01.01.1999

Die reine Beziehung

Dr. Gunter Schmidt, 60, ist Professor für Sexualwissenschaften an der Universität Hamburg; er veröffentlichte unter anderem die Studie „Sexuelle Verhältnisse“ (Rowohlt), die er für special exzerpierte.
In dem kleinen, als liberal geltenden College Antioch, Ohio, entwarfen Studentinnen und Studenten Anfang der neunziger Jahre eine neue sexuelle Ordnung: Ihre Vollversammlung verabschiedete für beide Geschlechter und alle sexuellen Orientierungen einen Katalog sexueller Korrektheit, Regeln für Flirten, Küssen, Streicheln, Schmusen und Beischlafen.
Das Prinzip ist einfach: Explizite Fragen und explizite Zustimmung für jede neue Ebene des sexuellen Kontaktes, also eine klare Frage und ein klares "Ja" zum Kuß, zur Körperberührung, bei jeder erogenen Zone, zu jeder Form der Stimulation sind Voraussetzungen gemeinsamer Sexualität.
So wie der oder die Verführende - will man sie noch so nennen - verpflichtet ist zu fragen, so ist der oder die zärtlich oder sexuell Adressierte komplementär dafür verantwortlich, seine oder ihre Bereitschaft oder das Fehlen dieser Bereitschaft verbal oder körperlich, in jedem Fall aber deutlich auszudrücken.
Die Geschichte aus Antioch ist bizarr, aber sie beleuchtet grell und wahrhaftig eine allgemeine und verblüffende gesellschaftliche Tendenz: Die Abschaffung der Sexualmoral im herkömmlichen Sinne und ihre Ersetzung durch eine Verhandlungsmoral der Partner.
Die Sexualmoral war essentialistisch oder fundamentalistisch und qualifizierte bestimmte sexuelle Handlungen - zum Beispiel voreheliche oder außereheliche Sexualität, Masturbation, Homosexualität, Oralverkehr, Verhütung - prinzipiell als böse, weitgehend unabhängig von ihrem Kontext. Sie war eine Moral der Akte.
Zentrale Kategorie der Verhandlungsmoral dagegen ist die Forderung nach vereinbartem ratifiziertem Sexualverhalten, der ausdrückliche verbale Konsens. Da sie nicht sexuelle Handlungen oder Praktiken bewertet, sondern die Art und Weise ihres Zustandekommens, also Interaktionen, hat die Verhandlungsmoral durchaus liberale Züge.
Die Studenten von Antioch sind nicht prüde. Ob hetero-, homo- oder bisexuell, ehelich oder außerehelich, genital, anal oder oral, zart oder ruppig, bieder oder raffiniert, sadistisch oder masochistisch - all das ist moralisch ohne Belang. Von Belang ist, daß es ausgehandelt wird.
Selbst Abstinenz kann verhandlungsmoralisch wieder zu Ehren kommen, als neue Keuschheit. Verhandlungsmoral erlaubt Beziehungen ohne Sex ebenso wie Sex ohne Beziehungen.
Die Konsequenz ist ebenso radikal wie bemerkenswert: Freuds polymorph perverse Welt wird "polymorph unpervers". "Normale" Sexualität, Heterosexualität, wird zu einem von vielen Lebensstilen, zu einer von vielen möglichen Arten, sexuell zu sein. Die sexuellen Perversionen verschwinden und etablieren sich als ebensolche Lebensstile, medial schonungslos präsentiert und bekanntgemacht, allseits stolz geoutet.
Die Verhandlungsmoral hat die Perversionen - oder das, was man ehedem so nannte - längst erreicht, ja, an ihnen können sich Macht und Universalität der Verhandlungsmoral erst richtig erweisen. Sadistinnen und Masochisten versichern in zahllosen Talkshows und Features, daß es um maßvolle, um vereinbarte Torturen geht.
Mit dem Horror und den Visionen des Marquis de Sade hat das nichts mehr zu tun. Und nur noch solche sexuellen Besonderheiten, die die Verhandlungsmoral inhärent verfehlen, zum Beispiel die Pädophilie wegen des Machtungleichgewichts der Partner, bleiben als Perversionen erhalten und werden heute unnachsichtiger ausgespäht und verfolgt als früher.
Die Verhandlungsmoral bewirkt einen starken Rationalisierungsschub der Sexualität - und gründet sich auf einen beinahe rührenden Glauben an ihre Rationalisierbarkeit. Der Begriff "Leidenschaft" ist heute so obsolet wie der der "sexuellen Sünde", zu dem sich nur noch die katholische Kirche in rebellischer Antiquiertheit bekennt - übrigens mit durchaus paradoxem Effekt:
Die Radikalität der päpstlichen Forderungen - zum Beispiel: keinen Sex ohne Ehe oder ohne Fortpflanzungsrisiko/-chance - befreit die Gläubigen von den Ketten religiöser Bevormundung; sie läßt ihnen keine andere Wahl, als massenhaft etwas sehr Profanes zu vollziehen: die Individualisierung ihrer Sexualität, die Pluralisierung ihrer Normen.
Den neuen Sexualverhältnissen adäquat ist eine moderne Beziehungsform, die der britische Soziologe Anthony Giddens als "reine Beziehung" beschreibt. Heterosexuelle bewegten sich auf diese Beziehungsform zu, bei homosexuellen Männern und lesbischen Frauen trete sie schon klarer in Erscheinung.
Die "reine Beziehung" - das Adjektiv ist im Sinne von pur oder unvermischt zu verstehen - wird nicht durch materiale Grundlagen, Institutionen oder Traditionen gestützt, sie wird nur um ihrer selbst willen eingegangen und besteht nur, solange sich beide darin wohl fühlen, solange beide einen emotionalen "Wohlfahrtsgewinn" haben.
Dadurch ist ihre Stabilität riskiert, ja, es gehört zu ihrer Reinheit, prinzipiell instabil zu sein. Sie verriete ihre Prinzipien, wenn sie Dauer um der Dauer willen anstrebte.
Die zunehmende Anzahl der Scheidungen, die zunehmende Zahl nichtehelicher Beziehungen, die Tatsache, daß heute 30jährige durchschnittlich schon mehr feste Beziehungen hinter sich haben als 70jährige in ihrem viel längeren Leben, sind Folgen der reinen Beziehung - Folgen einer neuen Beziehungskonzeption, nicht eines Werteverfalls. Aus dem Paar, das durch basale Aufgaben, Institutionen und lebenswichtige wechselseitige Abhängigkeiten zusammengehalten wurde, wird ein rekreatives und Erlebnisteam.
Beide Partner müssen vielfältige Talente entwickeln, um das Wohlfühlen - zumindest eine Zeitlang - zu gewährleisten, vor allem die Fähigkeit des Aushandelns. Wenn die Geschlechterrollen weniger festgezurrt sind - eine Voraussetzung der reinen Beziehung -, muß der gesamte Alltag ausgehandelt werden: Wer bringt die Kinder zur Schule, wer holt sie ab, wer paßt abends auf sie auf, wer trifft Freunde, wer besorgt den Einkauf, wer erledigt die Telefonate mit Oma und Opa und so weiter und so fort.
Doch auch schon der Beginn einer Beziehung, das Verlieben, kann Tausch- oder Verhandlungssache sein. In einem modernen Theaterstück heißt es: "Ich bin verliebt in Fort, falls er in mich verliebt ist, ich lasse mich in keine einseitige Affäre verwickeln."
Die reine Beziehung ist nicht notwendig monogam, da auch hierüber eine Vereinbarung zu treffen ist. Die meisten heterosexuellen Paare entscheiden sich allerdings für Treue, so daß serielle Monogamie zur vorherrschenden Erscheinungsform der reinen Beziehung wird. Dabei haben jüngere Paare die serielle Monogamie in den letzten Jahren offenbar weiter perfektioniert, ihre Beziehungen sind monogamer und serieller als früher: Junge Männer und Frauen sind heute - so paradox es klingt - treuer in kürzeren Beziehungen.
Ihr Verständnis der Treue hat mit dem ihrer Großeltern allerdings nur wenig zu tun, weshalb man auch nicht davon reden kann, daß sie wieder "traditioneller" geworden sind. Im Zeitalter der reinen Beziehung ist Treue nicht an eine Institution, also die Ehe, oder per se an eine Person gebunden, sondern an das Gefühl zu dieser Person: Treueforderung und Verpflichtung gelten nur, solange die Beziehung als intakt und emotional befriedigend erlebt wird.
Als schwebend hat der polnische Soziologe Zygmunt Bauman die Liebe in der reinen Beziehung beschrieben, eine Liebe, die das Versprechen auf Freiheit mit dem Gespenst der Unsicherheit verbindet, Freiheit und Bindung ambivalent in der Schwebe hält. Da nur selten beide Partner zugleich ihre Freiheit wiederhaben wollen, ist die reine Beziehung, wie andere Partnerschaftsformen auch, mit Leiden verbunden. Das Wiedergewinnen der Freiheit des einen bedeutet Einsamkeit, Kränkung, Verzweiflung für den anderen. Doch der oder die Sich-Trennende empfindet auffällig selten Schuldgefühle, denn der Anspruch, nur der Authentizität der eigenen Gefühle zu folgen, ist quasi moralisch geworden.
Die große Schwester der reinen Beziehung ist die postfamiliale Familie, die Elisabeth Beck-Gernsheim, Familiensoziologin in Erlangen, beschrieben hat, mit ihrer neuen Vielfalt, familiär zu sein, mit ihrer Buntheit familiärer und quasi familiärer Verhältnisse und ihren neuen Formen der Mütterlichkeit, der Väterlichkeit und der Geschwisterlichkeit. Kinder wachsen bei ihren verheirateten oder unverheirateten Eltern auf; oder, vor oder nach der Trennung der Eltern, bei einem Elternteil, der alleine lebt oder mit einem neuen Partner, mit dem er weitere Kinder hat oder nicht, und der aus früheren Beziehungen Kinder mitbringt oder nicht; der Kontakt zum anderen Elternteil ist stark oder schwach, dieser lebt allein oder mit einem neuen Partner, mit dem er gemeinsame Kinder hat oder nicht, der Kinder aus früheren Beziehungen hat oder nicht - und so weiter.
Dieser verwirrenden Vielfalt der Sozialisationsbiographien von Kindern entspricht die Vielzahl der Beziehungsbiographien der Eltern. Die alte Normbiographie - Elternfamilie, Junggesellenzeit, eigene Familien, Verwitwung (sofern der Partner früher stirbt), Ende - wird zunehmend zu einer Randexistenz. An ihre Stelle tritt ein kaum beschreibbarer, buntgescheckter biographischer Beziehungspluralismus - als Folge der reinen Beziehung.
So wie die Verhandlungsmoral nur "moralisch" ist, solange gleich starke - also ökonomisch, emotional oder sonstwie nicht erpreßbare - Partner beteiligt sind, so ist die reine Beziehung nur bei solchen Paaren "rein", die "an Macht und Lebendigkeit sich gleich sind". Da lesbische und schwule Partnerschaften durch das gesellschaftliche Mann-Frau-Ungleichgewicht nicht behelligt sind, ist bei ihnen die reine Beziehung klarer ausgeprägt.
Bei heterosexuellen Partnern wird sich diese Beziehungsform in dem Maße etablieren und ihrem Idealtyp annähern, in dem die geschlechtsgebundene Verteilung von Arbeit, Aufgaben und Macht weiterhin abnimmt. Sie ist heute in solchen Gruppen am häufigsten anzutreffen, in denen diese Bedingungen am weitesten erfüllt sind, zumindest temporär, zum Beispiel bei studentischen Paaren - ohne Kinder.
Das Verschwinden der Sexualmoral, allgemeiner gesprochen, die fortgeschrittene Enttraditionalisierung von Sexual-, Beziehungs- und Familienverhältnissen, hat britische Soziologen dazu bewegt, eine sexualpolitische Vision zu entwickeln, die die Kakophonie der Wahlmöglichkeiten zugleich gewährleisten und wohl auch ein wenig ordnen soll: "Intimate citizenship".
Dieser Begriff ist kaum ins Deutsche zu übersetzen. Er beschreibt eine auch im Sexuellen zivile und demokratische, radikal pluralistische Gesellschaft, in der gleichberechtigte Individuen "Intimität" - sexuelle Präferenzen und Orientierungen, Beziehungsformen, Formen der Kinderaufzucht und des Zusammenlebens, Versionen von Männlichkeit und Weiblichkeit und so weiter - selbstbestimmt, aber die Grenzen anderer achtend, leben und regeln. Vielfalt und Differenz der Lebensformen und Auffassungen werden bejaht oder doch zumindest respektiert, die Verantwortung gegenüber der Autonomie des anderen wird hoch bewertet.
"Intimate citizenship" ist der ethisch-politische Überbau der "von unten" entstandenen, von "den Leuten" gemachten Verhandlungsmoral und so etwas wie eine "Verfassung" der reinen Beziehung. Merkwürdig nur, daß sich heute Soziologen für diesen Überbau zuständig fühlen. Dies zeigt noch einmal, wie bedeutungslos die traditionellen normsetzenden Institutionen geworden sind, zumindest im Bereich des Sexuellen.
Von Gunter Schmidt

SPIEGEL SPECIAL 1/1999
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