01.01.1998

Szene„Wat soll dä Zoff?“

Erich Wiedemann, 55, stammt aus Mülheim/Ruhr und ist seit 1988 SPIEGEL-Reporter.
Auf der Straßenbahn, Linie 127, im Essener Stadtteil Schonnebeckshöfe ist es für einen Muslim nicht leicht, ein vorschriftsmäßiges Gebet zu verrichten. Zwischen der Haltestelle an der Zeche Zollverein und dem Katernberger Markt macht die Straße nämlich ein paar verwegene Serpentinen.
Die heilige Stadt Mekka liegt mal links und mal rechts von der Straßenbahn und manchmal achteraus. So schnell kann sich jemand betend gar nicht drehen und wenden.
Der bärtige Afghane, der wohl noch nicht lange im Lande ist, versucht erst, auf dem Gelenkplafond zwischen Vorder- und Hinterwagen niederzuknien. Weil er da keinen Halt findet, rappelt er sich auf, stemmt sich mit dem Rücken gegen die Haltestange, an der der Fahrkartenentwerter befestigt ist, um nunmehr im Stehen zu beten.
Das ist aber wegen des variablen Bezugspunktes ein schlingerndes Unterfangen. Kurz vor dem Zechentor wirft eine rabiate Bodenwelle den alten Mann aus der Senkrechten. Er taumelt, kriegt gerade noch die Stange zu fassen und schwingt wie ein Kaffeemühlenschwengel zur Seite.
Daraufhin brüllende Heiterkeit von seiten der zwei Schlakse, die vor ihren Mädels am Nachweis der Identität von Lautstärke und Mannbarkeit arbeiten. Sie schmeißen die Jeansbeine hoch, klatschen sich auf die Schenkel und kreischen respektloses Zeug.
Das gefällt dem alten Mann mit Mütze und Rentnerblouson nicht, der zwei Reihen hinter den Lümmels sitzt. Er nimmt pädagogische Haltung an und ruft: "Äh, watt soll dä Zoff. Ich gipp euch gleich, dä Herr hier auffe Rolle nehm." Dann wackelt er auf den Bärtigen zu und greift nach seiner Hand. "Laß dich von die Bengels nich verkackeiern, Kollege."
Bevor er sich wieder zu seiner Aktentasche setzt, dreht er sich noch mal zum Publikum und raunzt: "Iss do wahr ..." Jeder kann sehen: Im Ruhrpott hat die Freiheit der Religionsausübung Rückhalt im Volk.
Die Regel hat aber Ausnahmen. Sie gilt uneingeschränkt nur dort, wo die Einheimischen klar in der Mehrheit sind. Das ist so in Bottrop, Gladbeck, Gelsenkirchen und in den nördlichen Stadtteilen von Essen, Dortmund und Bochum. Im Duisburger Norden, wo der Türkenanteil über dem hier gültigen Eichstrich liegt, ist das nicht so. Die Toleranzfrage stellt sich nicht, weil es stellenweise mehr Türken als Deutsche gibt.
Wo das deutsch-türkische Verhältnis klemmt, ist im Duisburger Lautsprecherstreit besonders deutlich geworden. Die muslimischen Gemeinden der Stadtteile Laar und Marxloh haben bei der Stadtverwaltung einen Antrag auf Installierung von Lautsprechern an den Duisburger Moscheen eingereicht, über die der Muezzin künftig die Muslime zum Gebet rufen soll.
Dagegen machen Pastor Dietrich Reuter, der Seelsorger der evangelischen Kirchengemeinde Laar, und seine Bekenntnisbewegung "Kein anderes Evangelium" Front. Was wiederum den Sprecher der Duisburger Moscheevereine zu der düsteren Erklärung veranlaßt hat, es sei mit "unkontrollierbaren Reaktionen" zu rechnen, wenn dem Antrag nicht stattgegeben werde.
Pfarrer Reuter ist kein Kreuzritter. Er glaubt im Prinzip daran, daß alle Kinder Gottes gleich sind. Er hört wohl auch nicht ohne Wohlgefallen, daß es türkische Kinder in Laar gibt, die ihn "unser Herr Pastor" nennen. Nur daß für ihn der Gott der Muslime und der Christengott eben nicht identisch sind und daß in seinem Wertekatechismus die christlich-muslimische Verständigung einen niedrigeren Stellenwert hat als bei den progressiven jungen Pastoren von der rheinischen Landeskirche.
Reuters katholischer Amtsbruder Pater Patrick Daumann von der St.-Ewaldi-Gemeinde an der Friedrich-Ebert-Straße sieht das so ähnlich. Er meidet die offene Konfrontation. Doch in der Sache ist er mit Reuter so einig, wie ein katholischer und ein protestantischer Geistlicher miteinander einig sein können.
"Wir kommen mit den Muslimen aus, aber wir schmusen nicht", sagt Daumann. Es sei vorgekommen, daß Laarer Katholiken vor dem Freitagsgebet von türkischen Gläubigen aufgefordert wurden, auf die andere Straßenseite zu gehen, weil
der Bürgersteig vor der benachbarten Moschee islamisches Territorium sei. Eigentlich müsse man über so was mal reden, sagt Pater Daumann. Aber er kann kein Türkisch, und der Hodscha von nebenan kann kein Deutsch.
Das Toleranzdefizit ist keine rein deutsche Angelegenheit. Nach dem Fall der Mauer wurden in Laar türkische Flugblätter verteilt, in denen es hieß: "Der Kommunismus ist zerstört, jetzt werden wir die Demokratie besiegen." Derlei Radikalismen, sagt Daumann, seien aber untypisch für die Türken in Duisburg. Es habe hier zwar Straßenschlachten zwischen rivalisierenden Türken-Gangs von rechts und links gegeben. Aber die Deutschen seien dabei nicht belästigt worden.
Juristisch gesehen haben die Reuter-Fundamentalisten in der Lautsprecher-Frage kein gutes Blatt. Glaubensfreiheit gilt in Deutschland für Muslime ebenso wie für Christen - und zwar auch dort, wo sie mit Geräuschentwicklung verbunden ist.
Das Grundrecht auf freie Religionsausübung (Artikel 4) hat theoretisch nur da seine Grenzen, wo es mit dem Recht auf körperliche Unversehrtheit (Artikel 2) kollidiert. Aber Reuter sieht sein Grundrecht schon dadurch bedroht, daß andere das gleiche Recht haben. Deshalb beansprucht er für sich und die Seinen eine "negative Religionsfreiheit". Deutsche sollen in Deutschland freier sein als Türken.
Es gibt noch kein höchstrichterliches Urteil zur Sache. Doch die Amts- und Landgerichte, die sich damit befassen mußten, haben alle entschieden, daß Kirchenglocken und Minarettlautsprecher spirituell und damit vor dem Gesetz gleichwertig sind.
Die Duisburger könnten es natürlich auch so machen wie die Bayern und sich zur Abwehr des schallverstärkten Gebetsrufs mit dem Immissionsschutzgesetz behelfen, das den Ausstoß von Schall und Rauch regelt. Es ist aber fraglich, ob diese Regelung einem Rechtsstreit standhalten würde. Denn der Heavy-metal-Sound von den Kirchtürmen bringt es auf durchweg doppelt so viele Dezibel wie das Geplärre aus den Moscheelautsprechern.
Es ist tragisch: Deutsche und Türken leben seit 30 Jahren nebeneinander her, ohne sich wirklich kennengelernt zu haben. Neuerdings scheinen sie sich sogar wieder auseinanderzuleben. Man hatte gedacht, die Zeit werde es schon richten, spätestens die dritte Generation Türken werde voll integriert sein - so wie die Nachkommen der polnischen Bergleute, die Mitte des letzten Jahrhunderts auf der Suche nach Arbeit ins Revier fluteten. Aber die Hoffnung hat sich nicht erfüllt.
Die Almancilar, die Deutschländer, wie sie in Anatolien heißen, haben heute zwei Heimatländer: das Land, in dem sie leben und Geld verdienen, und das Land ihrer Vorfahren, das sie sich virtuell über die Satellitenschüssel ins Haus holen.
Um die Verwandten in der alten Heimat zu besuchen, brauchen sie nicht mehr 2000 Kilometer über Autobahn und Autoput zu trecken. Vom Rhein-Ruhr-Flughafen in Düsseldorf kann man schon für 500 Mark nach Istanbul fliegen. Und zwischendurch ruft man mal an. Auch weit hinten in der Türkei gibt es Telefone in allen Dörfern. Die Frage, welche Heimat die richtige ist, kann offenbleiben.
Die Bonner Regierungskoalition habe kein Konzept für die Integration der Türken, hat der Dichter Günter Grass gesagt. Das wird wohl so sein. Aber Günter Grass hat auch kein Konzept. Selbst wenn er eines hätte, wären die Integrationsaussichten wohl nicht besser. Mythen haben kurze Beine, die Verwirklichung der multikulturellen Gesellschaft ist nicht in Sicht.
Die Jungtürken wollen sich nicht mehr integrieren. Sie halten Integration für eine Art Unterwerfung. Sie wollen auch nicht mehr dafür gelobt werden, daß sie gut Deutsch sprechen. Und sie wollen auch nicht mehr nur als Hilfsarbeiter, Aldi-Kunden und Nato-Soldaten geschätzt werden. Deshalb sind selbst Türken, die selten oder nie in die Moschee gehen, so vehement für die Lautsprecher am Minarett. Die hörbare Präsenz des Islam ist für sie auch Ausdruck des kollektiven Selbstbewußtseins.
Dietrich Reuter und sein Presbyterium sehen hinter dem Ruf des Muezzin "den Machtanspruch auf Durchsetzung des Willens Allahs". Die Islamisten wollten dadurch die öffentliche Ordnung untergraben.
Wo das endet, ist für Reuter klar: bei der Kujonierung von Christenmenschen durch Muselmanen. Im Koran steht ja geschrieben, daß man die Ungläubigen bekämpfen soll, "bis sie ihren Tribut in Demut entrichten und sich unterwerfen".
Soweit es die Flut von Leserbriefen an die Lokalzeitungen ermessen läßt, hat Pastor Reuter viel Rückhalt im roten Duisburg. Die deutsche Bevölkerung in den sogenannten Mischgebieten hat weniger Angst vor dem Heiligen Krieg als vor dem sozialen Abstieg. Wo Ausländer dominieren, da sinken die Immobilienpreise. Und wo die Immobilienpreise sinken, da steigt der Ausländeranteil. Das ist das Gesetz des Ghettos.
Die Integrationspolitik der Ruhr-Städte und der nordrhein-westfälischen Landesregierung hat durchaus redliche Ansätze. Die Kulturreferenten fördern Bauchtanzkurse an Volkshochschulen. Deutsche Polizisten lernen Türkisch. Das Arbeits- und Sozialministerium in Düsseldorf unterstützt die Forderung nach einem Wort zum Freitag im Fernsehen.
Lauter gute Gesten. Doch den Durchbruch zur deutsch-türkischen Akkulturation werden sie nicht bringen, ebensowenig wie die Koranlesungen in evangelischen Kirchen und das neue christlich-islamische Altersheim in Duisburg. Soviel ist sicher: Zur Zeit geht der Trend weg von der Integration.
Die Verdrossenheit ist ein guter Acker für die militanten Islamisten und Nationalisten. Pater Daumann aus Laar sagt: "Wir haben mehr Probleme, seit in der Türkei die Erbakan-Islamisten so stark sind." Die Popgruppe Yarinistan hat ihre Verachtung für den braven Malocher Ali mit der Aldi-Tüte in klingende Satire gefaßt: "Zigeuner sind lustig, / die Türken sind froh, / trinken viel Raki / und putzen das Klo." Nein, das wollen sie nicht mehr.
Weil sie eine schlechtere Schulbildung haben als die Deutschen, sind 25 bis 30 Prozent der jungen Türken im Ruhrgebiet arbeitslos. Sie sind die Hauptzielgruppe der nationalistischen und islamistischen Ultras.
Ralf Meinert, der an der Anne-Frank-Schule in Dortmund Sozialarbeit unter türkischen Schülern verrichtet, sagt, er sei erschrocken über die "kleinen wegweisenden Zeichen", die osmanischen Kriegswimpel an den Autos, die Symbole der radikalen Milli Görüs und der Grauen Wölfe auf T-Shirts, die pantürkischen Parolen auf den Wänden in den Klassenzimmern.
Nein, der militante und inhumane Islam in Deutschland ist keine Erfindung. Die Radikalen sind gegen die Gleichberechtigung der Frau und für die Hinrichtung von Salman Rushdie. Sie träumen von der Wiederauferstehung des Osmanischen Reiches und von der Vertreibung der Juden aus Israel.
Der Verfassungsschutz brachte 1996 viel diplomatische Gelassenheit auf, um die Ausfälle gegen die Demokratie und die Deutschen, mit denen der Milli-Görüs-Vorsitzende, Ali Yüksel, die Dortmunder Westfalenhalle zum Brodeln brachte, nicht als Volksverhetzung zu werten.
Liberale Pastoren empfehlen für den Umgang mit der "islamischen Gefahr" die Lektüre des Vorwortes, das Doktor Martin Luther Anfang des 16. Jahrhunderts zu dem "Türkenbüchlein des Ungenannten Mühlbachers" verfaßte. Es heißt dorten: "Viele Theologen zwacken zu viel hitzig und hefftig allein das allerschendtlichst und ungeheurest aus dem Alkoran heraus", jedoch "was gut darin ist, das verschweigen sie". Und Luther war alles andere als ein Türkenfreund.
Von Erich Wiedemann

SPIEGEL SPECIAL 1/1998
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