01.09.1998

Was gibt's zu feiern?

Ein Jahrzehnt nach der Vereinigung: Erich Böhme zieht Bilanz

Von Erich Böhme

Was kann ich denn dafür, daß keiner auf mich gehört hat 1989 und alle die Wiedervereinigung wollten; die Deutschen West und die Deutschen Ost, die einen der Sentimentalität oder des Patriotismus wegen, die anderen wegen der harten Mark, der reifen Bananen und des süßen Hauchs von Freiheit. Was kann Kohl denn dafür, daß ihm Gorbatschow die Wiedervereinigung nachgeworfen hat und er sie nur zu grapschen brauchte.

Ich wollte sie nicht, schrieb dies elf Tage vor Öffnung der Mauer im SPIEGEL und bezog meine Tracht Prügel. Kohl wollte in seinem 10-Punkte-Programm Wochen später an der Jahreswende 1989/90 auch erst einmal eine "Art Konföderation zwischen beiden deutschen Staaten" und stieg wenig später zum Wiedervereinigungskanzler der Deutschen auf. Oskar Lafontaine, von den Folgen eines Attentats im Frühjahr 1990 kaum genesen, sträubte sich aus Furcht vor den wirtschaftlichen Folgen post festum noch gegen die Wiedervereinigung und verlor krachend eine Bundestagswahl. Egon Krenz hat sie nicht gewollt und wurde von der Geschichte überrollt, Lothar de Maiziere hat sie nicht oder doch halt anders gewollt und wurde von seiner eigenen CDU überfahren.

Wir alle hatten irgendwie recht (ich vielleicht am wenigsten), und so sitzen wir nun, bald zehn Jahre nach der denkwürdigen Walpurgisnacht am Brandenburger Tor, in unserem wiedervereinigten gespaltenen Vaterland und denken über fünfzig Jahre Bundesrepublik nach, die es nie gegeben hat. Bestenfalls einundvierzig Jahre Bundesrepublik Deutschland in den Grenzen des Kalten Krieges, verwöhnt von unseren Freiheiten, die inzwischen scheibchenweise wieder zurückgestutzt werden, und der Erhardschen Marktwirtschaft, von der viele im Westen glauben, sie sei grundgesetzlich garantiert, nicht jedoch die Sozialpflichtigkeit des Eigentums.

Schlechtestenfalls einundvierzig Jahre DDR, zwangsrekrutiert von der Sowjetunion und mißverwaltet vom real existierenden Sozialismus. Neun Jahre einer neuen gesamtdeutschen Republik, die sich nicht zu einem Neuanfang aus den Versatzstücken der alten Staatsgebilde hatte durchringen können und nun an einem absurden Spaltungsirrsinn leidet: Reichtum im Westen, der argwöhnisch darüber wacht, daß ihm von der Pauvrete im Osten nicht die Haare vom Kopf gefressen werden (von Solidarität noch nichts gehört, man hat ja selber seine Probleme); Armut im Osten, der sich von den reichen Brüdern und Schwestern im Westen erobert und über den Tisch gezogen fühlt (von selbstverantworteter Freiheit noch nichts gehört, man hat ja den sehnsüchtigen nostalgischen Blick zurück ins alte, warme, sozialistische Nest).

Wer will sich im Westen noch an die ersten Jahre der Restauration erinnern, als altes Geld neues Geld heckte, als alte Nazis in neue, selbstverständlich demokratische, Stellungen in Staat und Gesellschaft einrückten, als die Westdeutschen sich gegen den kalten Wind aus dem Osten in eine Westintegration drückten, die die Westmächte hauptsächlich als Garantie vor einem aufkeimenden (west-)deutschen Nationalismus und als willkommenen Puffer gegen den alten, aber unüberschaubaren Kriegskumpan Sowjetunion empfanden.

Man hatte ja sein Beamten-Heimstättenwerk und das hypothekenbelastete Eigenheim. Die Erinnerung an die 68er ist verblaßt, die gegen den tausendjährigen Muff unter den Talaren aufstanden, den Marsch durch die Institutionen antraten und heute sozialversorgt auf sicheren Furz-Sesseln thronen. Immerhin verabschiedete sich die deutsche Restauration für dreizehn Jahre zugunsten eines sozialliberalen Regimes, das ein paar Reformen durchzog, die Tür nach Osten aufstieß und den deutschen Spießer lehrte, daß Sozialdemokraten nicht per se vaterlandslose Gesellen seien.

Eine neue Mischung aus Konservatismus und Gewerbesinn fesselte die Republik danach aufs Neue, die Kohl-Jahre führten die West-Demokratie beinahe bis an die Grenze zur erblichen Monarchie, zumindest der Kanzler selbst und seine Wählerschaft gerieten in solche Grenzzonen.

Während all dieser Jahre des Auf und Ab in der politischen Kultur West gedieh in Platte und Datscha beinahe monolithisch eine Spießer-Gesellschaft Ost, die sich aus den harschen Ulbricht-Jahren zu einem Gebilde mauserte, in dem sich wohlfühlen konnte, wer auf die Entfaltung bürgerlicher Freiheiten und einen Lebensstandard verzichtete, wie ihn der Westen per Television täglich von "drüben" funkte.

Die fünfzehnjährige Anwartschaft auf einen Trabi, der kasernierte Jahresurlaub im werks- oder gewerkschaftseigenen Erholungszentrum wurden durch gesellschaftliche Nestwärme im Plattenbau mit Kinderkrippe und medizinischem Versorgungswürfel bei scheinbarer Vollbeschäftigung aufgewogen.

Schöngerechnete Statistiken und Zukunftsprojektionen täuschten selbst die gewieften Kaufleute des hartgesottenen Westens und färbten die Sozialproduktsrechnungen der OECD so lange, bis endlich die Wahrheit über eine ausgepowerte, wettbewerbsunfähige Wirtschaft zum Stichtag der deutsch-deutschen Währungsunion zum Vorschein kam.

Wie also über fünfzig Jahre Bundesrepublik schreiben, wo es sich doch - gemessen am heutigen Staatsgebiet - zumindest einundvierzig Jahre lang um zwei Gebilde gehandelt hat, die unähnlicher nicht sein konnten als Alt-England und Neu Guinea.

Worüber also schreiben? Über die neun Jahre neue Bundesrepublik Deutschland, über Globalisierungsängste und blühende Landschaften, über eine moderne Industriestruktur und absaufende Braunkohleflöze, über die Westsorgen um die dritte jährliche Mallorca-Reise und die rosarote Ostnostalgie? Mauer und Stacheldraht sind weg, der Graben zwischen Hüben und Drüben gedeiht.

Was gibt's zu feiern? Die neue deutsche Staatlichkeit als Wert an sich? Kaum. Die Brüderlichkeit der Wessis? Kaum. Der Jap nach Freiheit bei den Ossis? Kaum. Die einen haben offensichtlich die Brüderlichkeit verlernt, die anderen den Genuß ihrer neuen Bürgerrechte nicht gelernt.

Es reicht halt nicht aus, jährlich einhundertfünfzig Milliarden Mark in die neuen Ostländer zu schieben, ohne denen das bißchen Know-how darüber zu vermitteln, was man wohl damit anfängt. Ihnen die Öllämpchen zu schenken, damit sie ihre tägliche Ölration bei Onkel Rockefeller kaufen.

Ostdeutschlands Städte und Dörfer sind verstellt von sogenannten "Industrieparks", in denen Westfirmen ihre Auslieferungslager aufgemacht haben. Außer ein paar mühsam subventionierten Werften und der Jenoptik des Wuselkönigs Lothar Späth fällt mir kaum ein Industriekombinat ein, um das sich die westdeutsche Industrie gekümmert hätte, es sei denn zum Ausschlachten und Abwracken. Die gönnerhafte Ermahnung, neue Existenzen zu gründen (mit Risikokapital übrigens, das keine Volksbank vorstreckt), erinnert ein wenig an westdeutsche Entwicklungshilfe im Tschad.

Als die ostdeutschen Brüder und Schwestern ihre erste Mark (verhängnisvollerweise eins zu eins) eingetauscht, die erste Banane erworben, den Trabi zugunsten eines zu großen Mittelklasse-Wagens fortgeschmissen, die neue Waschmaschine in Gang gesetzt hatten, waren ihre Konten überzogen, der Zweit-Job der Ehefrau perdu und die eigene Stellung in Gefahr. Die westdeutschen Leichenfledderer waren über alle Berge, ehe Landesvater Kohl merkte, was er da angerichtet hatte in den neuen Landschaften.

Und wie war das mit der Freiheit, der grenzenlosen? Keiner hat meinen Freunden im Osten gepredigt, daß die Freiheitsmedaille eine Kehrseite hat, die Risiko heißt. Eben jenes Risiko, an das sich die Westdeutschen - die einen mehr, die anderen weniger - gewöhnt haben, bestimmt, liebe Freunde im Osten, erst den Preis der Freiheit. Da hilft kein Jammern und kein Selbstmitleid. Nur, man hätte es ihnen vielleicht einmal sagen müssen. So hatte ich Wiedervereinigung verstanden, wenn es sie denn so schnell hätte geben müssen.

Der Kanzler der Republik ist, während diese kleine Bilanz entsteht, schon auf und davon zu neuen Ufern. Was ihm 1990 die Wiedervereinigung war, soll ihm 1998 der Euro bringen. Ich fürchte, Helmut Kohl ist uns davongelaufen, er hat sich selbst überholt. Denn wie sollen ihm die nach Europa folgen, die die Einheit noch nicht verdaut haben?


SPIEGEL SPECIAL 9/1998
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