01.08.1996

DIE Hexenjäger(innen)

Weil Hexen brennen, muß es Hexen geben.
Kurt Baschwitz, Massenpsychologe
Mit dem Thema "sexueller Kindesmißbrauch" war ich zum erstenmal 1984 konfrontiert, als ich begann, journalistisch zu arbeiten. Das Buch von Barbara Kavemann und Ingrid Lohstöter, "Väter als Täter", war gerade erschienen und hatte allseits Entsetzen über das Ausmaß des "bisher totgeschwiegenen Verbrechens des sexuellen Kindesmißbrauchs" ausgelöst.
Auch ich war schockiert über die hohe Zahl der Mißbrauchsopfer, über die Kavemann und Lohstöter berichteten: 300 000 mißbrauchte Kinder im Jahr, hauptsächlich Mädchen. Das war jede dritte Minute eines. Ich schrieb Gerichtsreportagen für die Hamburger Morgenpost, interviewte Opfer, beschrieb Täter und kommentierte verharmlosende Urteile der Gerichte. Und ich setzte in einer von männlichen Kollegen beherrschten Redaktion durch, daß meinen "Fällen" mehr Platz eingeräumt wurde als normalerweise üblich.
Ungeprüft übernahm ich die Zahlen, die Kavemann und Lohstöter in ihrem Buch zum erstenmal veröffentlicht hatten, und stellte sie meinen Texten voran, um die "dramatische gesellschaftliche Dimension" der Thematik zu verdeutlichen.
Heute habe ich Zweifel am Ausmaß des sexuellen Kindesmißbrauchs, so wie es damals beziffert wurde. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Für mich gehört sexueller Mißbrauch an Kindern zu einem der schlimmsten Verbrechen überhaupt. Ich frage mich nur heute, welchem Zeitgeist ich aufgesessen war, daß ich mich so unreflektiert mit dem Thema beschäftigt hatte.
Zehn Jahre später, im Mai 1994, war ich wieder mit der Thematik konfrontiert. Für SPIEGEL TV sollte ich einen Film über den bisher größten Prozeß um "sexuellen Kindesmißbrauch" in der bundesdeutschen Rechtsgeschichte machen.
In Münster lief die Gerichtsverhandlung gegen Rainer Möllers, einen ehemaligen Erzieher in zwei "Montessori"-Kindergärten in den westfälischen Kleinstädten Coesfeld und Borken. Der 35jährige Rainer Möllers war angeklagt, über 50 seiner einstigen Schützlinge aufs perverseste mißbraucht zu haben - und zwar in Hunderten von Fällen, in einem Zeitraum von acht Jahren.
Die Masse der Vorwürfe, ihr sadomasochistisches, koprophiles Ausmaß und die lange Dauer machten mich stutzig, zumal sich die Anklage lediglich auf die Aussagen der Kinder stützte. Andere Beweise oder Indizien gab es nicht.
Es schien mir nicht vorstellbar, daß ein Erzieher in einem für jedermann jederzeit zugänglichen Kindergarten acht Jahre lang unbemerkt und permanent Vorschulkinder vergewaltigt, gequält und bedroht haben konnte, ohne Spuren zu hinterlassen. Ja, mehr noch: Rainer Möllers war bei seinen Kollegen, den Kindern und deren Eltern besonders beliebt gewesen.
Der Blick ins Archiv brachte noch mehr Irritation. Soviel Gleichklang unter meinen Kollegen hatte ich noch nicht erlebt. Es schien paradox: In einem Fall, der mehr Fragen aufwarf, als Antworten zu geben, und viele vernünftige Zweifel auslöste, schien für alle sicher zu sein, daß Rainer Möllers schuldig war. Die Vorverurteilung war flächendeckend und perfekt.
Besonders verwundert war ich allerdings über die Verleumdungskampagne der Emma. Nicht etwa, weil sie Möllers für den Täter hielt. Damit hatte ich gerechnet, weil es in der feministischen Natur der Sache liegt. Aber der Haß richtete sich weniger gegen den angeklagten Mann als gegen eine Frau: gegen Gisela Friedrichsen, die Gerichtsreporterin vom SPIEGEL. Sie sei "Mittäterin" des "echten Täters", hieß es, sie gebe sich "alle Mühe zur Verharmlosung der Sexualgewalt".
Gisela Friedrichsen hatte zusammen mit Gerhard Mauz für den SPIEGEL eine Gerichtsreportage über das Verfahren gegen Möllers geschrieben. Es war der einzige Artikel, in dem der ehemalige Erzieher nicht vorverurteilt worden war.
Friedrichsen und Mauz begründeten vielmehr detailliert, warum es sich beim Fall "Montessori" um eine wahnhafte Massenbeschuldigung handelte, die jeglicher realen Grundlage entbehrte. Sie zogen Parallelen zu den Fällen amerikanischer "Hexenjagden in Kindergärten", die jetzt, mit zehnjähriger Verzögerung, auch in Deutschland ausgebrochen wären.
Diese Analyse machte Sinn, erklärte mir die vielen Ungereimtheiten, die ich bis dahin nicht verstanden hatte. Sie öffnete mir den Blick für eine andere mögliche Sichtweise der Problematik: Wenn überhaupt nichts gewesen war, dann konnten auch keine Spuren hinterlassen worden sein. Ich las Artikel über die amerikanischen Massenbeschuldigungs-Verfahren und erfuhr, daß es möglich ist, Kinder so suggestiv zu befragen, daß sie alles erzählen, was man von ihnen hören will.
Ich fuhr nach Münster und beobachtete die Gerichtsverhandlung gegen Möllers. Die Atmosphäre war außergewöhnlich gespannt. Rainer Möllers war nicht ein Angeklagter, für den die Unschuldsvermutung galt und der Grundsatz "in dubio pro reo" - auf der Anklagebank saß einer, der seine Unschuld beweisen mußte.
Coesfeld und Borken sind zwei kleine Städte in der westfälischen Provinz. Die Gegend ist streng katholisch. Diejenigen, die hier ihre Kinder in Montessori-Kindergärten schicken, gehören zur akademischen Mittelschicht. Montessori-Eltern empfinden sich gemeinhin als fortschrittlicher und aufgeklärter als andere Eltern.
Es war der Sohn eines damaligen Vertreters der Grünen im Stadtrat von Coesfeld, der den ersten Verdacht ausgelöst hatte - eines Vaters, der in derselben politischen Tradition stand wie ich selbst. Nicht zuletzt deshalb begann ich, den Ursprung der Verdachtsentwicklung genauer zu betrachten.
Der Sohn dieses Grünen-Politikers also hatte am 7. November 1990 auf die Frage, was er bekomme, wenn er Fieber habe, geantwortet: "Rainer hat mir den Finger in den Po gesteckt." Diese Äußerung machte der Fünfjährige allerdings nicht von sich aus. Es war die Mitarbeiterin der örtlichen Beratungsstelle von "Zartbitter", eine Freundin der Familie, die ihm diese Frage gestellt hatte.
Für die Zartbitter-Frau war die Antwort des Kindes ein eindeutiger Hinweis auf sexuellen Mißbrauch durch den Erzieher Rainer Möllers, und so erklärte sie es auch der Mutter: "Entweder glaubst du dem Jungen, oder du glaubst ihm nicht. Dazwischen gibt es nichts."
Was genau aber sollte die Mutter ihrem Kind glauben? Daß ihm der Erzieher beim Fiebermessen den Finger in den Po gesteckt hatte? Oder die daraus resultierende Interpretation der Zartbitter-Frau, das Kind sei sexuell mißbraucht worden? Glaubte die Mutter dem, was das Kind gesagt hatte, dann hätte sie im Kinderhaus klären müssen, was vorgefallen war - ob das Kind wirklich Fieber gehabt hatte, ob Fieber gemessen worden war und was dem Kind dabei in den Po hätte gesteckt werden können. Ein solches Gespräch wäre gerade in einem Montessori-Kinderhaus naheliegend gewesen, wo ständig Gespräche und Auseinandersetzungen zwischen Erziehern und Eltern das offene Klima prägen. Ein solches Gespräch hat es nicht gegeben. Die Eltern glaubten der Interpretation der Zartbitter-Mitarbeiterin, ihrem Kind sei sexuelle Gewalt angetan worden. Aber anstatt jetzt erst recht etwas zu unternehmen, schickten die alarmierten Eltern den Jungen weiterhin in den Kindergarten. Und zwar vier Monate lang.
Je mehr ich von der Entstehungsgeschichte der Vorwürfe gegen Möllers erfuhr, desto mehr veränderte sich mein Blick auf die, die ich bis dahin für aufgeklärt, ja in dieser Hinsicht für meinesgleichen gehalten hatte. Je mehr ich erfuhr, desto weniger konnte ich nachvollziehen.
Anstatt ihr Kind vor dem vermeintlichen Schänder zu schützen, war es den Eltern wichtiger, gemeinsam mit den Zartbitter-Mitarbeiterinnen eine "Strategie" gegen Möllers zu entwickeln. Eine Strategie, weil die Zartbitter-Frauen davon ausgingen, "wenn ein Kind betroffen ist, dann müssen mehrere betroffen sein".
Folgte ich also dieser - für mich nicht zwingenden - Logik, dann hatten diejenigen, die das Schützen vor sexueller Gewalt zu ihrem höchsten Credo erklärten, die Vorschulkinder im Montessori-Kinderhaus über einen Zeitraum von vier Monaten bewußt dem Mißbrauch ausgesetzt.
Es kam zu einer Vielzahl von Gesprächen "unter dem Siegel der Verschwiegenheit". Der Verdacht wurde angereichert. Erst am 25. Februar 1991 fand ein "offizielles" Gespräch mit der Leiterin des Coesfelder Montessori-Kinderhauses statt. Rainer Möllers wurde immer noch nicht zu dem Vorwurf befragt. Erst zehn Tage später erfuhr er davon, an dem Tag, an dem er fristlos entlassen wurde.
Ich versuchte mir vorzustellen, welche Stimmung in diesen zehn Tagen im Kinderhaus geherrscht haben mußte. Die "eingeweihten" Erzieher begannen Rainer Möllers, den sie bis zu diesem Zeitpunkt sehr gemocht und für einen ausgesprochen fähigen Kollegen gehalten hatten, zu beobachten. Verhielt er sich in letzter Zeit nicht "irgendwie merkwürdig", so unkonzentriert, so als ob er "etwas zu verbergen" hätte?
Man begann zu interpretieren - rückwirkend. Hatte er sich nicht schon immer besonders intensiv mit den Kindern beschäftigt? Hatte er nicht Kinder, vor allem behinderte, manchmal auf seinen Schoß gesetzt und ihnen den Kopf gestreichelt? War es nicht jetzt, im nachhinein betrachtet, auffällig, daß er mit den Kindern öfters Waldspaziergänge gemacht oder sie mit in seinen Garten genommen hatte, um dort im Teich Kaulquappen zu fangen?
Immer stärker wurden Möllers Verhaltensweisen, die ihm noch wenige Tage zuvor hoch angerechnet worden waren, gegen ihn verwendet und zu eindeutigen Hinweisen darauf, daß er die Kinder mißbrauchte. Und so wurde in diesen zehn Tagen der "Finger in den Po Mißbrauch"-Verdacht zur Gewißheit.
Am 7. März 1991 war es dann soweit. Rainer Möllers wurde zu einem Treffen geladen, das man bei Zartbitter das "Konfrontations-Gespräch" nannte. Anwesend waren neben der Kindergarten-Leiterin und zwei anderen Erzieherinnen der Vater des Jungen, dem Möllers den Finger in den Po gesteckt haben sollte, jene Zartbitter-Frau, der er das erzählt hatte, und noch eine weitere Mitarbeiterin der Beratungsstelle. Möllers wurde nicht wie ein Verdächtiger behandelt, sondern wie ein Täter. Er wurde nicht gefragt, ob er dem Jungen den Finger in den Po gesteckt hatte, sondern man wollte von ihm wissen, was er dabei empfunden hatte.
Rainer Möllers versuchte zu erklären, daß er überhaupt nicht wisse, wovon die Rede sei, und fing an zu weinen. Die Zartbitter-Mitarbeiterin, die den Verdacht ausgelöst hatte, sagte später: "Es war wirklich so ein Gefühlsbad, das er da selbst inszeniert hat. Und ich glaube, wenn ich nicht meine Professionalität gehabt hätte, dann wäre es schwierig gewesen, auch dabei zu bleiben. Ich glaube, ich wäre auf jeden Fall ins Schwanken gekommen."
Ich fragte mich, wie sich ein Unschuldiger aus ihrer Sicht hätte verhalten müssen? Ich begriff, daß es für sie gar keinen Unschuldigen geben konnte. Die Möglichkeit, daß kein sexueller Mißbrauch stattgefunden hatte, ließ ihre "Professionalität" gar nicht zu.
Rainer Möllers wurde noch am selben Tag fristlos entlassen. Fünf Tage später veranstalteten die "Zartbitter-Expertinnen" eine Versammlung im Kinderhaus, auf der sie die Eltern darüber informierten, daß Möllers wegen sexuellen Mißbrauchs entlassen worden war. Und sie informierten die nunmehr verunsicherten Eltern darüber, was Hinweise auf sexuellen Mißbrauch sein könnten.
Eine Lawine brach los. Die Eltern begannen zu interpretieren - im nachhinein. Waren Schlafstörungen, Bettnässen, Einkoten, aggressives oder depressives Verhalten, ein wunder Po oder eine entzündete Scheide auf sexuellen Mißbrauch zurückzuführen? Alle Verhaltensweisen der Kinder wurden nun plötzlich nur noch im Hinblick auf sexuellen Mißbrauch bewertet.
Sie begannen, ihre Kinder zu befragen, ob der Rainer auch ihnen den Finger in den Po gesteckt hatte. Die Kinder wiederum fragten die Erzieher, ob "der Rainer nicht mehr in den Kindergarten kommt, weil er Kindern den Finger in den Po gesteckt hat". Die Erzieher trafen sich mit den Eltern, die Eltern tauschten untereinander die neuesten "Informationen" aus.
Die Eltern machten sich, angeleitet durch die "Professionellen" von Zartbitter, zu "Hilfspolizisten". Sie fertigten Protokolle an, schrieben Tagebücher, hielten die Gespräche mit ihren Kindern auf Tonband fest und interpretierten Zeichnungen. Die "Mißbrauchs"-Informationen wurden auch an den Montessori-Kindergarten ins benachbarte Borken weitergeleitet, wo Rainer Möllers gearbeitet hatte, bevor er nach Coesfeld empfohlen worden war. Inzwischen hatte man Strafanzeige bei der Polizei erstattet, diese wiederum Fragebögen zu den "Vorfällen" an alle Eltern verschickt. Professor Dr. Tilmann Fürniss, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Münster, reiste an, um den Eltern "professionelle" Hilfe zu geben.
Er empfahl die Fragestellung: "Was könnte der Rainer gemacht haben?" und begann später damit, Kinder und Eltern zu therapieren - mit einer von ihm selbst entwickelten Methode, die er Traumaarbeit nennt.
Dabei galt es, seitens des Therapeuten, für die Kinder eine "explizit sexuelle Sprache zur Benennung der Mißhandlungsfakten zu finden ... die Fakten der sexuellen Mißhandlung zu verbalisieren und damit die sexuelle Mißhandlung als Fakt zu etablieren und zu konstruieren" (Familiendynamik, Juli 1993). Aus einem "Finger in den Po"-Verdacht wurde ein "Himalaya-Gebirge" der perversesten Anschuldigungen, aus dem beliebten Erzieher Rainer Möllers ein "Sexmonster", das in seiner achtjährigen Tätigkeit nichts anderes getan haben sollte, als seine Schützlinge zu vergewaltigen, zu quälen und zu bedrohen.
Wie ein Flächenbrand breiteten sich die Vorwürfe aus. Auch andere Erzieherinnen und Erzieher, Zivildienstleistende und Reinigungskräfte, sogar die Taxifahrer, die die Kinder zum Kindergarten gefahren hatten, wurden schließlich beschuldigt. Von einer "Mafia-Organisation" war die Rede, die mit den Kindern Pornos gedreht und damit schwunghaften Handel getrieben haben sollte.
Es wurde von Fallgruben, unterirdischen Gängen mit Fledermäusen, Särgen und geschlachteten Frauen phantasiert. Der Turnhallenboden wurde aufgerissen, um nach den Gängen zu suchen. Rainer Möllers wurde inhaftiert, für insgesamt 26 Monate. Es wurde Anklage gegen ihn erhoben. Am 13. November 1992 wurde die Hauptverhandlung eröffnet.
Immer wieder fragte ich mich, wieso eine derartige Anklage erhoben und zugelassen worden war, ohne auch nur die Spur objektiver Beweise zu haben. Das einzige, was es gab, waren "Aussagen", die aufgrund suggestiver Befragungsmethoden die Projektionen ihrer "Vernehmer" wiedergegeben hatten. Klassische, rationale Polizeiarbeit, wie beispielsweise Spurensicherung, unterblieb weitestgehend.
Am meisten verwunderte mich allerdings die Tatsache, daß die Kinder nie körperlich untersucht worden waren. Weder die Eltern noch die Polizei und auch nicht die Staatsanwältin hatten diese zur Beweissicherung so wichtigen Untersuchungen veranlaßt. Und dies, obwohl die Kinder von permanenten analen und vaginalen Vergewaltigungen, aber auch von Spielzeugautos, Stöcken, Zahnbürsten, Seifen, Löffeln und vielem anderen mehr in ihren Scheiden und Aftern erzählt hatten.
Als ich am Ende meiner Recherchen für den Montessori-Film angekommen war, mußte ich feststellen, daß keiner der "Beschuldiger" bereit war, ein Interview vor der Kamera zu geben. Diejenigen, die monatelang nichts anderes getan hatten, als Rainer Möllers und andere öffentlich zu verdächtigen und zu beschuldigen, zogen sich nun hinter eine Mauer des Schweigens zurück.
Ich müßte garantieren, daß ich auf ihrer Seite stünde, und "daran glauben, daß der Mißbrauch stattgefunden hat", verlangte eine Mutter, sonst würde sie gar nichts sagen. Nicht rationale, kritische Auseinandersetzung erwartete sie von mir, sondern ein "Glaubensbekenntnis".
Welche Entwicklung, so fragte ich mich, hatte das Thema "sexueller Mißbrauch an Kindern" genommen, seit ich vor zehn Jahren meine Gerichtsreportagen über "Väter als Täter" geschrieben hatte?
Auf der Suche nach Antworten entdeckte ich einen Aufsatz von Ursula Enders, die 1987 Zartbitter mitbegründet hatte. Mittlerweile war sie der Meinung, daß "ein Vater, der ,nur' seine eigene Tochter mißbraucht", ein "exotischer Ausnahmefall" sei. 40 Opfer im Leben eines Täters, so behauptet Enders, seien "eher niedrig gegriffen". Ich begriff, daß für die selbsternannten "Mißbrauchs-ExpertInnen" mittlerweile jeder Mann ein Kinderschänder geworden ist.
Beweise für ihre Thesen haben sie nicht, wohl aber "Fälle" - zum Beispiel den des ehemaligen Erziehers Rainer Möllers aus dem Münsterland.
Die Hexenjagd hatte längst begonnen.
Von Tamara Duve

SPIEGEL SPECIAL 8/1996
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