01.02.1998

Pöhls Desaster

In Ausnahmesituationen ist es um die Unabhängigkeit der Notenbank nicht so gut bestellt wie im normalen Alltag. Das mußte Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl, ein sozialdemokratischer, aber allseits anerkannter Fachmann, während der turbulenten Monate vor der deutschen Einheit schmerzlich erfahren.
Am 6. Februar 1990 war er mit seinem Vize Helmut Schlesinger gerade in Ost-Berlin zu Gesprächen mit dem DDR-Notenbanker Horst Kaminsky und nannte dabei die Idee einer deutsch-deutschen Währungsunion "sehr phantastisch" - CDU-Freund Schlesinger bezeichnete sie als "völlig unrealistisch" -, da verkündete zur gleichen Minute Kanzler Helmut Kohl in Bonn, er werde der DDR eine Währungsunion anbieten.
Pöhl wollte auf der Stelle zurücktreten, weil niemand aus der Regierung die Bundesbank vorher gefragt hatte; er tat es nur deshalb nicht, weil er "nicht wie eine beleidigte Leberwurst" reagieren wollte.
Auch mit dem Umtauschkurs für die Ostmark (1:1) setzte sich die Regierung über die Bundesbank hinweg, die allenfalls 1:2 akzeptieren wollte. Wenig später schuf Bonn, wieder ohne Beratung mit den Frankfurter Währungshütern, den Fonds Deutsche Einheit, aus dem die gröbsten Lasten der Vereinigung gezahlt wurden.
Pöhls Stunde schlug aber erst, als er vom Kanzler dafür gerüffelt wurde, das Ergebnis der Währungsunion in einer auf englisch gehaltenen Rede ein "disaster" genannt zu haben. Mit einem persönlichen Entschuldigungsbrief an Kohl machte Pöhl seinen Fauxpas noch schlimmer, denn nun verglich er die deutsche mit der geplanten europäischen Währungsunion:
"Um zu erläutern, welche Probleme in einer Währungsunion mit stark divergierenden Volkswirtschaften entstehen, habe ich als extremes und drastisches Beispiel die deutsch-deutsche Währungsunion genannt ... Dies ist ein ,disaster'. Aber wenn ich das Echo vorausgesehen hätte, hätte ich es vielleicht nicht so genannt."
Wolfram Bickerich
Von Wolfram Bickerich

SPIEGEL SPECIAL 2/1998
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