01.05.1998

GesellschaftDie Männer sind schuld

Alice Schwarzer, 56, „Emma“-Herausgeberin und Buchautorin ("Marion Dönhoff - ein widerständiges Leben"), lebt in Köln.
Passen Männer und Frauen überhaupt zusammen?" So fragte neckisch der SPIEGEL-Titel zur Serie "Geschlechterkampf". Auf dem Titel ein nacktes Paar: er abgewandt im Halbschatten von hinten, sie bloßbusig und frontal in die Kamera blickend. Ihr Blick das Gegenteil von wissend, eher ratlos bis dümmlich. Und genau kalkuliert.
Untersuchungen über die Blickrichtung von Porno-Konsumenten ergaben schon in den Achtzigern, daß die immer zuerst - in die Augen glotzen. IHR Blick muß Schwäche und Unterwerfung signalisieren. Das macht IHN an. Womit wir beim Kern der Sache wären: beim Machtverhältnis der Geschlechter. An diesem Verhältnis - das den Männern die Zentren der Welt sichert und die Frauen in die Randständigkeit drängt - wird zwar seit drei Jahrzehnten mal wieder gerüttelt, aber gemach: Es steht seit über drei Jahrtausenden auf soliden Füßen.
Männer und Frauen passen nicht zusammen - so hatte SPIEGEL-Autor Matthias Matussek die Antwort auf die rhetorische Frage seines Blattes schon einige Monate zuvor in einer Titelgeschichte über "Die vaterlose Gesellschaft" vorweggenommen. Der einsame Rufer aus dem "Heer verzweifelter Väter" stellt die Ex-Gefährtinnen seiner Generation als "Kriegsgewinnlerinnen von der Scheidungsfront" und "skrupellose Abzockerinnen" an den Pranger. Die würden sich "nach dem Lebensborn-Prinzip" hinterlistig "Väter auf Zeit" nehmen, um so ihre Kinder als "Spekulationsobjekte mit sicherer Rendite" zu handeln.
Starker Tobak aus der Feder einer privilegierten Männergeneration, um deren Erst-Kinder sich die Erst-Frauen meist allein zu kümmern haben, weil die Herren inzwischen bei den Zweit-Frauen gelandet und bei den Dritt-Frauen noch nicht angekommen sind. Das kostet nach dem neuen Recht. Darum beklagt sich der arme reiche Mann.
Wie kommt es zu dieser sexuellen Schieflage der Generationen? Der sexuelle Gender Gap ist der Grund. Denn junge Männer treiben's mit jungen Frauen, ältere Männer treiben's auch mit jungen Frauen und alte Männer sowieso. Resultat: Vier von fünf Männern über 40 haben sexuelle Kontakte - aber nur knapp eine von zwei Frauen hat in diesem Alter noch ein Sexualleben (laut dem jüngsten Sex-Report aus den USA). Sicher, die Tina Turners und Hannelore Elsners stöckeln tapfer voran. Über die Mehrheit der Frauen über 40 aber stülpt sich die erotische Tarnkappe.
Und auch bei den jüngeren Frauen hapert's so manches Mal mit dem Sex. Ihnen fehlt es oft schlicht an Zeit. Vor allem, wenn sie zu denen gehören, die um die "Vereinbarkeit von Beruf und Familie" ringen. Die träumen nur selten vom "Seitensprung" und sind schon erleichtert, wenn sie die rituelle Anmache im Beruf ohne karriereschädigende Folgen abwehren können. "Einmal ausschlafen!" - das sei ihr geheimster und sündigster Wunsch, gestand jüngst solch eine Karriere-Mutter in der "Süddeutschen Zeitung".
In keinem Bereich wird soviel gelogen und geblufft wie in der Sexualität. Von Männern wie Frauen. Denn sexuelle Normen sind, das weiß auch der Papst, vorzüglich geeignet zur Gängelung und Einschüchterung der Menschen: Mal tun sie des Guten zuviel, mal zuwenig - immer aber liegen sie falsch. Und kriegen Hemmungen. Und Komplexe. Und sind dann so wunderbar manipulierbar.
Der in Amerika erschienene Report "Sexwende - Liebe in den 90ern" redet Tacheles. Er ist eine der wenigen vorurteilsfreien und fundierten Untersuchungen und steht damit in der erhellenden Tradition der Sex-Reports von Kinsey und Masters & Johnson. Bei der Befragung von 3432 Frauen und Männern stellte sich heraus, daß "im Laufe der letzten zwölf Monate" 81 Prozent der Männer und 90 Prozent der Frauen null bis eineN SexualpartnerIn hatten. Mehr als vier verschiedene LiebesgefährtInnen hatten innerhalb eines Jahres nur 7,5 Prozent aller Männer - und null Prozent aller Frauen. Das zur Quantität.
Zur Qualität vermeldet der amerikanische Report, daß zwar 75 Prozent aller Männer "immer" einen Orgasmus haben, aber nur 29 Prozent aller Frauen. Was den Frauen verständlicherweise nicht genügt. Was aber deutlich mehr ist als früher. Denn Sexualität hatte schließlich über Jahrtausende nichts mit Lust zu tun. Der Anspruch von Frauen auf Lust ist neu - und eine Erfindung der Frauenrechtlerinnen.
Frauen wie Louise Aston waren es, die Mitte des 19. Jahrhunderts aus der Zwangsehe mit Prügelrecht für den Ehemann und Besitzlosigkeit für die Ehefrau ausbrachen und sich die Freiheit des Zigarrenrauchens und der Verhältnisse nahmen (in Astons Fall mit einem jüngeren Mann). Frauen wie Helene Stöcker waren es, die berühmt-berüchtigte Sexualreformerin, die schon Anfang des Jahrhunderts für die freie Liebe, das Recht auf Abtreibung und die Würde lediger Mütter kämpften (in der Reihenfolge). Wie alle konsequent für Gleichheit eintretenden Feministinnen mußte auch Stöcker bei der Machtergreifung der Nazis ins Exil fliehen, wo sie 1943 in bitterer Armut in New York starb.
Der Krieg, dieser alles überschattende Männerspektakel, walzte wieder alles platt. Als Simone de Beauvoir 1949 "Das andere Geschlecht" veröffentlichte, schien sie mal wieder die erste zu sein, die die Gretchenfrage der Emanzipation und freien Liebe stellte. Prompt flippten die Männer aus, vor allem die Pariser Intellellos. "Ha. Da habe ich ja soeben einiges erfahren über die Vagina Ihrer Chefin!" höhnte Claude Mauriac in der Redaktion der von dem Duo Beauvoir & Sartre herausgegebenen "Les Temps Modernes". Und Albert Camus giftete die Autorin an: "Sie haben den französischen Mann lächerlich gemacht!"
Was war so "lächerlich"? Die Wahrheit. Die Wahrheit über das Macho-Gehabe des einen und die Sklavenmentalität des anderen Geschlechts. Das paßte nicht nur den Machos, sondern auch den Weibchen nicht. So kommt es, daß die bedeutendste feministische Theoretikerin dieses Jahrhunderts bei den mit der "ewigen Weiblichkeit" kokettierenden Weibchen ebenso im Verschiß ist wie bei den auf "ewiger Männlichkeit" bestehenden Kerlen.
Doch es sollten noch gut 20 Jahre vergehen, bis sich der Feminismus wieder zu Wort meldete. Auch und vor allem zur Frage der Sexualpolitik. "Sexus und Herrschaft" lautete der programmatische Titel von Kate Milletts 1970 erschienenem Buch, in dem sie sich die Vertreter der neuen sexuellen Freiheiten a la Henry Miller vorknöpfte - die darauf folgende Hetzjagd brachte die Autorin an den Rand der Psychiatrie.
Mein Buch zum Thema, "Der kleine Unterschied und seine großen Folgen" erschien 1975 und benannte die zweifelhafte Rolle von Liebe und Sexualität im Machtgerangel der Geschlechter - was gewisse Männer so nachhaltig gegen mich aufbrachte, daß ich noch heute von dem schillernden Ruf der "Männerhasserin" zehre.
Doch damals, in den Siebzigern, waren die Männer wenigstens noch verblüfft; oft wütend, aber immerhin berührt. Heute, in den Neunzigern, scheint die männliche Mehrheit cool. Die Jungs haben wieder Tritt gefaßt. Sie wissen, wie sich der weibliche Widerstand unterlaufen läßt. Am besten mit Hilfe von Frauen: indem sie Frauen gegen Frauen ausspielen. Die "wahren Frauen" und "jungen Frauen von heute", heißt es, die hätten ganz andere Probleme als "die alten Emanzen von gestern". Siehe die Girlies. Girlies wollen Fun. Mami hat ausgedient. Von der sollen die Töchter nichts lernen; auf Mamis Schultern darf sich das Girlie nicht stellen, um weiterzublicken. Es soll wieder ganz unten anfangen; am liebsten auf Papis Schoß.
Was Frauen und Männer morgen miteinander zu tun haben werden, das lassen uns die Erkenntnisse der Wirkungsforscher von heute ahnen. So befragte der Augsburger Medienpädagoge Werner Glogauer 1400 SchülerInnen im Alter von sechs bis zehn Jahren. Jedes dritte dieser Kinder hatte einen eigenen Fernseher und "sieben bis zehn Geräte" zu seiner Verfügung, vom Gameboy bis zum Computer. Jedes zweite Kind guckt über 30 Stunden in der Woche Neue Medien, jedes vierte bis nach Mitternacht. Und dann ist im Fernsehen Pornographie angesagt, gern in ihrer menschenverachtendsten, der sadomasochistischen Variante: Sex in zwanghafter Verknüpfung mit Erniedrigung und Gewalt. Befragt nach ihren Lieblingssendungen, gaben die Jungen Actionfilme wie "Airwolf" an und die Mädchen Schnulzen wie "Herzblatt". Folge, so Medienpädagogin Renate Luca: Bei den Jungen werden die "Allmachtphantasien" verstärkt, bei den Mädchen die "Ohnmachtsgefühle".
Inzwischen haben wir es mit ein bis zwei so pornographisierten Männergenerationen zu tun, für die Pornos nach der Schule Pflicht waren. Wie sich das auswirkt, ist Tag für Tag den Nachrichten zu entnehmen. Und ein Ende der rasant eskalierenden Brutalisierung von Medien, Kultur und Alltag ist nicht abzusehen.
Und während sich die lieben Kleinen auf eine lustlose, gewaltvolle Zukunft vorbereiten, kriegen wir Großen allen Ernstes Frauen-Folter-Fotos wie die des japanischen Fotografen Araki als "sensible Kunst" serviert. Die Franzosen buhten auf dem Fotofestival von Arles Arakis Hardcore-Pornos, geprägt von seiner früheren Arbeit als Porno-Fotograf, kurzentschlossen als "KZ-Fotos" aus. In Deutschland aber gelten die inszenierten Hochglanzdarstellungen gefesselter, gefolterter und getöteter Frauen als museumswürdig; ihre Ausstellung wird mit Steuergeldern subventioniert und ihre politische Reflektion durch das Etikett Kunst verstellt. Vergleichbare Darstellungen von schwarzen, türkischen oder jüdischen Menschen würden zweifellos von allen Gutmenschen der Nation von den Wänden gerissen werden.
Es ist ja kein Zufall, daß die Porno-Welle Mitte der siebziger Jahre aus den unteren Schubladen in die Regale und auf die Cover schwappte. Pornographie ist eine direkte Reaktion auf Emanzipation. Denn Pornographie prägt das intimste und intensivste Verhältnis der Geschlechter: das sexuelle Verhältnis. Sie verknüpft die Lust an der Sexualität mit der Lust an der Erniedrigung und Zerstörung. In der Phantasie von Tätern wie Opfern. Forscher fanden heraus, daß heute zwei von drei jungen Männern in Deutschland "pornographische Medien" frequentieren. Und Emnid fand heraus, daß jeder zweite "Zuschauer" (die männliche Hälfte?) "härtere Sexfilme" im Fernsehen sehen will. Der so pornographisierte Mann ist nicht nur im Bett, er ist für alle Lebenslagen gewappnet: Er ist auch im Büro seiner Chefin noch der Herr der Lage - zumindest in seiner Phantasie.
Pornographie ist Kriegspropaganda. Kriegspropaganda im Geschlechterkrieg. Sie kettet die Lust an die Gewalt. Sie raubt den Frauen und Kindern die Menschenwürde. Sie schreibt das ins Wanken geratene Oben und Unten wieder fest. Und: Sie bringt Profite! 1997 verdiente allein die "Internet Entertainment Group" mit 20 Sex-Seiten 20 Millionen Dollar. Und "The Economist" beziffert den weltweiten Umsatz der Porno-Industrie auf rund 20 Milliarden Dollar im Jahr.
Feministinnen warnen seit Jahrzehnten vor den Folgen. Und was vor kurzem noch mit Hohngelächter als "Prüderie" und Versuch der "Zensur" abgetan wurde, ist inzwischen bewiesen: Polizei, Richter, Psychologen und Wirkungsforscher werden immer öfter mit Vergewaltigungen und Sexualmorden konfrontiert, die minutiös nach Vorlage ausgeführt sind.
Der Kern eines jeden Machtverhältnisses ist die - ausgeübte oder drohende - Gewalt. Zwischen Frauen und Männern ist das nicht anders als zwischen Völkern oder Klassen. Doch im Verhältnis der Geschlechter droht diese Gewalt oft nicht vom Fremden, sondern meist vom Nächsten. Das geht vom Kindesmißbrauch, dieser frühen irreparablen Brechung (deren Opfer jedes dritte bis vierte Mädchen ist), über die sexuelle Anmache allerorten (und gegen die sich quasi jede Frau in einem gewissen Alter zu wehren hat) bis zur Vergewaltigung und zum Sexualmord. Die Frauen, die entkommen, haben Glück gehabt. Und sie wissen es. Da ist es nur konsequent, daß den solchermaßen gedeckelten und entwerteten Frauen weltweit zwar mindestens zwei Drittel der - bezahlten und unbezahlten - Arbeit aufgebürdet werden, sie aber dafür nur ein Zehntel des Lohns erhalten und nur ein Hundertstel des Besitzes ihr eigen nennen können. Was anfängt, sich zu ändern, dank zunehmend qualifizierter und selbstbewußter Frauen. Und genau darum schlägt das Imperium zurück! Das starke Geschlecht scheint nicht die Absicht zu haben, dem schwachen kampflos die Hälfte der Welt zu überlassen - und dafür die Hälfte des Hauses aufgebürdet zu bekommen.
Dabei geht es uns ja noch relativ gut, uns Europäerinnen. Bis jetzt zumindest. In Ländern wie Iran, Algerien oder Afghanistan kann der erhobene Kopf eine Frau nicht nur die Nerven, er kann sie auch das Leben kosten. Denn im Fadenkreuz des religiösen Fundamentalismus steht die sich emanzipierende Frau. Sie soll ins Haus zurückgejagt und unsichtbar gemacht werden unter dem Schleier.
Ist es ein Zufall, daß diese Variante eines neuen Faschismus 50 Jahre danach ausgerechnet in Deutschland so verharmlost wird? Und daß vor allem in sich als "fortschrittlich" verstehenden Kreisen? Wohl kaum. Denn in genau diesen Kreisen verläuft die Front: Da verkehrt die fortschrittliche Frau - und nervt den fortschrittlichen Mann.
Dabei ist sie in den letzten 30 Jahren zwar vorangekommen, aber nur in Trippelschritten. Wie zum Beispiel beim SPIEGEL: Da sitzen unter 200 RedakteurInnen in Zentral- und Außenredaktionen gerade mal 34 Frauen, und von 14 Ressortleitern und drei Chefredakteuren ist kein einziger weiblich.
Passen Frauen und Männer zusammen? Der SPIEGEL scheint zu meinen: Nein. Ich meine: Ja, sie müssen nur wirklich wollen. In einigen Fällen beweisen sie es ja schon.
Allerdings gebührt diesen raren menschlichen Individuen, die den real existierenden Geschlechterabgrund dank persönlicher Anstrengung überwinden, wahrhaft Artenschutz.
Von Alice Schwarzer

SPIEGEL SPECIAL 5/1998
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