder Tod fällig. Zudem durfte die Muslimin über ihr Vermögen selbst verfügen.
Zu vorislamischer Zeit war sie Besitz des Mannes gewesen, er konnte sie nach Belieben aus dem Haus jagen, und als Mutter besaß sie nicht einmal Rechte an ihren Kindern. Nun aber konnte sie sich, wenn schwerwiegende Gründe vorlagen, sogar scheiden lassen; wenn etwa der Ehegatte nicht seiner Fürsorgepflicht nachkam, sich als impotent erwies oder Ehebruch beging (wobei die sexuellen Beziehungen des Mannes zu seinen maximal drei weiteren, vom Koran erlaubten Ehefrauen nicht zählten).
Im Vergleich zum altarabischen Eherecht waren das für die Frauen begrüßenswerte Neuerungen, doch nicht alles, was geschrieben stand, wurde auch Wirklichkeit. In der Realität zeigte sich das Patriarchat außerordentlich zählebig. Es forderte immer wieder die Absperrung der Frau ins Haus sowie ihre Verhüllung in den Schleier.
FATWA
Eine Fatwa ist die Antwort auf eine Anfrage, eine Auskunft auf der Grundlage der muslimischen Lebens- und Rechtsordnung, der Scharia. Rat suchen kann jeder Muslim, Auskunft erteilt ein Mufti, der sich als Kenner von Koran, Sunna (Schiiten/Sunniten) und Scharia einen Namen gemacht hat und in muslimischen Ländern heute in der Regel einer mit Scharia-Auskünften befaßten staatlichen Behörde vorsteht.
Die Fatwa läßt sich als Ergänzung zur Scharia verstehen. Gegenstand einer Anfrage kann alles sein, was für den Muslim oder die muslimische Gemeinschaft unter dem Gesichtspunkt des korrekten Verhaltens im Sinne des Islam aktuell von Bedeutung ist. Das mag ein winziges Detail aus dem Gebetsritus sein oder die hochpolitische Frage, ob der Abschluß des Camp-David-Abkommens islamrechtlich zulässig war.
Die Antwort muß nach den anerkannten Argumentationsformen der Scharia und nachvollziehbar begründet werden, die Auskünfte können wenige Zeilen oder viele Seiten umfassen. Häufig finden sich in den Fatwa-Sammlungen auch erfundene Fälle, bei denen es nur um die Darlegung islamrechtlicher Argumentationsformen geht. Die aus der Praxis erwachsene Fatwa ist einer der "klassischen Orte" für die Rechtsfortbildung im Rahmen der Scharia.
Die Fatwa hat keine rechtsverbindlichen Folgen, sie kann lediglich klarstellen und empfehlen. Dennoch sind die Fatwas bekannter Persönlichkeiten oder Institutionen wie der Al-Azhar-Universität in Kairo von großem Gewicht und Einfluß. Der häufig als Fatwa bezeichnete Aufruf des Ajatollah Chomeini zur Ermordung des Schriftstellers Salman Rushdie entspricht weder formal (keine Fragestellung) noch inhaltlich (keine islamrechtlich argumentierende Begründung) den grundlegenden Anforderungen an eine Fatwa.
Albrecht Noth
FESTE
Von allen Muslimen gemeinsam werden nur zwei Feste gefeiert - die aber jeweils drei Tage lang. Das Opferfest (Id el-adha) erinnert daran, daß Gott Abraham (arab. Ibrahim) befahl, einen seiner Söhne zu töten. Nach islamischer Auffassung war dies Ismail (nicht Isaak). Nachdem Gott erkannt hatte, daß ihm Abraham bereitwillig gehorchte, beendete er die Prüfung und ließ ihn anstelle des Sohnes ein Lamm opfern. Während des Id el-adha, das jeweils am zehnten Tag des Pilgermonats beginnt, schlachtet jede Familie, die es sich leisten kann, ein Schaf, Rind oder Kamel. Zwei Drittel des Fleisches sind für die Armen bestimmt. Das Opferfest rangiert zwar über dem Fest des Fastenbrechens (Id el-fitr), doch weil dieses das Ende des Ramadan markiert, feiern es die Gläubigen nach der Zeit der Entbehrung besonders ausgiebig. Neben Opferfest und Fastenbrechen gedenken alle Muslime ferner des Geburtstags des Propheten (Maulid el-nabi).
FREITAG
An diesem Wochentag versammelt sich die islamische Gemeinde zur Mittagszeit in der Moschee. Für erwachsene männliche Muslime ist Erscheinen Pflicht, sofern nicht schwerwiegende Gründe wie etwa Krankheit dagegen sprechen. Der Prediger (chatib) beginnt mit einer Predigt (chutba), bestehend hauptsächlich aus Lobpreisungen Gottes und seines Gesandten, dann folgt das obligatorische Gebet.
Der Freitagsgottesdienst darf nur vor mindestens 40 Gläubigen gehalten werden und nur in einer Moschee. Eine Vorschrift, den Freitag durch Ruhe zu heiligen (wie die Juden den Sabbat oder die Christen den Sonntag), kennt der Islam nicht: Die Vorstellung, Allah müsse am siebten Tag vom Schöpfungswerk ausruhen, ist Muslimen fremd: Gott ist allmächtig und nicht erholungsbedürftig. Heute ruht jedoch in vielen islamischen Ländern am Freitag die Arbeit; Schulen, Ämter und Teile des Basars bleiben geschlossen.
FÜNF SÄULEN
Zu den fünf Grundpflichten der Muslime zählen das Glaubensbekenntnis (schahada), das tägliche Pflichtgebet (salat; morgens, mittags, nachmittags, bei Sonnenuntergang und nachts), das Fasten (saum) im Monat Ramadan sowie die Entrichtung der Armensteuer (Sakat). Fünftens und letztens ist die Pilgerfahrt nach Mekka (Hadsch) zu absolvieren. Die aber muß nur antreten, wer dazu die Kraft und das Geld hat. Befreit sind ferner Alte, Gebrechliche, Schwangere und Kinder.
FUNDAMENTALISMUS
Die Begriffe "islamischer Fundamentalismus" und "Islamismus" werden heute weitgehend gleichbedeutend verwendet. Von "Islamismus" und "Islamisten" zu sprechen verleitet jedoch dazu, undifferenziert Islamismus gleich Islam und Islamisten gleich Muslime zu setzen. Die Verwendung des Begriffs "Fundamentalismus" wiederum ist problematisch, da er ursprünglich protestantische Erneuerungsbewegungen des 19. Jahrhunderts in den USA bezeichnete.
Beiden "Fundamentalismen" gemeinsam ist das Bestreben, alle Lebensbereiche gemäß einer buchstabengetreuen Auslegung der heiligen Schriften Bibel beziehungsweise Koran zu gestalten. Im arabischen Raum setzt sich gegenwärtig zunehmend die Wortschöpfung "ussulija" (von usul = Wurzeln) durch, die dem westlichen Begriff Fundamentalismus nachempfunden ist und von Kritikern wie Anhängern des Islamismus gleichermaßen verwendet wird.
Die älteste islamistische Strömung der Neuzeit ist der Wahhabismus, der Mitte des 18. Jahrhunderts in Saudi-Arabien entstand. Die erste islamistische Bewegung des 20. Jahrhunderts war die 1928 in Ägypten gegründete Muslimbruderschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg verloren die islamistischen Bewegungen zunächst gegenüber den arabischen Unabhängigkeitsbestrebungen und dem Nationalismus an Bedeutung, teilweise wurden sie sogar gewaltsam unterdrückt.
Die Anfang der fünfziger Jahre in Palästina entstandene "Islamische Befreiungspartei", deren Führer Taki el-Din el-Nabhani erstmals einen Entwurf für einen islamischen Staat vorlegte, konnte noch kein größeres politisches Gewicht erlangen. Erst der Erfolg der islamistischen Revolution in Iran 1979 und der Zusammenbruch des Sozialismus/Kommunismus nach 1989 - wodurch linke säkulare Ideen auch in der islamischen Welt an Anziehungskraft verloren - schufen den Nährboden für die gegenwärtigen islamistischen Strömungen. Die gleichzeitig wachsenden wirtschaftlichen und sozialen Probleme in den meisten islamischen Staaten taten ein übriges.
Bei allen Unterschieden hinsichtlich ihrer Methoden und Ziele sind sich die verschiedenen islamistischen Gruppen und Grüppchen in einigen Punkten einig: Die Trennung von Staat und Religion ist nicht statthaft. Grundlage allen politischen und gesellschaftlichen Handelns sind der Koran als Wort Gottes und der Hadith als Sammlung der Worte und Taten des Propheten.
Für die Islamisten befinden sich die meisten Regierungen in den vorwiegend von Muslimen bewohnten Staaten - einschließlich der Gesellschaften, über die sie regieren - in einer Phase des Unglaubens (dschahilija); es herrschen ungerechte soziale Verhältnisse, ähnlich denen, die der Prophet im heidnischen Mekka vorfand. Die arabischen Nationalstaaten sind größtenteils künstliche Gebilde mit willkürlich gezogenen Grenzen, die beseitigt werden müssen. An die Stelle der einzelnen Teile tritt das Ganze, der die gesamte muslimische Gemeinschaft (umma) umfassende islamische Staat.
Das Spektrum der Methoden, mit denen diese Ziele verwirklicht werden sollen, reicht von der Rückbesinnung auf islamische Grundwerte bis hin zur Propagierung von Gewalt.
Greueltaten legitimieren die Radikalen mit der angeblich bestehenden Verpflichtung zum Dschihad, die Demokratie wird als westliches Teufelswerk gebrandmarkt.
Gernot Rotter
GEBET
Vor dem rituellen Gebet (salat) reinigen sich die Muslime durch rituelle Waschungen. Zudem müssen sie dafür sorgen, daß ihre Kleider und der Ort, an dem sie beten, ebenfalls sauber sind.
Der Gläubige wendet sich gen Mekka (1) und richtet seine Gedanken auf die nun erfolgende Zwiesprache mit Gott.
Er hebt beide Hände neben den Kopf (2) und spricht: "Allahu akbar" - Gott ist groß.
Nun legt er die Hände vor dem Bauch zusammen (3) und rezitiert die erste Sure des Koran (die fatiha), die mit der basmala beginnt: "Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes." Danach spricht er leise noch eine weitere Koransure, zumeist die 112. Die Handhaltung der Frauen weicht bei (2) und (3) geringfügig von jener der Männer ab.
Der Gläubige verneigt sich. Die Handflächen berühren dabei seine Beine etwas oberhalb der Knie (4), und er spricht abermals "Allahu akbar" sowie dreimal "Ruhm und Preis meinem Gott, dem Allmächtigen". Danach richtet er sich wieder auf und sagt: "Möge Gott den hören, der ihn preist, Dir, mein Herr, die Lobpreisungen."
Der Gläubige läßt sich mit einem erneuten "Allahu akbar" auf die Knie nieder (5), berührt mit der Stirn den Boden und spricht: "Ruhm sei Gott, dem Höchsten."
Er setzt sich auf die Fersen (6) und spricht abermals "Allahu akbar", dann: "Mein Gott, vergib mir, erbarme Dich meiner." Dann berührt er wieder mit der Stirn den Boden.
Damit ist ein Gebetsabschnitt (rakaa) abgeschlossen, und der Gläubige verharrt auf den Fersen sitzend. Bevor er eine zweite rakaa beginnt, zitiert er erneut die erste Sure. Je nach Tageszeit bestehen die Gebete aus zwei bis vier Abschnitten.
Am Ende der Zwiesprache mit Gott spricht der Gläubige das Bezeugungsgebet, das mit den Worten endet: "Es gibt keinen Gott außer Gott; und ich bezeuge, daß Mohammed der Gesandte Gottes ist." Abschließend entbietet der Betende einen Gruß nach rechts und links (7): "El-salam aleikum!" - Der Friede sei mit euch und die Barmherzigkeit Gottes. Mit dieser Geste zeigt der Gläubige, daß er Teil der muslimischen Gemeinde ist.
HADITH
Das Wort kann "Gespräch" oder "Mitteilung" heißen. Speziell aber werden damit die Überlieferungen der Taten und Aussprüche des Propheten bezeichnet. Der Hadith bildet neben dem Koran die zweite Quelle des islamischen Rechts (Scharia) und ist ihm in der Bedeutung nahezu gleichwertig.
Die Beschäftigung mit den Überlieferungen des Propheten setzte bereits im 7. Jahrhundert ein, einerseits um der Nachwelt Leben und Vorbild des Religionsstifters zu erhalten, vor allem aber wegen der Notwendigkeit, den Gläubigen neben dem Koran eine weitere Richtschnur für eine gottgefällige Lebenspraxis zu geben.
Die relativ wenigen Koranverse juristischen Inhalts (nur etwa 500 von über 6000) bedurften der Auslegung und der Anwendung auf nicht ausdrücklich im Koran genannte Fälle. Dabei kam der Autorität des Propheten das größte Gewicht zu - und die Zahl der von ihm überlieferten Aussprüche wuchs bald sprunghaft an: Nur ein Jahrhundert später zirkulierten bereits etwa eine halbe Million Hadithe.
Eine systematische Sammlung und Aufzeichnung des anfangs nur mündlich weitergegebenen Materials erfolgte allerdings erst im 9. Jahrhundert. Von den zu dieser Zeit verfaßten Hadith-Sammlungen wurden von den Sunniten schließlich sechs als verbindlich anerkannt, die wichtigste ist die des Buchari (810-870).
Um die angesichts der Masse von Hadithen unvermeidlichen Fälschungen zu erkennen und auszusortieren, wurde die Entwicklung einer eigenständigen Hadith-Kritik notwendig. Die konzentrierte sich weniger auf den Inhalt der Überlieferung als vielmehr auf die Überprüfung der Personen, die sie tradierten. Ihre Vertrauenswürdigkeit wurde zum Maßstab für die Gültigkeit des Hadith. Dementsprechend besteht jeder einzelne Hadith aus zwei Teilen: der Überliefererkette ("A hörte von B, dieser von C, etc.") sowie dem eigentlichen Text.
Die westliche Orientalistik steht dieser Methode skeptisch gegenüber, einzelne Wissenschaftler betrachten sogar mehr oder minder sämtliche Überlieferungen bis zum Beweis des Gegenteils als Fälschungen. Unverkennbar wurde jedenfalls ein beträchtlicher Teil der Hadithe in offen tendenziöser oder sektiererischer Absicht nachträglich verfaßt.
Die Schiiten haben eine eigene Hadith-Literatur. Sie akzeptieren nur solche Überlieferungen, die auf Ali, den Schwiegersohn Mohammeds und Ahnherrn der Schia (Schiiten/Sunniten), oder einen seiner Nachkommen, die als unfehlbar verehrten Imame, zurückgehen. Nicht zuletzt wegen dieser fundamentalen Differenz hat die Beschäftigung mit dem Hadith in der islamischen Welt bis heute ihre Brisanz behalten. Die Auseinandersetzung nimmt immer wieder polemische Züge an, wenn sunnitische und schiitische Autoren jeweils der Gegenseite die Fälschung von Überlieferungen "nachzuweisen" versuchen.
Rainer Brunner
HADSCH
Die Pilgerfahrt heißt auf Arabisch hadsch, el-hadsch (mit langem "a") ist der Pilger. Der islamische hadsch (eingedeutscht: die Hadsch) bezeichnet die Pilgerfahrt nach Mekka und Medina in der saudiarabischen Rotmeer-Region Hedschas.
Die Wallfahrt ist eine der Fünf Säulen des Islam. Muslime sind gehalten, wenigstens einmal im Leben die heiligen Stätten von Mekka und im 300 Kilometer nördlich gelegenen Medina aufzusuchen.
Höhepunkt der Wallfahrt ist, neben der symbolischen Steinigung des Satans und Wanderungen zwischen den beiden Hügeln Safa und Marwa, die Besteigung des Berges Arafat. Wesentlich für die (in zwei nahtlose weiße Tücher gehüllten) Pilger ist ferner das Gebet in der Großen Moschee in Mekka, das siebenmalige Umschreiten und Küssen der Kaaba sowie das Trinken vom Wasser des benachbarten heiligen Quells Samsam.
Die Hadsch fördert das Zusammengehörigkeitsgefühl der Muslime, vereint die untereinander oft zerstrittenen Sunniten und Schiiten und übertrifft in ihrer Tiefenwirkung die Symbolkraft der Pilgertraditionen anderer Weltreligionen. Im Lauf der Geschichte stellte die Hadsch eine wichtige Einnahmequelle für die jeweiligen Machthaber auf der Arabischen Halbinsel dar.
Erst der in den fünfziger Jahren ausbrechende Erdöl-Boom versetzte die Saudi-Monarchie in die Lage, auf die Pilgereinnahmen zu verzichten. Investitionen in Milliardenhöhe dienten der Erweiterung und aufwendigen Modernisierung der Großen Moschee in Mekka, der Grabesmoschee des Propheten in Medina und der für die Wallfahrt erforderlichen Infrastruktur. Nicht-Muslimen ist das Betreten beider Städte bis heute untersagt.
Volkhard Windfuhr
HAREM
Das arabische Wort harim bezeichnet ursprünglich einen religiösen, "geschützten, unverletzlichen Ort". Im Alltagsgebrauch wird damit in der islamischen Welt der private Wohnbereich eines Hauses benannt, der abgeteilt ist von den offiziellen Räumen, der Domäne des Hausherrn, der dort auch Besucher empfängt. Der Harem dagegen ist den weiblichen Angehörigen des Haushalts vorbehalten. In vielen arabischen Ländern haben die Häuser für die Frauen auch heute noch einen eigenen Eingang und separate Stockwerke.
Im Westen versteht man unter Harem im allgemeinen den großen, abgeschlossenen Frauenbereich der Paläste muslimischer Herrscher und Würdenträger, in denen Ehefrauen, Konkubinen, Sklavinnen, Aufseherinnen und Eunuchen wohnten. Dieser Harem hat bereits eine vorislamische, altorientalische Tradition: Schon die persischen Achämeniden (550 - 330 v. Chr.) praktizierten an ihren Höfen eine Teilung von Männer- und Frauengesellschaft durch strikte Trennung der Wohnbereiche.
Die Harems der Kalifen, Emire und Sultane, in denen gelegentlich Tausende von Frauen (häufig nicht-islamischer Herkunft) lebten, waren hierarchisch streng gegliedert. Den höchsten Rang nahmen Frauen ein, die mit dem Herrscher blutsverwandt waren: Mutter, Töchter, Schwestern. Es folgten jene, die in der besonderen Gunst des Herrschers standen und den Status einer Ehefrau oder Konkubine hatten (deren Zahl auf vier beziehungsweise acht begrenzt war). Die Favoritinnen, deren Anzahl keiner Kontingentierung unterlag, bildeten die nächste Gruppe.
Jede dieser hochrangigen Frauen hatte ihren eigenen Wohnbereich und ihre eigene Dienerschaft - wiederum gegliedert in höhere Dienstbotenränge und junge Mädchen, die zu Palastsklavinnen "aufsteigen" konnten. Die Bewachung des Harems oblag den "Schwarzen Eunuchen", die jederzeit Zutritt beim Herrscher hatten, um Verdächtiges zu melden.
Petra Kappert
HOMOSEXUALITÄT
Der Islam verurteilt Homosexualität als Unzucht (zina) - sie steht damit auf gleicher Stufe wie außerehelicher Geschlechtsverkehr und Selbstbefriedigung. Die für Unzucht vorgesehenen Strafen reichen von der Auspeitschung bis zur Steinigung, je nach Land und geltender Rechtsschule. Der Koran (Sure 4, Vers 16) spricht aber auch von Vergebung: "So sie bereuen und sich bessern, so lasset ab von ihnen. Gott ist vergebend und barmherzig."
IMAM
Dieser Titel bezeichnet das Oberhaupt der Gesamtheit aller Muslime (umma) ebenso wie den Vorbeter und den Vorsteher einer einzelnen Gemeinde. Gelegentlich wird durch die Anrede "Imam" auch eine Person mit besonderer religiöser Autorität ("Imam Chomeini") geehrt.
Die sunnitische Mehrheit der Muslime erkennt als rechtmäßige Nachfolger des Propheten die ersten vier Kalifen an: Abu Bakr, Omar, Osman und Ali, den Vetter und Schwiegersohn Mohammeds. Die Schiiten dagegen sprechen den ersten drei Kalifen mangels Verwandtschaft mit dem Propheten die Rechtmäßigkeit der Nachfolge ab und erkennen statt dessen zwölf Imame an: Ali, den vierten Kalifen, dessen Söhne Hassan und Hussein aus der Ehe mit Mohammeds Tochter Fatima sowie neun weitere Nachkommen Husseins.
Der zwölfte Imam lebt nach schiitischem Glauben seit dem Jahr 874 in der "Abwesenheit" (Ajatollah). Für die Schiiten ist er das rechtmäßige Oberhaupt des Islam, nach der Verfassung der Islamischen Republik Iran sogar das eigentliche Staatsoberhaupt.
Der Prophet, seine Tochter Fatima und die zwölf Imame werden als die "vierzehn Unfehlbaren" verehrt. Da niemand sonst die Unfehlbarkeit (isma) beanspruchen kann, sind alle Religionsgelehrten, Mullahs wie Ajatollahs, fehlbar und ihre Entscheidungen, Direktiven und Fatwas daher prinzipiell nicht endgültig. Die Gräber der Imame in Medina, im Irak (Kerbela und el-Nadschaf am Euphrat, el-Kasimein bei Bagdad und Samarra am Tigris) sowie in Iran (Maschhad) sind Wallfahrtsorte der Schiiten.
Heinz Halm
ISLAM
Das arabische Wort bedeutet "Ergebung" in den Willen Gottes. Vom selben Wortstamm abgeleitet ist Muslim: "der sich Ergebende". Das Bekenntnis zum Islam lautet: "Ich bezeuge, daß es keine Gottheit gibt außer Gott, und daß Mohammed der Gesandte Gottes ist" - "Allah" heißt nichts anderes als "Gott".
Das Zeugnis schließt das Bekenntnis zu einem strengen Monotheismus und zur Prophetenrolle Mohammeds ein. Von diesem wird angenommen, daß er die göttliche Offenbarung, die früheren Propheten - etwa Abraham, Moses oder Jesus - zuteil wurde, erneuerte und zu den Arabern brachte. Seine im Koran ("Lesung") schriftlich fixierte Verkündigung gilt als die letzte und definitiv verbindliche Offenbarung Gottes. Mohammed ist das "Siegel der Propheten".
Zusammen mit dem Glaubensbekenntnis (schahada) bilden vier weitere im Koran verankerte Pflichten die Fünf Säulen des Islam. Neben dem Koran als dem Wort Gottes stehen die überlieferten Aussprüche und vorbildlichen Handlungen des Propheten Mohammed (Hadith), die für die Muslime verbindlich sind und ihr tägliches Leben bis hin zu Eßgewohnheiten, Kleidungssitten und hygienischen Praktiken bestimmen.
Diese Prophetentraditionen bilden die Sunna (Usus, Brauch), nach welcher die Muslime ihr Leben zu richten haben. Koran und Sunna sind die Grundlagen der Scharia (ursprünglich: "Pfad"), der gottgewollten Lebensordnung der Menschen. Entwickelt wurde die Scharia durch den Berufsstand der Gelehrten (Ulama), die sie auch fortwährend den jeweils neuesten Erfordernissen anpassen.
Die Ulama sind die eigentlichen Träger der religiösen Autorität im Islam, der weder eine kirchenähnliche Organisation noch eine Gemeindestruktur kennt und kein allgemein anerkanntes Oberhaupt hat. Was als islamisch gilt und was nicht, wird von Fall zu Fall von qualifizierten Ulama in grundsätzlich unverbindlichen Gutachten (Fatwa) festgestellt. Bei den Schiiten werden Fatwas nur von besonders qualifizierten hochrangigen Geistlichen gegeben.
Seit der "Islamischen Revolution" von 1979 beansprucht in Iran der jeweilige Revolutionsführer (rahbar) eine besondere Autorität, die mit der der anderen höchsten Geistlichkeit konkurriert. Neben dem Gesetzes-Islam gibt es auch eine mystisch gefärbte Strömung, den Sufismus.
Heinz Halm
JERUSALEM
Die Muslime nennen sie el-Kuds, die heilige Stadt; nach Mekka und Medina ist Jerusalem wichtigster Wallfahrtsort der Gläubigen. Von dem Felsen inmitten der Stadt, der bei den Muslimen el-Haram el-Scharif (heiliger Bezirk) heißt, ritt Mohammed einst auf seinem Wunderpferd Burak gen Himmel - in einer nächtlichen Vision. In Wirklichkeit hat der Prophet Jerusalem wohl nie betreten.
Auf besagtem Felsen sollte einst Abraham seinen Sohn Ismail opfern, und dort stand auch der Tempel Salomos. Heute erheben Muslime wie Juden Anspruch auf das Gelände, das ein Sechstel der Jerusalemer Altstadt ausmacht.
Sechs Jahre nach Mohammeds Tod eroberte der Kalif Omar 638 Jerusalem; el-Kuds wurde zum Dar el-islam (Gebiet des Islam). Über dem Felsen, von dem aus der Prophet aufgefahren sein soll, wurde die Kubbat el-Sachra (Kuppel über dem Felsen = Felsendom) erbaut, daneben entstand die nicht minder berühmte Aksa-Moschee mit ihrer silbernen Kuppel.
Am Ende aller Zeiten, so die Prophezeiung, wird sich die Kaaba in Mekka mit dem heiligen Felsen vermählen. Für die Muslime liegt das Plateau dem Paradies am nächsten, und am Jüngsten Tag werden sich dort die Tore zum Paradies, aber auch zur Hölle auftun.
KAABA
Das "Haus Gottes" in Mekka ist das bedeutendste Heiligtum des Islam, dorthin verneigt sich der Gläubige beim Gebet. Die Bedeutung der aus vorislamischer Zeit stammenden Kaaba als zentralem Heiligtum ist zwischen Schiiten und Sunniten unumstritten. Nicht-Muslime dürfen sich dem mit schwarzem Tuch verhüllten, etwa elf Meter hohen hölzernen Würfel im Hof der Großen Moschee von Mekka nicht nähern.
Im östlichen "Schwarzen Pfeiler" befindet sich der heilige schwarze Stein, den die Gläubigen küssen, nachdem sie die Kaaba siebenmal umrundet haben. Das Gebäude ist leer, die dort früher vorhandenen Götzenbilder wurden vom Propheten nach der Eroberung Mekkas entfernt (Bilderverbot).
Für den saudiarabischen Staat und die Händler sind die jährlich Hunderttausende von Pilgern eine willkommene Einnahmequelle. Das saudische Königshaus zieht zudem politischen Profit daraus, daß sich Mekka und Medina auf seinem Herrschaftsgebiet befinden - als "Hüterin der heiligen Stätten" beansprucht die saudische Monarchie unter allen islamischen Königshäusern eine besondere Legitimation.
KALIF
Der Prophet starb unerwartet im Jahr 632 n. Chr., Verfügungen hinsichtlich seiner Nachfolge hatte er, laut sunnitischer Version, nicht getroffen. Der "Nachfolger" (auch: "Stellvertreter") des Propheten (chalifa) mußte folglich von Menschen bestimmt werden.
Prompt gab es Streit darüber, welcher Prophetengefährte die Leitung der jungen islamischen Gemeinde übernehmen sollte: Abu Bakr, alter Kampfgefährte und Schwiegervater des Propheten, oder Ali, Vetter und Schwiegersohn des Propheten. Letzterer mußte sich noch eine Weile gedulden, denn die Gemeinde entschied sich für Abu Bakr, der das Amt zwei Jahre lang bis zu seinem Tod innehatte.
Abu Bakr bestimmte seinerseits Omar (634-644) zum nächsten Kalifen, der wiederum ließ seinen Nachfolger aus einem Kreis von sechs Kandidaten bestimmen. Osman (644-656) hatte sich dann ganz besonders Alis und dessen Partei (schiat Ali) zu erwehren, welche die Auffassung vertrat, als Kalif komme nur in Frage, wer zur Familie des Propheten gehöre. Auch sagte Ali seinem Widersacher Osman einen Hang zu unislamischen Neuerungen (bid'a) nach.
Nach der Ermordung Osmans wurde Ali doch noch zum (vierten) Kalifen ernannt, stand aber bei Osmans Verwandten in Verdacht, an dessen Ermordung beteiligt gewesen zu sein.
Es kam zum offenen Kampf. Nach der Schlacht von Siffin fiel Ali im irakischen Kufa einem Attentat zum Opfer, sein Gegenspieler Muawija etablierte in Damaskus die erste Kalifen-Dynastie, die Umajjaden (661-750), und machte Syrien zum Kernland des expandierenden arabisch-islamischen Weltreichs.
Als "Stellvertreter Gottes auf Erden" und militärischer Führer verlangte er von seinen Untertanen unbedingten Gehorsam. Das geistliche Amt des Kalifen war somit schon immer mit der politischen Herrschaft verbunden.
Die den Umajjaden folgende Dynastie der Abbasiden residierte in Bagdad und berief sich auf Abbas, einen Onkel des Propheten. Das letzte Kalifat der Osmanen wurde 1924 vom "Vater" der modernen Türkei, Kemal Atatürk, beendet.
KONVERTITEN
Die rasche Ausbreitung des Islam vom Atlasgebirge bis zum Indusbecken ließ ein islamisches Großreich entstehen, in dem viele Millionen Nicht-Muslime, vor allem Christen, Zoroastrier und Juden, lebten. Um die Gleichstellung mit den islamischen Herrschaftseliten und die Befreiung von der (allein Nicht-Muslimen auferlegten) Kopfsteuer zu erreichen, trat schon früh ein hoher Prozentsatz der Alteingesessenen zum Islam über. Das Phänomen der Konversion zur neuen, machtvollen Religion, welche die Weltreiche Byzanz und Persien in die Knie zwang, setzte sich jahrhundertelang fort.
Massenübertritte sind heute jedoch selten, von den jüngsten Gewaltpraktiken islamistischer Offiziere im Südsudan abgesehen.
Die westeuropäischen Konvertiten des ausgehenden 20. Jahrhunderts glauben im Islam das zu finden, was sie im Nachkriegseuropa vermissen: ein festgefügtes Weltbild, verbindliche moralische Normen, die dem Werteverlust und der sozialen Auflösung der Gesellschaft entgegenwirken.
Auch in England, Deutschland und den Vereinigten Staaten übt der Islam auf eine Reihe Intellektueller - Schriftsteller, Wissenschaftler und Diplomaten - eine gewisse Anziehungskraft aus.
Prominente Konvertiten sind unter anderem der USamerikanische frühere Boxweltmeister Mike Tyson und der ehemalige Popsänger Cat Stevens, der sich heute Yusuf Islam nennt.
Der in der islamischen Welt ausgebrochene Richtungskampf zwischen toleranten Reformern und militanten Verfechtern engstirniger theokratischer Staatskonzepte, gepaart mit Meinungsterror und Verketzerung Andersdenkender, stoppt einstweilen den Zulauf zur jüngsten monotheistischen Weltreligion. "Wehrt euch gegen den Gedankenmord der Pharisäer", rief der französische Vorzeige-Konvertit und frühere Marxist Roger Garaudy seinen neuen Glaubensbrüdern zu, "sonst war alles umsonst."
Volkhard Windfuhr
KORAN
Die Heilige Schrift des Islam enthält die göttlichen Offenbarungen, die Mohammed in der Zeit zwischen seinem 40. Lebensjahr und seinem Tod im Jahre 632 empfing. Nach muslimischer Überzeugung ist der Koran das unmittelbare Wort Gottes, der Prophet lediglich sein Sprachrohr - gewissermaßen eine göttliche Ich-Erzählung. Zugleich ist für die Muslime der Koran die letzte und damit endgültige Offenbarungsschrift, mit der Gott alle vorherigen heiligen Bücher berichtigte und für alle Zeiten vervollkommnete.
Das Dogma von der Unmittelbarkeit und Unnachahmlichkeit, das sich auf Inhalt, Stil und (arabische) Sprache gleichermaßen bezieht, leitet sich nicht zuletzt daraus ab, daß der Prophet gemäß Überlieferung des Lesens und Schreibens weitgehend unkundig gewesen sein soll.
Der Koran ist in 114 Kapitel (Suren) unterschiedlichen Umfangs unterteilt, die wiederum aus einzelnen Versen bestehen. Dabei folgt die Anordnung der Suren nicht der Chronologie der Offenbarung, sondern einem ganz anderen Maß: ihrer Länge. Den Anfang macht - nach einer kurzen Eröffnungssure (fatiha) in Gebetform - die mit 286 Versen längste zweite Sure, die letzten Kapitel umfassen nur noch wenige Zeilen.
Zurückzuführen ist diese Anordnung, die einen thematischen Zusammenhang über weite Strecken nur bedingt erlaubt, auf die Sammlung und Redaktion der einzelnen Überlieferungen: Sie fand erst ein Vierteljahrhundert nach dem Tod des Propheten statt.
Manche verstreuten Einzelpassagen wurden zu ganzen Suren vereinigt, manche anderen Sinnabschnitten hinzugefügt.
Allerdings wurde bei jeder Sure angegeben, ob sie vor oder nach der Auswanderung Mohammeds von Mekka nach Medina (der Hidschra von 622) geoffenbart wurde und welche Verse gegebenenfalls aus der jeweils anderen Epoche stammten. Ein in jeder Hinsicht einheitlicher Korantext wurde dennoch nicht festgelegt.
Bis heute werden verschiedene Lesarten anerkannt, die sich jedoch nur in Nebensächlichkeiten voneinander unterscheiden. Auch war die Authentizität dieser Sammlung nicht immer unumstritten. Die Schiiten sahen politisch motivierte Fälscher am Werk und akzeptierten sie erst nach mehreren Jahrhunderten.
Die Bedeutung des heiligen Buches für die Muslime ist umfassend und durchdringt nahezu alle Lebensbereiche. Große Wichtigkeit wurde - und wird bis heute - dem mündlichen Vortrag des in Reimprosa abgefaßten Koran als liturgischem Rezitationstext beigemessen.
Daneben stellen seine juristischen Verse die wichtigste Quelle des islamischen Rechts (Scharia) dar. Dennoch sind keineswegs alle heutzutage von Islamisten geforderten Vorschriften eindeutig aus den zur Begründung gelieferten Textstellen herzuleiten, etwa das generelle Verschleierungsgebot (Schleier) für Frauen.
Die Deutungsbedürftigkeit des Korantexts ließ schon früh eine umfangreiche exegetische Literatur entstehen, deren vielbändige Werke jedoch oft mehr über die tendenziösen Absichten ihrer Verfasser verraten als über den Koran selbst. Auch die modernistischen Bestrebungen des 19. und 20. Jahrhunderts stützten sich häufig auf eine entsprechende Koraninterpretation.
So versuchte man beispielsweise den Nachweis zu erbringen, daß zwischen Koran und moderner Wissenschaft kein Widerspruch bestehe - der Koran habe im Gegenteil viele naturwissenschaftliche Erkenntnisse bereits vorweggenommen.
Rainer Brunner
LIEBE
In den ersten Jahrhunderten nach dem Tod des Propheten wurde unter dem Rubrum "Liebe" vor allem das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen diskutiert.
Die Orthodoxen verstanden unter Liebe Gehorsam, die Sufis (Sufismus) stellten die Liebe Gottes zu seiner Kreatur in den Vordergrund. Angesichts dieser wenig fleischlich orientierten Debatte wundert es nicht, daß erotische Darstellungen lange unbekannt waren.
Das änderte sich, nachdem im persischen Raum das "Schauen auf die Unbärtigen" aufkam und der schöne junge Geliebte als körperliche Erscheinung der göttlichen Schönheit von den Dichtern besungen wurde. Andere Poeten sahen dagegen im Weiblichen die Vollendung göttlicher Schöpfungskraft.
Bekanntester persischer Liebeslyriker ist Hafis, geboren zu Beginn des 14. Jahrhunderts in Schiras, dem Goethe im "West-Östlichen Divan" ein Denkmal setzte.
MÄRTYRER
Die Aussichten für den "Zeugen" (schahid), der im Kampf gegen die Nicht-Muslime sein Leben gibt, sind verlockend. Gleich nach seinem Tod betritt der Märtyrer die "Gärten der Wonne" (Paradies), wo Bäche von Honig, Milch und sogar Wein fließen.
Dort empfangen ihn die schwarzäugigen Huris, die sich nach jeder Beiwohnung des Mannes praktischerweise sogleich wieder in Jungfrauen zurückverwandeln.
Für alle Fälle sind auch noch unsterbliche Knaben anwesend, die als Mundschenke dienen. Außerdem wird für Märtyrer ein Treffen mit dem Propheten arrangiert. So sieht die Vorzugsbehandlung für jene aus, die für Gottes Sache getötet werden.
Ob auch Selbstmordattentate darunterfallen, ist zwischen muslimischen Gelehrten umstritten.
MOSCHEE
In dem "Ort, an dem man zum Gebet niederfällt", zeigt eine Nische (mihrab) die Gebetsrichtung gen Mekka (Kaaba) an - seit der Prophet 624 den Gläubigen befahl, sich zum Gebet nicht mehr nach Jerusalem zu wenden. Die Bestimmung der Gebetsrichtung (kibla) erfolgt präzise mittels sphärischer Trigonometrie und Astronomie. Das Innere der Moschee ist mit Teppichen oder Matten ausgelegt, Bilder und Kultgegenstände gibt es nicht, der einzige Schmuck sind Kalligraphien und abstrakt bemalte Kacheln. Größere Moscheen haben ein Minarett, osmanische Freitagsmoscheen bis zu sechs, die Große Moschee von Mekka sogar sieben.
MUEZZIN
Fünfmal am Tag fordert er vom Minarett herab die Gläubigen zum Gebet auf, und zwar in Arabisch, der Sprache des Koran. Zunächst erfolgt die Lobpreisung Gottes. Anschließend ruft der Muezzin am Morgen: "Erhebt Euch, denn das Gebet ist süßer als der Schlaf." Die späteren Aufforderungen variieren je nach Tageszeit. Größere Moscheen leisten sich einen eigenen Muezzin. In kleineren Gotteshäusern übernimmt der Vorbeter (Imam) diese Aufgabe, oder er arbeitet mit Tonband und Verstärker.
Der erste Muezzin war der Äthiopier Bilal, ein ehemaliger Sklave und Weggefährte des Propheten, den Mohammed wegen seiner kräftigen Stimme für das Amt des Gebetsrufers auswählte. Früher wurden oft Blinde zum Muezzin ernannt, weil sie vom Minarett aus nicht in die Höfe der Privathäuser schauen konnten. Ob blind oder sehend - alle Muezzins erwartet hoher Lohn: "Wer dieses Amt ausübt, wird vom Höllenfeuer gerettet werden", sagt der Prophet.
MULLAH
Molla heißt der islamische Religionsgelehrte in der persischen Umgangssprache - abgeleitet vom arabischen maula (Meister, Gelehrter). Da es eine festgelegte Ausbildung zum Mullah - so die deutsche Schreibweise - nicht gibt, kann sich jeder, der sich zum Geistlichen berufen fühlt, so nennen und entsprechend kleiden. Um als Mullah anerkannt zu werden, muß es ihm allerdings gelingen, eine Gruppe von Gläubigen um sich zu scharen.
MUSLIMBRUDERSCHAFT
Die Vereinigung el-Ichwan el-muslimun wurde 1928 von dem Lehrer Hassan el-Banna gegründet. Die Muslimbrüder waren mit den Resultaten der ägyptischen Revolution von 1919 unzufrieden: Die Briten mußten zwar gehen, ihre kulturelle Hinterlassenschaft aber blieb, weil die ägyptische Bourgeoisie auf eine "Modernisierung" nach westlichem Vorbild setzte. Ideologische Grundlage der Bruderschaft war die Idee einer "islamischen Ordnung", die alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens regelt, angeleitet vom Koran und vom Leben und Wirken des Propheten.
Bannas Ziel war zunächst einmal, die Kontrolle der arabischen Staaten durch fremde Mächte zu beenden, gegen sie wurde zum Dschihad aufgerufen. Als Bewegung gegen die westliche Moderne und deren Anfechtungen für die islamische Welt wurde die Muslimbruderschaft die Mutter der militant-islamistischen Bewegungen in der arabischen Welt, vor allem ihre Forderung nach Wiedereinführung der Scharia brachte ihr Zulauf. In Ägypten war sie lange Zeit verboten, wurde aber seit den siebziger Jahren wieder geduldet.
Heute hat die Muslimbruderschaft offiziell der Gewalt abgeschworen - der Terror in Ägypten wird gegenwärtig vor allem von den Gruppen Dschihad islami (Islamischer Heiliger Krieg) und Gamaa islamija (Islamische Vereinigung) ausgeübt.
NATIONALISMUS
Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war der Begriff Nation in der islamischen Welt unbekannt. Grundsätzlich unterschieden wurde zwischen Dar el-islam (Gebiet des Islam) und Dar el-harb (Gebiet des Krieges).
Bald nach der Gründung des Staates Israel bildete sich in Ägypten unter dem damaligen Präsidenten Gamal Abd el-Nasser mit dem Panarabismus eine republikanisch-sozialistische Variante des Nationalismus heraus, welche die nahöstlichen Königshäuser in Angst und Schrecken versetzte: der Nasserismus.
In Syrien war bereits 1947 die Baath-("Erneuerungs"-)Partei mit ähnlichen Zielen entstanden. Für kurze Zeit gelang es Nasser sogar, Syrien und später auch den Jemen zur "Vereinigten Arabischen Republik" zu vereinen (1958 bis 1961).
Geblieben ist von den Versuchen, die Einheit der arabischen Staaten herzustellen, die Arabische Liga mit ihren 22 Mitgliedsstaaten, die sich um einen gemeinsamen Markt bemüht und unter anderem eine panarabische Kulturorganisation aufgebaut hat.
Mitglieder der Arabischen Liga sind Ägypten, Algerien, Bahrein, Dschibuti, Irak, Jemen, Jordanien, Katar, die Komoren, Kuweit, Libanon, Libyen, Mauretanien, Marokko, Oman, Palästina, Saudi-Arabien, Somalia, Sudan, Syrien, Tunesien und die Vereinigten Arabischen Emirate.
ORIENTALISTIK
Als in Europa die ersten Lehrstühle für orientalische Sprachen gegründet wurden (zuerst 1599 in Leiden, später in Cambridge und Oxford), diente das neue Fach als Hilfswissenschaft der Theologie. Erst mit der europäischen Aufklärung des 18. Jahrhunderts entstand die Orientalistik als eigenständige wissenschaftliche Disziplin.
Gleichzeitig formte sich ein neues Orientbild: die (theologisch begründete, seit dem Mittelalter vorherrschende) feindselige Wahrnehmung wich einer neuen Sichtweise. Diese tendierte einerseits zum Naiv-Exotischen (zum Beispiel Mozarts "Entführung aus dem Serail"), andererseits wollten manche Autoren auf indirektem Wege Kritik an innereuropäischen Zuständen üben (Montesquieus "Perserbriefe").
Im 19. Jahrhundert änderte sich das Selbstverständnis der Orientalistik. Eine strenge Philologie trat an die Stelle der romantischen Tradition und widmete sich nahezu ausschließlich der klassischen Frühzeit der islamischen Geschichte. Der Historismus ernannte diese Epoche zum "eigentlichen" Orient, und die Orientalisten wurden seine Gralshüter. Sie verklärten das vermeintlich zeitlose Wesen dieses "wahren" Orients. Die neu entstandenen Sozialwissenschaften sorgten schließlich im 20. Jahrhundert dafür, daß sich die Orientalistik in spezialisierte (auch gegenwartsbezogene) Einzeldisziplinen auffächerte.
Die Muslime selbst zeigten sich von der westlichen Orientalistik im ganzen eher wenig angetan und warfen ihr immer wieder vor, in den Diensten des Imperialismus oder christlicher Missionierungsbestrebungen zu stehen.
Die bislang heftigste Attacke führte der in den USA ausgebildete und lehrende palästinensische Literaturwissenschaftler Edward Said. In seinem 1978 erschienenen Buch "Orientalism" warf er der Orientalistik vor, weniger ein akademisches Fach als vielmehr eine auf Machtausübung zielende Ideologie zu sein: Ihre Darstellung der islamischen Welt als eine vom Westen deutlich verschiedene Kultur sei letztlich rassistisch und imperialistisch.
Die Empörung unter den kritisierten westlichen Orientalisten war groß. Aber auch liberale arabische Intellektuelle wandten gegen Saids Polemik ein, sie habe ein viel zu einseitiges Bild gezeichnet - zudem richtete sich seine Kritik genaugenommen nur gegen einige Teile der anglo-amerikanischen und französischen Orientalistik. Gegenwärtig fördern Thesen wie jene vom "Kampf der Kulturen" (Huntington) verbreitete Ressentiments und erneuern das "Feindbild Islam".
Für das wechselseitige Verständnis ist solche wissenschaftlich verbrämte Verstärkung von Vorurteilen wenig hilfreich. Das gilt allerdings umgekehrt auch für politisch korrekte, vorauseilende Kritiklosigkeit, die schon das bloße Ansprechen von Unterschieden als Vorstufe zum Rassismus betrachtet.
Rainer Brunner
OSMANEN
Die Dynastie turkmenisch-nomadischer Herkunft bestand von 1281 bis 1924. Zunächst brachten die Osmanen Kleinasien unter ihre Kontrolle, 1354 bis 1357 rückten sie auf den Balkan vor, 1453 nahm Mehmed der Eroberer Konstantinopel ein und besiegelte damit das Ende des byzantinischen Reiches. Knapp 70 Jahre später eroberte Sultan Selim Syrien und Ägypten und nahm den Titel Kalif an.
Mit der Niederlage der Türken vor Wien begann 1683 der langsame Niedergang des Osmanischen Reiches, das sich gegenüber religiösen Minderheiten zumeist recht tolerant verhalten hatte. Es nahm zum Beispiel viele durch die Reconquista in Spanien vertriebene Juden auf und ließ ihnen, wie auch den Christen in den eroberten Gebieten, ihre religiösen und kulturellen Gebräuche. Den aufkommenden Nationalbewegungen (Panslawismus und Panarabismus) hatte das Osmanische Reich, das trotz des gemeinsamen Glaubens auch von den muslimischen Untertanen im Nahen Osten als Fremdherrschaft empfunden wurde, nichts entgegenzusetzen.
PARADIES
El-firdaus - oder dschanna (Garten) - steht allen Gläubigen, Männern wie Frauen, offen. Wer allerdings ein weniger gottgefälliges Leben geführt hat, muß bis zum Jüngsten Gericht in der Hölle schmoren, bevor auch er in die "Gärten der Wonne" (Koran, Sure 37, Vers 43) eingelassen wird. Die Angaben über deren Zahl schwanken zwischen zwei und acht. Pilger, die während der Hadsch nach Mekka dahinscheiden, gelangen unmittelbar auf die höchste Paradies-Ebene. Gekleidet in Seide ruhen die Gläubigen im Paradies auf Teppichen und speisen von Silbergeschirr. Sie dürfen sogar den auf Erden verbotenen Wein trinken. Beruhigend für Männer ist, daß in el-firdaus jedem schwarzäugige Paradiesesjungfrauen (huris) und Knaben (schön wie "Perlen") zur Verfügung stehen.
PROPHET
Mohammed, um 570 n. Chr. in Mekka geboren und 632 in Medina gestorben, war Kaufmann. Mit etwa 25 Jahren heiratete er die sehr viel ältere Witwe Chadidscha. Sie schenkte ihm drei Söhne und vier Töchter, von denen aber nur Fatima überlebte und die Linie des Propheten fortsetzte.
Als Mohammed etwa 40 Jahre alt war, erschien ihm der Erzengel Gabriel und trug ihm auf, Gottes Botschaft zu verkünden. Fortan verstand sich Mohammed als Prophet und Warner. Er beschwor die Mekkaner, sich von der Vielgötterei abzuwenden und nur noch den einen Gott zu verehren. Das Jüngste Gericht, der Tag der Abrechnung, sei nahe.
Die Mekkaner fürchteten jedoch um die Einnahmen, die sie von den Wallfahrern zur Kaaba, einer damals noch polytheistischen Kultstätte, zogen. Desgleichen stieß den meisten Mekkanern die Sympathie auf, die Mohammed für die sozial Benachteiligten zeigte. Daher ging der Prophet 622 mit seinen Getreuen nach Jathrib (später Medina = Stadt des Propheten). Mit dieser Emigration, der Hidschra, beginnt die islamische Zeitrechnung.
Als die dort lebenden Juden Mohammed nicht als Propheten anerkannten, verkündete er die Eigenständigkeit des Islam und berief sich direkt auf Abraham als Stammvater aller Gläubigen. Auch sollten sich die Muslime zum Gebet nun nicht mehr nach Jerusalem verbeugen, sondern nach Mekka: Die Kaaba, das zentrale Heiligtum der Araber, sei einst von Abraham und seinem Sohn Ismail erbaut worden. Nach dem siegreichen Einzug in Mekka 630 verschonte Mohammed, wie versprochen, die Bevölkerung; die Kaaba reinigte er jedoch von Götzenbildern und anderen heidnischen Kultsymbolen.
Bald nachdem auch die süd-arabischen Stämme zum Islam übergetreten waren, erkrankte der Prophet und starb.
PROSTITUTION
Sie gilt im Islam als Unzucht. Das islamische Recht sieht allerdings keine Sanktionen gegen Huren vor.
RAMADAN
"O die ihr glaubt! Fasten ist euch vorgeschrieben, wie es denen vor euch vorgeschrieben war. Vielleicht werdet ihr gottesfürchtig." (Koran, Sure 2, Vers 183). Der Fastenmonat Ramadan (etwa: "der Tag, der den Sand zum Glühen bringt") ist der neunte des arabischen Mondjahres und dauert 30 Tage.
Das Fasten während des "Festes der gnädigen Reinigung" beginnt morgens, sobald sich ein weißer Faden von einem schwarzen unterscheiden läßt, und endet nach Sonnenuntergang. Abgesehen vom Essen haben sich die Gläubigen tagsüber auch des Trinkens, des Rauchens und der körperlichen Liebe zu enthalten. Kranke, Reisende sowie stillende oder menstruierende Frauen sind vom Fasten befreit, sollen es jedoch nach Möglichkeit nachholen.
Nach Sonnenuntergang ist das Fastenbrechen (iftar) erlaubt. Der Prophet pflegte dann lediglich eine Dattel zu essen, heute tafeln die Gläubigen abends gern besonders üppig. Auch das Frühmahl (sahur) fällt oft nicht zu knapp aus.
Besondere Bedeutung hat die 27. Nacht des Ramadan, denn in dieser "Nacht der Bestimmung" überbrachte der Erzengel Gabriel dem Propheten auf dem Berg Hira bei Mekka die erste göttliche Offenbarung. Dem Gläubigen werden durch das Fasten alle Sünden vergeben. Während des Ramadan sind die Tore der Hölle verschlossen, die Pforten des Paradieses aber geöffnet - sagt der Prophet.
SAKAT
Die Gläubigen haben eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, lehrte Mohammed. Wer hatte, der sollte geben. Im späteren Islam entwickelten sich zwei Formen der "Wohltätigkeit": die obligatorische Armensteuer (sakat) und das freiwillige Almosen (sadaka). Die Beträge sind nicht festgelegt, der Koran empfiehlt lediglich "das Entbehrliche" (Sure 2, Vers 219). Die Schiiten kennen darüber hinaus noch eine weitere Abgabe, den "Fünften" (chums). Religiös begründete Armensteuer und Almosen verhalfen dem Bettler in der islamischen Welt zu einer besonderen gesellschaftlichen Rolle: Er übt einen ehrenhaften und verdienstvollen Beruf aus, weil er den Muslimen Gelegenheit gibt, durch eine milde Gabe ein gottgefälliges Werk zu tun.
SCHÄCHTUNG
Viele Muslime essen Fleisch nur, wenn das Schlachttier rituell geschächtet worden ist. Dabei wird den Tieren die Kehle mit einem schnellen Schnitt durchtrennt, damit das Fleisch ausblutet. In Deutschland müssen die Schafe und Rinder laut Bundesverwaltungsgericht zuvor durch einen Elektroschock betäubt werden. In Frankreich ist das schockfreie Schächten trotz des Protestes prominenter Tierschützer wie Brigitte Bardot noch erlaubt.
SCHARIA
Die auf Gott und Mohammed, seinen Gesandten, gründende Lebens- und Rechtsordnung der Muslime, die Scharia, wurde über drei Jahrhunderte hinweg von islamischen Theologen und Rechtsgelehrten, den Ulama, entwickelt. Sie ist also nicht Ergebnis herrscherlichen oder staatlichen Willens. Eine besondere Rolle spielten bei der Entwicklung der Scharia die Ulama in Mekka und Medina, im Irak sowie in Syrien und Ägypten.
In Debatten- und Lehrzirkeln, die untereinander in Verbindung standen, versuchten die Religions- und Rechtsgelehrten für alle Bereiche muslimischen Lebens die Frage zu beantworten, was Koran und Sunna (Islam) entspreche und was nicht.
Allmählich wurden, sofern sich die Gelehrten einig waren, Antworten und Entscheidungen zu Einzelfragen auf der Basis des Koran und des Hadith sowie mittels Analogieschlüssen aus Präzedenzfällen zu größeren Sachgebieten zusammengefaßt: alles zu Ehe und Scheidung, alles zu Krieg, alles zu Sklaven und so weiter.
Zwischen dem 11. und 14. Jahrhundert wurden die Diskussionen und Entscheidungen, vorwiegend als Fallsammlungen, in umfassenden Rechtskompendien schriftlich niedergelegt.
Schon früh hatten sich vier sunnitische "Schulen" herausgebildet, die zwar einig waren in Grundlagen und Methoden, aber in vielen Einzelfragen zu unterschiedlichen Ergebnissen gelangten: Herrschend wurden in Nordafrika die malikitische, in Ägypten, Jemen und Südostasien die schafiitische, im muslimischen Osten und dem Osmanischen Reich die hanafitische, im heutigen Saudi-Arabien die hanbalitische Schule.
Innerhalb der von Gott und dem Propheten inspirierten allgemeinen Ausrichtung haben die Ulama konkrete Einzelfälle zu entscheiden, für die sich keine göttlichen oder prophetischen Festlegungen finden lassen. Das betrifft bei weitem die Mehrzahl der Fälle. Die Ulama handeln im Wissen, daß sie nicht in jedem Falle in der Lage sind, Gottes Willen wirklich zu treffen. Daher sind unterschiedliche Meinungen gleichberechtigt zugelassen.
Stark ausgebildet ist die Scharia, ihrer staatsfernen Herkunft entsprechend, in allen Bereichen des muslimischen Alltagslebens (Religionsausübung, Personenstand, Sitten und Gebräuche), weniger jedoch in den Bereichen Staat, Verwaltung und Fiskus. Vielleicht gerade deswegen wurde die Scharia seit dem 16./17. Jahrhundert in fast allen muslimischen Ländern allmählich durch europäische Rechtsformen ersetzt.
Die lange Zeit vertretene Ansicht, die Scharia sei weitestgehend praxisfernes Ideal-Recht gewesen, erweist sich zunehmend als falsch: Wechselnde Situationen führten zu flexibler Handhabung und interner Rechtsfortbildung.
Wenn heute Islamisten eine "Wiedereinführung" der Scharia fordern, scheint es ihnen vor allem um die drastischen Strafandrohungen und die Herabstufung der Frau zu gehen. Das komplexe und komplizierte Rechtssystem Scharia und dessen hohe juristische Qualität ist ihnen oft kaum (oder gar nicht) vertraut.
Albrecht Noth
SCHIITEN/SUNNITEN
Die Spaltung zwischen den beiden größten islamischen Gruppen - von Konfessionen läßt sich nur mit Vorbehalt sprechen - ist fast so alt wie der Islam selbst. Beide Richtungen unterscheiden sich weniger durch bestimmte theologisch-dogmatische Positionen als vielmehr durch das Bekenntnis zu bestimmten Personen, denen die höchste Autorität in der Gemeinde aller Muslime, der umma, zugeschrieben wird.
Die Schiiten, etwa zehn Prozent aller Muslime, halten Mohammeds Vetter Ali, den Ehemann seiner Tochter Fatima, für den allein rechtmäßigen Erben und Nachfolger des Propheten und verehren ihn und seine leiblichen Nachkommen als legitime Imame.
Die größte Gruppe der Schiiten sind die "Zwölfer", sie erkennen eine - mit Ali beginnende - Reihe von zwölf Imamen an.
Die bedeutendste schiitische Gruppe neben den "Zwölfern" sind die Ismailiten, die hauptsächlich in Indien, Pakistan, Jemen und Syrien leben. Das arabische Wort Schia bedeutet "Partei": Die Schiiten sind die Parteigänger Alis und seiner Nachkommen.
Die Sunniten leiten ihren Namen von der sunna ab, dem Leben des Propheten - das auch die Schiiten als vorbildlich und daher verbindlich anerkennen: Sie stellen jedoch als gleichwertige Ergänzung die überlieferten Aussprüche und Direktiven ihrer Imame daneben. Die Sunniten haben die Sunna in sechs kanonischen Büchern (Hadith) gesammelt, die Schiiten überliefern die Aussprüche der Imame in ihren "Vier Büchern".
Der in Arabisch niedergeschriebene Koran ist, mit identischem Wortlaut, für beide Gruppen die authentische Fassung der göttlichen Offenbarung. Die Unterschiede im kultischen Ritual (Gebet, Pilgerfahrt, Fasten) sind gering, das schiitische Recht allerdings unterscheidet sich beträchtlich vom sunnitischen. Auch haben die Schiiten als Minderheit und oft unterdrückte Gruppe eine besondere Mentalität entwickelt, die sich durch eine den Sunniten fremde Passionsseligkeit auszeichnet.
Besonders eines Märtyrers, des Prophetenenkels und dritten Imams Hussein, der 680 bei Kerbela am Euphrat zusammen mit einigen Getreuen von Truppen des Kalifen getötet wurde, wird jedes Jahr besonders gedacht.
Da die Schiiten die Kalifen nicht als rechtmäßige Nachfolger des Propheten anerkannten, wurden sie lange als politische Oppositionsbewegung bekämpft. Erst im 10. Jahrhundert förderten Herrscher im Irak die Schia, 1501 kam in Iran eine schiitische Dynastie, die Safawiden, an die Macht, die das bis dahin mehrheitlich sunnitische Land im 16. und 17. Jahrhundert systematisch schiitisierte.
Die "Islamische Revolution" von 1979 hat in Iran zu einer kräftigen Wiederbelebung der Schia geführt, die in der Verfassung als Staatsreligion verankert wurde. Im Irak, dem Ursprungsland der Schia, leben heute etwa 60 Prozent Schiiten. Starke Minderheiten gibt es im Südlibanon, in Afghanistan, Pakistan und Indien.
Heinz Halm
SCHLEIER
Frauen und Mädchen tragen ihn zumeist nach der Geschlechtsreife, und es gibt ihn in allen Variationen: Der Körperschleier (Tschador) bedeckt den ganzen Leib bis zu den Füßen, das Gesicht bleibt dabei in manchen Ländern unbedeckt oder wird von einem eigenen Gesichtsschleier verhüllt, den es in zwei Ausführungen gibt: als Voll- und als Halbschleier, wobei letzterer nur die untere Gesichtshälfte verbirgt. Ein eindeutiges Verschleierungsgebot läßt sich aus dem Koran (Sure 24, Vers 31) nicht herauslesen; möglicherweise diente der Schleier ursprünglich lediglich dazu, eine Muslimin gegenüber einer Sklavin kenntlich zu machen und hervorzuheben.
SCHWEINEFLEISCH
Fleisch vom Borstenvieh gilt als verboten, da unrein (haram), Rind und Lamm sind dagegen erlaubt (halal). Eine weitere, im Nahen Osten verbreitete Fleischsorte wurde vom Propheten ausdrücklich empfohlen: "Wer nicht von meinen Kamelen ißt, gehört nicht zu meinem Volk." Auch die Höckertiere müssen gemäß den rituellen Vorschriften geschächtet werden - im Körper verbleibendes Blut gilt als haram. Verboten hat der Prophet ferner den Verzehr von Aas, worunter viele Muslime auch das Fleisch nicht geschächteter Tiere verstehen.
STRAFEN
Das islamische Strafrecht stützt sich in Teilen auf das ältere arabische Stammesrecht, weist jedoch mehrere Neuerungen auf. So wurde etwa die bis dahin übliche Blutrache verboten. Dennoch blieb es bei Tötung und Körperverletzung beim Grundsatz "Auge um Auge, Zahn um Zahn": Gleiches wurde, unter richterlicher Aufsicht, mit Gleichem vergolten.
Mildernde Umstände erkannte das Gericht bei vorsätzlich begangenen Straftaten nicht an. Für unbeabsichtigten Totschlag hingegen durfte der Täter nicht mit dem Tode bestraft werden, in solchen Fällen wurde ein Blutgeld an die Familie des Opfers fällig.
Koran und Sunna legen darüber hinaus unbedingt zu vollstreckende Strafen (hadd-Strafen) für bestimmte Delikte fest: widerrechtlichen Geschlechtsverkehr (Homosexualität) oder Ehebruch, fälschliche Bezichtigung der Unzucht, Trinken berauschender Getränke, Diebstahl und Straßenraub. Die vorgesehenen Strafen variieren zwischen Auspeitschung oder Steinigung (Unzucht, Ehebruch), Tod durch das Schwert (Mord), Kreuzigung (Raubmord) und Abtrennen von Hand und Fuß (Diebstahl). Leichtere Delikte sind mit vom Richter festzusetzenden, milderen Strafen wie etwa Züchtigung bewehrt.
Das traditionelle islamische Strafrecht wird heute nur noch in wenigen Ländern, etwa in Saudi-Arabien, angewandt. Die meisten islamischen Staaten haben sich Rechtssysteme nach westlichem Vorbild gegeben. Ziel der Islamisten ist jedoch die Wiedereinführung der Scharia.
SUFISMUS
Die Sammelbezeichnung für die asketisch-mystischen Strömungen im Islam ist abgeleitet vom arabischen Wort suf (Wolle) - wegen seiner wollenen Kutte heißt der Mystiker sufi. In Persien wurde er darwisch (Bettler, Armer) genannt.
Im Sufismus richtet sich das religiöse Streben weniger auf die minutiöse Erfüllung aller Vorschriften der Scharia, als vielmehr auf die persönliche Erfahrung der Gottesnähe, Gottesschau oder, in einigen extremen Varianten, sogar des Einswerdens mit Gott. Dies geschieht durch Askese, Meditation oder Praktiken, die zu Trancezuständen führen, etwa rhythmische Bewegungen, begleitet von der Rezitation bestimmter Namen und Formeln. Das sufische Wissen wird dem Schüler von einem Meister (arabisch: scheich; persisch: pir) übermittelt; zwischen beiden besteht ein enges persönliches Verhältnis.
Manche Praktiken der Sufis sind umstritten oder gelten gar als verwerflich, etwa Musikhören und Tanzen. Gelegentlich wurden Sufis auch Opfer der Verfolgung durch die (sunnitische oder schiitische) Orthodoxie, etwa der Perser el-Halladsch, dem der Satz "Ich bin die göttliche Wahrheit" zugeschrieben wird - er wurde 922 in Bagdad hingerichtet. Seit dem 11. Jahrhundert jedoch gilt ein gemäßigter Sufismus als durchaus vereinbar mit der sunnitischen Orthodoxie.
Seither haben sich in ordensähnlichen Kongregationen verschiedene mystische Strömungen organisiert, von denen manche über die ganze islamische Welt verbreitet sind. Diese tarika (Weg, Methode) genannten Derwischorden mit ihren Versammlungshäusern, regelmäßigen Seancen, lokalen Heiligenkulten, Festen und Prozessionen spielen im alltäglichen religiösen Leben der Muslime oft eine wichtigere Rolle als der offizielle Gesetzes-Islam der Ulama. Einzelne Sufi-Orden haben sich im Widerstand gegen die europäische Kolonialherrschaft profiliert oder spielen heute eine Rolle als Vorkämpfer einer Re-Islamisierung ihrer Länder.
Heinz Halm
ULAMA
"Wissende" haben Islamische Theologie, Islamisches Recht und Arabische Sprache studiert. Die Ulama werden von der muslimischen Gemeinschaft als Autoritäten anerkannt, deren Urteil sich oft genug auch die Herrschenden, die den rechten islamischen Pfad verlassen, beugen müssen. Als Zeichen ihrer Würde tragen viele Ulama einen schwarzen Mantel und einen weißen Turban.
Während des Vordringens westlicher Wissenschaft zu Beginn dieses Jahrhunderts ging die Bedeutung der Ulama zurück, heute nimmt ihr Einfluß in vielen islamischen Ländern erkennbar wieder zu. Der Wächterrat in Iran etwa überprüft die vom Parlament beschlossenen Gesetze auf Übereinstimmung mit dem Islam und weist sie gegebenenfalls zurück.
UMMA
Wer an den einen, wahren Gott glaubt und bekennt, daß Mohammed sein Gesandter ist, gehört der umma mohammedija an, der Gemeinde Mohammeds. Damit ist er Teil der Gesamtheit der Gläubigen. Sprache, Rasse, Nationalität und die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen religiösen Ausprägungen oder Rechtsschulen des Islam spielen keine Rolle. Ob jemand als Muslim in Saudi-Arabien, Gambia, Indonesien oder Deutschland lebt - der Islam macht ihn zuallererst zum Teil der Gemeinde der Muslime.
Trotz des egalitären Charakters der umma haben die Araber traditionell eine Sonderrolle beansprucht, die ihnen zumeist auch zugestanden wurde: Der Prophet war Araber, und der Koran wurde ihm in arabischer Sprache geoffenbart.
WAHHABISMUS
Begründer dieser theokratischen Lehre war Mohammed Ibn Abd el-Wahhab, der 1703 in der Oase Ujeina auf der Arabischen Halbinsel geboren wurde. Er kritisierte die zahlreichen vorislamischen und mystischen Praktiken der islamischen Gemeinden und ließ in Ujeina "heilige" Bäume fällen und Heiligengräber zerstören.
Wenig später wiederholte er die Aktion in der Oase Darija, wo sich die dort herrschende Familie der Sa'ud (Saud) von seiner Lehre sehr beeindruckt zeigte - noch heute beruft sich das saudische Königshaus, das sich gern besonders glaubensfest und sittenstreng gibt, ausdrücklich auf den Wahhabismus. Markantestes Merkmal des Wahhabismus war die Ablehnung jeglicher Neuerungen (bid'a) innerhalb des Islam: Alles sollte wieder so werden, wie es nach der Rückkehr des Propheten nach Mekka war, dem Goldenen Zeitalter des Ur-Islam.
Diese Sehnsucht hat sich bis heute bei vielen Muslimen erhalten: Der Wahhabismus wurde Vorbild für manche Spielarten des heutigen islamischen Fundamentalismus.
ZINS
Der Koran untersagt das Verleihen von Geld gegen (Wucher-)Zins (riba). Nahezu während des gesamten Mittelalters wurden Geldgeschäfte im Machtbereich des Islam deshalb meist von Angehörigen religiöser Minderheiten betrieben, etwa von Juden. Die Brandmarkung des Zinses als verwerfliche Form der Ausbeutung stößt freilich in der komplex verflochtenen Weltwirtschaft von heute schnell an ihre Grenzen. Wie so oft beim Zusammenprall von ehernen Dogmen und wandelbarer Wirklichkeit haben sich im Lauf der Geschichte allerlei Tricks gefunden, um das religiöse Verbot zu umgehen. Im Bankwesen der islamischen Welt existieren verschiedene Praktiken, die einen Zinseffekt aufweisen, ohne daß das Wort verwendet wird.

SPIEGEL SPECIAL 1/1998
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