01.11.1998

Das Geheimnis des Wüstentunnels

Libyens Gaddafi baut den "größten menschengemachten Fluß der Welt" - wozu?

Von Peter Münder

Peter Münder, 57, lebt als freier Autor in Hamburg.

Wenn Horst Ludolph, 55, sein Maschinen-Ballett in geschlossener Formation über die Dammkrone des el-Chadra-Wasserreservoirs rollen läßt, ist dem Bauleiter anzumerken, daß ihm das kakophone Gedröhn der sechs deutschen Straßenwalzen und das schrille Kreischen der amerikanischen Fräsen mehr behagt als jedes verträumte Säuseln einer "Schwanensee"-Melodie.

Der Bau-Ingenieur und Sprengmeister aus dem westfälischen Geseke läßt Kieselsteine und Bausand durch seine Hand rieseln und zeigt auf ein gigantisches, kreisrundes Wasserbecken: "So ein großartiges Projekt gibt es auf der ganzen Welt nicht noch einmal."

Unverkennbar stolz ist Ludolph auf seine Mitarbeit an einem der größten und mit 25 Milliarden Dollar auch der teuersten zivilen Bauvorhaben der Erde: Das Wasserreservoir in der Nähe von Bengasi gehört zum Projekt "Great Man Made River" (GMMR), mit dem Libyens exzentrischer Staatschef Muammar el-Gaddafi in die Weltgeschichte als Volksbeglücker eingehen will.

Mit Hilfe der Petrodollar-Millionen will Gaddafi ein "achtes Weltwunder" schaffen: Riesige Röhren sollen fossile Wasservorräte aus dem Süden des Landes über bis zu 2000 Kilometer in die großen Städte an der Mittelmeerküste schaffen - und zugleich eines Tages die Bewässerung von Kornfeldern und Obstplantagen in der Wüste ermöglichen.

Gaddafi, dem Westen verhaßt als Erbauer von Giftgasfabriken, Förderer ungezählter Terroristenzirkel und mutmaßlicher Hintermann des Lockerbie-Attentats von 1988, nutzt das GMMR-Projekt, um sich der Welt als Vertreter friedlicher Absichten zu präsentieren - als Mann, dessen Devise "Wasser marsch!" heißt und nicht mehr "Feuer frei!"

Vor allem die Amerikaner tun sich schwer, ihm diese Wandlung abzunehmen. Die US-Regierung argwöhnt, das GMMR-Projekt mit seinen aufwendigen unterirdischen Röhrensystemen nebst bunkerartigen Sammelbecken diene insgeheim militärischen Zwecken: In den vier Meter breiten Röhren, die sich durch das Land ziehen sollen, ließen sich Schienen verlegen, über die eines Tages Panzer und Mannschaften bis an die Landesgrenzen transportiert werden könnten.

Hatte Gaddafi, so fragen sich US-Experten, nicht schon lange den nordkoreanischen Hardliner Kim Il Sung bewundert, der geheime militärische Projekte meist in unterirdischen Tunnelsystemen untergebracht hat, perfekt abgeschirmt gegen alle Überwachungssatelliten?

Ende letzten Jahres zitierte die "New York Times" einen US-Militärexperten: "Wenn Sie hören, Saddam Hussein baut ein riesiges Tunnelsystem, das bis an die Grenze zu einem verfeindeten Nachbarstaat reicht, würden Sie dann nicht auch mißtrauisch werden? Das ist bei Gaddafi genauso."

Seit solche Spekulationen kursieren, ist Gaddafis künstlicher Fluß nicht nur das größte, sondern auch das mysteriöseste Bauvorhaben der Welt - obwohl das GMMR-Planungsbüro doppelseitige Anzeigen in US-Zeitungen schaltete, um die Gerüchte zu entkräften.

Wer die riesigen Wasserbecken bei Bengasi und die aufgerissenen Straßenviertel in Tripolis gesehen hat, wo zur Zeit neue Wasserrohre verlegt werden, kann solche Spekulationen nur als paranoiden Unfug verwerfen. Noch Anfang dieses Jahres schrieben deutsche Journalisten, aus den bislang verlegten Rohren sei noch "kein Tropfen" geflossen - was nachweisbar falsch war. Ein Beamter in der deutschen Botschaft in Tripolis sagt denn auch: "Es gibt keinen Unsinn, auf den die Presse nicht hereinfällt."

Beflügelt worden waren Gerüchte über militärische Absichten, als publik wurde, daß die riesigen GMMR-Wasserrohre ursprünglich durch einen Stollen bei Tarhuna führen sollten, in dem US-Geheimdienste noch immer eine geheime Giftgasfabrik vermuten. Inzwischen freilich hat Gaddafi die Pläne für die Verlegung der Rohre bei Tarhuna ändern lassen.

Der Experte Paul Beaver, der beim angesehenen britischen Militärverlag "Janes'" arbeitet und im Magazin "Pointer" über einschlägige Spekulationen berichtet hatte, korrigierte daraufhin seine Ansichten: "Ich habe mich jetzt von Augenzeugen überzeugen lassen, daß es sich tatsächlich um ein Bewässerungsprojekt handelt", erklärte Beaver. "Allerdings halte ich das ganze Vorhaben für eine einzige gigantische Verschwendung."

Am ökonomischen Nutzen des Projekts sind Zweifel in der Tat angebracht - ebenso wie an der geistigen Urheberschaft Gaddafis, der sich auf überdimensionalen Plakaten mit riesigen Wasserrohren im Hintergrund abbilden und als GMMR-Initiator feiern läßt.

Die fossilen Wasservorkommen, die in die nördlichen Küstenregionen geleitet werden, waren bereits Anfang der sechziger Jahre bei Ölbohrungen im Südosten Libyens entdeckt worden. Schon damals - lange vor Gaddafis Machtergreifung 1969 - soll es Pläne gegeben haben, diese wasserführenden Schichten (Aquifer) mit einem geschätzten Volumen von insgesamt 150000 Kubikkilometern (das entspricht einer 420 Meter hohen Wassersäule über der gesamten Fläche Deutschlands) für Trinkwasser- und Bewässerungsprojekte zu nutzen. Die Erschließung von Ölquellen und Libyens Aufstieg in die Opec-Liga ermöglichte schließlich die Finanzierung.

Mittlerweile unterliegen die Erdöl-Einnahmen starken Schwankungen, und Libyen gerät gegenüber den südkoreanischen und deutschen GMMR-Baufirmen immer häufiger in Zahlungsverzug. "Viele deutsche Firmen beklagen sich schon seit Jahren über hohe Außenstände, aber auf der libyschen Seite ignoriert man diese Schulden oder vertröstet uns", kritisiert der Hamburger Kaufmann Solms Nebelung, der im Frühjahr mit einer deutschen Delegation Libyen bereiste.

Ob sich die gigantischen GMMR-Investitionen für Libyen auszahlen, ist ebenso ungeklärt wie die Schlüsselfrage, wie lange die Wasservorräte im Süden reichen. Experten der Ohio State University, die an der Exploration des unterirdischen Aquifer-Systems beteiligt waren, nehmen an, daß die fossilen Wasservorräte durch neu entstehendes Grundwasser ergänzt werden - eine irrige Annahme, wie der Geologe Eberhard Litzsch glaubt, der die nordafrikanischen Wüstenregionen seit 30 Jahren im Rahmen eines Sonderforschungsprojekts der TU Berlin untersucht. "Aufgrund unserer Analysen früherer Klimazonen kann man einen Prozeß der Grundwassererneuerung in diesem Aquifer-System ausschließen", sagt Litzsch. Daher seien die "ungeheuren libyschen Wasservorräte durch das GMMR-Projekt in spätestens 30 oder 50 Jahren erschöpft".

Wenn das 1984 begonnene GMMR-Projekt im Jahre 2015 abgeschlossen ist, soll der "große menschengemachte Fluß" nicht nur die marode Trinkwasserversorgung von Küstenstädten wie Tripolis, Sirt und Bengasi ersetzen, sondern auch auf vielen hundert Quadratkilometern die Wüste erblühen lassen. Wo sich heute öde, verkarstete Flächen erstrecken, machen dann, wenn es nach dem Willen des "Ersten Ingenieurs" Gaddafi geht, Kornfelder sowie Obst- und Gemüseplantagen teure Importe überflüssig.

Woher allerdings libysche Schafhirten so rasch das Know-how für den Anbau, für Bewässerung, Düngung und Ernte erlangen sollen, weiß offenbar niemand von den libyschen Offiziellen. Auch über die drohende Versalzung der Böden, die vom Wüstenwind Ghibli verursachte Erosion und über Windschutzanlagen scheint sich kein heimischer Agrarexperte Gedanken zu machen.

Libysche Hirten, die auf den Feldern bei Bengasi neben dem riesigen GMMR-Reservoir ihre Schafe hüten, klagen über die Selbstherrlichkeit der Behörden: "Uns hat nie jemand gefragt, ob wir umsatteln wollen auf Ackerbau." Den Huftier-Hütern ist kaum zu vermitteln, weshalb sie ihr relativ gutes Einkommen aufgeben sollten; für ein Schaf erlösen sie bis zu 100 Dinar (knapp 500 Mark), und manche Hirten können hundert Schafe im Jahr verkaufen - was mehr einbringt, als sich mit dem Anbau von Obst oder Getreide verdienen ließe.

Unumstritten ist, daß der Wüstenstaat Libyen in die Zukunft seiner Trinkwasserversorgung investieren muß - die Wasserqualität ist miserabel, und die Leitungen, die teilweise noch aus der italienischen Kolonialzeit stammen, sind weithin brüchig. Doch hätte sich die Wasserversorgung nicht auch mit weniger Aufwand sichern lassen?

Auch europäische Experten - die den Verdacht der Amerikaner vom militärischen Nebenzweck des Projekts nicht teilen - fragen sich: Warum müssen die Rohre (Gesamtlänge: knapp 4000 Kilometer) einen Durchmesser von vier Metern haben? Läßt sich wirklich nur so eine ausreichende Fließgeschwindigkeit über das Süd-Nord-Gefälle mit einem Höhenunterschied von rund hundert Metern garantieren?

Nach Ansicht europäischer Entwicklungsexperten wäre es sinnvoller gewesen, das benötigte Trinkwasser in kleineren Meerentsalzungsanlagen entlang der Küste zu produzieren - ähnlich wie es Saudi-Arabien und das Emirat Abu Dhabi schon seit Jahren mit Erfolg praktizieren. Der hohe Energiebedarf solcher Entsalzungsanlagen ließe sich in Nordafrika teilweise mit Sonnenkraft decken; ein derartiges Projekt sei letztlich kostengünstiger als der 25 Milliarden Dollar teure GMMR.

Small is beautiful - solche bescheidenen Maximen freilich scheinen einem Herrscher wie Gaddafi fremd, der sich als begnadeter, visionärer Führer in den Geschichtsbüchern verewigen lassen möchte. Sein Vorbild war lange Zeit Ägyptens Nasser, der mit dem Assuan-Staudamm schließlich auch ein vielbeachtetes Monument geschaffen hat.

Ein deutscher Techniker hält das GMMR-Vorhaben - geplant von der angloamerikanischen Consulting-Firma Brown and Root - für "völlig aberwitzig": "Das sieht den spleenigen Engländern ähnlich, daß sie das Wasser über Hunderte von Kilometern aus der Wüste ans Meer schaffen und sich keinerlei Gedanken machen über die Algenbildung in den Röhren, über die Absenkung der Böden in den leergepumpten Wassergebieten oder die dadurch verursachte Versalzung."

Das größte Wasserbauprojekt der Welt werde sich, prophezeit der Experte, als "gigantische, völlig unpraktikable Fehlinvestition" erweisen.


SPIEGEL SPECIAL 11/1998
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