01.01.1999

Wo endet das Morden?

Das Gespräch führte special-Mitarbeiter Arno Luik, 43, ehemaliger Chefredakteur der „taz“, freier Journalist in Hamburg.
special: Herr Zülch, Sie sind ein Moralist.
Zülch: Na und? Soll das etwa ein Vorwurf sein? Ich habe meine Prinzipien, ethische Standards; Nächstenliebe ist für mich wichtig. Das hat mit meiner Jugend zu tun.
special: Sie waren ein Flüchtlingskind.
Zülch: Ja, und ich habe deswegen auch in den Jahren nach dem Krieg genau mitgekriegt, was Recht und was Unrecht ist. Und was Hunger heißt. Ich war verdammt dankbar, daß es damals diese Care-Pakete aus den USA gab, die haben Leben gerettet.
special: Das hat Sie so geprägt, daß Sie sich später sagten: Ich gründe eine Menschenrechtsorganisation?
Zülch: Warum so ironisch? Ich habe am eigenen Leib erfahren, daß man helfen kann und daß man eingreifen muß. Als 14jähriger Junge habe ich Filme über Auschwitz und die Öffnung der KZ gesehen. Diese Gesichter von Frauen und Kindern, vor Schreck verzerrt, vor Entsetzen entstellt. Heute sieht man solche Bilder ständig - und sie treiben mich an zu handeln, täglich.
special: Immer dieses Elend.
Zülch: Es ist bedrückend. Manchmal könnte ich aufschreien, wenn ich den Fernseher anmache. Das Leid hält man nur aus, wenn man einen Ausgleich hat: Freunde, auch Bücher. Da sind auch Anfälle von Resignation. Man kommt sich vor wie Sisyphos.
special: Über 30 Kriege gibt es im Moment, etwa 50 Millionen Menschen sind auf der Flucht und ...
Zülch: ... soll ich deswegen die Hände in den Schoß legen? Nein! Es ist ja nicht nur diese abstrakte Masse: 50 Millionen! Das sind alles Einzelschicksale - und da können Sie hie und da etwas bewirken. Einfach diesen Wahnsinn lindern. Das treibt mich immer wieder an. Im Kosovo, mitten in Europa, irren jetzt Tausende durch die Wälder, der Winter ist da, eine fürchterliche Katastrophe. Aber wir können das ändern durch Öffentlichkeitsarbeit, Aufklärung, Druck und Aktionen.
special: Ihrem Einsatz zum Trotz: Pro Minute sterben 15 Kinder an Hunger - und das ist kaum eine Nachricht wert, das regt niemanden auf.
Zülch: Diese moralische Kälte, diese Gleichgültigkeit ist für viele, die sich voller Enthusiasmus für die Dritte Welt einsetzen, ein Schockerlebnis. Und dann geben sie auf, weil sich kein Schwein für dieses Elend interessiert. Diese andauernde Hoffnungslosigkeit macht viele apathisch. Im Südsudan sind Tausende gestorben, das Sterben geht täglich weiter - was lesen wir darüber in den Zeitungen?
special: Vielleicht ist für die Öffentlichkeit ein schwarzer Toter weniger wert als ein weißer?
Zülch: Das glaube ich nicht, und das will ich auch nicht glauben. Seit 30 Jahren bin ich in dieser Arbeit engagiert. Aber ich verstehe immer noch nicht, wie die moralische Erschütterung funktioniert, wann Katastrophen auch für die Medien "in" sind. Manchmal wird da irgendwo ein Schalter umgelegt. Und dann ist für ein paar Tage ganz furchtbar, was im Südsudan oder Ost-Timor passiert. Aber dann ist es wieder weg. Merkwürdig. Warum hat der Biafra-Kessel in Nigeria 1968 die ganze Bevölkerung erschüttert, während sich gegen den Vietnamkrieg nur die Studenten engagierten?
special: Vielleicht weil das Leid in Biafra und auch in Bosnien von einer PR-Agentur profimäßig aufbereitet worden war?
Zülch: Ist das verwerflich? Nein. Wenn Hunderttausende ermordet werden, wenn eine Flugstunde von hier entfernt ein Völkermord begangen wird, dann bin ich doch dankbar, wenn sich PR-Firmen darum kümmern. Man sollte verlangen, daß die so etwas öfter machen ...
special: ... also wie die Pulloverfirma Benetton in ihrer Werbung das Elend der Welt knallig inszenieren? Nach der Devise: Die richtige Moral heiligt die Mittel?
Zülch: Sie brauchen Einzelschicksale, überschaubare Katastrophen. Das rüttelt die Menschen auf. Die allgemeine theoretische Einsicht, daß Böses auf dem Planeten geschieht, rührt heutzutage niemanden mehr an. Sie müssen die Menschen erreichen, sie irgendwie packen, sie aus der Lethargie schütteln.
special: Und deshalb operieren Sie, wie Ihnen Kritiker vorwerfen, schnell und inflationär mit den Begriffen Völkermord und Auschwitz.
Zülch: Nein. Ich nehme Auschwitz, wie es Heinrich Böll gefordert hat, zum Anlaß, um zu handeln. Die deutsche Intelligenz ruht sich auf Auschwitz aus. Es gibt in Deutschland ein regelrechtes Denkverbot, Auschwitz als Vergleich heranzuziehen. Die Vergangenheitsbewältigung wird immer mehr zu einer intellektuellen Industrie, die keine Zivilcourage erfordert.
special: Das ist doch Unsinn.
Zülch: Nein. Die Opfer von Auschwitz werden mißbraucht, um andere historische oder aktuelle Verbrechen zu verdrängen. Wenn Tausende ermordet werden, müssen Sie handeln. Was im Südsudan passiert, ist Völkermord, und das muß man auch so nennen. Was in Bosnien passiert ist, war Völkermord. Jüdische Organisationen haben gefordert, daß man die Verbrechen im Kosovo stoppen muß, bevor es schlimmer wird.
special: "Können Sie noch ruhig schlafen, Herr Kohl, wenn die KZ-Rampe in Bosnien wieder arbeitet?" Mit diesem Spruch hielten Sie vor Kohls Wohnsitz in Oggersheim eine Mahnwache, als 1995 die Stadt Srebrenica fiel.
Zülch: Ja, das sind wir doch den Opfern von Auschwitz schuldig. So stelle ich mir Vergangenheitsbewältigung vor: Die Toten von Auschwitz sind tot, aber man kann neue Opfer verhindern und die Taten der Täter anprangern. Vier Jahre lang war diese Stadt eingeschlossen. Die Welt sah zu, wie Menschen gejagt, erschossen, vergewaltigt, erschlagen wurden. Und das mitten in Europa. Diese fürchterlichen Bilder. Unvorstellbare Greuel. Da war der Todesmarsch der 15000 Männer. Ein neuer Völkermord ein paar hundert Kilometer von hier entfernt. Man hätte durch Eingreifen viel Leid verhindern können.
special: Kritiker werfen Ihnen vor, fahrlässig mit Zahlen umzugehen.
Zülch: Nein! Wenn Tausende ermordet oder vergewaltigt werden, dann läßt sich das manchmal nicht genau erfassen. Da gibt es ja keine Statistik. Und wenn es dann hundert weniger waren? Ist es dann schlimm, wenn man einen Völkermord hat verhindern können?
special: Muß eine Menschenrechtsorganisation nicht besonders sorgfältig sein, um ihre Glaubwürdigkeit nicht zu verlieren?
Zülch: Unsere Zahlen haben sich ja - leider - meistens bestätigt. Wenn das Morden beginnt, weiß man nie, wo es endet. Aber es wäre nicht schlimm gewesen, wenn jemand 1943 gesagt hätte: Zehn Millionen Juden werden ermordet, auch wenn es weniger waren. Wichtig wäre es doch gewesen, überhaupt auf den Völkermord an den Juden hinzuweisen! Es ist so einfach, so verdammt einfach, wegzugucken und alles laufen zu lassen: Mord und Totschlag, Vergewaltigung und Genozid. Es wird doch immer wieder versucht, ganze Gruppen planmäßig zu vernichten: die Tutsi in Ruanda, die Kurden im Irak und der Türkei und ...
special: Sie halten seit 1970 dagegen, als Sie Ihre Gesellschaft für bedrohte Völker gegründet haben.
Zülch: Ja. Ich habe das auch gemacht aus Frust, verhaltener Wut und Enttäuschung. Ich komme aus der Apo, bin ein 68er. Aber für die gab es nur den Vietnam-Krieg. Der Terror in Biafra hat die nicht interessiert. Täglich starben da tausend Kinder, da kam alles zusammen, britische Ölinteressen, sowjetische Interessen. Da gab es einen Genozid, doch die Apo schwieg.
special: Ihr Biafra-Engagement, hieß es damals, solle nur Vietnam aus den Schlagzeilen drängen. Im Klartext: vom Morden der Amerikaner in Asien ablenken.
Zülch: Ein absurder Vorwurf der Linken. Einfach dumm. Amoralisch. Man darf nicht mit Scheuklappen argumentieren. Die linke Intelligenz, die sich für so progressiv und moralisch so rein hielt, hat zu oft geschwiegen. Joschka Fischer, und das rechne ich ihm hoch an, hat das zugegeben: Bei Verbrechen, die politisch nicht in sein Weltbild paßten, hat er jahrzehntelang den Mund gehalten.
special: Als der britische Außenminister Robin Cook 1997 sein Amt antrat, versprach er eine "neue Ethik in der Politik": Fortan sollten keine Waffen mehr in Krisengebiete exportiert werden, um Arbeitsplätze zu sichern. Man wolle nun "im Waffenhandel aufräumen". Doch ein knappes Jahr später ...
Zülch: ... lieferten die Briten Panzer und Hubschrauber nach Sierra Leone, Kampfausrüstungen nach Indonesien. Solange es Waffenexporte gibt, gibt es Krieg.
special: Nicht hehre, moralische Grundsätze bestimmen die Politik, sondern...
Zülch: ... ganz profan, das Geschäft und die Märkte: Öl, Pipelines, Rohstoffe. Deshalb hatte auch Klaus Kinkel damals Angst vor dem Schal, den der Dalai Lama ihm umlegen wollte. Das war peinlich und hochsymbolisch zugleich: China ist zu wichtig für eine gute Moral. Als die Amerikaner im August 1998 Raketen auf afghanische Ziele schossen, habe ich in einer RTL-Sendung darauf hingewiesen, daß die USA das dortige Taliban-Regime mit Milliarden Dollar und Waffen hochgepäppelt haben. Da hieß es ganz schnell: Das sei nicht das Thema für die Sendung. Harmlos sollte die Kritik sein, es ging ja um den Freund. An Grundkonstellationen soll man nicht rühren. Das ist das Dilemma für Menschenrechtler: Humanität, Solidarität - immer nur Teilerfolge sind möglich, allenfalls. Leider.
special: Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sah es aus, als ob alles besser werden würde. 1990 versprach der damalige US-Präsident George Bush in der "Charta von Paris" eine neue Ordnung: In Zukunft sollten Krisen ohne Androhung von Gewalt beendet werden.
Zülch: Es waren schöne Worte, die aber die stete Folge von Kriegen seit 1945 nicht eine Sekunde unterbrochen haben. Ich bin pessimistisch. Zu oft ist man Feuerwehr für Probleme, die hausgemacht sind. 1990, als das Embargo gegen den Irak war, bin ich in Bayern in ein geheimes Lager der Firma Daimler-Benz-Aerospace eingedrungen, habe dort Pakete mit Ersatzteilen von Kampfhubschraubern, die für den Irak bestimmt waren, entdeckt. Ich wurde zu 3000 Mark verurteilt. Dem Produzenten des Todes passierte nichts.
special: An was müßte sich die Regierung halten, die vor Ihnen bestehen könnte?
Zülch: Das ist einfach, vor allem an die alte UN-Charta von vor 50 Jahren. Es würde auch schon reichen, wenn sich die Regierungen an die moralischen Vorgaben hielten, mit denen die Nazis nach dem Krieg verurteilt wurden. Die Welt sähe dann viel besser aus.
special: Wem würden Sie in Deutschland zutrauen, diese Gedanken in einer Regierung umzusetzen?
Zülch: Als Bundeskanzler wünschte ich mir Christian Schwarz-Schilling. Er ist 1992 als Minister auch wegen des Genozids in Bosnien zurückgetreten, aus Unzufriedenheit über die Politik der Bundesregierung. Der Sozialdemokrat Freimut Duve wäre mein Außenminister. Der hat nie die ideologischen Verrenkungen und das komplizenhafte Schweigen der Linken mitgemacht bei Menschenrechtsverletzungen. Und so einer ist auch Cohn-Bendit - mein idealer Entwicklungsminister. Er ist immer gegen den Strom geschwommen, gegen die kommunistischen Massenparteien. Er war immer auf der richtigen Seite - in Afghanistan, in Bosnien. Immer auf der Seite der Opfer.
special: Und wer wäre Ihr Lieblings-Verteidigungsminister?
Zülch: An diesen Job verschwende ich keine Gedanken. Da fällt mir auch niemand dafür ein. Ich habe ja wider besseres Wissen trotz allem die Hoffnung, daß dieses Amt irgendwann überflüssig wird.
special: Herr Zülch, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Von Arno Luik

SPIEGEL SPECIAL 1/1999
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