01.08.1998

Gib ihr die Null

Der Mann hielt in der einen Hand einen Telefonhörer, sprach mit einer ihm unbekannten Frau und geriet in Wallung. Die Dame habe eine Stimme, berichtete er hernach, "die an das Ohr schlug, so, wie wenn sie fordere, tiefer einzudringen als nur in das menschliche Gehör".
Es ist nicht überliefert, ob die Phantasien Franz Kafkas Wirklichkeit wurden. Wohl aber war der Schriftsteller in den zwanziger Jahren der erste, der die Magie einer körperlosen Begegnung beschrieb und ein Phänomen entdeckte, das mittlerweile zum Multi-Millionen-Geschäft geworden ist: Erotik am Telefon.
122 Jahre nachdem Alexander Graham Bell in den USA ein Patent auf seinen Fernsprecher angemeldet hat und 117 Jahre nachdem in Berlin das erste deutsche Telefonnetz mit 48 Anschlüssen entstanden ist, wird mit Sex per Draht in Deutschland alljährlich ein dreistelliger Millionenbetrag umgesetzt.
Die Branche wirbt spätabends mit aufreizenden Fernsehspots ("Frauen suchen Männer ohne finanzielle Interessen") und vielversprechenden Zeitungsannoncen ("Heimlich lauschen! Skandal") - aber wer so Aufregendes wie Kafka erleben will, muß lange suchen.
"30 Sek. Vollgas sofort", verspricht die Anzeige in der "Bild-Zeitung". Wer die Nummer 00599-2056 wählt, wird zu Fernsprechgebühren von 3,12 Mark pro Minute erst einmal drei Minuten und zehn Sekunden lang hingehalten. Dann meldet sich vom Band eine Frauenstimme: "Hallo, hier spricht Jasmin. Ich habe schwarzes, gewelltes Haar. Wenn ich blond wäre, würde man mich eine Sexbombe nennen."
Nach sieben Minuten läßt Jasmin "langsam den durchsichtigen Schleier nach unten gleiten, und du hast es sicher schon geahnt, darunter trage ich nichts". Dies sei, verrät sie, nachdem Telefonkosten von 21,84 Mark entstanden sind, "der Moment, wo ich ,Bolero' auflege".
Nach acht Minuten und 24,96 Mark Telefongebühren kommt Jasmin zum Ende und wird zügellos: "Ich tue etwas vor dem Spiegel, das man am Telefon besser nicht erzählt. Aber du ahnst schon, was ich meine."
Die Deutsche Telekom macht sich die Lust auf der Leitung zunutze; Ferngespräche in die Karibik sind ein einträgliches Geschäft. Sie kassiert für die Verbindung zu einem Computer auf den Niederländischen Antillen die Hälfte der anfallenden Gebühren, immerhin 1,56 Mark pro Minute. Die andere Hälfte teilen sich die karibische Telefongesellschaft und die zumeist europäischen Betreiber der Sex-Dienste.
Mit Computerprogrammen, die das Gespräch steuern, wird versucht, den Anrufer möglichst lange in der teuren Leitung zu halten (siehe Seite 111). Im vorigen Jahr wurde erstmals bekannt, was sich auf diese Weise mit Telefonsex erwirtschaften läßt: Die karibische Telefongesellschaft Antelecom aus Curacao bezifferte ihren einschlägigen Jahresumsatz auf 50 Millionen Mark.
0190-117711. Bis zu zehn Teilnehmer können zusteigen, wenn Beate Uhses "Flirt-Karussell" startet. "Lausch-Party - mithören erlaubt" bewirbt Uhse die Line, aber wer Erotik erwartet, wird enttäuscht. Für 1,21 Mark pro Minute sind Timo aus Bremen, Christian aus Hameln, Hanni aus Bochum, Marcel aus Kleve und Melanie aus Oberhausen dabei. Es wird gelacht und geschäkert. "Mit dir schlaf' ich kein Wort mehr", sagt Timo zu Melanie. "Mußt du freitags nicht arbeiten?" will Hanni von Timo wissen. "Nein", antwortet der, "ich bin Bundeskanzler, und freitags machen wir um zwölf dicht."
Rund 800 Firmen haben bei der Telekom sogenannte 0190-Service-Nummern gemietet; ein "Paket" mit 100 Nummern kostet monatlich 700 Mark. Insgesamt hat die Telekom 90000 dieser Service-Nummern vermietet, aber nur auf ein paar hundert Nummern werden Party-Lines (1,21 Mark pro Minute) oder Live-Gespräche zu zweit (in "Chat"-Rooms zu 2,42 Mark pro Minute) angeboten.
0190-929292. Bei "On air, Deutschlands schnellster Telefonverbindung" (Eigenwerbung), hilft eine Stimme vom Band Anrufern auf die Sprünge. "Wenn ich dich direkt mit einer Frau ins Gespräch bringen soll, dann drücke schnell die Fünf. Ist sie ne Null, gib ihr die Null. Triffst du auf 'nen Typen, gib ihm die Neun und schmeiß ihn raus."
Dann geht es zu wie in der Formel eins: "Vierte Position, dritte Position, zweite Position", so wird der Standort des Anrufers in der Warteschleife beschrieben, während die Telefoneinheiten zum Preis von 2,42 Mark pro Minute durchrattern. Anna aus Dessau meldet sich, will aber nicht mit dem Anrufer sprechen. "Sie hat die Null gewählt und ist wieder im On-air-Bereich", sagt die Stimme vom Band.
In ihrem "Verhaltenskodex Service 0190" untersagt die Telekom Gespräche mit sexuellem Inhalt. "Bei Vertragsverstößen können wir den Hebel innerhalb von 20 Minuten umlegen und die Leitung sperren", sagt ihr Sprecher Ulrich Lissek. 80 Nummern wurden 1997 gesperrt, weitere 20 beanstandet - nicht viele angesichts von 90000 Service-Nummern.
0190-399366. "Schön, daß du zu unseren Girls auf unsere Party kommst", sagt eine Frau vom Band. "Triffst du ein Girl, das dir ganz besonders gefällt, sag einfach der Operatorin Bescheid, damit ihr zwei Turteltauben ganz ungestört miteinander flirten könnt."
Die Line kostet 1,21 Mark pro Minute und ist eine Art virtuelles Hotel. "Lets party in Raum eins", sagt die Stimme, und dann quasseln plötzlich drei Männer und zwei Frauen durcheinander.
Die Arzthelferin Heidi aus Hannover will mit dem Anrufer ein Zwei-Ohren-Gespräch führen und wird von Operatorin Lisa mit ihm in Raum vier geschaltet. Heidi zieht in zwei Wochen mit ihrem Freund zusammen, ihr ist nach Spaß mit anderen Männern.
"Wie machst du es mit deiner Frau?" fragt sie. "Habt ihr guten Sex? Ich binde meinen Freund oft fest und nehme ihn mir. Macht deine Frau das nicht? Ist sie langweilig? Du stöhnst ja gar nicht. Wichst du nicht?"
Die Telekom kann nicht verhindern, daß Heidi solche Fragen stellt. Wer den "Conferencing"-Modus verläßt und sich zu Gesprächen "eins zu eins in Echtzeit" (Branchenjargon) zusammenschalten läßt, wird nicht kontrolliert. Auch Heidi macht sich nicht strafbar, weil die Bestimmungen des Strafgesetzbuches über die Verbreitung pornographischer Inhalte für Tonträger und Papier gilt, nicht aber für das Telefon, wenn zu zweit unter Ausschluß der Öffentlichkeit gesprochen wird.
"Was zwei Menschen am Telefon reden, geht uns nichts an. Wir stellen die Leitung zur Verfügung, wir sind nicht die Zensoren der Nation", sagt Telekom-Sprecher Lissek.
0190-981010. "16 Frauen warten auf dich", sagt eine Frau, "um sofort mit einer zu sprechen, drücke die Eins. Wenn sie dir nicht gefällt, drücke die Null." Der Anrufer wird mit Musik hingehalten, und nach einer Minute und 20 Sekunden, als 3,20 Mark Gebühren angefallen sind, meldet sich die Stimme wieder: "Hey, hier ist jemand für dich".
Petra aus Düsseldorf will über Sex reden. Sie arbeitet in der Werbebranche und erzählt en detail, wie sie bei einem Fortbildungskursus in einem Hamburger Hotel eine besondere Form von Room-service genoß: Sie vernaschte den Etagenkellner.
Dann will sie eine Gute-Nacht-Geschichte hören: "Ich liege nackt am Strand, und du verteilst das Sonnenöl auf meinem Körper. Und jetzt beschreibe mir, wie du das machst und was du danach machst."
Zwei- bis dreimal wöchentlich greift Petra spätabends zum Hörer, und daran wird gesellschaftlicher Wandel deutlich. Telefonsex ist nicht mehr ausschließlich Männersache, auch Frauen artikulieren ihre Bedürfnisse in der "peak time" (Branchenjargon) zwischen 22 und 2 Uhr früh und schätzen die Möglichkeit, anonym und ohne Gefahr Sex zu haben.
Während Männer für das Gespräch pro Minute 2,40 Mark zahlen, telefonieren Frauen umsonst - über die kostenlose Nummer 0130-112535. Mittlerweile haben die Betreiber jedoch erkannt, daß sie das Kommunikationsbedürfnis der Frauen unterschätzt haben - und stellen die kostenlosen 0130-Nummern auf kostenpflichtige 01805-Nummern um, zum ermäßigten Preis von 48 Pfennig pro Minute.
Aber es gibt auch noch den traditionellen Telefonsex. Zum Beispiel hält ihn Beate Uhse bereit: Er kostet 66 Mark, ohne Zeitbegrenzung. Die Flensburger Firma bietet ihre Dienstleistung 24 Stunden an, und wer die Hamburger Uhse-Telefonnummer 29872955 wählt, kann Vanessa kennenlernen. Sie stellt zu Frauen durch, die daheim auf Anrufer warten, um deren erotische Phantasien anzuregen.
Es gibt einige Hürden. Gezahlt wird per Bankabbuchung oder Kreditkarte; auf dem Bankauszug erscheint nicht etwa "Telefonsex", sondern diskret "ATS GmbH". Die Identität des Kunden wird über die Telefonnummer geprüft. Wer eine Geheimnummer hat, wird nicht bedient. Dafür bietet Vanessa einen exklusiven Service an: "Bei uns hast du innerhalb von zwei bis drei Minuten ein Umtauschrecht, falls dir die erste Dame nicht zusagen sollte."
Der klassische Telefonsex, hat die Bielefelder Germanistin Sabine Mooren herausgefunden, ist Männersache, und das Bedürfnis hängt mit dem sozialen Status zusammen. 46 Prozent derjenigen, die sich am Telefon von einer Frau gegen Bezahlung erregen lassen, sind Akademiker, 34 Prozent Angestellte oder Beamte und nur 20 Prozent Handwerker. 78 Prozent der Befragten gaben in Moorens Studie an, eine Partnerin zu haben. Telefonsex macht nicht unbedingt zufrieden: 44 Prozent erklärten, "süchtig" danach zu sein.
So steht der gelernte Konditor Hans Wallner, 48, im Verdacht, von Telefonsex abhängig gewesen zu sein. Der CSU-Landtagsabgeordnete aus dem bayerischen Deggendorf muß sich vor Gericht verantworten, weil er von seinem Landtagsbüro aus mehr als 26000 Mark Steuergelder für Telefonsex verpulvert haben soll.
Experten sind sich nicht einig darüber, ob und wieviel Schaden Menschen nehmen, die Sex am Telefon suchen. Der Sozialwissenschaftler Günter Amendt hat eine "totale Sexualisierung der Gesellschaft" beobachtet, während "überall neue Berührungstabus" errichtet würden. Telefonsex werde zur "exzessivsten Form sexueller Beziehungen".
Der Schriftsteller Matthias Horx ordnet Sex am Telefon dem allgemeinen "Voyeurismustrend" zu, die US-Trendforscherin Faith Popcorn glaubt, daß die Angst vor Aids den Boom verstärkt, weil Telefonsex "Ersatz für die riskanteren sexuellen Abenteuer" biete.
"Telefonsex war gestern", behauptet das Kieler Multimedia-Unternehmen K.I.M. im Internet, die Zukunft gehöre dem Bildtelefonsex. Die Firma bietet Interessenten, die über ein Bildtelefon oder aber über einen Pentium-PC mit ISDN-Anschluß, Mikrophon und Lautsprecher verfügen, eine Zugangsnummer für Bildtelefonsex an. Dann können Anrufer Actricen erreichen, die nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen sind. Geschäftsführer Klaus Michael Hammers ist davon überzeugt, daß Bildschirmsex "schon in einem Jahr vor allem über die Rechner läuft".
Schon heute preist die Telekom normale Bildtelefone an, das Stück zu 998 Mark. Die Mühe, einen Partner für Bildtelefonsex zu suchen, müssen sich die Telefonkunden allerdings selber machen.
Von Carsten Holm

SPIEGEL SPECIAL 8/1998
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