01.11.1998

Wasser für die Seele

Er wollte wissen, wie ein Wal hört, hängte Lautsprecherboxen in den Nordpazifik und lauschte, die Ohren im Wasser, Gitarrenklängen und Wal-Gesang. Das Erlebnis fand der Journalist Micky Remann so berauschend, daß er sein Leben änderte und Geschäftsmann wurde: Sein "Liquid Sound", mit Lichtshow und Esoterik angereicherte Unterwassermusik, ist heute der Renner im deutschen Kurbetrieb.
Vor fünf Jahren baute Remann im thüringischen Bad Sulza die erste Liquid-Sound-Anlage. Seitdem pilgern jedes Jahr Tausende ins abgelegene Ost-Land, um, im klingenden Salzwasser sanft gewiegt, Body und Seele zu lockern. Bereits ein Jahr nach der Öffnung, schwärmt Remann, habe Liquid Sound "nahezu kultischen Status" erreicht.
Die ganze Region befindet sich im Wasser-Fieber. Für 30 Millionen Mark erbauen Land, Stadt und andere Geldgeber einen gläsernen Liquid-Sound-Tempel, die Toscana-Therme. Zur Eröffnung im kommenden Juni wird das Unterwasser-Musical "Ozeandertaler" (Autor: Micky Remann) gegeben; die Akteure tanzen um die Becken, unter Wasser spielt Musik, und das Premieren-Publikum genießt, die Ohren in der Sole. Alles Wasser, oder was?
Seit der liebe Gott die Meere füllte, zieht es die Menschen zum nassen Element. Wo Ozeane rauschen, Wellen schwappen, Bächlein plätschern, kommt Freude auf, heute, so scheint es, heftiger denn je: In den Zeiten wachsender Umweltprobleme hat der moderne Mensch das klare Naß zu seinem ultimativen Lustobjekt erkoren. Bereits die Urväter siedelten gern am Wasser, schon weil sie dort Nahrung fanden. Noch heute, schreibt der Hamburger Anthropologe Fritz Kramer, empfinde der Villenbesitzer jene archaische Lust, "wenn er durch die Fenster seines Wintergartens auf den im Tal liegenden Fluß schaut, als warte er, vor Raubtieren geschützt, geduldig auf das Wild, das dort zur Tränke kommen wird". Was früher notwendig und nützlich war, so Kramer, sei heute angenehm und schön. Wer es sich leisten kann, wohnt am Wasser. Am Starnberger See, an Rhein, Elbe, Alster, Spree klettern die Grundstückspreise mit jedem Stückchen Wasserblick. Weniger Betuchte verhelfen sich mit einem liebevoll angelegten Gartenteich zum Wasserglück, zur Not reicht ein Aquarium - 25000 Mitglieder, die mit Hingabe ihr Kleinstgewässer pflegen, zählen die Vereine der deutschen Aquarienfreunde, mehr als irgendwo sonst auf der Welt. Selbst Helmut Kohl erledigte die Regierungsgeschäfte mit Blick auf seine spaddelnden Fische.
Die Sehnsucht nach Fun und Freiheit treibt jedes Jahr Millionen Urlauber an die Meere. Spaniens Küstenstreifen, immer noch der Deutschen Lieblingsziel, sind von Hotels und Ferienhäusern mittlerweile so dicht bestellt, daß die Regierung das Land entlang der Wasserkante verstaatlichte. Traumziele wie die Karibik oder die Seychellen sind längst überlaufen.
Die Suche nach dem Paradies auf Erden führt die Scouts der Touristikindustrie in immer entlegenere Gebiete - Hauptsache Sehnsucht, Hauptsache Strand, Hauptsache Meer. Die Welt-Tourismus-Organisation schätzt, daß die Touristenströme der Zukunft die Meere vollends erobern: Antarktis-Touren, Tiefsee-Abenteuer mit dem U-Boot, Erlebnis-Kreuzfahrten gelten als die kommenden Trends. 42 neue Luxus-Liner sind im Bau, einer der geplanten Riesen soll 6200 Passagiere fassen.
Ein paar Nummern kleiner macht es auch Spaß: An warmen Tagen sind die heimischen Seen und Küsten von Segeln weiß betupft; an jedem Baggersee üben Schwärme von Surfern, an den Flüssen und Kanälen reihen sich die Angler. Zehn Millionen Deutsche, addierte das Hamburger B.A.T. Freizeit-Forschungsinstitut, sporten auf dem Wasser. Mittlerweile setzt die Wassersport-Branche drei Milliarden Mark im Jahr um. Um Nachwuchs muß sie sich nicht sorgen. Das B.A.T.-Institut befragte Jugendliche zwischen 14 und 24 Jahren nach der für sie beglückendsten Wunsch-Sportart: An der Spitze stehen Surfen (22 Prozent), Tauchen (17 Prozent), Wasserskilaufen (17 Prozent).
Körpertherapeuten üben mit ihren Patienten mehr und mehr im Wasser, Psychotherapeuten arbeiten sich über phantasierte Wasserbilder an die seelischen Nöte ihrer Klienten heran. "Solche Bilder haben eine erstaunliche Kraft", sagt die Hamburger Psychotherapeutin Claudia Klasen-Holzberg. "Sie können helfen, an verschüttete Gefühle und Erinnerungen zu gelangen."
Auch die Eso-Szene schöpft aus dem Vollen. In "Waterworld", dem "Newsletter für die Neuen Wassertherapien und Ozeanisches Bewußtsein", finden die Anhänger der weichen Welle zahlreiche Spielarten: Aqua-Healing, Oceanic-Aqua-Balancing oder "Näher zu dir selbst" mit Aquatischer Körperarbeit. Ah!
Warum liebt der Mensch das Wasser so?
In vielen Mythologien symbolisiert das Wasser die Urkraft des Lebens. Die Chinesen verehren das Wasser als Sinnbild des Weiblichen, sie nennen es den "Spiegel des Himmels". Tibetanische Mönche meditieren, auf der Suche nach seiner göttlichen Kraft, im Wasser. Die Perser, Ur-Meister des Gartenbaus, setzten ihr Bild vom Paradies in kunstvoll bewässerten Biotopen um. Wasser verbindet die Welt der Lebenden mit dem Reich der Toten. Die Hindus geben ihre Verstorbenen an das Wasser zurück.
In vielen Schöpfungsmythen wird die Erde, und mit ihr der Mensch, aus dem Wasser geboren. Die Ägypter, die Japaner, die Polynesier glaubten daran, und auch in der Bibel steht's: Als Gott zur Schöpfung ansetzte, war das Wasser schon da.
Wasser verschlingt, es bringt Chaos und Erneuerung; seine unkalkulierbare Kraft fasziniert den Erdgänger - die Sintflut und nicht ein großes Feuer rottete die Menschheit aus. "Das Wasser", sagt Kramer, "hat von jeher die Phantasien der Völker stimuliert."
Kaum ein Wallfahrtsort, kaum ein Tempel oder eine Kirche dieser Erde kommt ohne Wasser aus. Mit Wasser wird der Christenmensch getauft, mit Wasser wäscht er sich von seinen Sünden rein. Ein paar geweihte Tröpfchen genügen schon.
Den Wellneß-Faktor erkannten schon die Alten: Die Mesopotamier bauten sich vor 4500 Jahren Badezimmer in ihre Häuser; die Römer aalten sich in luxuriösen Badeanlagen, im Jahre 330 zählte allein die Hauptstadt 860 Bäder und 11 Thermen - mit enormem Wasserverbrauch. Araber, Chinesen, Japaner, Inder frönten schon immer dem Wasserspaß. Die türkischen Hammams sind Oasen des Wohlergehens, Japaner entspannen am liebsten im fast kochendheißen Wasser, Italiener lieben ihre Thermen, Franzosen Thalasso, der Deutsche kneippt. Wasser macht alle froh.
"Der Mensch hat von Natur aus ein besonderes Augenmerk für unwahrscheinliche Wahrnehmungen, und Wasser bietet eine Menge davon", erklärt der Anthropologe Kramer die Faszination des Elements, dessen Oberfläche spiegelt - den Himmel, die Bäume, den Mond. Nirgends sonst in der Natur gibt es so große Reflektoren. Wird seine Oberfläche berührt, zieht Wasser Kreise - eine Form, die so regelmäßig nur noch die Sonne oder der Mond zeigt. Welche Naturerscheinung regt so virtuos die Sinne an? Mit dem Licht wechselt das Wasser die Farben, jedes Naß hat einen anderen Geruch, einen anderen Klang. "Wasser läßt niemanden unberührt", schreibt der Landschaftsexperte Uwe Timm.
Sein Fluß, sein rhythmischer Wellenschlag finden sich im menschlichen Organismus wieder. Wer eine Muschel an sein Ohr preßt, glaubt das Meer zu hören - und hört doch nur sich selbst.
Wasser ist des Menschen Element, auch wenn er darin nicht existieren kann: Sein Körper besteht zu 60 Prozent aus H2O, drei Viertel des Gehirns sind nichts anderes. In der Nähe des Wassers fühle sich der Mensch an Mutters Bauch erinnert, behauptete Psycho-Meister Sigmund Freud. Das sanfte Schwappen, das Wiegen, die Schwerelosigkeit seien ihm aus den Anfängen im Fruchtwasser vertraut.
Der Klang von Wasser beruhigt, sein Anblick macht die Seele weit. Wasser spült den Alltag weg. "Man kann die Klamotten fallen und alles hinter sich lassen", sagt Klasen-Holzberg. Wasser für die Seele.
Mit kindlicher Verdrängungslust gibt sich der Mensch den Freuden hin: Genießen, so lange es noch geht, heißt die Devise.
Dem Anthropologen ist der Mechanismus vertraut: "Mit der Bedrohung nimmt die Romantisierung zu", stellt Kramer fest. "Die Sehnsucht in einer sich verhärtenden Welt", liest Herbert Dreiseitl, Landschaftsarchitekt aus Überlingen am Bodensee, aus der exzessiven Wasserlust: "Wasser wird nicht als Nutzelement verwendet, sondern als Psychodroge konsumiert."
Statt die malträtierte Ressource zu schützen, beutet der Wasserlüstling sie weiter aus. Rund eine Milliarde Liter täglich reichern die Deutschen mit ihrem Konsummüll an - Schaumbad, Shampoo, Duftöl, WC-frisch. Einmal täglich duschen ist Standard, die Fäkalien spült Trinkwasser weg.
Die Landwirtschaft bringt Gülle, Herbizide und Insektizide ins Grundwasser. Benzol, Toluol, Bleichmittel sind die Gaben der Industrie, 230 Tonnen Kohlenwasserstoffe kippt die Chemieindustrie täglich in den Rhein.
Das Statistische Bundesamt kam kürzlich zu dem Ergebnis, daß mit dem Wasser unproduktiver gewirtschaftet werde als mit anderen Rohstoffen. Den Preis, der in den Kostenrechnungen nicht enthalten ist, zahlt die Natur.
Wasser ist genügend da - doch nicht mehr jenes Wasser, das der Mensch zum Leben braucht: Von den 1,4 mal 1018 Tonnen Wasser, die der Globus trägt, sind nur Bruchteile eines Prozents für den Menschen nutzbares Süßwasser. Verschwendung und Verschmutzung gefährden weltweit die Versorgung mit Trinkwasser. Staudämme, Flußbegradigungen, Zerstörung von Ufer- und Küstenlandschaften verderben das Ökosystem: Dürren oder Überschwemmungen, wie jüngst in China, sind die Folge. Die Kriege der Zukunft, warnen Umweltexperten, werden nicht um Gold oder Öl geführt, sondern um Wasser (siehe Seite 72).
Für den deutschen Städter ist das sehr weit weg. Der erlebe die Ressource nur "auf dem Weg vom Wasserhahn zum Ausguß", kritisiert Dreiseitl. "Die Funktion des Wassers muß wieder erfahrbar werden."
Siedlungsplaner suchen nach Wegen, das Gebrauchsgut Wasser wieder ins Stadtbild zu holen. Am Potsdamer Platz, dem Berliner Prestige-Projekt, etwa ist geplant, das Regenwasser auf den Hochhäusern zu sammeln und in einer Teichanlage zur Wiederverwendung zu speichern. In etlichen Städten, Solingen, Herten oder Villingen-Schwennigen zum Beispiel, plant Dreitseitls Agentur in Wohngebieten offene Regenwasser-, Ver- und Entsorgungssysteme, die "mit der sinnlichen Wahrnehmbarkeit des Elementes Wasser verbunden sind".
Kleine Tropfen, doch laut Dreiseitl ein Anfang. Denn wer das Wasser liebt, muß lernen, von ihm zu lassen. "Das Bewußtsein für seine Kostbarkeit", bemängelt Dreiseitl, "ist in unserer Kultur abhanden gekommen."
Von Sabine Kartte

SPIEGEL SPECIAL 11/1998
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