01.05.1997

Cocooning

Einsame Adler

Cyber-Cocooning: Der Computer bringt jedem die City ins Haus

Von Gundolf S. Freyermuth

Das Land verlasse ich nur ungern. Womit ich nicht Deutschland meine, wo ich geboren wurde, oder Arizona, wo ich lebe, sondern mein Land - die paar von aller Welt verlassenen Quadratmeter Erde, die mir gehören.

Wenn ich vom Monitor aufschaue und aus dem Fenster blicke, glitzern am Horizont die Schneekappen der White Mountains in der Mittagssonne. Die nächste Stadt, die diesen Namen verdient, ist Autostunden entfernt. Keine Bibliothek weit und breit, kein Zeitschriftenladen, keine Kneipe, kein Kino, kein Kaufhaus. Wir befinden uns, wie der Berliner sagt, jwd - janz weit draußen.

Und doch mittendrin.

Geographie ist nicht länger Schicksal, das beschreibt William J. Mitchell, Dekan der Architekturschule des Massachusetts Institute of Technology, in seinem bahnbrechenden Buch "City of Bits". In der digitalen Epoche ist nun alles überall möglich.

Hier, auf einer abgelegenen Ranch im amerikanischen Westen, lese ich die taz und die Welt, Stunden bevor sie in Berlin erscheinen. Ich treffe beim Surfen durch America Online (AOL) so zufällig wie beim Straßenbummel Freunde aus München oder Miami, aus Hamburg oder New York. Und wenn ich einkaufen muß, ist das Warenangebot größer als einst im KaDeWe; die Freßabteilung einmal ausgenommen.

Bis vor kurzem gab es keine gleichwertige Alternative zur großstädtischen Existenz. Wer die Metropolen verließ, um in abgelegenen Landstrichen gesünder, sicherer und besser zu leben, war ein "Aussteiger", der auf all jene Annehmlichkeiten verzichten mußte, die nur größere Menschenansammlungen boten: gutbezahlte Jobs, ein reichhaltiges Waren- und Unterhaltungsangebot, eine Vielzahl geschäftlicher und privater Kontakte. Noch vor gut einem Jahrzehnt - in jener fernen Epoche, bevor Satelliten-TV und Funktelefone, Faxe und Internet-Zugang erschwinglich wurden - beschnitt bereits der Umzug ins Umland die beruflichen und gesellschaftlichen Möglichkeiten immens; von einem Rückzug aufs flache Land oder gar ins Ausland ganz zu schweigen.

Seitdem aber haben sich über die Infrastruktur der materiellen Welt dichte Kommunikationsnetze gelegt. Indem sie alles mit allem verbinden, nehmen sie der räumlichen Anwesenheit an bestimmten Orten so gut wie jeden Vor- und Nachteil.

Unabhängig davon, wo in der westlichen Welt wir leben: Wir können einen Großteil unseres Arbeits- und Privatlebens in die Netze verlegen und so von der Umwelt unabhängig werden, in der wir uns zufällig aufhalten. Nichts hindert uns, virtuelle Privatstädte zu bauen, Personal Citys.

Denn Städte sind nichts anderes als stein- und stahlgewordene Handlungsstrukturen, Hardware, die den Strom der Waren und Informationen kanalisiert und den Bedürfnissen nach zwischenmenschlichem Austausch dient - vom Marktplatz bis zum Einkaufszentrum auf der ehemals grünen Wiese, von den Gassen der mittelalterlichen Städte bis zu den modernen Stadtautobahnen.

Die Eröffnung des Cyberspace, des weltumspannenden Reichs der Daten, beraubt nun allerdings den urbanen Raum eines Großteils seiner angestammten Funktionen. Zuerst verlagerte sich der Finanzverkehr, der die Metropolen einst florieren ließ, in die Datennetze; weshalb sich etwa Geschäfte an der New Yorker Börse heute genausogut von einer Berghütte in den Rocky Mountains wie von einem Büro an der Wall Street aus tätigen lassen.

Dem Geld werden andere menschliche Verkehrsformen nachfolgen: Faxe und E-Mails ersetzen zunehmend den Briefversand, Telecommuting reduziert Berufsverkehr und Büros, elektronische Malls machen den Einkaufszeilen Konkurrenz, Online-Zeitungen lassen ihre Gegenparts aus toten Bäumen alt aussehen, Live-Chats und MUDs leisten soziale Kommunikation wie sonst Skatabende oder Kneipengespräche.

Jeder, der über einen Computer und ein Modem verfügt, kann sich heute seinen persönlichen Kiez basteln. Er kann sich eine Bank wählen aus, sagen wir, Frankfurt, den Zeitschriftenkiosk aus Hamburg, die Bibliothek aus Washington und aus aller Welt die Händler, von denen er Software herunterlädt, bei denen er Computer und andere Elektronik kauft, Bücher, CDs, Wein oder ökologische Lebensmittel.

Er kann sich eine lokale Radiostation aussuchen, ob die nun von Europa, Amerika oder Asien aus sendet, ebenso Spielhallen, Straßen, Cafes und Kneipen, wo er seinen Freunden und Bekannten begegnen will. Und er kann in dieser selbstgeschaffenen Stadt auch ein eigenes Geschäft eröffnen.

Konkurrieren wird er dabei mit Zehntausenden von internationalen Cyber-Arbeitern, die bereits Dienstleistungen anbieten; bevorzugt natürlich solche, bei denen am Ende nicht Atome, sondern Bits stehen. Autoren, Komponisten, Maler und Software-Programmierer, Finanzdienstleister und Berater aller Branchen, Computer-, Reise- und Werbefachleute, Datenbearbeiter, Redakteure, Übersetzer, Stenotypistinnen, Layouter, Grafiker - sie alle haben Betriebe im Cyberspace eröffnet.

Von den wirklichen unterscheiden sich diese virtuellen Geschäfte und Treffpunkte vor allem dadurch, daß sie global zugänglich sind. Wo ich mich aufhalte, macht keinen Unterschied. Ob in Berlin oder Los Angeles, ob auf einem Bauernhof in Lüchow-Dannenberg oder auf einer Ranch im amerikanischen Westen, ob zu Hause oder unterwegs in irgendeinem Hotel - die Personal City, das persönliche Umfeld, das ich mir zusammengestellt habe, bleibt sich gleich.

Mein Arbeitstag verläuft daher auf der Ranch nicht viel anders, als er es im Bayerischen Wald oder auf einer Nordseeinsel täte. Und er ist nicht anders als all die Jahre zuvor in Berlin und Los Angeles - nur eben angenehmer.

Denn meine Personal City hat alle Vorteile einer Großstadt, doch keinen der Nachteile, die sich mit der Existenz auf begrenztem Raum verbinden: keine horrenden Mieten und lauten Nachbarn, keine lange Anfahrt zum Arbeitsplatz, keine Staus und keine Warteschlangen, keinen Smog, kaum Unfallgefahr und eine Verbrechensrate, die gegen Null tendiert.

Schön und gut, wird mancher sagen, aber wer kann sich solch Cyber-Cocooning schon leisten? Ein Schriftsteller vielleicht, der überall schreiben kann, aber nicht die Normalbürger mit festem Arbeitsplatz, die müssen hinaus ins feindliche Großstadtleben. Doch umgekehrt wird ein Schuh draus, daran lassen die vorhandenen Zahlen wie die meisten Prognosen kaum Zweifel.

Unter den ökonomischen Bedingungen der digitalen Epoche werden immer weniger Normalbürger einen "festen Arbeitsplatz" besitzen - weder einen bestimmten Ort, an dem sie sich einzufinden haben, noch die lebenslange Festanstellung. Immer weniger werden sich daher das Leben in den Großstädten leisten können, und auch wir alle, die entwickelten Gesellschaften insgesamt, werden die wachsenden Umwelt- und Transaktionskosten traditioneller Metropolen kaum ewig tragen wollen - nun, da sie ökonomisch überflüssig werden.

In der Massierung von Menschen wie in der geographischen Trennung von Wohn- und Arbeitszonen entsprachen die Großstädte der industriellen Epoche. Im Gefolge der Fabriken entstanden damals zugleich die gewaltigen Ballungsgebiete mit ihren Bürokratien, von denen die neuen Menschenmassen versorgt und verwaltet wurden.

Diese wohlgeordnete Zivilisation der Massen zerfällt gegenwärtig zusammen mit ihrer ökonomischen Grundlage. In den entwickelten westlichen Ländern stecken Gesundheits- wie Erziehungssystem in einer Dauerkrise, der Verkehr bricht Stück für Stück zusammen, Verbrechen und Umweltschäden eskalieren. Nicht eine, sondern nahezu alle Institutionen des öffentlichen Lebens, die das industrielle Zeitalter gebar, die Volksparteien, die Gewerkschaften, die Massenmedien, wirken sklerotisch und verlieren stetig an Glaubwürdigkeit.

Stadtluft machte einst frei, heute läßt sie sich kaum mehr atmen. Der psychische Rückzug in die Enklaven der Privatheit, in die eigenen vier Wände, ist längst ebenso epidemisch wie die halbherzige Flucht aus der Stadt in die Eigenheim-Vorstädte oder in den Urlaub, wann immer es nur geht.

Es wundert daher nicht, daß in den fortgeschrittensten Gebieten der westlichen Welt und gerade unter den "Wissensarbeitern", der neuen Mittelschicht in der digitalen Ökonomie, die Zahl der Menschen wächst, die mit den Füßen abstimmen. In den USA zeigen die demographischen Zahlen eine nach Hunderttausenden zählende Bevölkerungswanderung aus den Ballungsgebieten aufs Land.

Viele dieser Stadtflüchtlinge sind gut ausgebildete Männer und Frauen in den besten Jahren. Sie geben gutbezahlte Positionen in den Metropolen und großen Konzernen auf, um sich in Klein- und Kleinststädten mit höherer Lebensqualität selbständig zu machen und ihre Dienste via Cyberspace landesweit anzubieten.

Das "Center for the New West", dessen Mitarbeiter die Entfaltung einer neuen Ökonomie im Gefolge der digitalen Revolution studieren, sammelt solche Fälle unter dem Schlagwort "Einsamer Adler". "Dies ist die wichtigste soziale Umwälzung, seit sich die Doppelverdiener-Familie durchsetzte", sagt Philip M. Burgess, Leiter des Centers. "Die ,Einsamen Adler' sind Vorreiter einer Welle, die als Folge der Telekommunikationsrevolution die Art, wie wir leben, arbeiten, spielen, lernen und uns fortbewegen, vollkommen verändern wird."

Ihre Zahl rechnet Joseph Pelton, Professor an der Universität von Colorado in Boulder, für das Jahr 2010 auf fünf Millionen hoch - rund zehn Prozent der dann wohl 50 Millionen amerikanischen Telecommuter.

Sie alle verbringen den Arbeitstag nicht in der Realität, die sie umgibt, sondern in Telesphären, elektronisch vermittelten Gemeinschaften aus Freunden und Kunden. Und daß für die Arbeit in Telesphären Großstädte mit Bürohäusern und Massenbehausungen nicht unbedingt gebraucht werden, ist eine Einsicht, die Architekten und Stadtplanern dämmert. Unter Stichworten wie "Gestaltung der Bit-Sphäre", "transArchitektur" oder "Elektrotektur" werden die Folgen der Digitalisierung gegenwärtig erbittert diskutiert.

Das Auto löste die Massenemigration in die Vorstädte aus, was wird der Computer anrichten? Werden die Netze Funktionen an sich reißen, die bislang Versicherungspaläste und Banken, Ordnungs- und Finanzämter, Museen und Bibliotheken erfüllen?

Wie virtuelle Gebäude ihre realen Gegenstücke ersetzen könnten, führt Peter Anders in seinen Überlegungen zu einer "cyberrealen Architektur" vor. Geplante Bauten in realistischen CAD-Simulationen dreidimensional zu entwerfen ist heute gang und gäbe. Was jedoch, wenn eine solche Simulation, etwa von einem Bibliotheksbau, die digitalisierten Bücher mit einschließen würde?

"Wenn wir durch die Regalreihen des Modells gehen, sehen wir jeden Band der geplanten Bibliothek. Wenn wir anhalten und ein Buch öffnen, sehen wir den gesamten Text zusammen mit den Illustrationen ..."

Eine solche virtuelle Präsentation würde den Bau in der Realität überflüssig machen - und wäre die ideale Bibliothek für jede Personal City.


SPIEGEL SPECIAL 5/1997
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

SPIEGEL SPECIAL 5/1997
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Cocooning:
Einsame Adler