01.02.1998

Börse

Glänzender Crash

Wie Konrad Adenauer sich mit Aktien verspekulierte

Von Daniel Hagmann

Konrad Adenauer ließ es sich gutgehen als Kölner Oberbürgermeister: In den zwanziger Jahren stand ihm eine Dienstlimousine der Luxusklasse samt Fahrer zur Verfügung, seinen Garten pflegten Stadtbedienstete, sein jährliches Gehalt von 120000 Reichsmark war alles andere als bescheiden.

Doch das war dem frommen Katholiken offenbar noch nicht genug; er wollte richtig reich werden. Leichtsinnig kaufte er einen Haufen Aktien - und erlitt dabei das Schicksal so vieler, die hoffen, an der Börse eine schnelle Mark zu machen: Aus einem schönen Vermögen wurde flugs ein Schuldenberg.

Über den Dilettantismus, mit dem der spätere Kanzler der Bundesrepublik 1928 zu Werke ging, können Börsenprofis nur den Kopf schütteln. Denn der gutverdienende und dank der Mitgift zweier Ehefrauen auch vermögende Rheinländer machte kapitale Fehler: Er kaufte auf Kredit und investierte sein ganzes Geld in eine einzige Aktie - die "American Glanzstoff Shares".

Den heißen Tip will Adenauer von dem Generaldirektor der Vereinigten Glanzstoff-Fabriken, Fritz Blüthgen, erhalten haben. Ihn bat Adenauer auch um Hilfe, um an das in Amsterdam gehandelte Papier zu kommen.

Die Wahl dieses Wertes war gar nicht mal so dumm. Die Konjunkturaussichten des Jahres 1928 waren günstig, und die neue Chemiefaser schien vielversprechend.

Anfangs lief alles prächtig. Adenauers Aktien waren am Jahresende 2026862 Reichsmark wert, dagegen standen Schulden in Höhe von 989005 Reichsmark. Doch, o Schreck, ein Jahr später war es genau andersherum: Die Aktien standen bei 1101345 Reichsmark, die Schulden betrugen fast das Doppelte, 1890825 Reichsmark.

Wie konnte das passieren? Die American Glanzstoff hatte junge Aktien ausgegeben, und Adenauer hatte auf Kredit kräftig geordert. Auf den Rat seines Freundes Anton Brüning, Filialdirektor der Deutschen Bank in Köln, die Aktien im Mai 1928 mit Gewinn loszuschlagen, hatte er nicht gehört.

Hätte er es nur getan. Schon im Frühjahr des folgenden Jahres sank der Glanzstoff-Kurs um 40 Prozent unter den Einstandspreis. Adenauer kaufte dennoch weiter auf Pump hinzu. Und Blüthgen half ihm dabei. Der Fabrikant überschrieb Adenauer Aktien im Wert von über einer Million Reichsmark, um dessen Kredit abzusichern.

Doch es half nichts. Der Börsencrash am Schwarzen Freitag riß den Glanzstoff-Kurs noch weiter nach unten - er erholte sich nicht mehr.

Hilfe kam von der Deutschen Bank. Sie glich die Schulden ihres Aufsichtsratsmitgliedes Adenauer aus und übernahm im Gegenzug Blüthgens Aktien.

Adenauer zeigte sich allerdings wenig dankbar. Von der Bank forderte der gelernte Jurist Schadensersatz wegen schlechter Beratung: Investition in nur eine Aktie! Seinen Ex-Freund Blüthgen bezichtigte er der Täuschung: ausgerechnet Glanzstoff-Aktien! Richtiger ist wohl: Adenauer war dem Materialismus erlegen, vor dem er später so gern warnte.

Daniel Hagmann


SPIEGEL SPECIAL 2/1998
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