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Ozeane, Kleingetier und Pflanzen - alles beeinflußt der Mond, nur den Menschen womöglich nicht

Von Sabine Kartte

Jedes Jahr zwischen Mitte Oktober und November, während des letzten Mondviertels, schwärmen vor den Küsten Polynesiens die Palolowürmer aus, um sich fortzupflanzen - ein Fest für die Inselbewohner, die das mondhörige Seegetier, roh oder gedünstet, als Delikatesse schätzen.

Auch die in der Nordsee beheimatete Sandklaffmuschel und die im Atlantik lebende Netzreusenschnecke folgen der Bahn des Erdbegleiters. Die Muschel stößt ihre Larven bevorzugt bei Vollmond ins Wasser. Das Schneckentier atmet am heftigsten, wenn der bleiche Geselle im Westen unter den Horizont taucht, und am flachsten, wenn er aufgeht.

Der Mond macht Kleingetier aktiv - oder aber, im Gegenteil, passiv. Die kolumbianische Blattnasenfledermaus flitzt bei abnehmendem Mond am dollsten umher, bei Vollmond ist der Nachtflatterer eher faul. Der possierliche Goldhamster dagegen dreht, wenn die Himmelsscheibe fast rund ist, erst richtig auf.

Rund 600 Arten, deren Lebensrhythmen nachweislich vom Mond beeinflußt werden, haben Klaus-Peter Endres und Wolfgang Schad, zwei Evolutionsbiologen an der Universität Witten-Herdecke, in ihrem Buch "Biologie des Mondes" zusammengetragen*. Und das Zürcher Institut für Holzwissenschaften meldete jüngst, daß sogar Baumstämme mit dem Lauf des Mondes an- und abschwellen.

Und der Mensch? Ausgerechnet ihn, den König der Lebewesen, scheint der Mond zu ignorieren. Trotz zahlreicher Forschungen im In- und Ausland ist der wissenschaftliche Nachweis, daß die "Säufersonne" auch Verhalten und Befindlichkeit des Menschen beeinflußt, nach wie vor nicht geglückt.

Die Biologen Schad und Endres haben Dutzende von Studien gesichtet. "Die Untersuchungen mit positivem Ergebnis", so ihr Fazit, "sind deutlich in der Minderzahl." Ältere Studien, die Zusammenhänge zwischen Mondphasen und weiblichem Menstruationszyklus oder der Geburtenhäufigkeit herstellten, konnten durch neuere Arbeiten nicht bestätigt werden.

Auch Untersuchungen über Einflüsse des Trabanten auf Selbstmordrate und Verbrechensdichte widersprächen einander, stellten die Biologen fest. Selbst eine neue Schweizer Studie, die einen Zusammenhang zwischen Mondphasen und Herz-Rhythmus-Störungen aufzeigen wollte, erwies sich nach Ansicht der Wittener Autoren als nicht stichhaltig.

Der Heidelberger Soziologe Edgar Wunder ging der These nach, daß bei Vollmond mehr Kinder geboren würden. In den Studien verschiedener Länder fand der Skeptiker indes keinen Beweis.

Die Polizeidirektion Karlsruhe führte fast zwei Jahre lang Buch, das Ergebnis war negativ: Bei Voll- oder Neumond gab es nicht mehr Verkehrsunfälle, Verbrechen, Selbstmorde als sonst. Mußten die Peterwagen öfter ausrücken als in anderen Nächten, war nicht der Kamerad am Firmament, sondern das Wetter oder ein bevorstehender Feiertag schuld.

Ärzte der Universitätsklinik Linz werteten Ende vergangenen Jahres eine Studie über den Risikofaktor Mond aus. Resultat: Der Trabant, ob abnehmend, zunehmend oder voll, hat, zumindest bei den untersuchten Knie- und Hüftoperationen, keinen Einfluß auf die Heilung.

Schade eigentlich. Denn der Mensch wäre doch so gern auch ein Mondentier. Nicht die Sonne, sondern die trübe Funzel ließ von jeher seine Seele klingen und den Aberglauben blühen. Magische Kräfte wurden dem schummrig schimmernden Trabanten nachgesagt, das ist, Esoterik sei Dank, auch heute noch so.

Friseure berichten von Frauen, die sich nie bei zunehmendem Mond die Haare schneiden lassen, und im Internet versorgen Mondgläubige einander mit Geheimtips: Hühneraugen bei abnehmendem Mond behandeln.

Mag die Wissenschaft sagen, was sie will - der Mensch verehrt den Mond, manchmal so sehr, daß er sein Leben riskiert. Den einzigen wirklichen "Vollmond"-Unfall, so vermerkt die Karlsruher Polizeistudie, lieferte ein 32jähriger Autofahrer kurz nach Mitternacht: Der Mann kurvte unversehens auf die Gegenfahrbahn und blieb stehen. Dann schaltete er das Licht aus und betrachtete den Mond.

Sabine Kartte


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