01.04.1996

Die Zehe Gottes

Daß das sehr große, sehr schöne und ruhmreiche Land der Maghrebinier nicht verwechselt werden darf mit dem, was man heutzutage unter dem Maghreb versteht, ist noch nicht genug hervorgehoben worden. Maghreb heißt auf arabisch "Ort des Sonnenuntergangs". Während also der Maghreb, vom Nahen Osten her gesehen, das Gebiet im fernen Westen ist, in welchem Rechtgläubige leben, nämlich die Mittelmeerküste Afrikas mit Libyen, Tunesien, vor allem aber Algerien und Marokko, stellt unser fantastisches Maghrebinien ein Morgenland dar, in welchem das Abendland sich spiegelt.
Die Unterschiede im Charakter sind beträchtlich. Einer springt ins Auge: Von den Bürgern Maghrebiniens weiß man, daß die wertvollste ihrer Tugenden, die Gelassenheit der Seele, die schöne Eigenschaft der Toleranz verbürgt; daß somit jegliche Art und Form des Denkens, des Glaubens, der Sitten und Gebräuche, Riten und Gewohnheiten hingenommen wird mit der Duldsamkeit, die ein harmonisches Zusammenleben ethnisch, sprachlich, religiös und kulturell verschiedenartigster Völkerschaften ermöglicht und fürs Andersartige anstelle von Rassenhaß und Xenophobie im allerschlimmsten Fall ein Achselzucken übrig hat.
Dagegen hört man aus Ländern des Maghreb Haarsträubendes. Der Fanatismus moslemischer Fundamentalisten richtet Blutbäder an; der Haß gegen alles, was nicht so ist, wie man's haben möchte, scheut vor keiner Untat zurück. Trotzdem wird auch in jenen von aufgepeitschter Unduldsamkeit heimgesuchten Ländern selbst der wütendste Fanatiker sich nicht gegen jemanden wenden, der seine Speisen üppig mit Knoblauch würzt.
In dieser Hinsicht treffen sich Maghreb und Maghrebinien. Beide stehen damit im Gegensatz zur allgemein im Abendland üblichen Auffassung.
Das ist nicht nur aus kulinarischen Gründen bedauerlich, sondern auch in der Lebensphilosophie ein Widerspruch, der dem abendländischen Scharfsinn ein jämmerliches Zeugnis ausstellt. Denn einerseits wird kaum noch etwas anderes so wichtig genommen wie die Gesundheit. Man blättert bald keine Zeitschrift auf, ohne überfallen zu werden mit sanitären Regeln und Diätvorschlägen, die uns ein bisher nie erfahrenes körperliches Wohlbefinden verheißen; und dabei gehen fast alle diese goldenen Ratschläge in die Richtung "Zurück zur Natur" - eben dorthin, wo wir im Begriff sind, das Überleben unserer zoologischen Gattung und des Planeten zu verscherzen.
Aber bleiben wir auf kürzerer Distanz zum Unverstand. Es geht auch in den gesundheitsbeflissenen Wochenblättern nicht ab, ohne daß - unter anderen naturgegebenen Heilpflanzen - auch der Knoblauch erwähnt wird. In einem Inserat, das kaum jemals fehlt, empfiehlt ein verschrumpelter maghrebinischer Landsmann (ich glaube, er nennt sich Rogloff) den Konsum dieses Wundermittels - in Pillenform! Welche Entgleisung! Ist das noch Natur? Dabei haben wir in jeder Knoblauchknollenzehe eine der köstlichsten Gaben der Natur in Händen.
Und zwar eine Göttergabe. Nur natürlich ist's, daß dem Knoblauch übernatürliche Eigenschaften zugesprochen wurden. Man sah in ihm eine symbolische Verkernung des Kosmos. "Eine Rose Gottes", hieß es von ihm. Eine Rose in der Tat, weil Knoblauch keine eigentliche Knolle ist, sondern ein Gebilde aus zur Knospe geschlossenen Blättern. Die fleischigen Blätter enthalten nicht nur Nahrung, sondern wundersame Anregungs- und Heilkräfte.
Das Malheur ist, daß Knoblauch im natürlichen Zustand seine außerordentlichen Vorzüge mit einem Nachteil wettmacht: Wer ihn genießt, trifft seine Mitmenschen mit einer mächtigen Emanation von Naturgeruch. Mit einem Wort: Er stinkt. Er stinkt nicht nur aus dem Rachen, sondern auch aus allen Poren.
Aber was stinkt nicht alles heutzutage? Es stinken Auspuffrohre, Abgase, Abfalleimer, die Achselhöhlen von Mitmenschen auch ohne Knoblauchgenuß, Fabrikschlote, Desinfektionsmittel und weiß Gott was noch alles. Ich wünschte, in diesem allgemeinen chemischen Krieg würde der Gestank von Knoblauch Sieger bleiben.
Das ist leider nicht der Wunsch von Ästheten, die ihre Vision von jugendstilistischen Asphodelenwiesen in ihre Speisekarte übertragen haben; jedoch in diätischer Hinsicht ist Rilke kein verläßlicher Ratgeber. Ich baue da eher auf einen Kollegen namens Brian Brett, der sich in einer kanadischen Monatszeitschrift namens Brick (ein für gewöhnlich weniger mit mittelständischen Gesundheitsrücksichten als vielmehr mit Weltbelangen und damit zusammenhängender Literatur befaßtes Blatt) fachmännisch über den Knoblauch geäußert hat.
Brian Brett ist Knoblauchzüchter, und er weiß, wovon er spricht. Unter den gesundheitsförderlichen Eigenschaften des Knoblauchs zählt er auf: die Linderung arthritischer Schmerzen; die Regulierung von zu hohem und zu niedrigem Blutdruck; Hilfe bei Erkältung, Grippe, Heiserkeit, zuviel Cholesterin und Blutfett, Blutarmut, Zuckerkrankheit, Akne, Emphysemen, Augenbrennen, Magenbeschwerden, Verstopfung, verschiedenerlei Wucherungen, Reizungen und Entzündungen.
Kein marktschreierischer Quacksalber kann ein vielseitiger wirkungsvolles Wundermittel rühmen. Man sollte meinen, daß dafür in Kauf zu nehmen ist, wenn empfindsame Zeitgenossen sich angewidert mit der Bemerkung abwenden: "Knoblauchfresser! Welche Barbarei!"
Diese Barbarei ist tief verwurzelt in den Uranfängen unserer Zivilisation. Im Jahre 2530 vor Christi Geburt gab es ihretwegen den ersten Streik in der uns überlieferten Geschichte. Die Sklaven, die an der Erbauung der Cheopspyramide rackerten, legten kurzerhand die Arbeit nieder, als ihre tägliche Ration von Knoblauch ausfiel, und fingen mit dem Aufeinanderlegen tonnenschwerer Steinblöcke erst wieder an, als sie ihren Energiespender wiederkriegten.
Und früher schon tritt die Knolle des Allium satirum in der Menschheitsgeschichte auf. Es heißt, in der Kirgisensteppe sei Knoblauch schon vor 10000 Jahren angebaut worden. Bei Nomadenvölkern war das fast unbegrenzt haltbare und gewichtslose Gewächs ein leicht zu verstauender Proviant, Jäger und Herdentreiber führten ihn mit sich und brachten ihn südwestwärts.
Die Horden Dschingis-Khans hatten ihn im Schnappsack ebenso wie die Soldaten Alexanders des Großen. Er reiste mit Phöniziern und Wikingern, schließlich auch mit Marco Polo und wucherte in den hängenden Gärten der Semiramis in Babylon.
Und blieb dabei keineswegs anonym. Knoblauch wird überschwenglich lobend erwähnt in Sanskrit-Schriften, in Keilschrift auf Tontäfelchen, auf Seide während der chinesischen Han-Dynastie. Im Ägypten der Pharaonen kaufte man für 15 Pfund Knoblauch einen starken Sklaven.
Aber man kaufte und hortete die Knollen auch wegen ihrer mächtigen Kräfte. Daß Knoblauch Dämonen vertreibt, weiß man nicht erst seit Dracula. Seine Zauberkräfte bringen ihn seit jeher in Verbindung mit dem Teufel. Eine moslemische Legende behauptet, Knoblauch sei dort aus der Erde gesprossen, wo Satan bei der Vertreibung aus dem Paradies hingetreten war.
Alte Gelehrte wie Plinius, Solinus, Ptolomäus, Plutarch, Albertus und andere waren der Ansicht, Knoblauch könne dem Magnetstein die anziehende Kraft nehmen. Und neue Wissenschaftler stellen bei der Krebsforschung Versuche mit knoblauchgefütterten Mäusen an; oder glauben wie einige Russen, daß Knoblauch auf meßbare Weise Heilkräfte ausstrahle, die sogenannten Gurwitsch-Strahlen.
Sie haben Vorgänger. Die heilsame Wirkung wird nicht nur in chinesischen und hinduistischen Texten hervorgehoben, sondern auch in den Schriften des Dioskurides, des Hippokrates, Plinius des Älteren, Paracelsus und der Heiligen Hildegard. Es ist nicht aus der Luft gegriffen, wenn es heißt, Knoblauch sei der Lotos Maghrebiniens.
Aber, wie gesagt: Er stinkt. Leider. Im alten Griechenland kauten Wettläufer Knoblauch, um ihre Gegner im Abstand hinter sich zu halten - ein wahrhaft sportlicher Gedanke, weil die ja alles daran setzen würden, um zu überholen und voraus und aus dem Wind zu sein.
König Alfons XI. von Kastilien gründete einen Ritterorden, der gänzlich auf dem Haß gegen Knoblauchgestank beruhte. Er blühte nicht lange. Man kann zwar heute noch an Orten, wo greise Sternkreuzordensdamen verkehren, den schrillen Ausruf hören: "Knoblauch! Nein, wie gräßlich!" Aber das ficht den wahren Lebenskünstler nicht an. Er weiß, daß es genügt, an einem Sträußchen Petersilie zu kauen, um das Ärgernis zu beseitigen.
Der wahre Weltmann - das heißt: der Maghrebinier - kennt die goldene Regel: "Vorher sowohl wie nachher."
Vor allem aber: Knoblauch nur Natur. Herr Rogloff möge seine geruchlosen Pillen selber fressen. Knoblauch verhütet nicht nur Herzinfarkte, er stärkt das Herz derjenigen, die sich stolz zu ihm bekennen, und beschert ihnen Tafelfreuden, von denen Nasenpuritaner keine Ahnung haben.
Was gibt's Besseres zu einem Glas vollmundigem Rotwein als ein Stück Brot, in Öl getaucht, in welches reichlich frischer Knoblauch geschnitten ist? Was schmeckt köstlicher als ein mit nichts als Knoblauch vollgestopfter Kapaun? Eine wundervolle Suppe kocht man sozusagen aus dem Nichts mit den kleingehackten Zehen zweier Knoblauchknollen, einer feingeschnittenen Zwiebel, zwei Handvoll gewürfelter geschälter Tomaten, zwei Tassen Gemüsebrühe, Estragon und Basilikum.
Aber ich will erst gar nicht anfangen mit Rezepten. Es gibt Dutzende exzellenter Kochbücher.
Maghrebinien ist sehr groß und weit; das buntscheckige Volk der Maghrebinier lebt in der Gelassenheit der Seele, weil es jeden auf seine Weise stinken läßt. Jedoch: In jenem, der nach Knoblauch stinkt, erkennt der Maghrebinier den Bruder.
Von Gregor von Rezzori

SPIEGEL SPECIAL 4/1996
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