01.05.1998

PerspektivenMach mich glücklich, jetzt!

30 Wege, einen Mann zu kastrieren", nennt Carsten Hesse, Leiter der Psychologischen Beratungsstelle in Eutin, eine von ihm zusammengestellte Liste kleiner Grausamkeiten, mit denen Frauen ihre Männer traktieren: Von Kränkungen, Biestigkeiten, Zurückweisungen ist da die Rede (siehe Kasten S. 19).
"Es ist unglaublich", sagt der Experte, "wie viele Männer von ihren Frauen niedergemacht werden." Die Lektüre zeitgenössischer Frauenliteratur hatte Hesse auf die Idee gebracht, die Liste aufzustellen: In einem Buch, das eine Klientin ihm empfahl, kamen Männer ausschließlich als Unterdrücker, Kontrollierer und Gewalttäter vor. "Das gibt es zwar alles", bestätigt der Berater, "aber ich wollte auch mal die andere Seite darstellen."
Die eine Seite, die andere Seite. Breitseite, Gegenschlag, Attacke, Verteidigung, Krieg - das ist der Takt, der an der Geschlechterfront schlägt, seit Jahren schon und schlimmer noch. Rangen Mann und Frau einst um gesellschaftliche Macht und politische Positionen, ballern die Geschütze heute überwiegend im trauten Heim. "Das Verhältnis von Männern und Frauen hat sich verschlechtert", diagnostiziert Paar-Praktiker Hesse; viele Deutsche teilen, wie eine Emnid-Studie zeigt, diese Einschätzung.
Nur oberflächlich ist Entspannung eingetreten. Ehe heißt jetzt Partnerschaft; Frauen machen Karriere, manche sogar mit Kind, Männer kaufen ein und wollen nicht nur am Wochenende Vater sein.
Wo Frauchen früher kuschte, wird heute verhandelt: über ihre Bedürfnisse, seine Bedürfnisse, ihre Grenzen, seine Grenzen, das richtige Maß von Distanz und Nähe. Heere von Psychologen, Paarberatern, Therapeuten assistieren den Beziehungstechnikern - vergebens. Wo Gleichberechtigung walten sollte, regieren Aggression, Unverständnis und tiefer Frust.
Die Scheidungsquote steigt unentwegt. Jede dritte Ehe geht in die Brüche, in Großstädten und Ballungszentren wie dem Rhein-Main-Gebiet bereits jede zweite. Drei Viertel der Scheidungen werden von Frauen eingereicht, die verlassenen Männer sind meist perplex - es war doch alles in Ordnung.
Immer mehr Männer und Frauen suchen ihr Liebesglück ohne eheliche Bindung, Experten schätzen ihre Zahl auf 1,5 bis 3 Millionen. Mancherorts geht den Standesämtern die Arbeit aus, Hamburg etwa verzeichnete 1996 die niedrigste Heiratsrate aller Zeiten, auf je 1000 Hanseaten kamen gerade noch 4,6 Hochzeiten.
Erfolgreicher als das Traditionsmodell war die "Ehe light" bislang allerdings auch nicht, im Gegenteil: Die Beziehungen unverheiratet zusammenlebender Paar seien eher noch brüchiger, schreibt der Freiburger Soziologe Günter Burkart in einer neuen Studie.
Eine andere Spielart, "Liebe mit getrenntem Wohnsitz", von Ehekritikern gern als besonders beziehungsschonende Alternative propagiert, kommt auch nicht besser weg: Solche Beziehungen haben die allerkürzeste Halbwertzeit.
Die Sozialwissenschaftlerin Elisabeth Beck-Gernsheim, die seit Jahren die neuen Lebensformen erforscht, zieht die gleichen Schlüsse: "Neben den offiziellen Scheidungen sind auch die ,Scheidungen ohne Trauschein' Teil der heutigen Beziehungswirklichkeit", schreibt sie.*
Große Liebe, Glück zu zweit, Treue auf ewig - aus der Traum? Ratlosigkeit macht sich breit. "Passen Männer und Frauen überhaupt zusammen?" fragte der SPIEGEL im Februar auf seiner Titelseite. Die Autoren, drei Journalisten und drei Journalistinnen, beantworteten die Frage fast einhellig: nein.
Männer und Frauen sprechen, leben, lieben offenbar weithin aneinander vorbei. Frauen wollen über die Beziehung reden, Männer greifen lieber zum Schwingschleifer, um ihre Verbundenheit zu demonstrieren. Beide Seiten sind weit davon entfernt, die Signale der anderen zu verstehen.
Frauen wittern jede Unebenheit in der Zweierkiste, Männer blicken erst auf, wenn sich über längere Zeit im Bett nichts mehr tut. Und auch wenn sich etwas tut, sind keineswegs beide dabei: Einer Umfrage über die sexuellen Erfahrungen von Männern und Frauen zufolge halten sich 63 Prozent der Männer für tolle Liebhaber, 76 Prozent der Frauen dagegen bezeichnen sich als sexuell frustriert.
Wer kümmert sich um den Haushalt, wenn beide berufstätig sind? Amerikanische Wissenschaftler befragten zusammenlebende Männer und Frauen, und jeder, so zitiert "Psychologie heute", beanspruchte die Hauptlast für sich. "Es ist", folgerten die Forscher, "als ob Paare in verschiedenen Welten leben würden."
Die Konflikte wachsen, aber wer soll sie lösen? "Viele Frauen sind der endlosen Anstrengungen müde, viele Männer sind darin noch ungeübt, und beide Geschlechter sind überfordert, wenn nach dem Konkurrenzdruck im Beruf am Abend noch ein Berg von Gefühlsarbeit wartet", skizziert das Soziologenpaar Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim die verzwickte Lage.**
Und so nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Im sechsten Ehejahr, ergab eine Umfrage der Universität Kiel, würden 52 Prozent der Frauen ihren Angetrauten nicht wieder heiraten (80 Prozent der Männer dagegen hielten die Ehe für glücklich).
Nicht einmal den Abgang bekommen die Geschlechter sauber hin, statt dessen ergehen sich die Streithähne und -hennen in Trennungsterror, Kampf um Sorgerecht und Unterhalt, Haus und Vermögen, bisweilen kommt es zu Mord und Totschlag. Doch als ritte sie der Teufel, halten die Deutschen in ihrer Tugendskala Familienwerte, Partnerschaft und Treue weiterhin ganz hoch. 85 Prozent der Heranwachsenden träumen von lebenslanger Zweisamkeit, fast 65 Prozent von ihnen wollen heiraten.
Als wäre nichts gewesen, zieht es zwei Drittel der Geschiedenen erneut an den Traualtar, diesmal allerdings meistens mit Ehevertrag (siehe Seite 36). Und auch wer sich trennt, ohne verheiratet gewesen zu sein, bindet sich schnell wieder. Absage an die Zweisamkeit? Von wegen - ja, ja, ja, immer wieder neu.
Geschlechterkampf? Geschlechterkrampf: Miteinander geht es nicht, ohne einander auch nicht. Die Soziologen Beck und Beck-Gernsheim beschreiben das Paradoxon des modernen Paarwesens: "Die Menschen heiraten um der Liebe willen, und sie lassen sich um der Liebe willen scheiden." Die absolute Erfüllung ist das Ziel.
Ein Entkommen aus der Zwickmühle zwischen Selbstentfaltung und Bindungssehnsucht gibt es nach Ansicht der beiden Forscher nicht: "Das Jenseits zu Frust oder Lust der Geschlechter ist immer wieder Frust oder Lust der Geschlechter, ihr Gegeneinander, Aufeinander, Untereinander, Nebeneinander, Ohneeinander, Füreinander - oder alles zugleich."
Wie einfach waren die Zeiten, da Männer und Frauen einander zum Überleben brauchten - heute ist es Liebe, die zählt. Doch das kapriziöse Gefühl ist oft der denkbar schlechteste Kitt. Als hätten sie nicht genügend Konflikte miteinander auszutragen, fallen die Geschlechter mit unerfüllbaren Liebessehnsüchten übereinander her. Mach mich glücklich, jetzt!
Kaum eine Partnerschaft hält diesen Ansprüchen über längere Zeit stand. In den meisten Ehen, beobachtet der Soziologe Burkart, seien die Risse, die später zur Scheidung führten, schon im ersten oder zweiten Jahr sichtbar.
Die Partnerschaft als Konsumtempel - bleiben die Sehnsüchte unerfüllt, wird das Angebot eben ausgewechselt. Ex und hopp und auf ein neues. "Wir haben keine Beziehungskultur", klagt der Erbacher Psychotherapeut Peter Jessen. Woher auch?
Die alten Rollenmuster sind zerschlagen, überzeugender Ersatz ist nicht in Sicht. Hausmutti oder schnittige Karrierefrau? Macho-Mann oder Softie? Wer bin ich? Was will ich? Wer liebt mich? Aufgerieben zwischen widerstreitenden Sehnsüchten zerren Männer und Frauen aneinander herum. Die Suche nach dem privaten Glück treibt den Therapeuten Scharen frustrierter Frontfighter zu.
"Es fehlt das gleichwertige Neben- oder Miteinander", sagt Eheberater Hesse. Respekt und Anerkennung fürs andere Geschlecht sind Männern und Frauen längst abhanden gekommen. Solange sich daran nichts ändert, heißt die Devise: Niedermachen.
Gemeinsam jedoch, befürchtet Hesse, werden die verfeindeten Geschlechter keinen Ausweg finden. Wie etliche seiner Kollegen empfiehlt der Eutiner Eheberater Entzug: "Männer sollen sich mehr mit Männern, Frauen mehr mit Frauen zusammentun." Weiter nichts?
Von Sabine Kartte

SPIEGEL SPECIAL 5/1998
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