01.01.1997

ZirkusEinzelhaft für Elefanten

Wer im Sommer in einem Schweizer Bergsee badet, kann dort von schwimmenden Elefanten überrascht werden. Bei den Tieren handelt es sich nicht etwa um verwilderte Nachkommen von Hannibals legendären Begleitern, sondern um die gewichtigen Stars des Schweizer Zirkus "Knie".
Beim Auslauf mit Schwimmeinlage, aber auch nachts im Stall werden die teuren Kolosse von einem der fünf Elefantenpfleger betreut. Der Zirkus Knie, so heißt es in der Branche, kümmere sich mustergültig um seine Tiere.
Vor allem deutsche Urlauber erstaunt der Anblick dressierter Elefanten in freier Natur. In der Bundesrepublik wird den Zirkusbetrieben nachgesagt, daß sie ihre Tiere mit Gewalt dressieren, im Winter hungern lassen und in viel zu engen Käfigen halten. Der Bettelzirkus, in der Schweiz längst verboten, prägt in Deutschland noch immer das Bild des Zirkustieres. Überall stehen sie, das zottige Zwergpony mit den verklebten Augen und sein Halter, und betteln um Futterspenden, häufig vor einem weihnachtlich geschmückten Kaufhaus.
Die Front der Tierschützer - vom "Deutschen Tierschutzbund" bis zum radikalen "animal peace" - fordert, die Haltung wilder Tiere im Zirkus zu verbieten. Schon aus Platzmangel könnten die Betriebe nicht für artgerechte Haltung von Exoten wie Elefanten, Großkatzen oder Bären garantieren, argumentiert Ilja Weiss vom "Bund gegen den Mißbrauch der Tiere" in München. Im übrigen sei "ein Tier, das auf Kommando Männchen macht, eine Karikatur seiner selbst", kritisiert Weiss. Die Dompteure beraubten die Tiere ihrer Würde, und mancher mache seine Schützlinge mit brutaler Gewalt gefügig.
"Alles Quatsch", kontert Claus Kröplin, Vorsitzender der "Interessengemeinschaft der Tierlehrer": "Wer ein wildes Tier nicht sanft dressiert, ist lebensmüde." Ein Dompteur, der einen Tiger mißhandle, müsse damit rechnen, irgendwann einen Prankenschlag zu kassieren.
Die Bundesregierung hat sich 1990 erstmals bemüht, den Tierschutz in den rund 200 Zirkussen zu regeln, die zum Beispiel allein 132 Elefanten besitzen - nur zwei weniger als in sämtlichen deutschen Zoos.
Nach dem Vorbild der Schweiz, wo schon 1983 Gehegeanforderungen verabschiedet wurden, hat das Bonner Agrarministerium Leitlinien erarbeitet, nach denen
- Menschenaffen gar nicht mehr in Zirkussen auftreten dürfen,
- das Herdentier Elefant nicht allein gehalten werden soll und sein Wagen nur dem Transport, nicht als Stall dienen darf,
- Großkatzen Liegeflächen in unterschiedlichen Höhen im Käfig zustehen, damit sie Rangordnungen einhalten können.
Selbst Zirkusleute wie Dompteur Kröplin halten die Bonner Leitlinien für nicht ausreichend; zweieinhalb Quadratmeter Käfigfläche pro Raubkatze seien zuwenig. Dennoch bleiben viele Betriebe weit unter den Anforderungen.
"In unserer Branche sind fast alle Schafe schwarz", klagt Direktor Franz Althoff, der sich selbst in einem Tierschutzverein von Zirkusleuten engagiert: "Nur eine Handvoll Zirkusse hält seine Tiere korrekt."
Die problematischsten Zirkustiere sind Menschenaffen und Elefanten. Trotzdem gibt es in deutschen Zirkussen noch immer Schimpansen, etwa beim Ost-Unternehmen "Aeros". Gerade die hochentwickelten Primaten brauchen extrem viel Platz; der Kontakt mit Menschen statt mit Artgenossen führt nach Aussagen von Zoologen zu Verhaltensstörungen.
Aeros-Direktorin Christiane Samel weiß, daß Tierschützer ihr die Affenhaltung verübeln. Bereits seit 1975 züchtet die Zirkusfrau Schimpansen. Das jüngste Baby, Lulu, wickelt sie sogar eigenhändig. "Ich hätte gerne einen größeren Affenwagen", sagt die Direktorin, "aber erst mal muß ich 100 Arbeitsplätze erhalten." Theater und Oper würden vom Staat gefördert, die populäre Kulturinstitution Zirkus dagegen, so klagen die Aeros-Manager, erhalte nicht einmal Steuererleichterungen. Die 20-Uhr-Show peppt Frau Samel neuerdings mit Striptease-Einlagen auf; seitdem füllt sich das 2000-Plätze-Zelt auch abends wieder.
Das Arbeitspensum der Zirkusleute ist hart - fünf Stunden Zeltaufbau, zwei Auftritte, Abbau, Weiterfahrt, und das an fast 365 Tagen im Jahr. Da bleibt für die Pflege der Tiere wenig Zeit. Woche für Woche verschlingen die rund hundert Aeros-Tiere Futter im Wert von 10000 Mark. "Für den Tierarzt geben wir aber nur 2000 Mark jährlich aus" - laut Christiane Samel der Beweis, daß es den Tieren gutgeht.
Oft seien die Gastgeber am Elend der Tiere schuld, sagen viele Zirkusleute: In Kleinstädten wie Gotha, Erfurt oder Cuxhaven reiche der Platz kaum für alle Wagen, geschweige denn für zusätzliche Löwen- oder Elefanten-Außengehege.
Silvio Schwichtenberg, der Areos-Elefantenpfleger, bewegt seine Tiere nur heimlich im Freien. "Die Naturschützer dulden keine Elefanten im Wald", klagt der Dresseur, "während die Tierschützer wollen, daß wir sie mehr bewegen."
Schwichtenberg weiß, wie wichtig es ist, daß Elefanten sich an Ästen scheuern. Er putzt die Tiere täglich mit der Drahtbürste - "immerhin nicht mit der Flexmaschine wie die Italiener".
Aeros gehört zu den wenigen großen deutschen Zirkussen. Bei den kleineren steht es um Tierschutz und Tierpflege oft schlechter.
Für einen Skandal sorgte 1993 etwa der Zirkus "Rafaeli", dessen 40 Tiere - 14 Löwen, 17 Tiger, 6 Pumas, 2 Wölfe, 1 Jaguar - in Bayern vor Hunger und Kälte elendig darben mußten. Drei Tiere gingen an Magengeschwüren und Knochenbrüchen ein, sechs todkranke Tiger mußten eingeschläfert werden.
Tierschützer und Veterinäre sorgten damals für die Beschlagnahmung von 14 Tieren. Wochenlang mußten die Amtstierärztin von Fürstenfeldbruck, Anna Schmiddunser, und eine Kollegin nach Zoo-Unterkünften in ganz Europa suchen - ein schwieriges Unterfangen.
"Die Krux dabei ist, daß die Tiere nicht automatisch Eigentum des neuen Halters werden", sagt die Veterinärin. "Wer verpflichtet sich schon, jahrelang für ein Tier zu sorgen, wenn er es eventuell wieder zurückgeben muß?" Nachts bewachten die engagierten Tierärztinnen den kriminellen Zirkus, damit er nicht heimlich vor ihren Kontrollen über die Landesgrenze floh.
Die Wanderunternehmen schlüpfen oft durch alle Gesetzesmaschen. So müssen sie zwar für ihre Schautiere Lizenzen haben. Häufig aber werden auch Tiere, die nicht im Zirkuszelt auftreten, als "Arbeitstiere" deklariert. Die Käfige von Manegentieren dürfen nämlich kleiner sein, weil sie durch Proben und Auftritte mehr Auslauf haben.
Den Behörden fehlt es an Personal, um solchen Betrug aufzudecken. "Die Zirkusleute können immer behaupten, sie probten mit den Tieren - nur gerade dann nicht, wenn wir Kontrollbesuche machen", sagt Siegfried Orban von der "Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz".
Auch kleine Zirkusse, denen es gutgeht, stoßen an finanzielle Grenzen, wenn sie wilde Tiere halten. Beim Familienunternehmen "Quaiser" aus Itzehoe etwa steht die Elefantenkuh Sita die meiste Zeit angekettet im Transportwagen und wiegt sich monoton von Seite zu Seite. "Nach draußen darf Sita der Gesundheit wegen nur bei gutem Wetter", sagt Jackie Quaiser.
Im Gegensatz zur Bonner Empfehlung hat Sita keinen Artgenossen. "Einen zweiten Elefanten anzuschaffen ist uns zu teuer", sagt der Zirkusmann. Kein Wunder: Ein Jungtier kostet rund 120000 Mark.
Nach Ansicht des renommierten Wildbiologen Fred Kurt zeugen solche Argumente von einer bei Zirkusleuten "typischen Ignoranz". Elefanten, die in freier Wildbahn rund zehn Kilometer pro Tag zurücklegen, brauchten allemal Auslauf - egal, bei welchem Wetter. Und die Einzelhaltung von Dickhäutern komme der Einzelhaft beim Menschen gleich. "Elefanten gehören im Zirkus fristlos abgeschafft", fordert Kurt - es sei denn, die Tiere lebten wie beim Schweizer Nationalzirkus Knie. "Da geht es den Elefanten besser als in den meisten europäischen Zoos", schwärmt der Experte.
Knies Dickhäuter, so hat Kurt gemessen, legten täglich 5,6 Kilometer zurück - fast doppelt soviel wie die Elefanten des Basler Zoos und fünfmal soviel wie die Tiere des deutschen Zirkus Giovanni Althoff.
Franco Knie steht jeden Morgen Schlag acht in der Manege und treibt die schwerfälligen Asiaten zu mehr Tempo an. Erst aufwärmen, dann turnen: Auf den Hindi-Befehl "Rängu" heben alle acht brav den Rüssel, später folgen Fußheben, Hinlegen, Pirouetten. Die Tiere haben auch deshalb viel Bewegung, weil der Zirkus Knie mit dem Zug reist und die Elefanten den Weg vom Bahnhof zum Zirkus laufen müssen.
Ab neun Uhr früh wird vor Publikum dressiert. Das hat Fredy Knie, 76, der Senior des Zirkusses, schon 1938 eingeführt: "Ich konnte nicht zusehen, wie man auf Tiere schlägt. Die öffentliche Probe ist die beste Kontrolle."
Als skeptische Zoologen erforschen wollten, ob Knies neun Kapuzineräffchen auch wirklich nicht leiden müssen, kamen sie zu einem erstaunlichen Ergebnis: Die neckischen Tiere nutzten nicht einmal die Sichtblenden, um sich vor Blicken abzuschirmen. In drei Käfigwagen leben sie wie in einem künstlichen Urwald, mit lebenden Insekten und in Astlöchern verstecktem Futter.
Der Muster-Betrieb Knie verschlingt allerdings 50000 Schweizer Franken pro Tag. "Spenden Sie nie einem für seine Tiere bettelnden Zirkus Geld", warnt Fredy Knie, "so ein Zirkus gehört verboten." Mildtätigkeit sei eine zu unsichere Einkunftsquelle.
Sind Verhältnisse wie bei Knie in Deutschland unerreichbar? Vielen Tierschützern dient nicht die Schweiz, sondern Skandinavien als Vorbild: Dort sind Raubtiere im Zirkus verboten. Der Freiburger Tierschutz-Experte Immanuel Birmelin hält davon jedoch nichts*: "Die Skandinavier machen es falsch herum - Löwen und Tiger verbieten sie, Schimpansen und Elefanten lassen sie zu."
Die Raubkatzenhaltung sei schon durch kleine Investitionen - etwa in transportable Außengehege und Sichtschutz - zu verbessern. Den Auslauf, den Elefanten brauchen, benötigten Löwen nicht: "Sie sind schon nach 20 Minuten in der Manege müde", weiß Biologe Birmelin.
Einige deutsche Zirkus-Manager, urteilt der Experte, hielten ihre Großkatzen schon heute vorbildlich, allen voran Gerd Siemoneit vom Zirkus "Barum". Bei vielen Zirkussen - "Krone", "Roncalli", "Busch-Roland" - habe sich die Tierhaltung in den letzten Jahren sichtbar verbessert. Birmelin: "Primaten sind out."
Gar nicht mal nötig sei es, generell auf Tierhaltung zu verzichten wie der deutsche Artisten-Zirkus "Flic Flac", der dafür vom Tierschutzverein Göttingen den "Goldenen Hund" erhielt. Die Zirkusse sollten sich allerdings "auf die Tiere beschränken, für die sie Platz und Personal haben", empfiehlt Birmelin. Der Schweizer Paradezirkus Knie beispielsweise hat in der vergangenen Saison keine Raubkatzen gezeigt - wegen deren Gehegebedarf. Statt dessen gibt es für die Seelöwen sogar drei Schwimmbecken.
Vielleicht werden Tierschützer künftig nicht nur vor den bunten Zelten demonstrieren, sondern auch vor Stadtverwaltungen, die den ungeliebten Zirkussen viel zu kleine Plätze zuweisen. Solche Aktionen wären jedenfalls sinnvoller als ein kurioser Auftritt von "animal peace" in Hamburg. Die Tierrechtler demonstrierten für die Abschaffung der "Elefanten in Ketten" vor dem Zelt von Busch-Roland. Dabei besitzt der Zirkus keinen einzigen Dickhäuter.
Von Annette Bruhns

SPIEGEL SPECIAL 1/1997
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