01.03.1998

5 Alice im Cyberland

Ein E-Mail-Roman erzählt von Pygmalion, Frankenstein und menschelnder Software

Von Nataly Bleuel

Was macht einer, der als Eric Teller geboren wurde, dessen Großväter Miterfinder der Wasserstoffbombe und Nobelpreisträger für Wirtschaft waren, dessen Vater Quantentheoretiker und dessen Mutter Hypnotherapeutin ist? Er nennt sich Astro, studiert Künstliche Intelligenz, schaut zurück in die Zukunft und schreibt einen Cyber-Roman.

Allerdings hat Astro-Eric, 26, keine herkömmliche Erzählung verfaßt, sondern die Ordnung der Dinge ein wenig variiert und vielleicht ein neues Genre geschaffen - den E-Mail-Roman. Dessen Welt ist das Netz, er ähnelt inhaltlich einem futuristischen Krimi und handelt von Gott und Teufel, Pygmalion und Frankenstein, von Moral und Fortschritt, (Selbst-)Bewußtsein, Gefühlen und Liebe.

Alice Lu, Studentin der Computerwissenschaften, entwickelt eine Internet-Software mit dem Namen Edgar, die, nach Surf-Touren durch den Cyberspace, einen überraschenden Erkenntnisdrang zeigt. Per E-Mail meldet sich Edgar dann bei Alice und stellt Fragen über Fragen: Was ist Gewissen? Wie spürt man Gefühle? Wie hoch ist der Marktpreis für eine Seele?

Edgar wird immer menschlicher: eigensinnig, freiheitsliebend, schnell gelangweilt - recht sympathisch. Und Alice verzweifelt immer mehr: Sie will ihr virtuelles Geschöpf serienreif patentiert haben - und keinen Frankenstein, der die schöne neue Welt gefährdet. Das will auch der Geheimdienst nicht. Er ist Alice und Edgar auf der Spur ...

Alice im Wunderland der Künstlichen Intelligenz ist ein kurzweiliges, streckenweise amüsantes Buch. Und Astro Teller findet die Moral von seiner Geschicht': Wissenschaftler sind wie Eltern, die nicht in alle Ewigkeit für ihre Kinder haften können - aber sie mit der bestmöglichen Software ausstatten sollten.

Nataly Bleuel

Astro Teller: "Hello, Alice". Aus dem Amerikanischen von Harald Riemann. Fretz & Wasmuth Verlag, München; 250 Seiten; 29,90 Mark.


SPIEGEL SPECIAL 3/1998
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