01.05.1998

Die Abschaffung des Albert T.

1990
Abschied
Sie brachten ihn zu seinem Auto, einem blauen Fiat Uno, dann reichten sie ihm die Hand, sie sprachen wenig, küßten sich nicht, und Albert T. fuhr weg, den alten braunen Stoffbär neben sich, ein Geschenk der Großmutter aus Deutschland, die längst tot war. Er zog von Genf nach Zürich, 300 Kilometer weit, in eine kleine Wohnung, Kanonenweg 11, Appartement 12.
Die Eltern stiegen wieder in ihre Zimmer hoch, setzten sich an den runden Tisch. Sie schwiegen lange und waren zufrieden.
Zu einem tüchtigen, anständigen, mutigen Menschen hatten sie den Sohn formen wollen, und sie waren sicher, es sei ihnen gelungen. Ingenieur informaticien. Nie hatten sie ihm ein einziges Märchen erzählt, weil sie fürchteten, das Unvorstellbare, das darin vorkommt, könnte den Knaben nachts aus dem Schlaf schrecken.
Der Sohn war stets folgsam gewesen, schüchtern, leise. Nun verließ er sie. So brav und stumm war er ihnen manchmal vorgekommen, daß sein Vater zehn Franken aussetzte, damit Albert beim Spiel die Scheibe eines Fensters einschlüge. Der Sohn, Bester seiner Klassen, hatte sich nicht überwunden, liebte einzig seine Bücher und die Einsamkeit, vergaß sich, seit er zwölf Jahre alt war, vor dem Computer.
Am 1. Februar 1990, einem Donnerstag, begann Albert T. die Arbeit als Software-Entwickler bei der Firma Alcatel, Standard Telephon und Radio AG. Von drei Unternehmen, die sich um ihn beworben hatten, als er noch Student in Lausanne war, hatte er sich für die Zürcher entschieden. Der Neue, ging im Betrieb die Rede, sei beinahe genial.
Albert T. kam ständig zu früh, ging meistens spät. Er redete kaum, antwortete in kurzen Worten, sagte oft nur ja oder nur nein. Saß er mit Kollegen am Mittagstisch, lächelte er, Mund und Seele verschlossen. Noch nicht, antwortete er, wenn sie ihn fragten, ob er eine Freundin habe. Gut möglich, als sie wissen wollten, ob er beim nächsten Betriebsfest mit einer Frau erscheine.
Alle zwei Wochen fuhr Albert T. nach Genf, die Mutter, die Tage zählend, wartete auf ihn, kochte und bügelte seine Hemden und sagte, was sie immer sagte: Albert, erzähl doch was, und der Sohn antwortete, wie immer: Was denn?
Manchmal fing die Mutter an, wie leid es ihr tue, daß sie und ihr Mann ihn nicht doktorieren ließen, dazu seien sie einfach zu arm, zumal der Papa frühpensioniert ist, siehst du doch ein, Albert, und Albert sagte: Schon gut, Maman. Dann ging er in sein Zimmer, blieb stundenlang darin.
Einmal fuhren die Eltern zu ihm nach Zürich, spazierten mit dem Sohn am See, baten: Erzähl doch mal von deiner Arbeit. Ach, antwortete Albert T., da läßt sich nichts erklären. Du konntest nie was erklären, sagte der Vater, und dann aßen sie auf dem Üetliberg, man war eine Familie, es war schön.
Ein Jahr verging. Albert T. erhielt Lohnverbesserung.
1991
Frau
Es war wohl Januar, als sich Albert T. beim Zürcher Partnerwahlinstitut Beldan einschrieb. Eine Freundin hatte er noch nie gehabt, er bezahlte 3500 Franken und sollte dafür, Monat für Monat, in einem Faltprospekt fünf Frauen zur Ansicht erhalten, zwei Jahre lang.
Am Mittwoch, dem 6. Februar 1991, rief er eine gewisse Laura N. an, zwei Jahre jünger als er, und Albert T. bat, sie noch am gleichen Tag besuchen zu dürfen, ihr war es recht. Schließlich trafen sie sich am Wohnort der Frau, Erlenbach, rechtes Zürichseeufer, in einem Restaurant, das Sinfonia hieß.
Es war ein kalter Abend. Laura saß, als Albert T. in den Raum trat, bereits an einem Tisch. Sie stamme, sagte die Frau, aus Bangladesch, sei im übrigen eine richtige Schweizerin, adoptiert. Beruflich versuche sie mal dies, mal das, kein Sitzleder. Sie lachte breit und laut und verwarf die Hände.
Albert T. sagte wahrscheinlich, er sei Informatiker, sein Vater Holländer, die Mutter Deutsche, aufgewachsen in Genf, zeitweise in Jugoslawien, er lächelte, ließ dann wieder Laura reden und genoß ihre Grimassen, fand die Frau schön und klug, lächelte. Er hatte sich verliebt.
Am Nebentisch hockte Oskar D. Er tat, als ginge ihn die Unterhaltung nichts an. Manchmal sah er hinüber, schaute in Lauras Gesicht, sie spürte seinen Blick.
Laura und Oskar kannten sich seit vier Jahren. Am 14. März 1987, beide achtzehnjährig, waren sie in Disentis, Graubünden, ein Paar geworden, sie im Skiurlaub mit ihren Eltern, er als Pflegekind bei Bergbauern, Zimmermannlehrling.
Im ersten Sommer ihrer Liebe schlug der Mann die Frau ins Gesicht, dann schliefen sie miteinander. Sie liebten und stritten, besprachen sich jeden Dienstag, Donnerstag und Sonntag ab 21 Uhr am Telefon, länger als anderthalb Stunden, Laura in Erlenbach, Oskar in Disentis.
Laura, lustlose Schülerin, plagte sich in Privatschulen, die kaufmännische Lehre brach sie nach einem halben Jahr ab. Oskar reiste jedes zweite Wochenende ins Tiefland, war krank nach Laura und ihren Umarmungen. Schließlich, die Lehre hinter sich, blieb er. Am 10. Oktober 1989 liebten sie sich in der Damentoilette des Restaurants Bahnhof in Meilen so lärmig, daß die Polizei vorfuhr und den Fall auf Papier brachte.
Laura und Oskar zogen am 3. Januar 1990 in eine eigene Wohnung, Obere Zäune 35, Erlenbach, Lauras Vater bezahlte. Das Paar war laut, bei der Liebe und im Streit, die Nachbarn ungeduldig, bis der Vater dem Jungen das Haus verbot. Nun kam er nachts und ging am Morgen. Müde vom Gezanke, diente sich Laura dem Partnerwahlinstitut Akademikerring an, bestellte einen jüngeren Piloten, einen Rechtsanwalt oder Direktor.
Schließlich schrieb sich die Frau, weil ihr die Suche nach dem besseren Mann zu langsam geschah, bei einem zweiten Institut ein, Beldan. Dreimal traf sie einen Bewerber, immer befahl sie Oskar, den sie haßte, den sie liebte, an den Nebentisch. Der schaute sich den Neuen an, traf sich dann mit Laura, über den Mann zu richten, und schlief mit ihr.
Am 6. Februar 1991, Mittwoch und kalt, rief Albert T. an. Noch am gleichen Abend kam er nach Erlenbach. Laura fand ihn herzig. Er war schüchtern, blond, schmal und verliebt, zum ersten Mal in seinem Leben, 24 Jahre alt. Sie beschlossen, sich am Samstag wieder zu treffen.
In einem grauen Aktenordner mit blauem Rücken hielt Albert T. seine plötzliche Liebe fest, Beweis auf Beweis, Rechnungen, Fahrkarten, Einkaufszettel, zeitlich gegliedert, nach Monaten abgelegt:
Samstag, 9. Februar, 14 Uhr, zwei Karten für den Film Kindergarten Cop, Kino ABC 1, Reihe O, Plätze 3 und 4, 26 Franken. Dann: 17 Uhr 48, Spaghetti Factory, Tisch 6, zwei Personen, 31 Franken. Sonntag, 10. Februar, zwei Anschlußbillets für vier Zonen, gültig bis 21 Uhr 50, 2.40 Franken.
Vielleicht erwachte Albert T. zum ersten Mal neben einer Frau.
Die Mutter rief am Montag an, fragte den Sohn, warum er am Wochenende nicht nach Hause gekommen war. Er habe, sagte Albert T., ein Mädchen kennengelernt. Die Mutter sagte: Wer ist sie? Er sagte: Eine Göttin.
Als Albert T. Laura, klein und rundlich, in die Wohnung seiner Eltern brachte, zehn Tage nach der ersten Begegnung, sprach er von Heirat, und Laura redete von drei Kindern, die sie gebären werde, im Abstand von je fünf Jahren. Die Eltern fragten, wo sie sich kennengelernt hätten. Bei einer Party, antwortete Laura, die Eltern schwiegen. Albert lud zum Nachtessen ins Grill House, Rue du Nant-d'avril 107, Tisch 138, 204.40 Franken.
Laura weigerte sich, mit Alberts Schwester in einem Zimmer zu schlafen, sie nahm Albert an der Hand, sagte, die Nacht sei zu jung, man gehe noch aus. Sie kamen nicht zurück, die Eltern warteten, schliefen wenig und machten sich Sorgen, das war nicht mehr ihr Albert, der ohne Grund wegblieb, Mövenpick Airport Hotel, Geneve-Meyrin, 2 Personen, Zimmer B 209/2, 150 Franken, und als die Mutter am Sonntag morgen fragte, wo sie geblieben seien die ganze Nacht, antwortete Laura: Wir sind doch erwachsene Menschen.
Albert T., schien es, war sehr glücklich. Laura wartete jeden Abend vor dem Eingang der Alcatel, Friesenbergstraße 75, schloß ihn, wenn er von der Arbeit kam, in die Arme, tanzte vor Freude. Manchmal rief sie Oskar an, erzählte ihm von ihrem neuen Mann. Albert füllte den Aktenordner mit dem blauen Rücken:
22. Februar, Schloßhotel Flims-Waldhaus, 2 O-Saft, 2 Rahmschnitzel. 28. Februar, Gasthof Frohberg, Jona, gemeinsamer Bündnerteller.
Mit den Eltern in Genf telefonierte er nur noch selten. Mein Junge, sagte die Mutter, weißt du, was man machen muß, wenn ein Mädchen sofort heiraten will? Da muß einer schnell weglaufen, so schnell wie möglich, denn da stimmt was nicht.
Für 2000 Franken kaufte Laura im Zürcher Warenhaus Jelmoli eine Videokamera Sony TR-45, einen passenden Stromspeicher Sony NP-77 und sechs Kassetten. Damit überraschte sie Albert, sie nahm ihn auf Band, Albert lächelte, 12. April 1991, Laura bezahlte mit Mastercard.
Am nächsten Tag, vermutlich, stellte Laura ihrem neuen Freund den alten vor. Sie saßen im China Garden an der Zürcher Schützengasse, Samstag abend, die Männer fanden sich nett, und als es ans Zahlen ging, rechnete Laura aus, wie groß Oskars Anteil war. Den Rest überließ sie Albert. Albert T. stand auf, lächelte, ging allein ins Kino.
1 x Sleeping with the enemy, Reihe F, Platz 12.
Für 240 Franken kaufte Laura 8 Babyartikel. Und 20 Minuten später, für 750 Franken, 31 weitere, Mastercard.
Ende April zogen Albert T. und Laura in eine gemeinsame Wohnung, Rebweg 13 in Erlenbach, Hochparterre links. Sein Zimmer in Zürich ließ Albert dem Freund der Freundin, Oskar, der selten Arbeit hatte, nie Geld. Albert bezahlte ihm die erste Miete, auch die Kaution, 1950 Franken.
17. Mai, Zürcher Bahnhofstraße 94, Damenring 18 k, Gelbgold mit 3 Brillanten, 580 Franken, Herrenring 18 k, Gelbgold, 360 Franken.
Maman, schrieb der Sohn, auf Deinen Brief vom 28.4.91 möchte ich folgendes schreiben: Ich komme mir gar nicht wie im Käfig vor, denn ich kann heute machen, was ich will! Ich bin mit Laura sehr glücklich, und ich kenne sie ganz gut, wie sie mich auch gut kennt. Ich singe und lache mit ihr sogar im Auto, auf dem Fußweg, zu Hause und wenn wir auf den Straßen in der Stadt herumschlendern. Du begreifst überhaupt nichts, ich und Laura wollen nur so "schnell" heiraten, weil wir im nächsten Jahr das erste Kind geplant haben. Laura ist so lieb, lacht und singt gerne, ist fröhlich und so herzlich zu den Mitmenschen. Ich bin sogar eifersüchtig, daß sie auch bei den Jungen und Männern wegen ihrem guten Aussehen und süßen Lächeln Chancen hat. Die Leute vom Empfang der Alcatel finden sie sehr süß.
Der Sohn nannte Laura seine Heißgeliebte, seine Traumfrau in jeder Beziehung, dann schloß er den Brief: Da wir überhaupt keine Schuld tragen, finden wir es besser, wenn wir uns ein Jahr distanzieren. Auf Wiedersehen. 18. Mai 1991.
Ende des Monats nahm Albert T. bei der Bank Prokredit ein Darlehen auf, Konto 01-703575, 32000 Franken, und bezahlte Lauras Schulden.
Albert T. und Laura N. heirateten am 5. Juni im Standesamt Erlenbach, es war Mittwoch, ihrer Schwiegermutter schickte Laura eine Adreßänderungskarte der Post, die Schwiegermutter wunderte sich, denn die Straße, an der ihr Sohn lebte, war die gleiche geblieben, Rebweg 13, bis sie merkte, daß Laura nicht mehr N. hieß, sondern T. Sie begann zu zittern. Dann rief sie den Sohn an, fragte, ob er geheiratet habe. Albert, gut gelaunt: Jaja.
Drei Tage danach machte sich das Paar auf Hochzeitsreise, Programm Gran Canaria, Bungalow Sandy Golf, Albert T. kaufte seiner Frau in der Joyeria Alfonso Viera einen goldenen Ring, 105300 Peseten teuer, sammelte Belege für sein Leben, Restaurante Chino Royal, Maspalomas, Tisch 5, 2890 Peseten.
Laura wurde krank, ihre Hände, die Fingernägel, wie oft schon in ihrem Leben, begannen zu schmerzen und schwellen, ihre Gelenke und Schleimhäute, eine Hautkrankheit, Erythema exsudativum multiforme, sie brachen die Reise ab, kehrten nach Erlenbach zurück, Rebweg 13, Hochparterre links.
Sie fuhren nach Genf, besuchten Alberts Eltern, und Laura begann, auf die Südländer zu schimpfen, die, wie sie mit eigenen Augen gesehen habe, ihre Kätzchen fast verhungern ließen. Ob es denn besser sei, setzte die Mutter ein, wenn man Katzen, wie hierzulande schon geschehen, einfach vergifte. Auf die Schweiz, sagte Laura, lasse sie nichts kommen, schon gar nicht von Deutschen, wie sie eine sei.
Der Sohn schrieb am nächsten Morgen einen Brief: Liebe Eltern. Leider mußte ich feststellen, daß Ihr sehr bösartig und verletzend gegenüber meiner lieben, warmherzigen und feinfühligen Frau seid. Ihr wart voll daneben! Eher würde ich auf Euch verzichten als auf meine warmherzige Frau. Laura hat es nicht nötig, von Euch solche Beleidigungen und Frechheiten anzuhören, sie kommt schließlich aus einer angesehenen Schweizer Direktorenfamilie, die ein gutes Benehmen, gute Manieren und Anstand hat. Albert.
Laura, sagte die Mutter zum Vater, hat Albert den Brief diktiert. Dann drehte sie das Papier und sah den Zusatz: Na ja, schrieb Laura, so weit kommt es halt, wenn man in einem fremden Land lebt und dann noch über die lieben Schweizer motzt!!!
Die Eltern saßen am Tisch, die Mutter spielte mit den Fingern. Sie dachte daran, wie glücklich sie gewesen war, als sie den Sohn zum ersten Mal sah, die Glocke, die ihn in die Welt gesaugt hatte, noch am kleinen blutigen Kopf. Sie dachte, daß er nie laut, nie böse war, weder Schläge brauchte noch Trost.
Mit Prellungen an Kopf und Handgelenk lag Laura am 18. Juli im Zürcher Stadtspital Triemli. Ein unbekannter Mann, sagte sie, sei in ihre Wohnung gedrungen, habe sie ohne Grund geschlagen.
Oskar, der Zimmermann, zog in die Wohnung der Eheleute T. Er war bei der Arbeit gestürzt, hatte sich das Bein verletzt, arbeitslos. Vorübergehend, sagte Laura. Albert nickte.
Oskar schaute, als Albert und Laura sich liebten, durchs Schlüsselloch zu. Laura schrieb: Lieber Albert! Ich liebe Dich von ganzem Herzen! Du kannst immer mit all Deinen Problemen zu mir kommen. Ich will, wie wir schon besprochen haben, viele Kinder mit Dir. Aber nicht mehr als 4. Deine Mausi. 4. August.
Albert war bei der Arbeit, als Laura bei der Basler vorsprach und fragte, wie teuer es ihren Mann zu stehen käme, wenn er eine Lebensversicherung abschlösse, möglichst bald, mit der Todesfallsumme von einer halben Million Franken.
Der Sohn saß neben der Mutter, lächelte, Pferde scharrten, sieben schwarze Kutschen fuhren am 16. August zur kirchlichen Hochzeit vor. Es war Freitag, warm. Festliche Kleidung hatte das Brautpaar Laura und Albert T. in seiner Einladung angemahnt, unser Heim: 8703 Erlenbach, Rebweg 13. Laura wallte in Weiß, weiß auch ihre Socken.
In der Kirche, am Ende des Friedhofs, wünschte der Pfarrer Glück und langes Leben. Die Rosse legten sich ins Geschirr, gegen sieben Uhr abends erreichte der Zug den Gasthof Frohberg in Jona, die Kapelle Bert Grellmann spielte.
Man trank Epesses Rochdor 1990 zur Eröffnung, dann, zu Fischterrine mit Knoblauchkräutersauce, Kraftbrühe mit Gemüsestreifen, Roastbeef a l'Anglaise, Sauce Bearnaise, Mandelbällchen und Apfelsorbet mit Calvados, Chateau neuf du Pape J. Pellerin A.C. 1986. Die Hochzeitstorte hatte drei Stöcke und war rosa.
Schließlich setzte sich Lauras Vater neben Alberts Mutter. Dies sei, sagte der Mann, sein schönster Tag. Weiß nicht, sagte die Frau, mir kommt es vor, als wäre unser Albert für eine Ehe noch zu jung. Och, antwortete der Mann, als Student hat Ihr Albert doch seine Erfahrungen längst gemacht.
Sie redeten, bis Lauras Vater aufstand, seine Hände auf den Tisch stützte und fragte, ob es ihr, Alberts Mutter, wohl lieber wäre, die Kinder lebten in wilder Ehe. Würde ihr vielleicht so passen. Nicht aber ihm. Nicht aber Laura. Die möchte sich nicht ausnehmen lassen, deshalb die Hochzeit.
Die Mutter schwieg. Klar, dachte sie, der will, so teuer wie seine Tochter lebt, Laura schnell unter die Haube bringen. Sie ging aus dem Raum, begann zu weinen, Albert blieb sitzen.
22. August, 17 Uhr 53, Original Coiffure, 1 x Herr, 31 Franken.
Laura kaufte einen Kinderwagen mit lilablauem Dach, einen Tragsack, einen Korb, ein Babybadetuch mit Kapuze, einen Babykostwärmer, eine Babybadewanne, einen Windeleimer, einen Babyteller, ein Babyshampoo, ein Fell, eine Wattebox, Wärmflasche, Haarbürste, Seifenschale, Thermometer, Tasse, Schere, Töpfchen, Lätzchen, 1024 Franken.
Anfang Oktober reisten Albert und Laura T. nach Genf, brachten eine kleine Flasche Champagner mit, die Mutter wunderte sich, Laura sagte, sie sei schwanger. Ist ja wunderbar, sagte die Mutter und holte den Fotoapparat.
Sohn und Schwiegertochter blieben bis zum Abend. Dann half Albert der Schwangeren in die Schuhe. Die Mutter begann, für ihr Enkelkind, das am Entstehen war, erste Schuhe zu stricken.
Fehlgeburt am 7. Oktober. Laura lag im Kreisspital Männedorf. Der Sohn rief die Eltern an, er sei sehr traurig. Und Laura? fragten sie. Die habe gelacht. Bist du sicher, mein Junge, daß sie für dich die richtige Frau ist? Schon gut, Maman, laß der Laura Zeit.
Albert T. nahm einen zweiten Kredit auf, 42000, um die Schulden aus dem ersten zu bezahlen.
Am 7. November schenkte die Alcatel ihrem Software-Entwickler Albert T. 1000 Franken, er habe, schrieb die Firma, durch seinen großen persönlichen Einsatz wesentlich dazu beigetragen, daß innerhalb des Projekts 12SO/IDZ bestimmte Bereiche für die Erledigung der Dokumentations- und Testarbeiten hätten automatisiert werden können. Laura wollte einen Kristalleuchter.
Es war der Tag vor Weihnachten 1991, als Albert, Laura, Oskar in eine neue Wohnung zogen, Adam-Seiler-Straße 60b, zweites Wohngeschoß Ost, Nummer 4. Seine großzügige Frau und er, beschied der Sohn den Eltern, hätten, um die teure Wohnung zu bezahlen, einen Untermieter aufgenommen, Oskar D.
Zu dritt fuhren sie nach St. Moritz, Laura und Oskar stahlen Albert die Skistöcke, Albert, unbeholfener Skiläufer, rutschte ins Tal, lächelte.
1991
Kind
Kam Albert von der Arbeit, lagen Laura und Oskar vor dem Fernseher, sie auf dem Zweiersofa, er auf dem Dreier, Gute Zeiten, schlechte Zeiten, RTL. Beide liebten diese andere Welt, hielten sie auf Band fest, Folge um Folge, um sie abzuspielen, wann immer sie Lust hatten. Verließ Albert frühmorgens das Haus, legte sich Oskar zu Laura.
Manchmal fand der Zimmermann Arbeit, blieb einige Wochen, gab die Stelle wieder auf. Ende Februar, mit Oskar unterwegs, schrieb Laura Albert einen Zettel: Schlafe gut, träume süß! In Liebe, Laureli. Dann wurde sie schwanger.
Laura entschied sich für eine Lebensversicherung bei der Genfer, Albert mußte sich von einem Arzt untersuchen lassen, war gesund, er unterschrieb am 23. März 1992. Sollte er vor Ablauf der Versicherung sterben, würde seiner Ehefrau eine halbe Million Franken ausbezahlt.
Wahrscheinlich an einem Tag im April verriet Laura Albert T. ihre Schwangerschaft. Wie das möglich sei, fragte Albert, sie und er hätten doch seit Monaten nichts mehr miteinander gehabt. Du hast es mir im Schlaf gemacht, sagte Laura, Albert freute sich. Er rief die Mutter an.
Das Gezanke wurde immer häufiger, meistens ging es um Geld. Albert warf den andern vor, sie lebten auf seine Kosten, Oskar sagte, er solle nicht so blöd tun, bei einem Lohn von six Mill, die Nachbarn reklamierten Ruhe.
Ende April, nach vier Monaten an der Adam-Seiler-Straße, zogen sie zu dritt an die Bahnhofstraße 64, im August an die Blumreinstraße 110. American Express verweigerte Albert, der seine Schulden nicht mehr bezahlte, die Kreditkarte.
Am 19. Mai legte Laura wieder einen Zettel: Lieber Albert! Oskar und ich laufen in Erlenbach herum und suchen wieder nach leeren Wohnungen. Albert, nehme etwas vom Kühlschrank, es hat genug für Dich, doch denke bitte daran, es muß für alle reichen.
Wenn Laura und Oskar vor dem Fernseher lagen, die Stube verdunkelt, wenn sie lachten und auf eine Weise scherzten, die Albert nicht verstand, sagte er: Heute läuft wohl wieder das Deppenprogramm.
Im Spätfrühling setzten Oskar und Laura Albert T. einen Schwarztee vor, darin aufgelöst acht Schlaftabletten der Marke Seresta. Albert nahm einige Schlucke, fand ihn bitter, fragte Laura: Hast du da was reingetan? Sie sagte: Zwei Teebeutel. Albert trank die Tasse leer, wurde zuerst gesprächig, fast fröhlich, Laura und Oskar lachten mit ihm, dann wurde Albert müde, er legte sich ins Bett, Freitag abend, und erwachte in der Nacht auf Montag.
Oskar und Laura gefiel die neue Zweisamkeit, Albert T. verschlief die Wochenenden, und wollte er seinen Tee nicht trinken, sagte Laura: Wenn du mich liebst, dann nimmst du das. Oder sie schlug sich auf den Bauch, der ständig größer wurde, bis Albert tat, was ihr gefiel.
In diesen Tagen rief Laura ihre Schwiegermutter an, bat um 10000 Franken, sie hungere, brauche Kleider, denn Albert habe in Stuttgart, als er sich beruflich dort aufhielt, in einer einzigen Nacht 30000 verspielt.
Die Mutter, ungläubig und erschrocken, telefonierte dem Sohn. Der sagte: Maman, davon weiß ich nichts, laß mich das klären. Dann telefonierte er Laura, später der Mutter, sagte: Du lügst, Laura hat nie so was behauptet, wie käme sie dazu?
Maman, schrieb der Sohn am 21. Juni in seiner Kinderschrift: Du hast falsche Anschuldigungen gemacht, was ich für ziemlich gemein und rücksichtlos halte. Denn Laura ist in Erwartung (Ende 4. Monat) und darf sich nicht aufregen, weil Laura und unser zukünftiges Baby Ruhe brauchen. Ich habe Laura schon gesagt, wieso ich gleich nach dem Studium nach Zürich ging. Nämlich, daß ich zu Hause nicht etwas sagen oder erzählen konnte, ohne daß Du mich dann beleidigen oder beschimpfen mußtest. Du konntest nie das akzeptieren, was ich sagen wollte. Übrigens wollen wir nicht riskieren, daß die Taufe unseres Kindes von Dir verdirbt wird, deshalb finden wir es auch besser, wir laden Euch gar nicht ein, schade! Du hast es so gewollt. Am besten sehen wir Euch nie wieder. Ich möchte nicht, daß Du Laura so kaputt machst, was Du es bei mir gemacht hast. Laura wollte Euch noch in die neue Wohnung einladen, aber auf das heutige Telefon könnt Ihr das vergessen. Albert.
War Albert T. bei der Arbeit, nun nicht mehr an der Zürcher Friesenbergstraße, sondern in Aadorf, Kanton Thurgau, oder war er übers Wochenende stillgelegt, sprachen Laura und Oskar darüber, im Scherz, wie es wäre, wenn Albert ganz aus ihrem Leben ginge.
Man könnte zum Beispiel, sprachen sie, einen Marder einfangen, damit er unter Alberts Auto die Bremskabel durchbeiße. Man könnte Albert, nach einem Seresta-Trunk, ins Auto setzen, das Auto anzünden oder in den See stoßen, man könnte ihn, den Ungewandten, von einem Hochhaus stürzen oder auf ein Bahngleis binden, und dann, lachten sie, würde es vielleicht in der Todesanzeige heißen: Dein Leid sehen und nicht helfen können, war unser allergrößter Schmerz.
Manchmal, wenn er aus seinem Schweigen erwachte, verlangte Albert T., Oskar habe endlich auszuziehen. Laura wollte, daß er bleibe. Oskar schlug Albert, Albert floh ins Schlafzimmer. Neben den Computer bei Alcatel hatte er Lauras Bild gestellt. In der Zeitung las Laura, in Italien seien Leute nach einem Pilzmahl gestorben.
Am 1. August 1992, Nationalfeiertag, schrieb Laura auf einen Zettel: Lieber Albert, ich mache mir große Sorgen um Dich, denn es ist jetzt 14.15 Uhr, und Du bist immer noch nicht da. Draußen regnet es in Strömen und donnert wie wild. Wo bist Du jetzt? Es ist in der Zwischenzeit 14.50 Uhr und Du bist noch immer nicht da! Albert, warum bist Du noch nicht zurück?
Laura und Oskar fuhren nach Zürich, kauften Bücher über Pilze. Es wurde Herbst, sie gingen, die Broschüren in der Hand, durch die Wälder hinter Erlenbach und am Üetliberg, reisten, weil sie dort besonders viele Pilze zu finden glaubten, nach Churwalden und in den Aargau, sammelten, was sie für giftig hielten, Riesenrötling, Safran-Schirmling, Ziegenlippe, den Grünblättrigen Schwefelkopf, den Getropften Schleimschirmling, den Narzissengelben Wulstling, mischten sie, zusammen mit Seresta, Albert ins Essen.
Albert T., zum ersten Mal, seit er bei Alcatel war, erschien am 21. und 22. September nicht zur Arbeit. In der Badewanne schlief er oft ein, sank mit dem Kopf unter Wasser, erzählte dann Laura, die laut lachte, er sei beinahe ertrunken. Laura rief Alberts Vorgesetzten an, fragte, wann ihr Mann am Vorabend die Firma verlassen habe, er sei erst um Mitternacht nach Hause gekommen, seltsam lallend, ob er, Alberts Chef, sich dies erklären könne.
Am 3. November leitete die Bank Finalba AG gegen Albert T. die Betreibung ein, 11339 Franken.
Zu dritt gingen sie zum Arzt. Albert hatte ins Bett gemacht, er war bleich, sprach langsam und undeutlich, hatte Bauchschmerzen, Durchfall. Am Abend, wieder zu Hause, rief Laura den Arzt an, Albert gehe es bereits besser, es sei wohl nur eine Erkältung oder eine kleine Lebensmittelvergiftung gewesen.
Als Albert T. am 16. November abermals beim Arzt vorsprach und der, weil er sich nicht zu helfen wußte, Albert in die Klinik Hohenegg weisen wollte, wehrte Laura, das komme nicht in Frage, wenn schon, dann sei ihr Gatte nach Männedorf ins Spital zu bringen. Der Arzt willigte ein, Laura brachte Albert nach Hause, Blumreinstraße 110 in Erlenbach. Nicht nach Männedorf.
Einmal mischten Laura und Oskar Salmiak in Alberts Tee, er wettete, Albert trinke ihn trotz seines Gestanks, sie wettete dagegen. Oskar reichte Albert die Tasse und sagte, er habe ihm hier, aus ganzem Herzen liebend, einen Tee gemacht, Albert trank ihn nicht, Laura gewann die 100 Franken.
Alberts Lohn war längst gepfändet. Laura schnitt, als Oskar sich weigerte, den Fernsehkanal zu wechseln, mit einer Schere das Stromkabel durch. Die Schere hatte Plastikgriffe, Rauch stieg aus dem Gerät, sie warfen es auf den Müll, kauften ein neues.
Es war Samstag, 28. November 1992, Geburtstag von Alberts Vater. Der Sohn rief die Eltern an, weinte. Er sei am Morgen ins Büro geflohen, Oskar und Laura hätten ihn geschlagen. Er sprach langsam, verwaschen, er möchte, sagte er, dem Vater zum Geburtstag gratulieren, mehr nicht.
Komm zu uns, sagte die Mutter, du bist unser Kind. Er könne nicht, antwortete der Sohn, er habe keine Wäsche dabei und sein Auto stehe beim Bahnhof, und wenn er nicht wieder nach Hause gehe, würden die andern es finden und zerbeulen. Die Mutter: Dann versteck das Auto, setz dich in den nächsten Zug. Und Wäsche gibt es auch in Genf.
Die Schwester, vier Jahre jünger, fuhr ihrem Bruder entgegen, und als Albert T. in Lausanne aus dem Intercity trat, erkannte sie ihn kaum. Er schien noch kleiner als er war, 165 Zentimeter, noch dünner und bleicher, Albert hatte lange Haare, er war schmutzig, so hatte sie ihn noch nie gesehen, und er lächelte nicht. Sie brachte ihn nach Hause, der Sohn setzte sich aufs Sofa, begann endlich zu reden.
Manchmal schlafe er drei Tage lang, wenn er dann erwache, wisse er nicht, wieso, auch müsse er ständig bitteren Tee trinken, und im Essen, das Laura ihm koche, entdecke er manchmal kleine weiße Stücke. Die Mutter sagte: Kind, wenn sie dir das nächste Mal diesen Tee gibt, dann schaff davon ein wenig zur Seite und laß es untersuchen.
Es wurde Mitternacht, die Mutter hieß den Sohn, Laura anzurufen, damit sie wisse, wo er sei. Das gehört sich so. Albert rief an, Oskar war am Apparat, sagte: Laura hat geboren. Um viertel vor acht. Einen Sohn.
Albert versuchte dann, Laura zu erreichen, Kreisspital Männedorf, die Leitung war besetzt, Albert T. versuchte es immer wieder, versuchte es auch zu Hause, Blumreinstraße 110, auch besetzt, da platzte die Mutter in die Stille: Junge, bist du sicher, daß das Kind von dir ist?
Der Vater und die Schwester sahen sich erschrocken an. Gott, wie sie so Unanständiges nur denken könne.
Endlich hatte Albert Laura am Apparat. Sie redeten nicht lange, und als sie miteinander fertig waren, sagte Albert: Laura möchte, daß ich sofort zu ihr komme.
So gehst du mir nicht, trotzte die Mutter, jetzt gehst du erst mal schön schlafen, schläfst dich erst mal gut aus, und morgen früh bringt Papa dich auf den Zug.
Am Sonntag morgen rief Laura an, wo Albert so lange bleibe.
Dezember. Albert trank seinen Tee. Laura sagte: Damit du gesund wirst. Er setzte sich in die Badewanne und schlief ein. Laura stellte den Haartrockner an, warf ihn ins Wasser, doch das Kabel, zu kurz, rutschte aus der Dose. Albert erwachte, Laura sagte, der Apparat sei ihr aus der Hand geglitten, sorry.
Einige Tage später behalf sich Oskar mit einem Verlängerungskabel. Doch die Badewanne war elektrisch nicht geerdet, der Haartrockner lief unter Wasser weiter, Albert schmiß ihn aus der Wanne, Oskar sagte: Kleiner Witzversuch, und lachte, Albert lächelte.
Manchmal schimpfte Oskar, Albert sei ein hundselender Vater, weil er Lauras schreiendes Kind nicht tröste, aber mit Software und Hardware angeben, darin sei er ganz groß.
Albert T. hörte auf, sein Leben im grauen Ordner zu belegen.
Am Weihnachtstag 1992 standen Laura, ihr Kind und Albert T. unerwartet vor der Tür der Eltern, sie setzten sich auf das Sofa, der Sohn trug sein Haar so kurz wie nie zuvor, Laura hatte ihn rasiert. Der Vater holte den Fotoapparat.
Er müsse, begann Albert, einen Irrtum klarstellen. Was er nämlich vor vier Wochen geredet habe, die Sache mit dem bitteren Tee und den kleinen weißen Stücken in seinem Essen ... Erzähl mir nichts, fuhr die Mutter dazwischen, ich brauch dir nur ins Gesicht zu schauen, um zu merken, daß Laura dich schon wieder zu einer Lüge zwingt.
Da warf sich der Vater aus dem Polster, zeigte zur Tür: Jetzt ist genug. Laura nahm ihr Kind und ging. Albert zögerte. Schließlich sagte er: Dann muß ich wohl auch.
1993
Tod
Am 20. Januar bestand Laura die Autofahrprüfung. Albert nahm nun den Zug zur Arbeit, verließ die Wohnung um sechs, kam um acht Uhr abends zurück und legte sich bald ins Bett.
Oskar, Laura und ihr Kind reisten in Alberts Fiat durch die Schweiz, besuchten Warenhäuser, kauften gegen Rechnungen, die sie Albert zur Bezahlung heimbrachten, teuer ein, besahen sich auf Autoausstellungen schnelle glänzende Maschinen. Oskar sagte: Jetzt brauchen wir Albert nicht mehr.
Zu viert zogen sie dann in die Marienstraße 53b, Erdgeschoß rechts, mit Autogarage Nummer 11, Lauras Vater hatte den Mietvertrag unterschrieben.
Die Schweizerische Bankgesellschaft lehnte es am 10. Februar ab, für Albert T. ein Konto weiterzuführen.
Laura und Oskar und das Kind fuhren nach Berlin, warteten vor den Ufa-Studios auf eine Schauspielerin aus Gute Zeiten, schlechte Zeiten, harrten aus, die Frau zu fragen, ob sie Patin ihres Kindes werde, die Dame war nicht im Haus. Albert T. wollte von der Alcatel ein Zwischenzeugnis.
Herr T., schrieb die Firma, habe mit VAX-Clusters und Workstations, PC und IBM/MVS-Großrechnern sowie Mikroprozessoren mit unterschiedlichsten Betriebssystemen und Sprachen gearbeitet. Wir kennen Herrn T. als selbständigen und verantwortungsbewußten Mitarbeiter, der seine Aufgaben zielbewußt angeht. Besonders hervorzuheben sind seine umfangreichen Informatikkenntnisse und sein hohes Umsetzungsvermögen, 20. April 1993.
Neben seinen Computer hatte Albert T. das Bild des Kindes gestellt, rot gerahmt, von dem er glaubte, er habe es im Schlaf gezeugt.
Am Muttertag schlug Oskar Laura wund. Sie blutete aus Nase und Mund. Als Laura ihren Säugling erstmals zu einer Frau brachte, die sich in der Zeitung angeboten hatte, Kinder zu hüten, erzählte sie der Fremden, ihr Mann sei sehr krank, er werde wohl bald sterben.
Mit ihrem Kind, sieben Monate alt, reiste Laura am 13. Juni nach Davos, um dort im Hotel Meierhof während zweier Wochen Gewicht zu verlieren. Denn ihr Bauch, klagte sie, habe sich nach der Geburt nicht zurückgebildet.
Am zweiten Tag der Kur rief sie die Davoser Pilzkontrolleurin an, nannte sich Frau Meili und gab vor, an der Eidgenössischen Technischen Hochschule von Zürich zu studieren. Sie wolle, sagte Laura, eine Arbeit über Knollenblätterpilze schreiben, das sind doch die giftigsten überhaupt, nicht wahr?
Die Pilzkontrolleurin von Davos verwies Laura an den Pilzkontrolleur von Thusis. Dem erzählte Laura, sie lerne Biologie und schreibe über Amanita phalloides und Cortinarius orellanus. Solche, gab der Mann zur Auskunft, wachsen erst später im Jahr.
Albert T. fehlte eine Woche lang bei der Arbeit.
Im Zürcher Albisriederhaus war Pilzausstellung, Juli 1993, Laura und Oskar gingen hin, hörten sich den Vortrag an und baten einen Fachmann um einige Grüne Knollenblätterpilze. Zu Hause legten sie die Pilze ins Tiefkühlfach, zerdrückten sie später zu einem Mus und mischten sie mit genießbaren Pilzen, die sie gekauft hatten.
Albert murrte, aß dann den Teller leer. Er erbrach, hatte Durchfall, blieb wieder drei Tage im Bett.
Im Zug von Erlenbach nach Zürich erzählte Laura einer unbekannten Frau, ihr Sohn, armes Würmchen, sei krank, aber sie, seine Mutter, habe kein Geld, um die Medikamente zu kaufen, die er für sein Weiterleben brauche. In Zürich angekommen, ging die Frau in zwei Filialen der Schweizerischen Bankgesellschaft, hob 30000 Franken ab und gab sie Laura, ohne Quittung.
Laura kaufte am nächsten Tag bei der Franz AG in Zürich einen Peugeot 205 GTI, Cabriolet, rot, Jahrgang 12/87. Am 23. Juli ließ sie sich in der Klinik Hirslanden den Bauch verkleinern.
Alberts 26. Geburtstag. Die Eltern riefen den Sohn an, ein halbes Jahr hatten sie mit ihm nicht mehr gesprochen, man wünschte Glück, der Sohn sagte, es gehe ihm bestens, allerdings sei er auf sie nicht gut zu sprechen, Laura habe sich beklagt, sie kümmerten sich nicht um ihr Enkelkind.
Die Eltern saßen am runden Tisch, die Mutter spielte mit den Fingern.
Laura und Oskar sahen sich auch einen Porsche an, sie sei, sagte Laura dem Verkäufer, von Haus aus begütert. Der Kassierin einer Tankstelle in Feldbach redete Laura ein, ihr Mann habe Aids, sie fürchte, er stecke das Kind damit an.
Laura, den Kleinen auf dem Arm, während Oskar im Auto wartete, sprach bei der Heilsarmee vor, bei Sozialämtern und Pfarreien am rechten Ufer des Zürichsees, bat um Mitleid und Gabe. Hatte sie Glück, fuhren sie in ein teures Restaurant und bestellten ihr liebstes Gericht, Chateaubriand. Als Albert, die gestampften Knollenblätterpilze im Leib, nicht starb, sagte Oskar: Dieser Mensch ist bei Gott unsterblich.
Die Genfer schrieb Albert T., wegen Nichtbezahlung aller Prämien verringere sich das Todesfallkapital von 500000 Franken auf 255680.
Am 8. August 1993 rief Laura das Kantonsspital Chur an, fragte eine Ärztin, was zu tun sei, wenn jemand Knollenblätterpilze gegessen habe, ihr Mann nämlich sei bereits gelb davon.
Am 11. August fuhr sie nach Thusis, Graubünden, traf den Pilzkontrolleur, er gab ihr zwei Grüne Knollenblätterpilze und warnte vor den Giften Amanitin und Phalloidin, Laura schrieb die Worte auf, Oskar wartete mit dem Kind im Peugeot GTI. Die Pilze stanken, Laura warf sie aus dem Auto.
Am 19. reisten sie nach Zurzach, Aargau, begleiteten einen Pilzkontrolleur in den Wald am Achenberg. Der Mann überließ ihnen drei Grüne und zwei Gelbe Knollenblätterpilze, Laura unterschrieb den Pilzkontrollschein Nummer 57 mit dem Namen Meili. Oskar schnitt die Pilze in kleine Stücke, versuchte, sie in einer Spritze auszupressen, gewann kaum Saft, dann warf er sie weg.
Im September dann schauten sie sich einen BMW 318 an. Weil die Kur in Davos und auch die Operation in der Klinik Hirslanden Laura nicht schlank und schön gemacht hatten, ließ sie sich in der Zürcher Bellevue-Klinik einen Stoff gegen Fettleibigkeit spritzen.
Albert T. fehlte immer häufiger am Arbeitsplatz in Aadorf. Wenn er kam, war er der erste, der letzte, der ging. Seine Kollegen fragten, wieso er so viel arbeite. Albert T. antwortete, weil ihm dies zugute käme, wenn er einmal doktoriere, vielleicht schon bald.
Laura und Oskar fuhren ein zweites Mal nach Zurzach, strichen allein durch den Wald am Achenberg. Sie fanden zehn, vielleicht fünfzehn Grüne Knollenblätterpilze. Oskar drückte sie durch ein Küchensieb, gewann einen Deziliter braun-grünen Saft und goß ihn in eine Babyflasche, die er in den Kühlschrank stellte, neben die Milch.
Am Lettensteg, dem Nest der Zürcher Drogenkranken, kaufte Laura für 500 Franken Heroin, um Albert T., wenn er nach einem Seresta-Tee schliefe, den tödlichen Schuß zu setzen. In ihrer Küche, Marienstraße 53b, bereiteten sie das Gift auf, ungeschickt, schütteten es über die Wand. Dann, abermals am Lettensteg, bat Laura einen Mann, von dem sie glaubte, er habe Aids, um zwei Insulinspritzen voll Blut, 300 Franken, als sie in Erlenbach ankam, war der Saft trocken und dick.
Albert T. weigerte sich, einen Arzt zu besuchen. Laßt mich, sagte er, als ihn am Arbeitsplatz die Kollegen drängten, bin nur etwas müde. Er sprach langsam, er lallte, war bleich und schmal, sah niemanden an, starrte in den Bildschirm.
Am Morgen des 7. September kam er als letzter, um 10 Uhr erst, die Augen gelb und fast geschlossen. Er sei in Ordnung, sagte Albert T. Das Gelb ist von den Kontaktlinsen. Schließlich brachten ihn die Arbeitskollegen doch zum Arzt, Albert T. begann zu weinen, eine Stunde lang, der Arzt fragte, ob er Drogen nehme, nein, sagte Albert, aber er wisse nicht, was seine Frau ihm ins Essen mische. Ich kündige meine Stelle, wimmerte er, ich weiß nicht weiter.
Der Arzt befahl ihn ins Krankenhaus. Auf keinen Fall nach Uster, dort besucht mich meine Frau, sagte Albert. Schließlich führten ihn zwei Kollegen ins Universitätsspital Zürich, Notfall, im Auto sagte Albert, nun gehe es ihm bereits besser, und wenn er wieder gesund sei, werde er Frau und Kind verlassen, um in Aadorf, möglichst nahe bei der Alcatel, ein Zimmer zu nehmen.
Er lächelte wieder, Mund und Seele verschlossen. Als die Kollegen am Abend anriefen und fragten, wie er sich fühle, antwortete Albert T., wieder lallend und verstört: Eben ist Laura aus dem Zimmer gegangen.
Zwei Tage blieb er im Universitätsspital. Benzodiazepine im Urin, Beruhigungsmittel. Den Ärztinnen, die ihn behandelten, erzählte er vom ständigen Streit, von Oskar und Laura und von dem Kind. Daß sie zu viert in drei Zimmern wohnten, daß er dort zwar geduldet sei, aber mehr nicht. Daß Oskar ihn schlage und auch Laura. Daß er oft das Kind hüten und, neben seiner Arbeit, auch die Wäsche besorgen müsse.
Seine Frau habe er einmal gefragt, ob sie mit Oskar schlafe, und sie habe nein gesagt. Obwohl sie oft lüge. Deshalb habe er auch die Berührung mit seiner Familie in Genf verloren. Und als ich einmal krank war und Mineralwasser verlangte, gab sie mir eine Flasche, darin schwamm etwas Weißes.
Albert T. sprach, als rede er von jemand anderem, ohne Gefühl, lächelnd.
Die Ärztinnen fragten, warum er so dünn sei, ausgezehrt. Weil ich zu Hause nichts zu essen bekomme, antwortete Albert T.
Warum kochen Sie nicht selber?
Weil ich nicht darf.
Und warum besuchen Sie nie Ihre Eltern?
Weil ich nicht darf.
Er habe, sagte Albert T., immer geglaubt, er werde nie hoffnungslos, er nicht, solange er lebe. Aber jetzt. Er würde, bat er, gerne im Spital bleiben.
Laura schickte eine Karte: Gute Besserung, 8. September 1993.
Schließlich bestellte eine Ärztin Laura ins Haus. Sie kam, trotzig, laut, setzte sich neben Albert, verschränkte die Arme. Die Ärztin begann: Im Grunde wissen wir nicht, was ihren Mann krank macht, wir empfehlen ihm aber, eine Psychotherapie zu beginnen. Laura drohte mit der Scheidung, wenn Albert nicht sofort aus dem Spital entlassen werde.
Am nächsten Abend, 17 Uhr 30, kam Albert T. im Zug nach Hause, es war Donnerstag, und legte sich ins Bett. Dort blieb er eine Woche lang.
Am 11. fuhr Laura ins Kantonsspital Baden, sagte, ihr Mann habe Aids und sie Durchfall, sie brauche dringend Seresta, Laura bekam 50 Milligramm davon.
Am 12. rief sie das Schweizerische Toxikologische Informationszentrum an und wollte Auskunft, was zu tun sei mit einem Mann, der sich vor fünf Stunden den Saft eines Grünen Knollenblätterpilzes in den Körper gespritzt habe und immer noch keine Zeichen der Vergiftung zeige.
Am 13. telefonierte sie dem Kantonsspital Luzern, wollte wissen, wie schnell das lokale Betäubungsmittel Lidocain wirke. Sie fuhr nach Baden zu einem Arzt, gab Bauchschmerzen vor, erhielt ein Rezept für Lidocain.
Am 15. reiste sie nach Basel, Oskar auf dem Beifahrersitz, holte in der Apotheke Zum wilde Maa Einwegspritzen.
Am 19. sagte Albert T.: Entweder zieht Oskar aus, und zwar für immer, oder ich lasse mich scheiden. Sonntag.
Laura und Oskar beschlossen, Albert T. noch einmal zur Arbeit zu schicken. Die Kollegen fragten: Wie geht es? Albert, weiß und fahrig, lallte: Besser denn je. Und der Familie? Der auch.
Laura Antoinette T., Frau des Albert, schrieb am Freitag, dem 24. September 1993, in ihre Agenda: Albert ist heute Morgen ca. zwischen 0.00 Uhr - 01.00 Uhr an einem Herzstillstand gestorben. Lieber Albert, warum mußtest Du nur so früh gehen?!
Oskar versteckte sich zuerst in seinem Zimmer, als der Hausarzt, von Laura am frühen Morgen in die Wohnung gerufen, sich an Albert T. zu schaffen machte. Albert lag rücklings auf seinem Bett, den Körper leicht auf die linke Seite gedreht, Arme und Beine in der Stellung eines Boxers, der Schläge abwehrt, bekleidet nur mit einer Pyjamahose, die bis zu den Knie hinuntergezogen war. Er war starr, hatte schon dunkelrote Flecken.
Der Arzt notierte: Aufgrund der Angaben der Ehefrau, der gestern die schwere Atmung des Verstorbenen aufgefallen sei, muß an einen Status asthmaticus gedacht werden.
Dann telefonierte er dem Polizeiposten Erlenbach, um 7 Uhr 15 waren die Beamten an der Marienstraße 53b, wunderten sich über die Unordnung in allen Zimmern. Die Bezirksanwaltschaft befahl dann, die Leiche, damit sie aufgeschnitten und untersucht werde, nach Zürich ins Institut für Rechtsmedizin zu bringen.
Laura und Oskar, beide ruhelos, fuhren im roten Peugeot in die Berge, Freitag, Samstag, sie hatten Streit, auf dem Rücksitz saß das Kind.
Zwischen Chur und Arosa warfen sie die Babyflasche, in die sie vor Wochen den Saft der Grünen Knollenblätterpilze gefüllt hatten, aus dem Auto, die Flasche rollte auf die Straße zurück, sie hielten an, schmissen sie, zusammen mit einigen Ampullen Lidocain, in den Wald. Dann entwarfen sie Todesanzeigen: Gottes Wille geschehe, auch wenn wir ihn nicht verstehen können.
Am Montag fragte Laura, Trauer in der Stimme, den Bezirksanwalt, ob man über Alberts Sterben Genaueres wisse. Und während sie dann ausrechnete, wieviel Geld sie fortan an Witwenrenten und Waisenrenten zu erwarten habe, sie kam auf 2500 Franken monatlich, entdeckten in Zürich die Rechtsmediziner einen Einstich an Alberts linkem Unterarm und ein Stück Pilz in seinem Magen.
Man bot Laura und Oskar für den nächsten Tag zum Verhör auf, Laura am Vor-, Oskar am Nachmittag. Die Frau brachte das Kind zu ihrer Mutter, um 11 Uhr 15 begann sie zu weinen, erzählte dem Polizisten von Knollenblätterpilzen, die man gemeinsam gesucht und gefunden habe.
Laura und Oskar durften nicht an die Marienstraße zurück, kamen in Untersuchungshaft. Es war Dienstag. Das Kind, zehn Monate alt, blieb bei Lauras Eltern.
Am Mittwoch teilten die Rechtsmediziner dem Bezirksanwalt mit, Albert T. sei vergiftet worden, auf einen Liter Urin habe man 207 Mikrogramm Gift der Amanita-Gruppe festgestellt. Dem Polizeifeldweibel, der sie einvernommen hatte, schrieb Laura: Noch kann ich nicht glauben, daß mein Mann nicht mehr bei uns ist. Sie schrieb, Albert sei nur deshalb von Genf nach Zürich gezogen, weil er weg von seiner Mutter wollte, immer habe er nur lernen, lernen und nochmals lernen müssen und nie nach draußen gehen dürfen, dies habe Albert ihr, Laura, schon am zweiten Tag ihres gemeinsamen Lebens erzählt.
Als die Mutter am Freitag von ihrer Arbeit kam und kaum in der Wohnung saß, läutete das Telefon, Kantonspolizei Genf, ob sie einen Sohn habe, der Albert heiße, ob der im Kanton Zürich lebe. Was ist los mit meinem Sohn? schrie die Mutter. Wir kommen vorbei, sagte der Polizist.
Sie rief ihren Mann an, der bei Freunden war, dann warteten sie am runden Tisch, schwiegen und rieten hin und her, was mit dem Sohn geschehen sei. Die Mutter sagte: Wenn die Polizei am Telefon nicht sagt, was mit Albert passiert ist, dann lebt er nicht mehr.
Nach zwei Stunden kamen endlich zwei Beamte. Ihr Sohn sei vor einer Woche in seinem Bett gestorben.
Der Vater und die Mutter weinten, die Tochter, vier Jahre jünger als Albert T., schrie, bis die Nachbarn an die Heizung klopften. Als er sich gefaßt hatte, fragte der Vater, wieso sie erst heute von Alberts Tod erführen. Weil die Ehefrau des Verstorbenen, antworteten die Männer, versprochen habe, die traurige Nachricht ihren Schwiegerelten selber zu hinterbringen.
Woran er denn gestorben sei, fragte der Vater. Sie wüßten es nicht, sagten die Polizisten, sie hätten aus Zürich nur ein Fax erhalten, mit der Bitte, ihnen, Alberts Eltern, den Tod des Sohnes mitzuteilen.
In die Todesanzeige setzten die Eltern den Spruch: Gott ist Liebe. Ich habe den guten Kampf gekämpft. Ich habe meinen Gang vollendet. Ich habe den Glauben bewahrt.
Die Mutter nahm sich einen Anwalt, um Alberts Kremation zu verhindern, bat auch um eine Beerdigung in Genf. Laura schrieb ihren Eltern: Ich will, daß Albert in Erlenbach beerdigt wird und nicht in Genf. Denn meine Schwiegermutter mußte mich bei der Polizei schlecht machen. Sie ist so eine blöde Kuh. Papi, Albert hat schon, seit ich ihn kannte, kremiert werden wollen. Aber nein, kaum mischt sich seine Mutter ein, wird ihr Wille wieder durchgesetzt. Aber in Erlenbach wird die Beerdigung stattfinden, sonst gibt's Ärger.
Am 3. Oktober 1993 sagte Laura aus, der Vater ihres Kindes sei Oskar.
Die Beerdigung in Erlenbach war am 13., Nachmittag, der Herbst wärmte ein letztes Mal. Alberts Onkel aus Holland war angereist, zwei Kollegen von der Alcatel, Standard Telephon und Radio AG, Bekannte der Eltern aus Genf. Man setzte sich ins linke Kirchenschiff, rechts saßen eine Polizistin und Laura, deren Eltern, das Kind, das ständig wimmerte. Laura schluchzte. Der Pfarrer fand Worte.
Schließlich trat die Gesellschaft ans offene Grab, Nummer 611, der Sarg schon darin, und neben dem Loch glühte ein Herz aus roten Rosen, eine Schleife war hingebreitet: In Liebe, Deine Laura.
Eine Woche später, von Laura angeführt, fand die Polizei in einem Wald hinter Chur die Babyflasche, in der sie und Oskar den giftigen Saft gesammelt hatten. Laura genoß die Reise, sie lachte, der Feldweibel hatte blaue Augen, sie bat ihn, Pate ihres Kindes zu werden.
Weihnachten 1993. Laura schrieb: Albert war für mich ein Vorbild, er konnte ja alles, war absolut intelligent, ja, auf diesen Mann konnte ich nur stolz sein, war ich auch.
Die Mutter sagte, man hat uns nicht nur um den Sohn betrogen, auch um seine schöne Karriere.
1994
Recht
Nach dem heutigen Stand der Dinge, schrieb die Mutter der Gemeindeverwaltung Erlenbach, Seegasse 52, hat die angeklagte Ehefrau keinen Grund mehr darauf zu bestehen, daß unser Sohn auf dem Friedhof in Erlenbach bleibt. Wir bitten Sie um die Genehmigung, unseren Sohn so bald wie möglich zu uns holen zu dürfen, hochachtungsvoll.
Erlenbach, sechs Tage später, antwortete am 18. Januar, eine Exhumierung sei aufgrund des Artikels 23 der kommunalen Friedhof- und Bestattungsverordnung nur bei zwingenden Gründen möglich, gemäß § 41 der kantonalen Bestattungsverordnung dürften im Friedhof beigesetzte Leichen nicht ausgegraben und anderwärts beigesetzt oder kremiert werden, die Gemeinde allerdings sei frei, in außergewöhnlichen Fällen eine Ausnahme zu machen, was hier nicht der Fall sei, zumal bedacht werden müsse, daß jede Exhumierung einen markanten Eingriff in die Persönlichkeit des Verstorbenen darstelle, weil nicht davon ausgegangen werden dürfe, Sarg und Leichnam könnten schadlos aus der Erde gehoben werden.
Sieben Wochen später stellten die Eltern ein zweites Gesuch, Oskar legte ein Geständnis ab, Laura gab zu, sie und ihr Freund hätten vom Geld ihres Mannes gelebt, Anfang April lehnte Erlenbach die Exhumierung ein zweites Mal ab, und Laura schickte Oskar einen Brief, von Gefängnis zu Gefängnis.
Herzli, schrieb sie, jetzt muß ich laut lachen über Albert, er war so doof. Ja, weißt Du noch, wie wir uns nervten, wie er Auto fuhr oder wenn er eine ganze Stunde duschte. Ja, oder immer seine weißen Büchsen-Bohnen mit Tomatensauce aufmachte, hey, ich konnte es nicht mehr riechen, nur schon dabei mußte ich fast kotzen. Ja, oder seinen Satz, er habe keine Probleme und sein Sohn werde auch nie Probleme haben. Oski, ich bekomme Lachkrämpfe.
Sie schrieb, er, Oskar, hätte bei der Beerdigung dabei sein sollen, zuerst habe Alberts Mutter geweint, aber kaum am Grab, habe sie ihren Mund aufreißen müssen und sei kalt wie die Nacht im Winter über sie und den Fall hergefallen, obwohl sie nicht im Bilde gewesen sei, aber zu motzen, das habe sie selbst am Tag der Beerdigung noch fertig gebracht.
Oski, willst du mich auch noch ohne die 500000 heiraten? Meine Mami meinte immer, ein Studierter wäre etwas Besseres.
Am 13. Juni 1994, kurz vor halb zehn, legte auch Laura T. ein Geständnis ab. Man habe Albert T., nachdem er ihr und Oskar und dem Kind lästig, ja überflüssig geworden sei, abgeschafft.
An Alberts Geburtstag reisten die Eltern ans Grab, daran zu weinen. Im Blumenladen neben dem Bahnhof, kauften sie Rosen. Wir wissen nicht mal, sagte der Vater, ob Albert Blumen liebte, wir wissen fast nichts. Die Mutter sagte: Von diesem Bahnhof hier ist er jeden Morgen zur Arbeit gefahren.
Im November schlugen sie Alberts Nachlaß aus, er bestand aus Schulden. An die Gemeinde Erlenbach schickten sie ein drittes Gesuch.
1995
Urteil
Der Vorsitzende der II. Strafkammer des Obergerichts des Kantons Zürich sagte, es sei eine Binsenweisheit, daß auch das ungeheuerlichste Verbrechen letztlich einem banalen Motiv entspringen könne.
Das Bedürfnis, alles erklären zu wollen und zu können, sagte er, kann zwar wohl auf den Wunsch zurückgeführt werden, als Mensch die Welt und deren Phänomene rational zu begreifen - gleichwohl werden wir alle täglich mit Geschehnissen konfrontiert, die uns unbegreiflich sind.
7. Dezember 1995, Donnerstag. Um die Stunden zu ertragen, hatte der Vater so viele Beruhigungspillen genommen, daß er während der Verhandlung fast einschlief. Die Mutter hielt sich an ihrer Tasche.
Dann wurde Laura T. in den Saal geführt, sie trug einen roten Pullover, Winterschuhe, dann Oskar D., man setzte sie auf zwei Stühle, ein Papierkorb dazwischen, er sah ihr ins Gesicht, sie schaute weg. Der Staatsanwalt las aus seiner Schrift, die Täter, die Albert T. ums Leben brachten, seien besonders skrupellos und heimtückisch vorgegangen.
Als Albert T. am 21. September 1993 gegen 18 Uhr von der Arbeit kam, war sein Verhängnis vorgekocht. Laura stellte ihm Kartoffelbrei hin, darin aufgelöst 15 Seresta-Tabletten, und Hackfleischplätzchen. Nach dem Essen setzen sich Albert, Oskar und Laura vor den Fernseher, Gute Zeiten, schlechte Zeiten auf RTL, dann Peter Strohm auf ARD.
Albert wurde müde, um 21 Uhr schickte ihn Laura ins Bett. Als sie sicher waren, daß Albert schlief, zogen Laura und Oskar das Lidocain in eine Spritze. Laura ging ins Schlafzimmer, links das Bettchen des Kindes, dann ihres, dann jenes von Albert, Albert lag auf dem Rücken. Sie machte nicht Licht, ließ die Tür ins Wohnzimmer offen.
Laura kniete auf ihr Bett, versuchte, die Spritze in Alberts rechten Arm zu stoßen, versuchte es wieder, stand auf, ging um Alberts Bett herum, tat es am linken Unterarm und drückte ihm zwei Milliliter des Betäubungsmittels in den Körper. Sie löste die Spritze von der Nadel. Die ließ sie stecken. Ging in die Küche. Oskar zog weiteres Lidocain ins Gefäß, Laura spritzte es ihrem Mann, der nicht erwachte, insgesamt zwölf Milliliter.
Schließlich sog Oskar den Saft der Grünen Knollenblätterpilze, der seit Wochen im Kühlschrank in einer Babyflasche aufbewahrt war, hinter der Tetrapackung Milch, in zwei Zweimilliliterspritzen, Laura entlud sie in den Arm des Albert T., ging wieder in die Küche, erhielt von Oskar neuen Stoff, eilte ans Bett ihres Mannes, wieder in die Küche, wieder ans Bett, spritzte ihm wenigstens sechs Milliliter Gift, höchstens zwölf.
Albert erwachte einmal kurz, schrie: Au, was macht ihr mit mir? Dann sprach er nichts mehr.
Um ein Uhr am 22. September 1993 ließen sie von ihm ab. Sie gingen ins Wohnzimmer und schmusten. Plötzlich stand Albert in der Tür, ein Schatten, er wankte zur Toilette, löste Wasser, Laura folgte ihm, Albert sagte, sein linker Arm schmerze, ging wieder ins Bett.
Laura und Oskar schliefen im Wohnzimmer, sie auf dem Zweiersofa, er auf dem Dreier.
27. April 1991, interio, Artikel-Nr. 30148.307, Isabelle, 3-er Sofa, 30148.200, Isabelle, 2-er Sofa. total 1180.00 Franken, Betrag gegeben 1200.00, Rückgeld 20.00.
Am Mittwoch zogen Laura und Oskar das Telefonkabel aus der Dose, versteckten das Gerät in einem Schrank. Albert blieb im Bett, trank Mineralwasser, aß einige Joghurt, sein Arm war geschwollen.
Albert T., allein in der Wohnung, Marienstraße 53b, wurde immer schwächer.
Laura und Oskar fuhren übers Land. Ihr Kind auf dem Arm, bat Laura beim Sozialdienst des Pfarramts Bruder Klaus in Zürich um Erbarmen, ihr Mann habe sie aus der Wohnung gewiesen. Als sie wieder zu Hause waren, traten sie an Alberts Bett, er konnte kaum sprechen, nicht stehen, er hauchte, er habe kein Gefühl in den Beinen.
Eine Stunde nach Mitternacht, am 24. September 1993, schrie Lauras Kind nach seiner Mutter. Sie ging ins Zimmer, beruhigte es und sah, in der anderen Ecke, nach Albert, er war tot.
So viel zum Tathergang, sprach der Staatsanwalt in den Saal. Die Angeklagte, die Hände zwischen Stuhl und Schenkel, mit den Füßen kaum den Boden berührend, begann zu schluchzen.
Es wurde Abend. Die Mutter wußte, daß der Richter das Urteil, das sie sich wünschte, nicht würde sprechen können, langsamer Tod durch Vergiften mittels Knollenblätterpilzsaft.
Betrachtet man den Lebensweg der Angeklagten, so kommt man nicht um die ungeheuerliche Feststellung herum, sagte dann der Richter, daß sie, abgesehen von der Zeugung ihres Kindes, nichts über längere Zeit so gezielt und geplant an die Hand genommen hat wie die Tötung ihres Ehemannes.
Da stand Laura von ihrem Stuhl auf, rief: Sie brauchen nicht weiterzulesen, sagen Sie doch gleich: lebenslänglich. Der Richter mahnte zur Ruhe. Laura lief aus dem Raum, ihre Wärterin hinterher. Das lasse ich mir nicht gefallen. Nicht mit mir.
Das Obergericht des Kantons Zürich sprach Laura T. und Oskar D. schuldig, Albert T., holländischer Staatsbürger, geboren am 28. Juli 1967 in Herten, Deutschland, ermordet zu haben, und bestrafte sie mit dem Dasein im Zuchthaus, lebenslänglich, einer Schadenersatzsumme an die Eltern des Ermordeten, 16577.25 Franken, und einer Genugtuungssumme an die ganze Familie, 50000 Franken.
Die Eltern blieben noch eine Nacht in Zürich und fuhren am nächsten Morgen nach Erlenbach, am Grab zu weinen.
Kurz nach Neujahr 1996 schickte Lauras Vater Alberts Hinterlassenschaft nach Genf, das Diplom der Genfer Ingenieurschule, das Diplom der Eidgenössischen Technischen Hochschule von Lausanne und einige Computerdisketten. Mehr war nicht.
Der alte braune Stoffbär, mit dem er einst ausgezogen war, war nicht dabei, die Mutter trauerte.
Erlenbach lehnte auch das dritte Gesuch um Exhumierung ab. Die Ausgrabung eines Toten störe dessen Frieden, ziehe die Nachbargräber in Mitleidenschaft, außerdem verletzten Anblick und Geruch freigelegter Leichen Würde und Harmonie des Friedhofs sowie die Gefühle jener, die zu Ehren der Toten denselben aufsuchten.
Die Mutter schrieb darauf den Familien, die neben Albert einen Toten in der Erde hatten, bat sie um ihr Verständnis, daß man Albert zu bergen wünsche, und bot an, die Kosten, höchstens aber 500 Franken, für eine Neubepflanzung ihres Grabes, sollte sie notwendig werden, zu übernehmen.
Sie können sich vielleicht vorstellen, schrieb sie den Unbekannten, welchen Schmerz wir empfinden, wenn wir, um das Grab unseres Sohnes in Erlenbach zu besuchen, jedesmal an den Ort seiner unendlichen Qualen zurückkehren müssen. Es ist unmöglich, Ruhe und Frieden zu finden.
Die Eltern beschwerten sich gegen den Entscheid der Gemeinde Erlenbach beim Bezirksrat Meilen. Der hieß den Rekurs am 2. August gut.
Am 13. beschwerte sich Erlenbach gegen den Entscheid des Bezirksrates beim Regierungsrat. Es stelle sich die Frage, ob durch private Erklärung einfach auf den Schutz des Totenfriedens überhaupt verzichtet werden könne, sei dieser doch ein hochrangiges Polizeigut.
1997
Ruhe
Von Albert T. war nicht mehr viel, als am Abend des 16. Juni 1997 der Friedhofgärtner im Bagger vorfuhr und Grab 611 freischaufelte, nur noch der Schädel und wenige Knochen. Er legte sie in einen Sarg aus Zinn.
Der Sohn traf am nächsten Morgen eine Viertelstunde nach elf Uhr in Genf ein, die Eltern hatten einen Pfarrer bestellt, niemand sonst war da, als Albert in sein neues Loch sank, Nummer 547, der Vater pflanzte blaue Lobelien, die Tochter rote Begonien, die Mutter setzte ein Hibiskusbäumchen.
Sie besuchte den Sohn fast täglich, es war Sommer und warm, in einer Plastiktüte hatte sie eine kleine Hacke und streichelte damit die Erde, unter der er lag.
Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes sind alle Personennamen sowie die meisten Orts- und Straßenbezeichnungen verändert worden.
Von Erwin Koch

SPIEGEL SPECIAL 5/1998
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