01.01.1998

PolitikDie Lösung heißt Euro-Islam

Bassam Tibi, 53, geboren in Damaskus, lehrt seit 1973 Internationale Politik in Göttingen und verfaßte zahlreiche Bücher, zuletzt „Pulverfaß Nahost. Eine arabische Perspektive“.
Seit der Rushdie-Affäre und der Verfolgung der Schriftstellerin Taslima Nasrin aus Bangladesch und jüngst des ägyptischen Professors Nasr Hamid Abu Seid hat sich in der westlichen Öffentlichkeit die Auffassung verstärkt, Islam und Menschenrechte seien unvereinbar. Vertreter des Islamismus verfestigen mit ihrer Ideologie und ihren Aktionen dieses westliche Vorurteil.
In der Tat gibt es ganz wenige islamische Länder, in denen die individuellen Menschenrechte respektiert werden. Ist diese Tatsache ein Beleg dafür, daß der Islam menschenrechtsfeindlich ist?
Der im Frühjahr 1997 verstorbene ägyptische Fundamentalisten-Scheich Mohammed el-Ghasali hat in einem in Kairo erschienenen Buch über Menschenrechte dem Westen vorgeworfen, er habe die Menschenrechtsidee aus dem Koran gestohlen, um sie dann als eine originelle westliche Schöpfung zu präsentieren. Doch derselbe selbsternannte Menschenrechtsscheich hatte 1993 in einer Fatwa (Fatwa bedeutet islamisches Rechtsgutachten, nicht Todesurteil) vor dem ägyptischen Gericht für Staatssicherheit den Mord an dem ägyptischen Schriftsteller Farag Fuda gerechtfertigt.
Er stützte sich dabei auf seine höchstselbst geprägte Rechtsnorm: "Im Islam darf die Tötung eines vom Glauben Abgefallenen strafrechtlich nicht verfolgt werden." Ein Abfall vom Glauben liegt nach seiner Fatwa dann vor, "wenn ein Muslim für die Aussetzung der Scharia eintritt". Ghasali sieht in dieser Einstellung keinen Widerspruch zu seinem Einsatz für die "islamischen Menschenrechte".
Verstehen Muslime etwas anderes unter Menschenrechten als Europäer? Diese Frage kann nicht generell beantwortet werden, ohne den Unterschieden zwischen den Muslimen Rechnung zu tragen. "Der Islam" in standardisierter Form existiert weder in der religiösen Doktrin noch in der gesellschaftlichen Realität.
Schon im Hoch-Islam, als die islamische Zivilisation weltweit die weitestentwickelte war, wirkten große islamische Rationalisten, die den Menschen als ein vernunftbegabtes Wesen anerkannten, neben der islamischen Orthodoxie, die dergleichen als Kufr (Unglauben) verdammte. Gegenwärtig gibt es neben militanten Islamisten auch islamische Reformer wie zum Beispiel den Sudanesen Abdullahi Ahmed el-Naim.
In der Arabischen Organisation für Menschenrechte, zu deren Mitbegründern ich gehöre, und in den Veröffentlichungen Naims, an denen ich mitgewirkt habe, haben wir Reform-Muslime eingeräumt, daß es Spannungen zwischen einflußreichen Islam-Auslegungen und den Menschenrechten gibt. Eine einheitliche und zugleich autoritative islamische Position in bezug auf die Menschenrechte existiert jedoch nicht; statt dessen gibt es drei Hauptströmungen: den Volks-Islam, den Scharia-Islam und den Reform-Islam. Der Volks-Islam ist apolitisch und räumt gewisse Freiheiten ein, weil er flexibel und nicht dogmatisch schriftgläubig ist. Dennoch sind in ihm Volkssitten verwurzelt, die - wie zum Beispiel die Beschneidung der Frau - auf keinen Fall mit den allgemein gültigen Menschenrechtsstandards vereinbar sind.
Dagegen steht der Scharia-Islam eindeutig im Widerspruch zu den Menschenrechten, weil er Glaubensfreiheit und Pluralismus ebenso wie andere Grundrechte ablehnt. Er wird einerseits von den Ulama, den traditionellen islamischen Schriftgelehrten, vertreten, andererseits von den Fundamentalisten.
Der wichtigste Unterschied zwischen beiden Gruppen besteht darin, daß die Ulama nicht für eine Gottesherrschaft eintreten wie die Anhänger des politischen Islam, die Islamisten. Aus taktischem Kalkül treten die im europäischen Exil lebenden, in ihren Ländern verfolgten islamischen Fundamentalisten für Toleranz und Menschenrechte ein. Sie verstehen darunter aber allein ihr politisches Recht auf Aktionsfreiheit.
Vertreter der "islamischen Menschenrechte" unterscheiden eindeutig zwischen den Rechten der Muslime und denen der Nicht-Muslime. Letztere werden in zwei Kategorien unterteilt: die nicht-islamischen Monotheisten, die im Islam "Leute des Buches" heißen, und die Nicht-Monotheisten. Christen und Juden sind Monotheisten, also Gläubige, und deshalb für islamische Orthodoxe, nicht aber für Fundamentalisten zu dulden.
Duldung heißt nicht, daß sie dieselben Rechte wie Muslime haben. Angehörige anderer Offenbarungsreligionen gelten dagegen in der islamischen Orthodoxie als Ungläubige und genießen daher keinerlei Menschenrechte.
Bei den für die Muslime geltenden Rechten wird wiederum zwischen dem "Recht Allahs" und dem "Recht des Menschen" unterschieden.
Die Rechte Allahs sind eigentlich Pflichten des Menschen gegenüber der umma, das heißt der islamischen Gemeinschaft. Das Recht des Menschen bezieht sich nicht, wie im westlichen Verständnis, auf Garantieansprüche des einzelnen gegenüber Staat und Gesellschaft.
Vielmehr definiert es das Verhältnis der Muslime untereinander nach dem Prinzip, daß Gleiches mit Gleichem vergolten wird: Wer tötet, verletzt das Recht des Menschen - und darf getötet werden.
Die Reform-Muslime versuchen nun durch eine offene Deutung des Islam, die Menschenrechte im Sinne der UN-Deklaration zu definieren und den Islam in Einklang mit ihnen zu bringen.
Der sudanesische Islam-Reformer Naim beispielsweise, der nach der Entlassung aus sudanesischer politischer Haft in Atlanta/USA lehrt, bestreitet nicht, daß die Scharia im Widerspruch zu der Gleichstellung von Mann und Frau sowie der Gleichstellung von Muslimen und Nicht-Muslimen steht. Im Grunde setzt er sich schon mit dieser Feststellung der Gefahr aus, Opfer eines Mordes auf der Basis der zitierten Fatwa des islamistischen Menschenrechtsscheichs Ghasali zu werden.
Denn Naim tritt dafür ein, jene Scharia-Vorschriften außer Kraft zu setzen, die in Widerspruch zu den individuellen Menschenrechten stehen. Schließlich handelt es sich bei diesen Vorschriften um menschliche und nicht, wie Islamisten behaupten, um göttliche Rechtsnormen.
Ein anderer Islam-Reformer, der ägyptische Jurist und ehemalige Präsident des ägyptischen Gerichts für Staatssicherheit, Mohammed Said el-Aschmawi, stellt darüber hinaus fest: Das Wort Scharia kommt nur ein einziges Mal im Koran vor (siehe auch Seite 44).
Aus dieser Textstelle haben orthodoxe Muslime erst ein Jahrhundert nach Abschluß der islamischen Offenbarung ein Rechtssystem gemacht, das sie - obwohl es von Menschen zusammengestellt wurde - göttlich nennen. Mit anderen Worten: Das islamische Recht beruht auf einer menschlichen Interpretation der göttlichen Offenbarung und ist mit dieser nicht zu verwechseln.
Dagegen gehen die Fundamentalisten unserer Zeit noch einen Schritt über die Position orthodoxer Muslime hinaus. Sie erheben die traditionelle Scharia, die ursprünglich nur ein Instrument für die zivilrechtliche Regelung von Ehe-, Familien- und Erbangelegenheiten war, zum politischen Staatsrecht.
Damit wollen sie die Legitimität einer göttlichen Staatsordnung begründen, die sie Hakimijat Allah (Gottesherrschaft) nennen. Andersdenkende Muslime und Angehörige anderer Glaubensrichtungen haben darin keinen Platz.
In Europa leben derzeit etwa 15 Millionen Muslime als Migranten; binnen weniger Jahrzehnte wird ihre Zahl auf mehr als 40 Millionen ansteigen. Die Verteufelung dieser Bevölkerungsgruppe wäre nicht weniger gefährlich für den inneren Frieden als die Ausbreitung eines militanten Islamismus.
Die Lösung heißt Euro-Islam. Es gilt, ein Verständnis vom Islam zu begründen, das mit den europäischen Verfassungen und der Menschenrechtsdeklaration der Uno in Einklang steht.
Von Bassam Tibi

SPIEGEL SPECIAL 1/1998
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