01.01.1996

Geheimdienste in DeutschlandFalsche Bärte, falsche Freunde

Leyendecker, 46, und Mascolo, 31, sind Geheimdienstexperten des SPIEGEL. Gemeinsam mit Georg Bönisch hat Leyendecker im Göttinger Steidl-Verlag 1992 das Buch „Mafia im Staat“ veröffentlicht.
Pullach im Isartal. Hinter Mauer und Stacheldraht versteckt sich auf einer dreiviertel Million Quadratmetern die heimliche Firma Bundesnachrichtendienst (BND). Wer nur die Steine der Festung fotografieren will, wird sistiert.
Amerikas bedeutendster Geheimdienst CIA erlaubt sich eine großzügig beschilderte Zufahrt - Langley bei Washington. Der BND duckt sich. In Pullach residiert offiziell die "Bundesvermögensverwaltung, Abteilung Sondervermögen, Außenstelle München". Keiner soll wissen, was doch jeder weiß: Links und rechts der Heilmannstraße hat der deutsche Nachrichtendienst sein Hauptquartier.
Das frühere Camp des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß ist eine Welt mit eigenen Regeln. Der Betreiber des kleinen Lebensmittelladens ist beim BND angestellt, im beheizten Freibad ist Oben-ohne-Baden verboten. Ein BND-Merkblatt: "Naturgemäß unterliegen manche Dinge der Geheimhaltung, die anderswo offen dargelegt werden können."
Naturgemäß gehören in einem solchen Dienst Indianerspiele zu den schönsten Abenteuern. Der Agent mit dem Decknamen "Cannon", Beamter vom Referat 11 AD, beschreibt einen wichtigen Sondereinsatz: "6. Mai 1995, 7 Uhr 10. Abfahrt von Wohnort nach MUC 2." Kurz nach acht Uhr trifft er am Münchner Flughafen ein. In der Halle laufen ihm zwei Kollegen über den Weg. Die erkennen Cannon glücklicherweise nicht. Seine Mission bleibt geheim.
In Madrid soll Cannon geheimes Material abholen. Am dortigen Flughafen trifft er sich wie abgemacht mit seinem Kontaktmann. "Zielperson pünktlich um 13 Uhr erschienen", notiert er und steigt in einen Kleintransporter. "Schüttelfahrt. Der Beifahrer auf der Rückbank gab dem Fahrer ständig Hinweise auf Richtungsänderungen."
Dann Übergabe der "erwarteten Dokumente im Pkw", obwohl die beiden mangels Sprachkenntnissen sich nur unter "Einsatz ausgeprägter Gestik" verständigen können. Cannon überreicht im Gegenzug ein Geldcouvert. Um 21.30 Uhr ist Cannon wieder daheim.
Das mitgebrachte Material - eine Diskette und Dokumente über das heimliche Treiben verdächtiger Russen in Europa - erweist sich zwar rasch als nutzlos, aber das Ziel wird erreicht: Die Aktion bleibt geheim.
Die Chefs gurren vor Zufriedenheit. "Gelungener Einsatz", schreibt einer unter Cannons Report. "Guter Bericht", erkennt ein anderer.
Viel Aufwand und Kosten, der Ertrag nahe Null - ein Einsatz symptomatisch für den deutschen Auslandsgeheimdienst.
BND weltweit: In mehr als hundert Ländern spähen Geheime für Deutschland. Meistens in Botschaften getarnt, fast immer unter der Deck-Adresse "zweites Politikreferat". Rund tausend "Horchfunker" durchforsten täglich den Äther, zeichnen Telefonate, Funkgespräche, Telexverkehr und Telefaxe auf. Aussiedler und Asylanten werden systematisch abgehorcht. An jedem Grenzübergang sollen Grenzer für die Geheimen nach "Fundsachen von nachrichtendienstlichem Interesse" Ausschau halten, Pässe und Dokumente fotografieren.
Auf einer Weltkarte in Pullach sind die Ziele deutscher Spionage farbig markiert. Orange heißt: wichtig, wichtig. Bis heute sind alle Nachfolgestaaten der Sowjetunion so schattiert. Dann kommen Grün und Lila - der nordafrikanische Krisenbogen, Schwarzafrika. Der Auftrag des deutschen Dienstes ist die Erkundung der Welt.
6000 Mitarbeiter zählt der BND, jeder zweite ist Angestellter, jeder dritte Beamter, jeder zehnte Soldat. Allein zehn Leibwächter sorgen sich um den Präsidenten. Etwa 700 Millionen Mark kostet das Unternehmen per anno, die Personalkosten machen mittlerweile eine halbe Milliarde Mark aus. Zahlen sind geheim. Im offiziellen Etat ist nur ein Zuschuß für "Sachausgaben" ausgewiesen: 230691000 Mark. Der Rest wird traditionell in anderen Haushaltsposten versteckt.
Und wofür? Der Kalte Krieg ist beendet, und die alten Gewißheiten sind nicht mehr gewiß. Für neue Aufträge fehlt es dem Dienst an überzeugenden Konzepten. Es mangelt an Gespür für die Themen, auch an geeignetem Personal. "Vom Aufgabenwegfall betroffene Mitarbeiter", schrieb 1993 hellsichtig die Hausspitze, seien "in vielen Fällen weder qualifiziert, noch aus persönlichen Gründen bereit oder in der Lage, bestimmte Aufgaben zu übernehmen".
Starr hat der Dienst über Jahrzehnte nach Osten geschaut, nun ist der alte Feind weggebrochen, der Geheimdienst steckt in seiner bislang tiefsten Sinnkrise. "Die falschen Leute sitzen auf den falschen Posten", klagt ein Insider, "der Apparat ist wie gelähmt." Das mag der Grund sein, daß manche Stärke unerkannt bleibt.
Nach Amerikanern und Engländern ist der BND die Nummer drei in der elektronischen Aufklärung. Ob beim Telexverkehr arabischer Universitäten oder beim serbischen Militärfunk - der BND hört mit.
Sogenannte Wortbanken, die mit rund 25000 Kombinationen von Wörtern ("Hit-Words") gespeist sind, selektieren täglich Zehntausende interessanter Telexe und Telefonate. In der 20 Jahre laufenden Operation "Delikatesse" hört der BND mit Hilfe der Spanier einen der weltweit wichtigsten Telefonknotenpunkte zwischen Europa und dem Nahen Osten und Nordafrika ab. Drei Fünftel aller BND-Meldungen stammen aus der fernmelde-elektronischen Aufklärung.
Mathematiker knacken weltweit die schwierigsten Codes, hochmoderne Computer übersetzen automatisch abgefangene Telexe und Telefonate. Nach Englisch und Französisch hat Pullachs Rechner auch Spanisch gelernt. Neuerdings ist sogar Arabisch im Programm. Auswerter, die auf Informationen über den Handel mit Massenvernichtungswaffen spezialisiert sind, genießen weltweit einen guten Ruf. 128 einschlägige Berichte schickte der BND allein 1993 an das Bonner Wirtschaftsministerium.
Deutschlands Auslandsnachrichtendienst - mal Spitze, oft durchschnittlich, meist dilettantisch. Abgeschottet von der Realität, ohne Freunde, ohne Feinde, ein Dienst im Umbruch - nur weist niemand ihm die Richtung.
Es gilt "geheime Nachrichten" beizuschaffen, "Nachrichten über das Ergebnis der Willensbildung fremder Regierungen", bedeutsame Sachverhalte aus anderen "Machtbereichen und internationalen Organisationen". Und natürlich alles über das aufregende Innenleben anderer Geheimdienste, samt der dann wieder notwendigen Spionageabwehr - Räuber und Gendarm im Beamtenstatus.
Im "langfristigen Interessenprofil der Bundesregierung" sind unter dem Rubrum "sach- und überregionale Fragen" neue Aufgabengebiete aufgezählt: "Proliferation nuklearer, biologischer und chemischer Waffen, Trägertechnologie sowie Wege und Methoden des illegalen Technologietransfers. Internationaler Rauschgifthandel, illegaler Waffenhandel, Geldwäsche."
Wirtschaftsspionage, wie sie die USA, Frankreich und Japan ganz offen treiben, gehört angeblich nicht zu den BND-Aufgaben. "Die Amerikaner werden sich damit ins eigene Fleisch schneiden", sagt BND-Chef Konrad Porzner voraus.
Für die neuen Aufgaben fehlt es dem BND an qualifiziertem Nachwuchs, und die Einstandsgehälter sind niedrig. Nur zehn Prozent der Neugeworbenen wollen zum Dienst, der Rest sucht einen krisensicheren Job in der Verwaltung.
Die Firma bietet weder Glanz noch Anerkennung. Müde spielt die Dienst-Combo zum Sommerfest auf. Die jährliche Personalversammlung findet im Bierzelt statt, kein Raum in Pullach kann die vielen Geheimen fassen. Das "Sozialwerk der Liegenschaftsverwaltung Pullach" beschafft verbilligte Theaterkarten oder günstige Urlaubsreisen. Zur Brotzeit ist Alkohol erlaubt.
Doch der Dienst ist keine Idylle. Er beschäftigt sich vor allem mit sich selbst, er ist ein ideales Mistbeet für Gerüchte und Denunziationen aller Art. Von "Filzläusen und Natterngezücht" ist die Rede, von "Schleimscheißern und Arschkriechern".
Als größter Flop im Haus gilt der Präsident persönlich, und das hat sich auch bei den befreundeten Diensten herumgesprochen. Als Porzner im vorigen Sommer die amerikanischen Partner besuchen wollte, hatten die Chefs keine Zeit für ihn. Immerhin das hat Porzner verstanden. Er sagte die Reise ab.
Die Zivilen intrigieren gegen die Militärs, die Beschaffer gegen die Technik, alle gemeinsam gegen die vermeintlich unfähige Auswertung.
Präsident Porzner redet schon seit geraumer Zeit nicht mehr mit seinem amtierenden Stellvertreter Gerhard Güllich. Der versteht etwas vom Fach. Wenn der frühere Präsident Hans-Georg Wieck in Rage über den "voralpenländischen Kaffeetrinkerverein" geriet, knallten Untergebene die Hacken zusammen: "Anerkannt, Herr Präsident."
Für die vielen Angestellten leistet sich der BND ein eigenes Nahverkehrssystem. Bis herunter nach Bad Tölz pendeln die Busse, stoppen an eigenen Haltestellen und nehmen Fremde aus Prinzip nicht mit. Ein neuer Großbus für die "Linie Germering" hat 300000 Mark gekostet.
Die Oberen bevorzugen den diensteigenen Jet, eine zweistrahlige Mystere, die der BND auf dem Münchner Flughafen unterstellen darf. "Das Dienstflugzeug kostet jährlich rund vier Millionen Mark", hat Agent Jerik vom Referat 41 B (Organisationsreferat) herausgefunden.
"Das Vertrauensgremium des Haushaltsausschusses glaubt uns natürlich die Notwendigkeit eines Flugzeuges, weil es immer noch meint, wir würden damit Agenten über Moskau absetzen", schrieb Jerik an die diensteigene "Prüfstelle für das Vorschlagswesen" und unterbreitete die kühne Idee, man solle den Flieger abschaffen. Abgelehnt.
Woher soll der Nachwuchs kommen für diese Talmi-Welt voll falscher Freunde, falscher Bärte? In einem Merkblatt zur Einstellung von Nachwuchskräften steht die Wahrheit über die nötige "Wachsamkeit": "Die Einhaltung nachrichtendienstlicher Sicherheitsgrundsätze im In- und Ausland stellt an die Zuverlässigkeit und Verschwiegenheit aller Angehörigen des Nachrichtendienstes hohe Anforderungen."
Beim Eintritt in den BND wird fast jedem ein Deckname verpaßt. Wer in Freundes- oder auch Feindesland Operationen erledigt, bekommt einen Arbeitsnamen, "Cannon" beispielsweise.
Für die Namensfindung sorgt eine eigene Gruppe, ihr Handwerkszeug sind Telefonbücher aus dem Münchner Umland. Nur ein offener Protest gegen eine zugeteilte Legende ist überliefert: Ein Mitarbeiter sollte fortan "Brüstle" heißen.
In der Firma dürfen die Leute einander weder mit ihren richtigen Namen anreden noch überhaupt kennen. Bei Privateinladungen werden manchmal die Klingelknöpfe überklebt.
Eine "Legendenvermittlung" nimmt Anrufe von Leuten entgegen, die einen Schlapphut nur mit dem Klarnamen kennen. Die "Märchentanten" in der Vermittlungsstelle vergleichen die Klarnamen mit den Decknamen. Dann verbinden sie: "Ein Anruf auf Klarnamen für Sie."
Beim Verteilen von Decknamen war der Dienst immer Spitze: In den siebziger Jahren bekamen Hunderte Journalisten, meist ohne ihr Wissen, V-Nummern und Codenamen zugeteilt, auch wenn sie mit dem Dienst nie zu tun hatten.
Die Zeit-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff wurde zu "Dorothea", Stern-Chef Henri Nannen hieß "Nebel", der spätere Regierungssprecher Peter Boenisch "Bongert" - V-Nummer 56211. Und Verbindungsführer Elze hatte die schöne Idee, den ZDF-Rechtsaußen Gerhard Löwenthal (V-Nr. 56 241) mit dem Tarnnamen "Leoben" auszustatten.
Klar, daß bei solchem Mummenschanz noch heute Putzfrauen Deckkennzeichen an ihre Autos montieren müssen oder die Sicherheitsabteilung sich unbemerkt in Telefonate einschalten und sie aufzeichnen kann. Tüftler des Dienstes dampfen Botschaften sogar gelegentlich auf Kleidungsstücke - in solchen Dingen sind sie groß.
Weil sich ein Beamter der Abteilung 16 C ("Internationaler Terrorismus") nach einem Betriebsausflug von seiner Frau abholen ließ, wurde er streng gerügt - ein eklatanter "Sicherheitsverstoß". Denn der Gattin fehlte der Sicherheitscheck, sie hatte die Gesichter einiger anderer Kollegen gesehen.
Der Geheime wurde ins Referat "Offene Informationsgewinnung", "Elefantenkloster" genannt, versetzt - zum Ausschnibbeln von Zeitungsartikeln.
Der Verhaltenskodex für Geheime ist Hunderte Seiten stark und reicht von der "Sicherheit im Wohnbereich" bis zu den "Richtlinien für die Ausübung des Amateurfunks durch hauptberufliche Mitarbeiter". Über Geheimpapiere darf nicht in "Verkehrsmitteln, Gaststätten und Kantinen" geredet werden, und bei jeder Kopie gilt die "Vier-Augen-Regel": Xerographie nur zu zweit.
Das so vervielfältigte Material kommt dann in den Panzerschrank, das liebste Möbelstück der Geheimen - oder in den Spezialofen. Die Feuerungsanlage wurde eigens für schnellste Vernichtung von Unterlagen im Krisenfall konzipiert.
Sein Gehalt bezieht der Nachrichtendienstler - aus Tarngründen - von der "Bundesbesoldungsstelle Süd". Außerhalb der Zentrale verstecken sich Dutzende Außenstellen hinter phantasievollen Namen wie "Amt für Fernmeldestatistik", "Amt für See- und Schiffahrtswesen" oder "Bundesminister für Verkehr, Dokumentationsstelle".
Mancher in Pullach mißt der Fassade einen immer noch höheren Wert bei als der Wirklichkeit. Nach der Wende stellte sich heraus, daß in östlichen Dateien 6800 BND-Spione registriert waren: mit Klarnamen, Decknamen, Arbeitsnamen, Adressen, besonderen Kennzeichen. Den Bruderkrieg der Spione hat der BND verloren. Hunderte Agenten sind zu "Rotfällen" geworden, wie der Dienst enttarnte Geheime kategorisiert.
Den bevorstehenden Bau der Berliner Mauer haben die Pullacher ebenso verschlafen wie die Proklamation des Kriegsrechts in Polen. Noch 1988 schätzten sie die Zahl der hauptberuflichen Stasi-Mitarbeiter auf rund 30000 - da waren es schon 90000. Wirklich vertrauliche Daten über den kleinen deutschen Staat, die Schulden, die Wirtschaftslage, konnte der BND nicht liefern.
Dabei hat der BND in seinen besten Zeiten täglich bis zu 10000 Daten gesammelt - wie ein Wal, der Tonnen von Wasser in sich hineinschwappen läßt für ein paar Gramm Plankton.
Und wenn es Erfolge gab, hat niemand hingehört. Der BND meldete schon 1974, daß der DDR-Rechtsanwalt Wolfgang Vogel "sicher" dem Ministerium für Staatssicherheit angehöre. Selbst in der KGB-Zentrale hatte Pullach Agenten plaziert. Der Dienst sagte den Zerfall Jugoslawiens voraus und gab dem ersten Moskauer Putsch keine Chance.
Aber Unterlagen nach Bonn oder sonstwohin zu schicken, bringt nicht viel. "Weder mündlich weitergegebene Informationen noch schriftlich erfolgte Mitteilungen", klagt Ex-Präsident Wieck, werden in Bonn "der Substanz nach zur Kenntnis genommen: Es mangelt an Vertrauen."
Die Vorverachtung gegenüber dem BND hat eine lange Tradition: Der erste Kanzler der Republik, Konrad Adenauer, wollte den ersten BND-Präsidenten Reinhard Gehlen verhaften lassen, weil er ihn des Verrats verdächtigte.
Auch Bundeskanzler Helmut Kohl mag den BND nicht sonderlich: "Wenn ich jetzt was sage, dann lesen die das in Pullach. Und eine Woche später habe ich eine vertrauliche Nachricht, deren Kernpunkt meine Einschätzung ist." Kohl nimmt nie an den wöchentlichen Lagevorträgen des BND-Präsidenten teil.
Sammelt sich beim BND Sprengstoff - das war allen Kanzlern klar -, kann die Detonation in Bonn erfolgen. Denn der Dienst ist gefährlich nahe an den jeweiligen Regierungschef angebunden.
Zwei Geheimdienst-Koordinatoren sind in der Regierungszeit Kohl schon über Bord gegangen. Der dritte, Staatsminister Bernd Schmidbauer, ist in gefährlicher Schräglage, seit klar ist, daß der BND bei einer Schmuggel-Tour von 363 Gramm Plutonium nach Deutschland die agents provocateurs stellte.
Schmidbauer, der es gern hört, wenn ihn einer "008" nennt, verkörpert das Dilemma des Dienstes. Er sieht sich als Drehbuchschreiber, schätzt schwierige Operationen, hat ein Faible für Intrigen. Aber das Gefühl für Größenordnungen und Machbarkeiten, für die Unterscheidung von richtig und falsch, also für Politik, ist ihm außer Kontrolle geraten.
Einer wie Franz Josef Strauß, den die Geheimen mit "Franzel"-Rufen empfingen, hätte an einem wie Schmidbauer seine Freude gehabt. Strauß hatte sich selbst in Reihen der Kommunistischen Partei Österreichs einen geheimen Informanten aufgebaut. Den reichte er an den BND weiter, ließ sich aber vorher versichern, alle Quellenmeldungen mitlesen zu dürfen.
Das Durcheinander bei den deutschen Diensten hat auch der Koordinator nicht beseitigen können. Sie arbeiten nebeneinander und manchmal gegeneinander: das Amt für Nachrichtenwesen der Bundeswehr mit dem Militärischen Abschirmdienst, das Bundesamt für Verfassungsschutz und der BND.
Es gibt keine gemeinsame Lagebeurteilung mit dem Außenministerium, was den Regierenden nur recht ist. Bonn will seine Politik nicht auf Erkenntnisse gründen, die Pullach und andere herausgefunden haben wollen.
Statt dessen wird Pullach schon mal beauftragt, eine Autokarte Panamas zu beschaffen (was der Präsident als Zumutung ablehnte) oder dem Kanzleramt einen Hersteller für Apparate "zur Aufspürung vergifteter Speisen" zu nennen (was auch scheiterte).
Einige Regierungen versuchten, den BND stärker in die Polit-Society zu integrieren; so wurde in der Zeit der sozial-liberalen Koalition daran gedacht, die BND-Zentrale aus dem 600 Kilometer entfernten Pullach in die Nähe Bonns nach Euskirchen zu verlegen. Doch die Geheimdienstler wehrten sich - jeder dritte Agent ist ein waschechter Bajuware. Im Rheinland wäre der dumpfe Dialekt aufgefallen.
Auch der ehemalige BND-Chef Wieck hält den Standort Pullach für einen Fehler: Das "Verhältnis der classe politique zu den Geheimdiensten" sei "gestört". In Bonn wäre "wahrscheinlich ein Vertrauensverhältnis der politischen Klasse gegenüber dem Dienst entstanden".
Kurt Weiß alias Winterstein, Unionssympathisant und über Jahrzehnte graue Eminenz des Dienstes, urteilte ganz hart über die Regierung Kohl: "Es fehlt an Fürsorge für den Dienst, es fehlt an Steuerung, es fehlt an Führungsfähigkeit. Es gibt kein wirkliches Vertrauensverhältnis." Und der CSU-Abgeordnete Erich Riedl, einer der alten Dienst-Experten, hat in Pullach "eine total verunsicherte Mannschaft" ausgemacht: "Die wissen nicht einmal, ob sie offensiv oder defensiv spielen sollen."
Aber weiß das die deutsche Außenpolitik, die doch ähnlich schlingert?
Der BND zieht trotzig eine Schlußfolgerung. Er erlebt die Welt als Feindesland und wird nie richtig ernst genommen; ohne klaren Auftrag und gesellschaftliche Anerkennung dümpelt der Dienst dahin. Aber immerhin, es gibt ihn noch - schließlich haben alle einen.
* Bus bei der Einfahrt in ein Nebentor der BND-Zentrale in Pullach. * Der damalige russische Abwehrchef Sergej Stepaschin 1994 im Bundeskanzleramt in Bonn. * 1991 nach dem fehlgeschlagenen Militär-Putsch in Moskau.
Von Hans Leyendecker und Georg Mascolo

SPIEGEL SPECIAL 1/1996
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