01.01.1997

NutztiereII. Der Tod aus der Tüte

Kühe haben jahrtausendelang nie etwas anderes als Pflanzen gekaut, wieder und wieder. Im 19. Jahrhundert jedoch kam der Mensch auf die Idee, die Wiederkäuer zu Fleischfressern zu machen - mit fatalen Folgen.
Um die Erträge zu erhöhen, gingen Züchter in vielen Ländern Europas dazu über, den Kühen auch Kraftfutter aus Tierkadavern in die Krippe zu kippen: bräunliches Mehl, hergestellt aus Schlachtabfällen, aus überfahrenen Hunden oder an Krankheiten krepierten Schweinen.
Mit den Folgen der proteinreichen Turbo-Fütterung befassen sich nun jene Wissenschaftler, die weltweit nach den Ursachen der tödlichen Rinderseuche BSE forschen: Immer wieder führen die Spuren zu Tüten mit britischem Tiermehl.
Zwar war schon vor über acht Jahren vermutet worden, daß in den 19 britischen Abdeckereien an Scrapie verendete Schafe in Reißwolf-Anlagen zermust, die Gruselkeime aber nicht totgekocht worden waren. Doch jahrelang wurde die tödliche Gefahr von der Regierung in London systematisch verharmlost.
Während die Konservativen im eigenen Land die Verfütterung des Proteinbreis an Wiederkäuer bereits 1988 verboten, kurbelten sie den Export, vor allem nach Frankreich und in die Niederlande, erst richtig an. Erkenntnisse darüber, welche Verfahren der Tierverwertung die Erreger wirksam abtöten, wurden verheimlicht.
Die Verfahrenstechniken in den Kadaver-Fabriken sind äußerst unterschiedlich. Beispiel Deutschland: In der rohstoffknappen Zeit nach dem Ersten Weltkrieg bekamen die deutschen Aas-Fabriken mächtig Auftrieb - aber auch strenge Auflagen. Als Mindesttemperatur beim Kadaver-Recycling schreibt das Reichstierkörperbeseitigungsgesetz eine 20minütige Erhitzung bei 130 Grad und 3 Bar Druck vor.
Andere Nationen zogen bald nach. Denn nur, wer seiner Kuh hochwertige Proteine - Soja oder Fleischmehl - vorsetzt, kann täglich 20 Liter Milch aus ihr herauspressen. Doch lediglich in Österreich und der Schweiz ist die in Deutschland übliche Sterilisierung des Fleischbreis vorgeschrieben - eine Prozedur, die weder Milzbrand- noch Botulismus-Erreger überstehen.
In anderen europäischen Ländern sind die Vorschriften oft weniger rigoros. In britischen Anlagen etwa wird das zerhäckselte Material lediglich in heißem Fett auf 80 bis 100 Grad Celsius erhitzt.
Angesichts der wachsenden BSE-Gefahr beauftragte die Europäische Gemeinschaft 1990 die britische Veterinärforschungsanstalt Weybridge damit, dieses und andere Verfahren zu überprüfen. Jahrelang versicherten die britischen Forscher, 80 Grad Celsius reichten aus, um den Keim zu töten. Daraufhin wurde 1994 von der EU-Kommission ein Freibrief für die britischen Fleischbrei-Friteusen beschlossen.
Oskar Riedinger, Agrarwissenschaftler und Lehrbeauftragter für Tierkörperbeseitigung an der Universität Hohenheim, hält die damals gefällten Beschlüsse für "Empfehlungen wider besseres Wissen": "Völlig irrational und parteiisch" hätten die Briten argumentiert. Die einfachsten Grundsätze der Sterilisationstechnik seien mißachtet worden: "Keine Hausfrau würde bei 80 Grad ihre Marmelade kochen."
Die barsche Kritik ist offensichtlich berechtigt. Im letzten Mai knickten die Weybridge-Leute schlagartig ein. In vertraulichen Gesprächen bestätigten die Forscher, daß der Erreger bei fast allen in Europa verwendeten Kadaver-Aufbereitungssystemen überlebt. Einzig die in Deutschland übliche Dampfdrucksterilisation koche den Keim wirksam tot.
Konsequenzen wurden dennoch zunächst kaum gezogen. Erst ab April soll europaweit ein strengeres Herstellungsverfahren für Tiermehl eingeführt werden. Noch enden die in Großbritannien notgeschlachteten Kühe in Reißwolf-Anlagen ohne Sterilisationseffekt. Und jedes infizierte BSE-Rind, das in den Nachbarländern durch eine Aas-Mühle recycelt wird, kann wiederum andere Tiere anstecken: Ein Kuhhirn wiegt 540 Gramm - als tödliche Übertragungsdosis aber reicht ein einziges Gramm.
Matthias Schulz
Von Matthias Schulz

SPIEGEL SPECIAL 1/1997
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


SPIEGEL SPECIAL 1/1997
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

  • Mini-Oktopus auf Wohnungssuche: Meine Muschel - mein Haus!
  • Versenkter US-Panzerkreuzer: Das letzte Geheimnis der "USS San Diego"
  • Nach dem Attentat in Straßburg: "Das Land wird durchgerüttelt"
  • Schnellste Bewegung der Tierwelt: Dracula-Ameisen - niemand schnappt schneller