01.07.1998

Der Teufel im Kopf

special-Reporter Erwin Koch über Simone G., Patientin in der größten Schmerzklinik Deutschlands

Von Erwin Koch

Dr. Erwin Koch, 42, ist special-Reporter und lebt in der Nähe von Zürich. Er hat zuletzt den Reportageband "Vor der Tagesschau ..." veröffentlicht.

Aber diese meine Teufel in meinem Kopf", haucht Frau G. Dann steht sie wieder auf, geht zum Waschbecken, krümmt sich zum Hahn. "Ausgetrockneter Mund", sagt sie, "das kommt von der Entgiftung."

Langsam setzt sie sich in den Stuhl neben dem Bett, legt eine Hand in die andere. Sie wartet.

"Ob ich einen Traum habe?"

Frau G. schaut aus dem Fenster, sie sieht Kastanienbäume, einen Vogel, Tannen.

"Einen Traum, ich?"

Sie schaut sich im Zimmer um, klinikweiße Wände, ein Strauß Blumen auf dem Sims, ein Fernseher, ein Telefon, eine Zeitschrift, Frau G. führt die Rechte über die Stirn, langsam.

"Daß ich einmal in meinem Leben keine Schmerzen hätte, zwei Stunden lang."

Sie lächelt. Verlegenheit.

"Aber dies wünsch' ich mir ja seit Jahren", flüstert Frau G.

Sie dreht sich zum Fenster. Ein Vogel, Kastanien, Tannen. Tränen in den Augen.

Immerhin, sagt die Frau, sei sie mit ihren Schmerzen schon auf 6. Nicht mehr auf 9, wie noch in der Karwoche, als sie hierher kam ins Schmerzzentrum Mainz.

"Karfreitag", sagt sie.

Karfreitag, als man ihr alle Medikamente abnahm, die sie jahrelang alltäglich gegessen hat, um dem Schmerz zu entkommen, der in ihrem Kopf ist, seit sie denken kann.

Frau G. öffnet eine Schublade, sie zieht einen Zettel ans Licht. "Mein Schmerztagebuch."

Zahlenkolonnen, von 0 bis 9.

0 steht für "kein Schmerz", 9 für "stärkster vorstellbarer Schmerz".

Um 7 Uhr, 12, 18 und 22 Uhr, Tag für Tag, zeichnet Frau G. einen Kreis um eine Zahl.

"Wie wäre ich glücklich", sagt Frau G., "ich brächte es auf 4. Für den Rest des Lebens."

Sechs Jahre alt war sie, als der Schmerz sie holte, Karwoche 1953, Niederbayern. Die Ärzte nannten es zuerst Grippe, dann Kinderlähmung, dann Hirnhautentzündung. Ein Druck in Stirn und Schläfen, dumpfes Etwas, manchmal so stark, das sie glaubte, der Kopf zerplatze.

"Dann nahm man halt Tabletten."

Das Mädchen tröstete sich: Der Vater hatte Kopfschmerzen, die Tante auch, Kopfweh gehörte zum Leben. Sie ging zur Schule, wurde kaufmännische Angestellte, schämte sich, einen Arzt aufzusuchen, wegen Kopfschmerzen geht man nicht zum Arzt. 1970 ging sie doch, 23jährig, bekam Tabletten in die Hand gedrückt.

Heirat. Eine Tochter, 1973.

"Sie hat es auch", sagt Frau G., "Migräne."

Sie steht auf, trinkt etwas Wasser, schaut in den Garten. Dann schweigt sie lange.

"Nein", sagt Frau G., "Träume kann ich mir nicht leisten."

Der Ehemann sagte bald: Du mit deinen Kopfschmerzen. Dann sagte er: Du mit deinen verdammten Kopfschmerzen. Später sagte er: Reiß dich zusammen, bitte. Und endlich: Hör auf zu simulieren.

Frau G. behalf sich mit Pillen und Kapseln, ständig anderen, legte Eis auf, rieb sich Chinaöl in die Schläfen, Pfefferminz.

1986, Scheidung.

"Ich wäre ja schon wiedergeboren", sagt Frau G., "wenn der Schmerz erträglich würde."

Wieder fährt sie sich über die Stirn, fast zärtlich.

Eine Krankenschwester tritt ins Zimmer. "Sie müssen zur Blockade."

"Ach", sagt Frau G., "das tut so weh."

Frau G. geht durch die Gänge, Station 3, Rücken und Kopf eine Säule, sie setzt sich im Eingriffsraum auf eine Liege. Frau G. zuckt zusammen, als die Ärztin ihr ein lokales Betäubungsmittel in den Nacken preßt. "Tapfere Frau", lobt die Ärztin, "und nun die Stirn."

"Das tut so weh", sagt Frau G. Angst in ihrem Blick. Sie legt sich auf den Rücken, Tränen, die Hände zittern.

"Wir betäuben die Nerven, wir blockieren sie für eine Weile", beruhigt die Ärztin, "und entspannen so Ihre Kopfhaut und nehmen Druck von Ihrem Schädel. Das wird Ihnen guttun."

Jetzt drückt sie die Nadel über der linken Augenbraue in die Stirn, spritzt das Mittel unter die Haut, die sich sofort wölbt, dann auch rechts, Frau G. wimmert leise.

Frau G., geschieden, weil ihr Mann ihren Schmerz nicht ertrug, zog mit der Tochter in die Stadt. Sie fand eine Stelle, versuchte bei der Arbeit besonders tüchtig zu sein. In ihrer Tasche Medikamente, schachtelweise.

Immer die Angst, gerade dann, wenn sie beim Chef zu einer Besprechung war, könnten die Teufel im Kopf zu tanzen beginnen. Jemand könnte merken, daß sie krank war.

Wenn eine sie fragte, wie es ihr gehe, antwortete sie: Prächtig.

Abends weinte sie oft.

Der Kopf schmerzte manchmal so sehr, daß sie nicht lesen konnte, nicht schreiben, nicht stricken. Nur hinlegen und hoffen, der Schlaf hole sie weg. Einmal schmiß sie einen Teller an die Wand. Sie bekam Angst vor sich selber.

"Weinen und wüten", sagt Frau G.

Sie sitzt wieder in ihrem Zimmer im dritten Obergeschoß des Schmerzzentrums zu Mainz, umklammert eine Tasse Tee. "Ich darf nicht daran denken", sagt sie, "was sein wird, wenn es mir nach den drei Wochen in dieser Klinik noch immer nicht bessergeht."

Sie blickt zum Fenster. Vom Fenster zum Bett. An die klinikweiße Wand.

"Was dann?"

"Mainz ist meine letzte Hoffnung."

Die Zahl der Ärzte, die sie in den letzten fünf Jahren um Hilfe bat: vielleicht 30. Die Zahl der Medikamente, die sie verschrieben erhielt: vielleicht 50.

Sie war bei Augenärzten, weil sie überlegte, ihr Schmerz könnte von den Augen ausgehen. Zahnärzte ersetzten ihr das Amalgam durch Gold, weil sie irgendwann irgendwo gehört hatte, Amalgam könnte Kopfweh machen.

Sie war bei Heilpraktikern, die ihr feinste Nadeln in den Kopf steckten. Bei Orthopäden, die sich ihre Halswirbel ansahen. Bei Neurologen, die ein Mittel verordneten, das Frau G. eine Darmkolik machte. Sie ließ klären, worauf sie allergisch sei, und bekam dann mitgeteilt: auf nichts, außer auf Haselnüsse.

Anderthalb Jahre lang besuchte sie die Münchner Schmerzambulanz Großhadern. Neun Wochen lang nahm sie unbezahlten Urlaub, lag in der Psychosomatischen Klinik in Windach am Ammersee, schwieg, als ein Arzt sagte, jede Krankheit sei eine Chance, und die ihre bestehe darin, Kindheit und Ehe aufzuarbeiten.

"Je mehr ich unternahm, den Schmerz zu besiegen", sagt Frau G. in den weißen Raum, "desto endgültiger hatte ich ihn."

Es sei, als wenn man einen nassen Lappen ausdrücke, der ständig nasser wird.

Sie legt eine Hand in die andere, die Finger gewinkelt und zur Decke gerichtet. Wartet und schweigt.

Seit drei Jahren bricht der Schmerz im Kopf der Simone G. nicht mehr ab. Ist immer da. Am stärksten, wenn sie erwacht. Lange schlafen kann sie nicht, vielleicht drei Stunden. Und doch möchte sie am liebsten immer nur schlafen. Hinter den Satz, den sie am ersten Tag im Schmerzzentrum Mainz zu werten hatte - Ich möchte nur, daß die Zeit vergeht -, schrieb Frau G.: Trifft zu.

Zum dumpfen drückenden Etwas, das so stark wird, bis Frau G. glaubt, der Kopf springe bald in Stücke, stellt sich manchmal etwas Stechendes, Pulsierendes. Sie nennt es Migräne. Dann wird ihr schlecht, manchmal schwarz vor Augen. Oder sie sieht seltsame Sternchen, ein Geflitter, fünf, zehn, fünfzehn Minuten lang. Dann muß sie sich hinlegen. Passiert ihr dies im Geschäft, flieht sie in die Toilette.

Kein Leben mehr. Die Angst, der nächste Überfall widerfahre ihr in aller Öffentlichkeit. Einladungen nimmt Frau G. seit zwei Jahren nicht mehr an, redet sich heraus, sie sei verhindert, leider, in den Kegelverein geht sie nicht mehr. Ins Kino nicht. Nicht mehr aus dem Haus.

"Ich war einmal ein lustiger Mensch", sagt Frau G., "ein lustiger Mensch war ich."

Sie trinkt Tee aus der Tasse, es ist warm im Zimmer, sie friert.

Plötzlich sagt sie laut: "Ich möchte, Schmerzen ließen sich messen. Mit Maschinen so richtig messen. Dann gäbe es einen Beweis, daß man nicht einfach nur spinnt."

Immer habe sie das Gefühl gehabt im Lauf der letzten Jahre, alle beobachteten sie, alle wüßten um ihren Zustand, obwohl sie log, es gehe ihr prächtig. Das Gefühl, niemandem zu nützen und von niemandem gebraucht zu werden. Nichts wert zu sein. Dieses Warten, daß es Abend wird. Keine Lust auf nichts. Und die Frage, wozu dies alles.

"Haben Sie oft an Selbstmord gedacht?"

"Doch."

"Sehr oft."

"Mit einigen Schachteln Tabletten."

"Einfach weg aus dieser Welt, ich ganz allein und ganz schnell, das wär' toll", sagt Frau G. am Rand ihres Bettes. "Wenn da nicht zwei, drei Menschen wären, die Tochter, die Mutter, die man so gern hat."

Im November erzählte ihr ein Neurologe vom Schmerzzentrum des Deutschen Roten Kreuzes in Mainz. Frau G. bat um Aufnahme. In der Karwoche 1998, nach 45 Jahren Kopfweh, trat sie ein.

Einer Schwester von Station 3, Kopfschmerzstation, überließ sie alle ihre Tabletten, sie war unruhig, zittrig.

Frau G. weinte, als sie im Zimmer der Ärztin aus ihrem Leben berichtete, fast zwei Stunden lang.

Die Ärztin suchte zu trösten; in ihren Computer schrieb sie: Simone G., Jahrgang 1947, chronischer Spannungskopfschmerz, medikamenteninduzierter Kopfschmerz, Depressionen.

Man werde, sagte die Ärztin, alles versuchen, ihren Schmerz zu lindern. Völlige Schmerzfreiheit, in ihrem Fall, sei wohl kein realistisches Ziel, aber Schmerzerträglichkeit.

Dann maß sie Gewicht und Größe der Simone G., Herzfrequenz und Blutdruck, die Gehirnströme und den Durchfluß der Blutgefäße am Kopf, schickte Frau G. unter den Röntgenapparat und den Computertomographen.

"Mein Schmerz war auf 9", sagt Frau G. Sie steht auf, geht einige Schritte durchs Zimmer, krümmt sich zum Hahn.

Vier Tage lang dämmerte sie dann im Bett, spürte den Entzug der Medikamente, zitterte, schluchzte in ihr Kissen, sah aus dem Fenster, diesen grauen Vogel, der ständig von den Knospen der Kastanien fraß. Karwoche.

Frau G. fragte die Ärztin, was medikamenteninduziert bedeute. Die antwortete: Den Schmerz, der am Anfang da war, haben Sie mit Medikamenten gelindert, so lange, bis Ihr Körper sich daran gewöhnt hatte und der Schmerz wieder so stark war wie zuvor. Dann haben Sie den Schmerz abermals gelindert, mit wirksameren Mitteln, dann ging es Ihnen wieder eine Zeit lang gut, dann wieder schlechter, also haben Sie wiederum noch stärkere Medikamente genommen, undsoweiter, kurz: Mit Medikamenten haben Sie Ihren Anfangsschmerz gleichsam gefüttert, über die Jahre hinweg auf ein ständig höheres Niveau getrieben.

Frau G. fühlte sich schuldig. Sie grub sich noch tiefer ins Kissen, damit die Frau, die neben ihr im zweiten Bett lag, ihre Trauer nicht sah.

Am fünften Tag zeichnete sie in ihrem Schmerztagebuch Kreise um die Zahl 8. Schwestern rieben ihr Rücken und Nacken mit Eis ab, es war schön, angenehm, sie lehrten Frau G., sich das Gesicht mit Eis selber zu massieren, am Morgen und am Abend.

Sie steckten Frau G. in Bewegungsbäder, begossen sie mit kaltem Wasser, zuerst nur die Füße, dann die Beine, dann Bauch und Brust. Sie schickten sie in die HWS-Gymnastik, HWS für Halswirbelsäule, und in Vorträge über Entspannungsverfahren.

Sie ließ sich Elektroden an den Kopf setzen, zwei über den Augen, eine am Kaumuskel, hatte dabei an Schönstes zu denken, Sonnenuntergang oder Blumenwiese, und immer dann, wenn sie sich verspannte, nur schon die Zähne aufeinander biß, begann ein Gerät laut zu knattern. Nach zehn Minuten hatte sie schwarz auf weiß, welche Spannung ihre Kopfmuskulatur aufwies, ihr persönliches Biofeedback.

Ein Psychloge sagte: Werden Sie Egoistin, Frau G. Tun Sie, was Ihnen guttut.

Frau G. sagte: Sagt sich so leicht.

"Nach einer Woche war mein Schmerz auf 7."

Am elften Tag ging Frau G. zum Zahnarzt der Klinik.

Der paßte ihre eine Aufbißschiene aus Kunststoff an, die sie sich nachts in den Mund schob, damit Ober- und Unterkiefer im Schlaf nicht aufeinander drückten, Spannung erzeugten, eine der Ursachen ihrer Lebensplage.

"Langsam merke ich", sagt Frau G., "daß der Schmerz mir nicht zugeflogen kam. Daß er Teil von mir ist. Daß ich ihn beherrschen kann. Aber wohl nie ganz bezwingen."

Mit beiden Händen streichelt sie sich ihr Gesicht, langsam, fährt sich über den Kopf, der noch taub ist von den Spritzen der jungen Ärztin.

"Teufel da drin."

Als erstes, sagt sie, werde sie ihre Stelle kündigen, wenn sie Ende des Monats das Schmerzzentrum hinter sich habe. Abschied vom Computer. Und dann einen Rentenantrag stellen. Und dann entspannen. Täglich neu. Stündlich. Sie lächelt, wischt sich die Träne weg.

Das Telefon läutet. Frau G. erschrickt, zögert, nimmt endlich den Hörer. Sie spricht leise Worte, lacht kurz auf, küßt in den Hörer.

"Mein zweiter Mann. Mein Glück."

"Nein. Mit dem ersten nicht zu vergleichen."

"Weil auch er Kopfweh hat."


SPIEGEL SPECIAL 7/1998
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