01.06.1998

Setzt alle Herzen in Brand!

Oliver Nölken, 25, ist Bundesvorsitzender des Ringes Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) 1997/98.
Mein Wunsch an die Studentenschaft: Nehmt nicht alles hin, was man euch vorsetzt! Werdet aktiv und macht die Hochschulpolitik zu einem Thema, an dem Politik und Öffentlichkeit nicht vorbeikommen. Mein Wunsch an die Professorenschaft: Nehmen Sie die Lehre ernst. Tragen Sie dazu bei, daß wir Studenten eine gute und praxisnahe Ausbildung bekommen. Mein Wunsch an die Politik: Lassen Sie die Finger aus den Taschen der Studenten. Begraben Sie alle Studiengebühren-Pläne. Entrümpeln Sie den bürokratischen Muff an den Hochschulen und sorgen Sie für eine solide Hochschulfinanzierung.
Ulrike Gonzales, 26, ist Vorsitzende des freien zusammenschlusses der studentInnenschaften (fzs).
Die StudentInnen sollten mehr Mut und einen längeren Atem aufbringen, die Versäumnisse der Hochschulpolitik anzuprangern und sich dagegen zu wehren. Die ProfessorInnenschaft muß auf ihre Privilegien wie die Mehrheit in den Gremien und den Beamtenstatus verzichten. Sie stellt das wesentliche struktuelle Blockademoment für die Reformierung der Hochschulen dar. Die Politik darf sich nicht länger ihrer finanziellen Verantwortung entziehen und gleichzeitig den "Verfall des Wissenschaftsstandortes Deutschland" beklagen. Sie sollte für eine intensivierte Frauenförderung, eine bedarfsdeckende Studienfinanzierung, Gebührenfreiheit und freien Hochschulzugang sorgen. "Bildung für alle" darf keine hohle Phrase sein.
Krista Sager, 44, Bündnis 90/Die Grünen, ist Wissenschaftssenatorin in Hamburg.
Ich wünsche mir, daß die Studierenden den Blick dafür bewahren, daß ein Studium ein Privileg und eine Chance ist, in deren Genuß weltweit nur wenige Menschen kommen. Jeder sollte es engagiert nutzen. Ich wünsche mir, daß die Professoren den Reformprozeß an den Hochschulen tatkräftig unterstützen. Sie sollten sich für neue Studiengänge und für eine Evaluierung der Forschung und Lehre öffnen, sich von der Starrheit des öffentlichen Dienstrechts verabschieden und bereit sein, mehr Frauen in die Professorenschaft aufzunehmen. Von der Politik wünsche ich mir, daß sie der Schlüsselfunktion von Wissenschaft und Forschung für die Zukunft unserer Gesellschaft bei der Verteilung der finanziellen Ressourcen Rechnung trägt. Sie sollte die Chancengleichheit beim Hochschulzugang nicht dem neoliberalen Zeitgeist opfern.
Peer Göbel, 22, ist Kandidat der Liste "Amöben haben mehr Spaß - Fachschaftsinitiative Publizistik", Berlin.
Die StudentInnen sollten etwas verändern wollen. Die ProfessorInnen sollten weniger Machtpolitik betreiben und mehr für die Studierenden da sein. Die Politik muß eine Lehre und Forschung gewährleisten, die von einseitigen Interessen der Wirtschaft unabhängig ist und der essentiellen Bedeutung von Bildung für eine Gesellschaft gerecht wird.
Hans Meyer, 65, ist Professor für Staats- und Verwaltungsrecht und Präsident der Berliner Humboldt-Universität.
Die Studentenschaft sollte - entgegen ihrem bisherigen Verhalten - Leistung nicht diskreditieren. Die Professorenschaft sollte den Gefahren zunehmender Spezialisierung in der Forschung begegnen, indem sie, besonders in der Lehre, den Bezug auf das Allgemeine sucht. Die Politik sollte sich aus einem Raum zurückziehen, den Freiheit fruchtbarer macht als Regulierung.
Ralph Wildner, 28, Asta-Referent, studiert Sprachwissenschaften in Gießen.
Unsere Wünsche an die Studierenden: Wir dürfen uns nicht entmutigen lassen. Im Streik haben viele "Unpolitische" erkannt, daß ihre individuellen Probleme in Wahrheit gesellschaftliche sind und daß Studierende politischen Einfluß ausüben können. Jetzt müssen wir uns über neue Formen, Inhalte und BündnispartnerInnen Gedanken machen. Baut Barrikaden! Setzt alle Herzen in Brand! An die ProfessorInnen: Es reicht nicht, Studis für mehr Geld auf die Straße zu schicken. Das gilt vor allem für jene, die vor 30 Jahren für demokratischere Unis auf die Straße gegangen sind. Wann bringen Sie den Mut auf, Ihre alten Privilegien aufzugeben? Unter den Jacketts Muff von 1030 Jahren! Unsere Forderungen an die Politik: Aussitzen ist nicht genug. Wer das Hochschulrahmengesetz gegen Studenten und Bundesländer durchzieht, tritt Demokratie und Föderalismus mit den Füßen. Die PolitikerInnen müssen ihren Streik beenden.
Anke Brunn, 55, SPD, ist Wissenschaftsministerin in Nordrhein-Westfalen und leitet zur Zeit die Kultusministerkonferenz.
Ich wünsche mir von den Studenten, daß sie den Blick über den Tellerrand wagen, Auslandserfahrungen sammeln und Fremdsprachen lernen, um gut gerüstet in ein zusammenrückendes Europa zu gehen. Von den Professoren wünsche ich mir noch stärkeres Engagement bei der Betreuung von Studierenden. Denn für ein effektives Studium und kürzere Studienzeiten setze ich auf Orientierung und Beratung statt auf Druck und Sanktion. Die Politik muß endlich für eine gerechtere Studienfinanzierung sorgen - eine Bafög-Reform, die diesen Namen verdient. Und selbstverständlich für das bundesweite Verbot von Studiengebühren.
Michael Frenkel, 44, ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Rektor der privaten Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung (WHU) in Vallendar bei Koblenz.
An die Studentenschaft: Seien Sie mobil, integrieren Sie einen Studienabschnitt an einer ausländischen Hochschule in Ihr Studium.
An die Professorenschaft: Verschließen Sie sich nicht der Evaluierung von sowohl Forschung als auch Lehre und engagieren Sie sich bei der Erhöhung der Qualität der Studiengänge.
An die Politik: Geben Sie den Hochschulen mehr Autonomie. Nur wenn sich die Hochschulen die Studenten aussuchen können, kann in Deutschland ein fruchtbarer Wettbewerb entstehen.
Jürgen Rüttgers, 46, CDU, ist Bundesbildungsminister.
Ich wünsche mir von den Studenten, daß sie ihre Studienjahre mit viel Freude, Elan, Leistungsbereitschaft verbringen und mit großer Offenheit für Neues selbst dazu beitragen, eine wirklich gute Ausbildung zu erhalten. Von den Professoren wünsche ich mir, daß sie einsehen, daß sich eine Massenuniversität nicht so organisieren läßt wie zu Humboldts Zeiten. Mein Wunsch an die Politik: Laßt nicht zu, daß das neue Hochschulrahmengesetz, das die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Hochschulen stärken soll und auf das Bund und Länder sich bereits verständigt haben, jetzt als Wahlkampfmasse mißbraucht wird. Das schadet den Studenten, den Professoren und dem Zukunftsstandort Deutschland.
Cem Yükseler, 26, ist Redakteur bei "c.t. - Das CampusRadio in Bochum auf 96.9".
Von der Studentenschaft wünsche ich mir weniger "Scheuklappendenken" - nicht nur Scheine sammeln, sondern mitdenken und mitgestalten! Die Professorenschaft könnte einen Bewußtseinswandel vertragen: mehr Aufgeschlossenheit für Reformen, mehr Zeit für Studis und mehr Engagement in der Lehre. Gegen steifes Vortragen: Rhetorikkurse für Professoren. Die Politik sollte statt Studiengebühren die Abschaffung des Berufsbeamtentums für Professoren fordern und Perspektiven schaffen, statt nur das Elend zu verwalten.
Klaus Landfried, 57, ist Präsident der Hochschulrektorenkonferenz und Professor für Politikwissenschaft.
Für die Hochschule ist es wichtig, daß die Studierenden sich in ihr und für sie engagieren. Das beinhaltet Offenheit, Neugierde und Zielstrebigkeit im Studium, aber auch Interesse an Hochschule als Erfahrungsraum. Auch das Hinaustreten ist wichtig: Praktika in der Wirtschaft, Auslandssemester. Von Professorinnen und Professoren wünsche ich mir direktes Engagement für Studenten, kontinuierliche Betreuung und Studienberatung eingeschlossen. Forschungsergebnisse sollten die Lehre spürbar befruchten. Wünsche an die Politik formulieren die Politiker selbst zutreffend in ihren Sonntagsreden: eine leistungs- und belastungsorientierte Finanzierung, mehr Wettbewerb, gerechteres und angemessenes Bafög. Also bleibt mir nur zu wünschen, daß die vorhandene Einsicht in politische Praxis umgesetzt wird.
Peter Radunski, 59, CDU, ist Senator für Wissenschaft, Forschung und Kultur in Berlin.
Ich wünsche mir, daß die Studentenschaft realisiert, welche große persönliche Anstrengung ein Studium bedeutet, und daß sie die Vorteile von sozial gestaffelten Studiengebühren erkennt. Die Professoren sollten sich auf das Humboldtsche Ideal der Einheit von Forschung und Lehre besinnen, zur Verbesserung der Lehre auch innovative Methoden wie das "Teleteaching" einsetzen und ihre Lehrleistung evaluieren lassen. Die Politiker sollten Wissenschaft und Bildung als Pfeiler unserer Zukunft sehen, den Mut zu Studiengebühren und einer Änderung des Dienstrechts der Professoren aufbringen und gute Lehre ebenso wie gute Forschung belohnen.
Bernd Rabehl, 59, Professor für Soziologie, lehrt an der FU Berlin, stritt 1968 für Reformen.
Drei gute Wünsche in verworrenen Zeiten: Angesichts von Orientierungslosigkeit und bloßer Selbstinszenierung werden bei mir Sehnsüchte nach der Studentenschaft der siebziger Jahre wach. Soll die Uni nicht als Bewahranstalt für arbeitslose Akademiker dienen, braucht sie Studenten, die an ihrer jetzigen Tätigkeit und am späteren Beruf interessiert sind, die Lebenserfahrung und Willen zur politischen Veränderung mitbringen. Die Professoren müßten ihre Tätigkeit neu definieren: weniger Gruppen- und Cliquenkämpfe um Privilegien, weniger Improvisation, Dilettantismus und Bluff zugunsten von Wissen und Verantwortung. Die Politik soll sich weniger einmischen und der Wissenschaft Autonomie in bezug auf die wirtschaftliche und wissenschaftliche Rentabilität geben.
Tobias Dürr, 32, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen. Er rief im vorigen Jahr die Studierenden zum Masseneintritt in die FDP auf.
Ich wünsche mir, daß die Studentenschaft in die Parteien strömt, um die Institutionen der Republik von innen zu reformieren und die (bildungs-)politischen Interessen ihrer Generation geltend zu machen. Die Professorenschaft sollte die Ergebnisse ihrer Arbeit in die Gesellschaft hinein zu vermitteln lernen - schließlich wird sie von ihr finanziert. Die Politik sollte endlich wieder zum Raum werden, in dem sich diese Republik mit Leidenschaft über ihre Ziele streitet. Dann haben auch die Universitäten eine Zukunft.
Matthias Berninger, 27, ist hochschulpolitischer Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag. Im Internet stellt er unter www.berninger.com sein Bafög-Modell "BAFF" vor.
Mein Wunsch an die Studierenden: Forderungen mit Augenmaß, Selbstbewußtsein als HochschulbürgerInnen, Freude am Studium. An die Professorinnen und Professoren: Spaß an der Lehre, Mut zur Wahrheit. An die Politik: Respekt vor der Hochschulautonomie, Vertrauen in die Lehrenden und Studierenden und natürlich die Einführung von "BAFF", der elternunabhängigen, bedarfsdeckenden Studierendenförderung.
Klaus von Trotha, 59, CDU, ist Wissenschaftsminister in Baden-Württemberg.
Alle Studierenden sollten erkennen, daß das Studium keine Open-end-Veranstaltung auf Kosten des Steuerzahlers sein kann, sondern zügig und erfolgsorientiert absolviert werden muß. Und daß Leistungskontrollen keine Schikane, sondern ein sinnvolles Mittel der Selbstkontrolle sind. Ich wünsche mir für die Hochschullehrer weniger Gremienwirtschaft und klarere individuelle Verantwortlichkeit mit dem Ziel einer Leistungsgemeinschaft von Lehrenden und Lernenden. Qualität und Qualitätssicherung müssen zu Leitbegriffen für eine Wettbewerbsorientierung der Hochschulen werden. Wenn Wissen zur wichtigsten Ressource der Gesellschaft und unsere Hochschulen zu Werkstätten der Zukunft werden, muß die Politik den Hochschulen neben der Finanzierung auch Instrumente zur Verfügung stellen, um sie zu mehr Rationalität, Effizienz und Effektivität in ihren Entscheidungs- und Organisationsstrukturen zu befähigen.
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SPIEGEL SPECIAL 6/1998
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