01.01.1997

HaustiereDie negative Nase

Frauenherzen fliegen ihm zu, Mannsbilder schütteln sich bei seinem Anblick, Verhaltensforscher zollen ihm milden Respekt, Ökologen wenden sich mit Schaudern. Er wird besungen, bedichtet und belächelt.
Kaum eine Kreatur löst so widersprüchliche Reaktionen aus, kaum eine bietet so ein absurdes Erscheinungsbild: kraftvoller Körper mit dem selbstbewußt tänzelnden Gang eines Kampfstiers, ein Ringelschwanz wie vom Konditor onduliert mit der feinen Spitze eines japanischen Aquarellpinsels.
Seine heisere Stimme erinnert an das Hüsteln eines indisponierten Tenors, sein sorgenvoller Charakterkopf mit dem anrührend unschuldigen Blick eines Seehundbabys löst Streichelreflexe aus oder Abscheu. Ein Mops polarisiert.
Der Mops ist, vielleicht neben der Erfindung des elektrisch verstellbaren Außenspiegels und des Bungee-Springens, eine der sonderbarsten Kulturleistungen der Menschheit.
"Möpse sind mit Hunden nicht zu vergleichen", weiß der preußische Adelsherr Vicco von Bülow, bekannt als Loriot und langjähriger Lebensgefährte zweier zuweilen stinkender, aber hochtalentierter Kleindarsteller: "Sie vereinigen die Vorzüge von Kindern, Katzen, Fröschen und Mäusen. Möpse können, wie Menschen, im Alter figürlich etwas nachlassen, jedoch an Ausdruck gewinnen."
Der Mops lag dem europäischen Adel immer näher als Mozart oder das Evangelium, denn er teilte mit ihm das Lager. Ein Mops veränderte die westeuropäische Landkarte, indem er Prinz Wilhelm von Oranien das Leben rettete, als spanische Söldner ihn überfallen wollten.
König Wilhelm III. von England besaß einen Mops, Königin Victoria wollte unbedingt einen haben. Der Herzog von Windsor hielt sich gleich zwei, "Disraeli" und "Trooper".
Für Madame Dubarry waren Möpse die wahren Sonnenkönige ihres Boudoirs, Marie Antoinette liebte ihre Möpse bis zum bitteren Gang aufs Schafott, und Napoleon ließ es sich gefallen, daß "Monsieur Fortune", der größenwahnsinnige Schloßhund seiner Gemahlin Josephine, ihm das Ehelager streitig machte. Der Schah von Persien hielt sich Möpse, der Fürst und die Fürstin von Monaco und Gloria Fürstin von Thurn und Taxis.
Als Mops-Freunde gingen Heinrich Heine, Rainer Maria Rilke und Andy Warhol in die Geschichte ein. Charmante Sonderlinge wie der Schriftsteller Gregor von Rezzori und der Modemacher Valentino können sich ein Leben ohne Möpse nicht vorstellen, und auch Medienprominenz, vom Hundebuch-Autor Gert Haucke bis zur TV-Moderatorin Margarethe Schreinemakers, zeigt sich gern mit Mops.
Doch anders als dem Kaiseradler und dem nordischen Langschwein, dem Dachshund, Dobermann oder Deutschen Schäferhund war es dem Mops nie gegeben, identitätsstiftend zum deutschen Wesen beizutragen. Das possierlich-gefräßige Schoßtier wurde jahrhundertelang als vierbeiniger Hofnarr und gemütlich pupender Bettgenosse der Besitzenden gehätschelt und geliebt. Sein großer Vetter, die Bulldogge, erschien schließlich zornrot und mit gesprengten Ketten als Karikatur auf der Titelseite der satirischen Zeitschrift Simplicissimus, bevor das Schoßtier, ungefähr gleichzeitig mit Korsettstangen und Vatermördern, aus der Mode kam.
Die komische Figur provozierte gelegentlich Tränen der Rührung, häufiger aber Tränen des Lachens oder heißen, ehrlichen Zorn: "Die Welt wird nichts verlieren, wenn dieses abscheuliche Tier samt seiner Nachkommenschaft den Weg allen Fleisches geht", urteilte Alfred Brehm, Ahnvater fundamentalistischer Tierschützer, über das arme Tier, das sich so gern in fremde Küchen verirrte.
Was selbst kritische Verhaltensforscher dem ewig hungrigen Mops nicht absprechen, ist ein gewisses Organisationstalent im Beschaffungswesen, eine Folge seines ungezügelten Appetits auf Genußmittel wie gekochte Gurgel, Schokoladenplätzchen oder unbewachtes Katzenfutter. Doch für eine Karriere als Leistungsträger oder Gebrauchshund mangelt es ihm an Ehrgeiz. Zum Wachhund fehlt ihm die fremdenfeindliche Attitüde, seine Disziplinlosigkeit macht ihn ungeeignet für den Öffentlichen Dienst. Möpse sind in keiner Hundestaffel zu finden und gehören auch nicht zur großen Zahl der heute meist arbeitslosen Gebrauchshunde, die Schlitten ziehen, Hooligans ängstigen oder Schafe beruhigen könnten.
Seine Daseinsberechtigung als Steuerzahler und Sozialarbeiter ist jedoch unbestritten. Er gilt als zartfühlend, kinderlieb und ist freundlich zu seinem Leitwesen - nicht selten sind das übrigens ältere Damen. Trotzdem ist er nur eine Randerscheinung an Deutschlands geduldigen Bäumen. Laut Statistik des Verbands für das Deutsche Hundewesen (VDH) liegt er mit 107 registrierten Welpen pro Jahr auf Platz 97 in der Rangfolge der Rassehunde.
In den neuen Bundesländern spielt der maskierte Großbürger unter den Kleinhunden traditionell eine marginale Rolle, abgesehen von Ausnahmeerscheinungen wie dem Treuhund "Alfons von Thales", der Gret Palucca, der Dresdner Tanzlegende, bis in den Tod nicht von der Seite wich.
Die Aufzucht von Möpsen im Arbeiter- und Mauerstaat grenzte an subversive Tätigkeit, erfolgte gleichwohl mit großer Liebe zum real existierenden Sozialismops, der sich mit etwa 30 Welpen pro Jahr vermehren durfte. Man blieb unter sich. Eine Ausfuhr ins kapitalistische Ausland bedurfte einer Sondergenehmigung des Außenministeriums.
So kam es, daß die Möpse in beiden deutschen Staaten sich auseinanderlebten.
Im Westen war ein gutgenährter, zunehmend gewichtiger Typ herangewachsen, der als marzipanfarbene Wohnzimmerdekoration mit massigem Kopf und tiefen Sorgenfalten niemals seine adlige Herkunft verleugnete. Dem Ostmops blieb im Wach- und Schießmilieu der auf Mann trainierten Schutzhunde nur eine Nischenexistenz als unauffälliger steingrauer Schnüfflertyp. Er sah bescheidener aus, hatte einen intelligenten, etwas schabowski-artigen Blick, war in der Regel etwas kleiner als der Westmops, oftmals auch schlanker und besaß erstaunlicherweise eine deutlich sichtbare, etwa haselnußgroße Nase.
Die Nase ist dem Westmops abhanden gekommen - eine Folge des englisch dominierten Schönheitsideals im internationalen Verbandwesen, das die Briten genau so beharrlich verteidigen wie das Recht auf den eigenen Rinderwahnsinn. Prämiert werden "viel Charme, Würde und Intelligenz" und Ohren, "weich wie schwarzer Samt". Die Richter am Ring achten auf schwarze Zehennägel und eine hochangesetzte, doppelt eingerollte Rute. Doch im Bereich der Sinne schrumpft die Preisrichterpoesie zu prosaischer Kälte: Der Fang, heißt es, sei "kurz, stumpf, quadratisch". Kein Wort über die Nase. In Richtersprüchen prämierter Exemplare taucht sogar das Wort "noseless" auf, nasenlos. Was für ein Tier!
Was aussieht wie eine Schnapslaune der Natur, ist der hybride Faltenwurf eines Auffahrunfalls menschlich gesteuerter Evolution: ein seines wichtigsten Organs beraubter Hundekopf mit krankhaften Verformungen des Rachenraums, zurückgebildeten Zähnen und chronischen Schnarchgeräuschen dank eines übergroßen Gaumensegels.
Im Interesse eines fragwürdigen Schönheitsbegriffs ist der kernige kleine Ringelschwanzdynamiker, der einst mit den Reiterheeren Dschingis-Khans nach Europa einfiel, mutiert: vom Naturburschen zur zuchtbuchgerechten Designer-Kreatur mit nasenfreiem Knautschgesicht. So prämieren Juroren eher schon mal ein atemloses, röchelndes, schnarchendes Zierkissen mit zweifach geringeltem weißwurstblassem Schwanz als einen betonfarbenen, aber gesunden Hund mit einem Rest von Riecher, wie er in der Nischengesellschaft der ehemaligen DDR überlebte.
Die Wiedervereinigung der Hunderepublik Deutschland war ein Meisterstück organisierten Revierverhaltens. Der internationale Hundeverband (FCI) erlaubte dem deutschen Hundeverband am 9. Juni 1990, auch das Gebiet der DDR als sein Hoheitsgebiet zu betrachten, und beendete ohne große Beißereien das ostdeutsche Zuchtwesen.
Osthunde, preisgekrönt oder nicht, mußten draußen bleiben, weil der VDH Stammbäume und Ahnentafeln von Nichtmitgliedern nicht anerkannte. Und weil ja vor dem 9. Juni 1990 im Osten niemand Mitglied des VDH gewesen war, standen die Züchter mit leeren Händen da.
Lediglich der ostdeutsche Schäferhund, ein knurriger, eher düsterer Typ mit geradem Rücken, konnte einen bescheidenen Erfolg verbuchen. Weil er nach 40 Jahren Zucht und Ordnung im preußisch-sächsischen Staatsdienst schärfer und "führiger" war als seine Brüder und Schwestern im Westen, wurde er in den USA zum begehrten Importartikel.
Schwieriger hatten es seltene und vom Aussterben bedrohte Haustiere wie die Thüringer Waldziege, das Pommersche Landschaf und der steingraue gemeine Ostmops. Zwar öffnete der "Deutsche Mopsclub", froh über den Zuwachs aus dem kleinen, aber feinen ostdeutschen Gen-Pool, bereitwillig und undogmatisch die Zuchtbücher. Aber der Kleinhund aus dem Reichsbahngebiet verschwindet zunehmend von der Bildfläche. Er hat kaum eine Chance, an die für Züchter so begehrten Preise zu kommen. Denn in Rassefragen kennt der VDH keine Kompromisse.
Selbst eine erfahrene Richterin wie Margarethe Laske aus Berlin-Ost, Züchterin seit Jahrzehnten, Organisatorin vieler Hundeschauen und Gründerin des Hundemuseums in Berlin-Blankenburg, war vom scharfen Wind der Wende überrascht. Um VDH-Richterin zu werden, mußte sie zur Überprüfung nach Westen.
Sie fühlte sich ihrer Sache sicher, hatte sie doch bisher 27 Rassen als Richterin beurteilt. Jetzt mußte sie erfahren, daß sie fortan nur noch Chihuahua und Pudel richten durfte. Ein echter Neuanfang: Pudel hatte sie noch nie. "Als Mops-Richterin habe ich immer darauf geachtet, daß die Nase nicht zu stark eingedrückt war", sagt sie traurig, "die Nasenfalte durfte nicht zu weit überhängen. Sonst bilden sich leicht Ekzeme." Der Westmops muß damit leben.
"Es ist sogar schon von negativen Nasen die Rede", schaudert es den Diplom-Biologen Frank In der Wieschen. Die Delle mit der Negativ-Nase verschwindet unter einem breiten Knautschwulst.
Der Verhaltensforscher und Tiertherapeut aus dem westfälischen Extertal hatte es auf sich genommen, mehr als ein Jahr unter Möpsen zu leben. Er bezog einen Beobachtungsposten im Haushalt der Züchter Inge und Wolfgang Weßling, die sich bemühen, allen Zuchtzielen zum Trotz kernige und gesunde Hunde zu züchten, ohne sich an der diffusen Wolfsfarbe am Geläuf zu stören.
Ein Rudel von 20 bis 30 Möpsen regiert das Biotop im westfälischen Kürten-Eichhof, in dem es auch einige Papageien und Katzen aushalten. Sauber gefliest und robust möbliert, erweist sich das Eigenheim als ideales Revier für den domestizierten Beutegreifer.
Mops-Forscher In der Wieschen hatte es allerdings schwer, sich den Zudringlichkeiten der Meute zu entziehen, die das Nachtlager mit ihm teilen wollte. Möpse liegen gern dicht an dicht, oft auch gestapelt übereinander, und suchen Kontakt mit anderen Heizkörpern wie Katzen, Wärmflaschen oder Menschen.
Hervorstechendes Verhaltensmuster des gemeinen Hausmops ist sein ruhiges, friedliches Wesen. Die Fähigkeit einer angemessenen Drohgebärde ist dem Mops nicht mehr gegeben. Er kann knurren und schnappen, aber Beißereien werden, das hat Frank In der Wieschen immer wieder beobachtet, "stark gehemmt" ausgetragen.
Erstaunlicher noch: Was beim Wolfsrudel ebenso wie in totalitären Staaten und militärischen Organisationen zur Strategie des Überlebens gehört, ist dem Mops vollkommen Wurscht - die strikte Rangordnung. Spiegelbildlich zur postmodernen Gesellschaft verzichtet er auf die krasse Dominanzaufteilung zwischen den Geschlechtern. Und er hat auch, wie die meisten Haushunde, das Chorheulen der Wölfe verlernt.
Auffällig bleibt dagegen seine subversive Neigung zum Anarchismus: Anders als in gut organisierten Gesellschaften gibt es im Mops-Rudel keine geregelte Arbeitsteilung, etwa zwischen Aufpassern und Aufzuchthelfern. Normalerweise spricht ein Wolfsrudel oder auch eine Hundemeute sich ab, wer einen Aufpasserjob übernimmt. Geregelt ist sogar der Schichtwechsel nach einem festgelegten Zeitraster. Reagiert der Wachwolf auf einen Störreiz, richten sich alle Augen auf ihn, und dann rennt die Meute in eine von ihm vorgegebene Richtung.
Bei Möpsen geht dagegen alles durcheinander, vergleichbar etwa einem Parteitag der Grünen. Nicht einer, sondern alle bellen, um dann in völlig verschiedene Richtungen davonzurennen, als wäre in ihrer Mitte ein Knallfrosch explodiert.
Trotzdem könnten Menschen von Möpsen lernen, glaubt der Verhaltensforscher - zum Beispiel Sozialverhalten.
"Möpse sind aufeinander bezogen", urteilt er, "sie gehen aufeinander ein und leben miteinander statt nebeneinander."
Von Emanuel Eckardt

SPIEGEL SPECIAL 1/1997
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