01.01.1997

WildtiereWo der Makake sich entmannt

Sehr geehrter, lieber Heinz Sielmann, es ist schon spät. Und ich sollte eigentlich, wenn denn schon um diese mitternächtliche Stunde geschrieben werden muß, an einem SPIEGEL-special-Artikel über Zoos werkeln: knappe Übersicht der derzeitigen kritischen Einwände gegen den Zoo, maximal 12000 Anschläge.
Tja ... und da kam mir Ihr Fernsehbeitrag von heute abend in Sat 1 gerade recht: ("Zoo - die letzte Arche Noah?"). Schnell 'n paar O-Töne abgreifen, dachte ich mir. So sind wir halt, wir Journalisten. Klauen gehört zum Handwerk.
Und nun das! Nun läßt mich die Frage nicht los: Ist das dem Sielmann, dem altgedienten Profi, nun einfach so passiert - auch alte Füchse gehen mal in die Falle! -, oder ist dieses Bild europäischer Zoo-Wirklichkeit Bild für Bild so gemeint, wie es da als süßer Brei vom Schirm troff?
Ich denke zum Beispiel an die Art, wie Ihre Kamera im großen neuen Duisburger Delphinarium lustwandelt, wo Delphine Bälle kicken. "Welche Artistik", jubeln Sie aus dem Off.
Nun gibt es keinen Ort in Deutschland, wo mehr dieser "faszinierenden Mitgeschöpfe" verschlissen worden sind als gerade in Duisburg. Seit 1965 waren es mindestens 47 - und keineswegs alte Tiere.
Der langjährige Direktor des Duisburger Zoos, Wolfgang Gewalt, importierte im Laufe seiner Dienstzeit 2 Sotalias, 3 Weißwale, mindestens 5 Schweinswale, 33 Tümmler, 5 Amazonasfluß-Delphine und 17 Commerson-Delphine.
Überlebt (wobei "überlebt" wohl eine Beschönigung ist) haben bisher 1 Commerson, 2 Flußdelphine und 2 Weißwale, höchstens 12 Tümmler, vermutlich weniger.
Das seien die Fehler der Vergangenheit, sagen Sie? Ich wollte, Sie hätten recht. Hätten Sie die Kamera nur 300 Meter weiter getragen ... aber ich verstehe, das große Becken machte sich besser im Bild! Unweit der großen Delphinmanege dämmern die zwei überlebenden der fünf Amazonas-Delphine, von riesigen Pilznarben gezeichnet, in einem 6,75 mal 5,45 Meter gemessenen Becken bei 1,70 Wassertiefe. Die inzwischen überwiegend mit homosexuellen Spielchen beschäftigten Männchen sind 1,80 Meter lang. Die Meeressäuger leiden und sterben, wo immer sie gefangengehalten werden, an Menschenkeimen, Lungenentzündung, Organveränderung. Einer der beiden bisher überlebenden Duisburger Weißwale fraß in seiner dumpfen Apathie kiloweise Fugenkitt, mehrfache Magenspülungen retteten seine Existenz. (Sie spüren es, ich vermeide das Wort: Leben.)
Und daß Tiere, deren natürlicher Bewegungsradius sich in Hunderten von Kilometern bemißt, nicht in einer Pfütze oder einem Tümpel ... aber lassen wir das! Ihnen das zu erklären hieße, Ihr Wissen und Ihre Intelligenz zu beleidigen. Das liegt mir fern. Sie räumen zwar ein, daß die Delphinhaltung problematisch sei, aber dann tummelt sich die Kamera mit den Tümmlern. Und allein diese Bildbotschaft bleibt: Flipper geht es gut - plitsch, platsch!
Die Wahrheit ist: Fünf von neun deutschen Delphinarien haben schließen müssen, auch aufgrund von Publikumsprotesten; zu viele Zeitgenossen glauben eben diesen schönen Bildern, wie Sie sie gerade geliefert haben, nicht mehr. Die Wahrheit ist auch: Delphine und andere Kleinwale lassen sich nicht annähernd artgemäß halten. Und nun frage ich mich doch: Wie weit darf man an der Wahrheit vorbeifilmen? Die Lebensumstände im Zoo - Dauerthema in der kritischen Zoodiskussion - kommen bei Ihnen an anderer Stelle vor: als Rückblick. Gleich zu Anfang belegen Sie mit Archivmaterial, in welch winzigen Zellen im Wiener Tiergarten Schönbrunn früher Bären und Löwen vegetierten. Nun haben sie es besser, größer, geräumiger. In Schönbrunn. Wie schön.
Vielleicht gehöre ich ja zu den Journalisten, die notorisch das Schlechte suchen. Aber wenn nun das Schlechte das Übliche ist? Üblicherweise müssen sich Großkatzen in Käfigen von Stubengröße oder darunter bewegen. Die Folge sind - wem sage ich das? - die berühmt-berüchtigten Stereotypien, leer laufende, unendlich wiederholte Bewegungen, die den Durchschnittsbesucher schon deshalb nicht stören, weil er nur kurz vor den Stahlbetonzellen verweilt und weil auch die Stereotypien einer Großkatze noch elegant wirken.
In Schönbrunn, wo sich Ihre Kamera bei Walzerklängen so sichtlich wohlfühlte, beobachtete Barbara Kießwetter (im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung stereotypen Verhaltens von gefangenen Tieren) Großkatzen mit den aberwitzigsten Macken: Rückwärtsroller, Um-sich-selbst-Kreiseler und so fort. Fazit: Alle 59 von ihr in Wien und anderen Zoos untersuchten Tiere zeigten Stereotypien, 30 bis 40 Prozent ihrer Tagesaktivität bestand aus diesen gefangenschaftstypischen Leerlaufbewegungen. Die Fachliteratur berichtet von Schakalen, die ihren Schwanz fressen, Makaken, die sich entmannen. Wissenschaftliche Beobachter neigen dem Urteil zu, daß es in Zoos kaum einen Eisbären ohne krankhafte Bewegungsanomalien gibt. Sicher, so was macht sich schlecht im Bild. Ihnen ging es ja auch mehr darum, die positiven Beispiele zu zeigen.
Ich denke - sorry, wenn das jetzt so klingt, als wollte ich mich zum journalistischen Tugendbold aufschwingen -, Silberstreifen am Horizont darf man nur dann zeigen, wenn man die umgebende Dunkelheit nicht überblendet. Schwelgt man im Idealen, ohne jede Relativierung, verhält man sich ein wenig so, als drehte man einen Film über die Ernährungslage in der Sahelzone ausschließlich im Hilton Addis Abeba.
Und die Seekühe, die Sie in Arnheim gekrault und gefüttert haben, leben im Hilton; in Nürnberg liegen sie wie in Plastik verschweißte Weißwürste, fast auf Körperfühlung, in einem etwa acht Meter breiten Bassin nebeneinander. Dort haben Sie nicht gefilmt und gefüttert, was ich verstehe.
Apropos Füttern: Da, wo Sie - Stichwort: "behavioral enrichment", Bereicherung des bewegungsarmen Zoo-Alltags - Geparde zeigen, die ihr Fleisch von vorbeisausenden Seilzügen klauben, ist Ihnen ein Schnittfehler unterlaufen: Man sieht sehr gut, daß Geparden vor allem eines lernen - wo sie stehen müssen, um die Beute lässig abgreifen zu können. Und ob hochhüpfende Geparden hier ihre arttypischen Jagd-Bewegungsmuster ausleben ... na ja, besser als hingeworfenes Fleisch ist die Spaßmaschine wohl allemal.
Lieber, sehr geehrter Herr Sielmann, ich gebe ja zu: Ich mußte mir den Ärger vom Leib schreiben, verärgert schlafe ich schlecht. Doch was ich zu Papier gebracht habe, muß Ihnen den Schlaf nicht rauben: Sie wollten ja, vermute ich, ganz bewußt die Möglichkeiten zeigen, die der Zoo hat und hier und da auch verwirklichen kann. Richtig?
Aber warum, warum beim Barte des Konrad Lorenz, erzählen Sie die Mär von der "Arche Zoo"? Wir wissen (und nicht nur wir beide), daß weltweit täglich mindestens 50 Arten aussterben. Täglich! Und das ist noch die vorsichtigste Schätzung. In den letzten Jahren hat der Zoo vielleicht hundert Arten vor dem Verschwinden vom Erdball bewahrt - was beileibe nicht "gerettet" heißt.
Denn selbst wenn man kühn unterstellt, daß die internationalen Programme zum Austausch von "Zuchtmaterial" verhindern, daß Inzucht die Tiere von innen her verkrüppelt: Wie sollen die Tiere in Gefangenschaft die Verhaltensweisen konservieren, die erlernten vor allem, die sie hinter Gittern nie ausüben konnten?
Dieser Tiger, der da mit einem roten Plastiktank vor Ihrer Kamera Schiffchen spielt, dieser Tiger (beziehungsweise seine Nachkommenschaft) soll dermaleinst in Ostsibirien jagen und Hunderte von Quadratkilometern durchstreifen? Wie sollen wandernde Arten in Gefangenschaft ihr Zugverhalten bewahren?
Die vielzitierten, im Zoo geretteten arabischen Oryx-Antilopen wandern in Oman nicht mehr und sind dort auf permanente menschliche Fürsorge angewiesen. Nein, das sage ich nicht hohnlachend, Herr Sielmann! Ich wollte, man könnte behaupten, die Sache mit dem Zoo als Arche sei mehr als eine abgeklapperte Metapher, mehr als ein grünes Mäntelchen für eine Institution, die für kritische Augen ziemlich nackt dasteht.
Herr Sielmann, ich weiß, Sie wollen eines am wenigsten: entmutigen! Das ehrt Sie. Aber man kann auch entmutigen, indem man mit Dingen Mut zu machen trachtet, die mutwillig betriebener Unsinn sind.
Jede Mark, die in Zoo-Zuchtprogramme gesteckt wird (ich rede von den Programmen, die angeblich zum Zwecke späterer Auswilderung betrieben werden), wäre für den Ankauf bedrohter Lebensräume sinnvoller verwendet. Artenschützer und Tierschützer - die beiden nur allzuoft innerfamiliär verzankten Brüder - sind sich in dieser Einschätzung einig wie sonst nur selten, zumal die Tierschützer zu Recht darauf hinweisen, daß es ein Überschußproblem gibt.
Denn bei der Zucht - vor allem natürlich der Zucht für den Verkauf - entstehen sogenannte Überzahltiere, die sich aus verschiedenen Gründen nicht als Vererber eignen und dann die chronische Platznot im Zoo noch verschärfen. Sie landen in minderen Absteigen, zum Beispiel obskuren Privatzoos, verschwinden in Notquartieren, wenn nicht gar in Laboratorien oder unter der Spritze eines Tierarztes. Klar, ich verstehe, Herr Sielmann: Das war nicht Ihr Thema. Sie haben nicht gelogen. Sie haben es nur vermieden, die Wahrheit zu sagen. Die Affen, die Sie in Sat1 gezeigt haben, waren wohl wirklich gut drauf. Doch viele sind es nicht. Und was nicht im Bild ist, muß man nicht betexten.
Wer systematisch hinschaut, sieht anderes. Eine Krefelder Studiengruppe, die sich mit Zoo-Affen und menschlichen Affen-Guckern intensiv beschäftigt hat, veröffentlichte 1995, daß Schimpansenverhalten in dem Maße aggressiver wird, wie sich die Zahl der Besucher erhöht.
Aber welcher Affenfreund weiß schon, daß das häufige Imponiergehabe männlicher Tiere nur der hilflose Versuch ist, die Menschenschar auf etwas mehr Abstand zu halten? Wer ahnt, daß die affengeile Onaniererei (wahrscheinlich) der Versuch ist, die gefangenschaftstypische Hypersexualität abzuleiten?
Und wer erkennt schon, daß sich der Silberrücken-Gorillamann nach vorn setzt, um sich verteidigungsbereit zwischen Gaffer und die Seinen zu plazieren? Wer ahnt denn, daß die ständige Jachterei der Paviane damit zu tun hat, daß die Underdogs hier nicht - wie in freier Wildbahn - gebührend ausweichen können?
Ich gebe zu: Das habe ich auch gerade erst einem detailreichen Zoo-Buch von Stefan Austermühle entnommen - einem Buch, dem ich im übrigen auch andere Erkenntnisse verdanke, die ich Ihnen ans tierfreundliche Herz zu legen versucht habe*.
Wo war ich stehengeblieben? Von Affen sprach ich gerade. Welch eine schiefe Komödie! Verhaltensverkrüppelung, Überaggressivität, Hypersexualisierung als Affentheater, als Slapsticknummer, über die wir lachen, weil wir das Drehbuch nicht kennen. Wir empfinden wie westliche Besucher einer Peking-Oper: In Unkenntnis der fremden Signalsprache finden wir lustig, was tragisch ist - oder auch umgekehrt.
Ach, Herr Sielmann, mich plagt der Verdacht, daß Sie das alles wissen. Vermutlich kennen Sie auch die Studien darüber, daß sich in Gefangenschaftszucht Tiere organisch verändern: Hirnverkleinerung, Veränderung des Verdauungstraktes ... Spricht alles nicht gegen eine Zucht zum Zwecke späterer Auswilderung? Sie haben vermutlich auch schon gehört, daß die von Ihnen so frenetisch gelobten gitterlosen Freigehege mit ihren Gräben immer wieder zu Knochenbrecher-Fallen für abstürzende Elefanten, Nashörner und andere Insassen werden?
Sollte ich es da als listigen Hintersinn deuten, wenn Sie mit dem Satz schließen: "Der Zoo wird für uns immer wichtiger"? Wenn man "uns" betont, mag das stimmen. Das Geld wird knapp, und wo gibt es preiswertere Clowns als im Zoo?
Weit nach Mitternacht! Ich grüße Sie herzlich und schließe etwas abrupt.
Ihr Claus-Peter Lieckfeld
P.S.: Den Brief noch einmal lesend habe ich mich zu einem abschließenden Geständnis entschlossen. Es gab so um 1955 einen siebenjährigen Knirps, der neben seiner Hamburger Oma Mieke fasziniert am Eisbären-Freigehege in Hagenbecks Tierpark stand und den stummen Wahnsinn der halsschwenkenden weißen Riesen nur für lustiges Herübergrüßen hielt. Der Knirps beschloß damals: Ein Leben mit Tieren und für Tiere! Ohne diese schöne Täuschung - der Knabe von damals ist heute 48 - wäre dieser Brief nicht geschrieben worden. Aber kann das der Sinn eines in Stumpfsinn verdämmerten Eisbärenlebens gewesen sein?
Nun muß ich endgültig Schluß machen. Es geht auf drei Uhr morgens. Ein sehr später Nachtfalter sucht die Wärme, die von meiner Zentralheizung zur Zimmerdecke aufsteigt. Draußen beißt der Oktober ins Laub meiner Zwetschgenbäume. Da hat es der Falter im Zimmer wirklich gut. Ihm fehlt nichts. Nichts, was ich erkennen könnte.
Der Panther
Jardin des Plantes, Paris
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, daß er nichts mehr hält. Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, der sich im allerkleinsten Kreise dreht, ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille sich lautlos auf. Dann geht ein Bild hinein, geht durch der Glieder angespannte Stille und hört im Herzen auf zu sein.
Rainer Maria Rilke, 1903
Von Claus-Peter Lieckfeld

SPIEGEL SPECIAL 1/1997
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


SPIEGEL SPECIAL 1/1997
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

  • Das Brexit-Cover-Wunder: "Three Lions" und eine schräge Stimme
  • US-Amateurvideos: Schneeballgroße Hagelkörner ängstigen Hausbewohner
  • Brexit: Das Drama in Shakespeares Geburtsstadt
  • Brexit: Parlament erzwingt Abstimmung über Alternativen